(Gerhard Ziegler)
Erfolg macht manchmal bescheiden. Irakli Chkhaidze ist ein erfolgreicher Mann – und bescheiden, fast übertrieben zurückhaltend. Er spricht nicht wie jemand, der seine eigene Geschichte ausleuchten möchte, sondern wie einer, der lieber über Strukturen, Märkte, Geschmack und Bewegung spricht. Auch das passt zu 8000 Vintages, seiner Firma, die georgische Weine auch in Berlin ausstellt und verkauft: Die Marke muss sichtbar sein. Ein großes Fotoporträt von sich? Muss nicht sein.
Na gut: also zeigen wir hier lieber seinen Laden in Kreuzberg – und empfehlen, dort bei Gelegenheit persönlich vorbeizuschauen. Denn was in diesem Gespräch über georgischen Wein, Europa und die Verschiebung ganzer Märkte gesagt wird, bekommt in Berlin einen sehr konkreten Ort.
Iraklis Lebensweg führte nicht sofort zum Wein. Nach einer Karriere in der Pharmaindustrie und einem MBA in Italien – an der Bologna Business School im Bereich Food and Wine – nahm die verhängnisvoll erfreuliche Sache dann aber ihren Lauf. Das Projekt “8000 Vintages” erwies sich innerhalb kürzester Zeit als dermaßen erfolgreich, dass jene Investoren, die am Anfang noch zögerten oder nicht bereit waren, an Bord zu gehen, nicht mehr gebraucht wurden.
Schon in den ersten Minuten ist klar, dass Berlin für Irakli kein dekorativer Außenposten ist. Berlin ist Funktion, Werkzeug und politische Richtung in einem. Er sagt den entscheidenden Satz fast nebenbei, als spreche er einfach über Lieferlogistik. In Wahrheit steckt darin eine ganze Strategie.
„Unser europäischer Knotenpunkt ist jetzt Berlin.“
Und gleich danach folgt der zweite Satz, der noch schlichter klingt und gerade deshalb so viel verrät. Wer georgischen Wein nicht nur erzählen, sondern tatsächlich nach Europa hineinbewegen will, braucht einen realen Ankerpunkt. Berlin ist für 8000 Vintages genau das geworden: kein Schaufenster, sondern Schaltstelle. Von dort wird geliefert, von dort werden Bestellungen organisiert, von dort wird der Abstand zwischen Georgien und den europäischen Kundinnen und Kunden praktisch kleiner gemacht.
“Unsere EU-Kunden beliefern wir direkt aus Berlin.”
Diese Logistik ist nicht bloß eine kaufmännische Fußnote. Sie steht für eine Neuordnung. Georgischer Wein wird hier nicht mehr als exotische Ausnahme betrachtet, die nur im Urlaub oder über den Zufall zu einem findet. Er wird bestellbar, wiederholbar, kalkulierbar. Irakli spricht über Versandkosten, über Reichweite, über Bestellungen aus vielen Ländern, sogar aus Zypern. Das alles klingt technisch. Tatsächlich ist es eine Form der Ankunft.
Auch über die Größe von 8000 Vintages spricht er völlig unprätentiös. Vier Standorte in Tbilisi, einer in Batumi, einer in Berlin – und dahinter kein lauter Expansionssound, sondern eine sehr klare geografische Idee. Er formuliert diese Richtung in einem Satz, den man in diesem Gespräch ruhig als politischen Kernsatz lesen darf:
“Unser Weg führt im Moment vor allem nach Europa.”
Das ist mehr als die Aussage eines Händlers, der einen neuen Markt entdeckt. Es ist beinahe eine Standortbestimmung für den modernen georgischen Qualitätswein insgesamt. Europa ist in dieser Erzählung nicht Accessoire und auch nicht bloß Prestige. Europa ist der Raum, in dem sich entscheidet, welche Art von georgischem Wein künftig sichtbar wird: der authentische, lokal verankerte, trockene, charaktervolle – oder jener Stil, der jahrzehntelang für andere Geschmäcker produziert wurde.
Bevor Irakli über Export, Russland oder Europa spricht, beschreibt er, was georgischer Wein im Inneren des Landes bedeutet. Wein ist in Georgien kein Randphänomen und kein Luxusgut für kleine Zirkel. Er ist tief im Alltag verankert. Die vielseits belamentierte „Weinkrise“ der Europäer betrifft Georgien nicht.
“Georgier trinken sehr viel Wein. Sie lieben Wein.”
“Es gab sehr viel selbstgemachten Wein. Ich glaube, fast jede Familie hatte ihren eigenen Wein.”
Dieser Hauswein ist nicht nur Getränk, sondern Kulturtechnik, Familienpraxis und eine Art Verlängerung des häuslichen Lebens. Die Menschen hier haben Gärten, dort wachsen Reben, und sie haben vielleicht auchQvevris, also die im Boden eingelassenen Tonamphoren. Das macht den Wein hier so selbstverständlich, wie man anderswo Oliven einlegt oder Tomaten einkocht. Gerade deshalb ist der nächste Punkt, den Irakli anspricht, so wichtig: Der Binnenmarkt verändert sich. Denn die neue Generation hat andere Rhythmen, andere Berufe, andere Zeitbudgets.
“Die neue Generation macht keinen Hauswein mehr. Für sie ist Flaschenwein einfach viel bequemer.”
Aus der hauswirtschaftlichen Selbstverständlichkeit wurde nach und nach ein professioneller Flaschenmarkt. Familien, die jahrzehntelang für sich selbst oder den engsten Kreis produzierten, sehen plötzlich, dass es einen Markt für genau diese Weine gibt.
“Als wir 2016 angefangen haben, gab es etwa 50 Weingüter.”
“Heute arbeiten wir mit mehr als 500 Weingütern zusammen. Und etwa 85 Prozent davon sind kleine Familienweingüter.”
Wir sehen, dass die Professionalisierung des georgischen Weinbaus nicht zuerst über große, industrielle Einheiten läuft, sondern über kleine Familienbetriebe. Das hat auch eine politische Dimension. Denn aus Hausweinproduzenten werden Unternehmerinnen und Unternehmer. Familienbetriebe treten aus der informellen Sphäre heraus und beginnen, sich als Marktteilnehmer zu begreifen. Nicht alle werden bleiben, das sagt Irakli ebenfalls deutlich. Aber viele schaffen den Sprung – und einige dieser kleinen Betriebe sind inzwischen unter den Bestseller-Weingütern von 8000 Vintages.
Bemerkenswert ist dabei auch, dass er die Einstiegshürden in Georgien, verglichen mit Mitteleuropa, als relativ moderat schildert. Bürokratie gibt es, natürlich. Aber sie scheint, jedenfalls nach seiner Darstellung, nicht jene massive Bremskraft zu entfalten, die man aus klassischen Weinbauländern mit dichtem Regulierungsnetz kennt.
“Es gibt natürlich Bürokratie – aber es ist kein großes Hindernis, ein Unternehmen zu gründen und Wein zu machen.”
Gerade aus österreichischer oder deutscher Perspektive ist das bemerkenswert. Dort ist der Weinbau rechtlich und administrativ eng gefasst – historisch verständlich, ökonomisch oft sinnvoll, aber für kleine neue Projekte auch einschüchternd. In Georgien scheint der Raum für neue Labels, neue Flaschen, neue Versuche und neue Marktauftritte größer zu sein. Zugleich weiß Irakli natürlich, dass diese Offenheit nicht außerhalb der Zeit steht. Wenn Georgien sich weiter in Richtung Europa bewegt, dann kommen auch europäische Regeln näher. Er formuliert das fast ironisch und zugleich präzise:
“Wenn sich Georgien in Richtung Europa bewegt, dann bekommt man auch ein Geschenk – und dieses Geschenk sind die europäischen Regeln.”
Darin steckt kein Lamento, eher ein nüchterner Realismus. Europa ist Markt, Hoffnung, Qualitätsraum – aber eben auch Regelraum. Und genau an dieser Stelle kippt das Gespräch von der reinen Branchenbeobachtung in eine größere politische Lesart. Denn wenn Europa der Zielraum ist, stellt sich zwangsläufig die Frage, was dann aus Russland wird – jenem Markt, der über Jahrzehnte für viele georgische Produzenten der naheliegende, manchmal fast selbstverständliche Referenzpunkt war. Auf diese Frage antwortet Irakli erstaunlich offen. Er beschreibt zunächst, dass Russland im eigenen Land stärker auf billige, funktionale Weine setze, also auf Produkte, die eher Massenkonsum als Herkunft oder Tiefe bedienen. Die interessanten kleinen Familienbetriebe aus Georgien, sagt er, haben Russland nicht mehr am Radar.
“Diese kleinen Familienweingüter verkaufen ihre Weine nicht nach Russland.”
Das ist deshalb so wichtig, weil es die oft verkürzte Vorstellung korrigiert, der russische Markt sei für georgischen Wein automatisch der natürliche Markt. Für einen Teil des historischen Exportgeschäfts mag das lange gegolten haben. Für den heutigen, selbstbewussten Qualitätswein gilt es nach Iraklis Darstellung gerade nicht. Mehr noch: Er benennt ausdrücklich, dass es in der Sowjetzeit und darüber hinaus Weine gab, die für diesen Markt gemacht wurden, aber nicht für den georgischen Alltag standen.
“Während der Sowjetunion haben wir Weine für den russischen Markt produziert. Weine, die wir selbst gar nicht trinken – halbsüße Weine.”
“ Die keltert heute kaum jemand mehr..”
Natürlich gäbe es noch halbsüße Weine, aber das, was lange als Russland-kompatibler Exportstil mitlief, bildet nicht das Zentrum der georgischen Trinkkultur ab. Wenn man ernsthaft über die Zukunft des Landes als Weinland spricht, dann muss man sich an dem orientieren, was Georgierinnen und Georgier tatsächlich trinken – nicht an dem, was einmal unter imperialen oder postsowjetischen Marktlogiken verlangt wurde.
Europa kommt in dieser Argumentation nicht als politische Romantik vor, sondern als sensorisch und kulturell besser passender Raum. Irakli betont, dass europäische und amerikanische Konsumentinnen und Konsumenten nach Originalität suchen: nach Hautkontakt, nach Amber Wine, nach Qvevri, nach Saperavi, also nach dem, was spezifisch georgisch ist. Und genau deshalb formuliert er den vielleicht klarsten Satz des gesamten Interviews:
“Der richtige Markt für georgischen Wein ist Europa.” Wenn man nach Europa exportieren will, sollte man einfach das machen, was die Georgier selbst trinken.”
Das ist bemerkenswert, weil es eine Absage an die alte Reflexbewegung enthält, für den Export die eigene Identität weichzuzeichnen. Nicht weniger Georgien soll ins Glas, sondern mehr. Nicht gefälliger, sondern präziser. Nicht internationalisiert im langweiligen Sinn, sondern lesbar im besten Sinn. Wenn man Irakli zuhört, merkt man überhaupt, wie stark bestimmte Begriffe mittlerweile selbst außerhalb Georgiens zu Markern geworden sind. Früher sagte man im Westen vielleicht „orange wine“ und meinte damit eine grobe Richtung. Inzwischen, so erzählt er, lernen die Gäste in Berlin bereits andere Worte.
“Das erste Wort ist: Kvevri.”
“Wenn die Leute heute kommen, sagen sie nicht mehr ‚Amber Wine‘. Sie sagen: Kvevri-Wein.”
“Das zweite Wort ist Saperavi.”
Interessant ist auch, wie Irakli über Natural Wine spricht. Er idealisiert das Thema nicht, obwohl Georgien von außen oft genau über diese Schiene wahrgenommen wird. Stattdessen beschreibt er natural winemaking als Möglichkeit und Risiko zugleich.
“Was bedeutet Natural Winemaking? Keine Filtration, keine zugesetzten Hefen, keine Konservierungsstoffe. Aber wenn ein Winzer das wirklich beherrscht, dann sind diese Weine großartig.”
Auch bei dieser Frage herrscht Nüchternheit: Georgien wird hier nicht mehr als mythisches Land verkauft, in dem automatisch jede Amphore Wahrheit produziert. Qualität bleibt Arbeit. Natural Wine ist nicht deshalb gut, weil er minimalinvasiv ist, sondern nur dann, wenn die handwerkliche Kompetenz hoch genug ist, um Stabilität, Präzision und Ausdruck zusammenzubringen. Dass Georgien dafür besonders gute Voraussetzungen hat, bestreitet Irakli nicht – aber er romantisiert es eben auch nicht.
Zum Bild des modernen georgischen Weinlandes gehört für ihn schließlich auch der Weintourismus. Kleine Familienweingüter, die wirtschaftlich allein vom Flaschenverkauf vielleicht noch nicht leben können, öffnen ihre Häuser, kochen, schenken ein, organisieren Ernteerlebnisse, zeigen den Gästen Reben, Keller und Küche. Dieser Agrotourismus sei hochdynamisch, laufend starten neue Projekte, bestehende Locations würden redesigned. Wer einen Trip macht, sollte sich mehr oder weniger tagesaktuell im Web auf die Suche nach neuen Locations machen.
Am Ende wird das Gespräch noch persönlicher. Da erzählt er, fast ebenso beiläufig wie zuvor über Versandkosten, wie sein eigener Weg in dieses Feld begonnen hat.

