(Redaktion)
Seit Jahren wird der Januar zum moralischen Hochamt der Abstinenz erklärt. Mit Schlagzeilen, die so eindeutig klingen, dass sie jede Nachfrage im Keim ersticken sollen: Alkohol ist Gift. Jeder Tropfen schadet. Punkt. Was dabei systematisch verschwindet, ist nicht der Zweifel – sondern die Evidenz. Oder genauer: jene Evidenz, die nicht ins pädagogische Narrativ passt.
Der nun erschienene Text der New York Times vom 16. Dezember 2025 bringt diese verdrängte Komplexität mit bemerkenswerter Klarheit zurück in die Debatte. Und er tut etwas, das im Umfeld des Dry January bislang fast schon als Sakrileg gilt: Er zeigt, dass die wissenschaftliche Lage nicht geschlossen, nicht eindeutig und schon gar nicht so moralisch sauber ist, wie es uns Erziehungsmedien seit Jahren suggerieren.
Ausgangspunkt ist eine neue Übersichtsarbeit der American Heart Association, die, noch nicht vom Gesundheits-Kennedy gecancelt oder unterwandert – und gegen den Zeitgeist – festhält, dass leichter Alkoholkonsum, definiert als ein bis zwei Drinks pro Tag, kein erhöhtes Risiko für koronare Herzkrankheiten, Schlaganfall oder plötzlichen Herztod zeigt – und unter Umständen sogar mit einem geringeren Risiko verbunden sein könnte. Wörtlich heißt es, leichter Konsum habe „posed no risk for coronary disease, stroke, sudden death and possibly heart failure, and may even reduce the risk“ (NYT, 16.12.2025).
Allein diese Feststellung reicht aus, um Alarmketten auszulösen. Denn sie widerspricht der in den letzten Jahren aggressiv durchgesetzten These vom „no safe level“. Und genau hier beginnt das eigentliche Problem: Nicht die Wissenschaft ist eindeutig, sondern die Auswahl dessen, was öffentlich erzählt wird.
Der NYT-Text rekonstruiert sauber, warum die berühmte J-Kurve – die seit den 1920er-Jahren beschreibt, dass leichte Trinker statistisch geringere Sterblichkeit aufweisen als Abstinenzler und starke Trinker – in Misskredit geraten ist. Kritiker haben zu Recht darauf hingewiesen, dass viele sogenannte Abstinenzler ehemalige Kranke oder Ex-Alkoholiker waren. Dass moderate Trinker oft höhere Bildung, bessere medizinische Versorgung und insgesamt stabilere Lebensumstände haben. Alles valide Einwände.
Doch ebenso valide ist der nächste Befund, den die Erziehungsrhetorik gern unterschlägt: Auch neuere Methoden wie die Mendelsche Randomisierung konnten bislang nicht belegen, dass moderate Trinker ein höheres Herz- oder Sterberisiko hätten. Im Gegenteil: In diesen Studien waren Menschen, die genetisch bedingt wenig Alkohol vertragen und daher kaum trinken, nicht gesünder als leichte Konsumenten. Ein Befund, der – so die NYT – „the hypothesis that light drinking is beneficial“ zumindest nicht widerlegt.
Und genau hier wird es politisch. Denn an diesem Punkt entscheidet sich, ob man Wissenschaft erklärt – oder erziehen will.
Die New York Times benennt offen, was viele Medien verschweigen: dass große Teile der Alkohol-Berichterstattung nicht mehr auf Erkenntnis zielen, sondern auf Verhaltenslenkung. „If you don’t drink, don’t start“, sagt die medizinische Leiterin der AHA – ein Satz, der vernünftig klingt, aber zugleich die Debatte einfriert. Denn zwischen nicht anfangen und moralisch ächten liegt ein Unterschied. Und dieser Unterschied wird im Dry January seit Jahren systematisch eingeebnet.
Besonders entlarvend ist der Vorwurf, den Kritiker der AHA-Studie selbst erheben – und den die NYT nicht verschweigt: dass einzelne Autoren Nähe zur Alkoholindustrie hatten. Das ist relevant. Aber es wird selektiv relevant gemacht. Denn dieselbe Strenge wird selten angewandt, wenn Studien aus abstinenzpolitischen Netzwerken stammen, deren Agenda ebenso eindeutig ist. Transparenz ist keine Einbahnstraße.
Was hier sichtbar wird, ist kein Kampf um Gesundheit, sondern um Deutungshoheit. Nicht Risikoaufklärung gegen Genuss – sondern Kontrolle gegen Ambivalenz. Der Dry January funktioniert nur, solange er behaupten kann, es gebe nichts zu diskutieren. Die NYT zerstört diese Behauptung nicht polemisch, sondern journalistisch. Indem sie zeigt, dass selbst führende Mediziner einräumen müssen: Die Datenlage ist widersprüchlich. Die Effekte sind klein. Die Zusammenhänge komplex. Und viele Aussagen beruhen auf Beobachtungsstudien, die, wie Stanford-Professor John Ioannidis sagt: „pretty weak by definition“ sind.
Dass genau solche Texte im Januar bislang kaum zitiert, geschweige denn diskutiert wurden, ist kein Zufall. Sie stören die klare Botschaft. Sie verlangen Denken statt Gehorsam. Und sie erinnern daran, dass Genuss, Maß und Verantwortung nicht dasselbe sind wie Abstinenz auf Kommando.
Vielleicht ändert sich das 2026. Vielleicht nicht. Aber mit diesem Text hat die New York Times etwas geliefert, das im Diskurs dringend fehlt: eine Einladung zur Unbequemlichkeit. Und die Erkenntnis, dass moralische Noten kein Ersatz für wissenschaftliche Ehrlichkeit sind.
Wineparty wird das im kommenden Dry January nicht vergessen. Und wir werden sehr genau beobachten, wer diese Studie zitiert – und wer wieder so tut, als gäbe es sie nicht.

