(Redaktion Wirtschaft, Reuters, Pic: ©Rainer Schönfeld)
In China leert sich das Glas schneller als irgendwo sonst auf der Welt. Dort, wo vor zehn Jahren noch Bordeaux in Strömen floss und sogar Napa Cabernets des Erzfeindes USA zu Statussymbolen aufstiegen, stehen heute ganze Weinregale unberührt. Der Weinkonsum in China hat sich seit seinem Höhepunkt vor ca 8 Jahren mehr als halbiert, Importe sind eingebrochen, die heimische Produktion liegt am Boden. Was einst als Triumphzug ins und im „Reich der Mitte“ gefeiert wurde, ist zur Wüste geworden. Die viel beschworene Zukunft des Weins in China hat sich in eine der größten Branchenillusionen der letzten Jahrzehnte verwandelt.
Wer verstehen will, warum das so ist, muss nur einen Blick auf das heutige China werfen. Das Land steckt in einer tiefen Krise, die sich nicht allein in Prozentpunkten des Wirtschaftswachstums messen lässt. Es ist die Generation der jungen Menschen, die den Ernst der Lage spürt. Arbeitslosigkeit in zweistelligen Höhen, selbst für Hochschulabsolventen. Perspektivlosigkeit, die wie ein bleierner Vorhang über einer Gesellschaft liegt, die jahrzehntelang auf Aufstieg programmiert war. In diesem Klima wirkt Wein, Weingenuss und Weinkultur wie eine Fremdsprache: ein Luxus, der nicht mehr zur Realität passt.
Die Mittelschicht, die sich eben erst konstituiert hatte, ist ins Straucheln geraten. Die Immobilienkrise hat ihre Basis untergraben, die finanziellen Nöte wachsen. Das, was Wein für viele bedeutete – Zugehörigkeit, Prestige, eine Einladung zum globalen Spiel der Zeichen – ist plötzlich obsolet. Auch die Politik trägt ihren Teil dazu bei. Mit dem Kampf gegen Korruption und überzogene Repräsentation wurde das Schaulaufen mit teuren Flaschen gezielt diskreditiert. Was übrig bleibt, sind Märkte mit Überkapazitäten und Weinfirmen, die auf Millioneninvestitionen sitzen und keine Abnehmer für ihre Produkte mehr finden.
Besonders deutlich wird hier, dass der Wein in China nie den Sprung zum Alltagsgetränk geschafft hat. Er blieb Insignie, niemals Gewohnheit. Anders als Bier oder Baijiu war er nicht im kollektiven Gedächtnis verankert, sondern hing wie ein schillernder Fremdkörper im Raum. Genau deshalb bricht er jetzt so radikal ein. Es gibt keine Tradition, die ihn trägt, keine Kultur, die ihn auffängt, wenn Luxus in Frage steht. Ein Artikel über den chinesischen On-Trade-Markt berichtet, dass Gäste in Restaurants kaum noch die Weinkarten nutzen und stattdessen lieber „buy outside and drink inside“ praktizieren – also Flaschen im Handel kaufen, um sie zu Hause zu trinken, statt in Weinbars oder Restaurants. Das spricht für einen Rückgang des Konsums in den klassischen Ausgehorten, für stagnierende oder wegbrechende Umsätze in genau jenen Locations, die den Wein einst sichtbar machten. Auch ein Bericht von Reuters kommt zu dem Schluss, dass sich der Markt stark verkleinert hat: Das Konsumenteninteresse sinkt, Importeure und Produzenten klagen über die wegbröckelnde Nachfrage.
Die Weinkrise in China ist so nicht nur eine Branchennachricht, sie ist ein Symbol für den Bruch im großen Wohlstandsversprechen. Jahrzehntelang lebte das Land von der Gewissheit, dass Wachstum automatisch mehr Konsum, mehr Status, mehr Teilhabe bedeutet. Der Wein war das perfekte Symbol dieser Erzählung: importiert, teuer, mit Aura. Dass er jetzt in den Kellern verstaubt, zeigt, wie brüchig dieses Narrativ geworden ist.
Im Westen diskutiert man über Konsumzurückhaltung, über Gesundheitstrends. In China aber spricht man von einem Kollaps. Und dieser Kollaps erzählt davon, dass Wohlstand nicht einfach unendlich fortgeschrieben werden kann. Der Wein, der einst als Einlasskarte zur globalen Lebensart galt, ist zum Symbol einer Desillusionierung geworden. Wenn er verschwindet, verschwindet auch das Vertrauen in den großen Traum vom permanenten Aufstieg.

