(von Claude Auguste / Redaktion / Foto: 20th Century Fox / animated pic: Runwayml)
Vor ziemlich genau 20 Jahren saß ich im Kino, mit einer Kaskade von Erwartungen, die nichts mit Wein zu tun hatten. Ein Roadmovie? Zwei Männer? Napa Valley? Klang nach Sommer, Sonne, Rebe, gutes Leben oder? Klang auch eine Spur langweilig. Aber ich wollte den Film unbedingt sehen, weil in Sideways eine Flasche vorkam, die ich immer trinken wollte, damals nicht nicht getrunken hatte und erst 2011 trank: den Cheval Blanc 1961 – den Kult-Merlot aus dem Bordelais. Was ich bei Sideways dann vorgestzt bekam, war eine Existenz, die statt Sonne eher Staub aufwirbelt – und dabei erstaunlich viel über Wein erzählt.
Sideways ist ein amerikanischer Film von Alexander Payne aus dem Jahr 2004, erschienen in Europa im Februar 2005, mit Paul Giamatti als Miles Raymond und Thomas Haden Church als Jack auf einem Wochentrip durchs Santa Ynez Valley, Kalifornien. Was da aussieht wie eine charmante Weinreise, ist in Wahrheit ein Kaleidoskop aus Midlife-Angst, zerbrochenen Träumen und zwei Männern, die sich selbst nie ganz geglaubt haben, und selten an sich glaubten, ehe sie sich in den Weinbergen verloren.
Der Wein ist in Sideways mehr Staffage als Thema – aber eine geradezu perfektionierte. Miles ist ein Weinfreak, Verkoster, übergebildeter Degustator: Er möchte, dass jeder Schluck Sinn macht, jeder Wein eine Landkarte, ein Gedanke ist. Seine Eskapaden – das Sprechen über Struktur, Mineralität, Geschmack, seinen Hang zu Pinot Noir und seine auch mitunter verbalen Schläge gegen Merlot aus Kalifornien – sind ebenso komisch wie melancholisch.
„If anyone orders Merlot, I’m leaving. I am NOT drinking any f***ing Merlot.“ – dieser Satz kam vor, und ein Teil der Weinwelt nickte. Auch wenn er nur eine Szene lang fällt, wurde daraus der sogenannte Sideways-Effekt: Nach dem US-Kinostart sanken Merlot-Verkäufe leicht, während Pinot-Noir-Verkäufe sprunghaft anstiegen. In Sideways wurde auf US-Boden auch das Match zwischen Bordelais und Burgund mit verhandelt.
Das war kein wissenschaftlich-önologischer Machtakt, sondern ein kulturelles Echo: Pinot wurde zum Denkstern, Merlot zum Prügelknaben des cineastischen Lobgesangs. In Bars, Restaurants und Weinregalen spürte man plötzlich jenen Hauch von Toyboy-Snobismus, der in einem Roadmovie begann und zur kollektiven Weinempfehlung aufstieg.
Doch Sideways ist mehr als ein Weintrend-Katalysator. Der Film führt vor Augen, wie der Kult um Wein oft weniger mit Trauben oder Böden zu tun hat und mehr mit Projektion, Bedeutungskonstruktionen, Sehnsucht. Wein wird hier nicht verkostet, sondern belebt. Pinot Noir ist nicht nur Geschmack, er ist Standpunkt, Einstellung, Haltung – und Merlot wird zum Prügelknaben, weil Miles sich selbst nicht erträgt.
Und dann, im Kino-Finale, dieser Moment: Miles, in seiner Verzweiflung, trinkt seine einzige Kultflasche – den weltberühmten 1961er Château Cheval Blanc – aus einem Pappbecher in einem Diner. Kein dekadentes Glas, keine Kerzen, kein Publikum. Eine Kultikone, die aus dem Kontext gerissen wird – und einfach nur Wein ist.
Das ist der Kern: Wein als Ritual, Wein als Fixpunkt, Wein als konstruierter Ausweg. Nicht als Statussymbol. Nicht als Etikett. Sondern als Kontaktfläche zwischen dem, wer wir waren und dem, wer wir sein könnten.
Sideways ist ein Roadmovie über Männer, Wein und gescheiterte Existenzen. Ein Film über Wein, der gar nicht über Wein sein wollte. Und vielleicht genau deshalb ist er bis heute so präsent – samt Merlot-Bashing, Pinot-Heiligsprechung und der merkwürdig romantischen Idee, dass ein Film die Nachfrage einer ganzen Rebsorte beeinflussen kann.
Was dem Film damals fehlte – und was heute noch deutlicher hervortritt – ist die Abwesenheit von Frauen als leidenschaftliche Weinenthusiastinnen. Eine kuriose Ironie: Ein Film über Wein, der Weinliebhaberschaft als männliche Bastion darstellt. Das mag vor 20 Jahren sentimental gewirkt haben – heute wirkt es, nun ja, alternativlos altmodisch. Und genau darin liegt sein Charme ebenso wie seine Begrenzung.
Sideways ist kein Lehrfilm. Kein Weinratgeber. Kein Marketinginstrument. Es ist eine melancholische, komische, verschrobene Meditation über Sehnsucht und Scheitern – mit Wein als einer seiner schönsten Metaphern.
Und er zeigt auch, wie von gestern diese Betrachtung, dieser Film ist.

