(Manfred Klimek / animated pic: Runwayml)
Am 23. Februar, vor drei Tagen, wurde über das Vermögen der Domaines Kilger GmbH & Co KG am Landesgericht Graz das Konkursverfahren eröffnet. Die nüchternen Zahlen sind drastisch: Für 2024 wird ein Verlust von 26,67 Millionen Euro ausgewiesen, die Verbindlichkeiten liegen bei über 80 Millionen, das Eigenkapital ist deutlich negativ. Eine Expansion, die als Aufbruch gefeiert wurde, endet vorerst im Insolvenzakt.
Hans Kilger kam einst als bayerischer Unternehmer in die Südsteiermark und trat auf wie ein Möglichmacher. Und wurde einer. Er kaufte, was andere aufgegeben hatten oder nicht mehr stemmen konnten: Traditionsbetriebe, Wirtshäuser, Weinhändler, Weingüter. Er investierte in Hotels, in Genussprojekte, in Ländereien. Mit Uwe Schiefer holte er einen der eigenständigsten Winzer des Burgenlands in eine, in seine neue Struktur. In der Weststeiermark entstand Domaines Kilger, später kamen Kooperationen und Zukäufe hinzu. Das Narrativ war klar: Hier baut einer ein Genuss-Imperium, das Wein, Kulinarik, Landwirtschaft und Tourismus unter einem Dach vereint.
Man kann im Rückblick vieles daran kritisieren. Die Einkaufstour wirkte immer ambitionierter, irgendwann auch überdehnt. Neue Projekte schienen alte Löcher zu stopfen. Die Organisation wuchs schneller als die Substanz. Es war absehbar, dass diese Konstruktion nur funktioniert, solange Kapital in ausreichender Menge nachfließt.
Und doch greift es zu kurz, Kilger allein als gescheiterten Größenphantasten zu zeichnen.
Er war – bei aller Euphorie, bei aller Selbstüberschätzung – einer der letzten großen privaten Investoren, die in Österreich nennenswert in den Weinbau investierten. In einer Zeit, in der Banken vorsichtig sind, öffentliche Förderungen nicht alles abfedern und viele Familienbetriebe an der Nachfolgefrage knabbern, kam hier jemand mit Geld, Mut und Tempo.
Die Region hat ihn nicht gebremst. Sie hat ihn umgarnt.
Das Muster ist nicht neu: Wenn der Onkel aus dem Ausland seine Millionen in der Provinz ausgeben will, ist er willkommen. Man freut sich über frische Mittel, über Renovierungen, über neue Küchen, über internationale Aufmerksamkeit. Man lobt den Schwung, die Innovationskraft, die Vision. Und wenn sich später zeigt, dass ein egostarker Entrepreneur seine Möglichkeiten überschätzt hat, wechselt die Tonlage abrupt. Plötzlich war alles absehbar. Plötzlich will niemand mehr Teil des Projekts gewesen sein. Dann ist vom „Investor“ die Rede, der es nicht verstanden habe.
Doch das kritiklose Mitlaufen ist keine Nebenrolle. Es ist Mitverantwortung.
Wer einem expansiven Modell Beifall klatscht, solange es investiert und Arbeitsplätze schafft, darf sich nicht wundern, wenn er auch die Risiken mitträgt. Die steirische und burgenländische Genussbranche hat von Kilgers Kapital ordentlich profitiert. Von modernisierten Betrieben, von Marketingdruck, von einer Professionalisierung, die in manchen Häusern ohne ihn nicht möglich gewesen wäre. Dass dieses Wachstum nicht nachhaltig strukturiert war, ist ein Managementproblem. Dass man es lange nicht hinterfragt hat, ist ein regionales.
Der Konkurs der Domaines Kilger ist deshalb mehr als das Scheitern eines Einzelnen. Er ist ein Spiegel für eine Branche, die Investoren einerseits dringend braucht – und sie andererseits moralisch entsorgt, sobald es eng wird.
Die Wahrheit ist unbequemer: Ohne Menschen wie Kilger wird es auf absehbare Zeit kaum neue große Engagements im österreichischen Wein geben. Die Stimmung ist verhalten, die Renditen unsicher, die Regulierung hoch. Wer heute in Weinberge, Hotels und Genussprojekte investiert, braucht langen Atem – und viel Idealismus.
Kilger hatte beides. Vielleicht zu viel davon.
Am Ende bleibt ein ambivalentes Bild. Ein Unternehmer, der zu groß dachte und zu schnell wuchs. Eine Region, die gerne mitlief. Und eine Branche, die nun feststellen muss, dass einer der letzten großen Investoren vom Tisch ist.
Das sollte nicht in Häme enden. Sondern in Selbstprüfung.

