(Manfred Klimek / animated pic: Runwayml)
Warum legt eigentlich niemand Markus Schneides Weine in den Keller? Und wartet. Ich war bei einer seltenen Verkostung gereifter Schneider-Weine im privaten Rahmen mit bei.
Die Frage nach der Lagerfähigkeit populärer Schneider-Weine stellte sich, als eine Handvoll Flaschen geöffnet wurden, die dort – beinahe aus Versehen – seit Jahren im Keller lagen. Keine Prestige-Cuvées. Keine ikonischen Lagenweine. Sondern genau jene Flaschen, die man kauft, aufzieht, trinkt, nachbestellt. Weine für Freitagabend, Grill, Pasta, Freundeskreis. Weine, die ausdrücklich nicht dafür gemacht wurden, Jahrzehnte zu überstehen.
Und vermutlich wäre Markus Schneider der Letzte, der wollte, dass man sie hortet. Sein Erfolg beruhte ja gerade darauf, Komplexität verständlich zu machen. Wein zu entstauben. Genuss zu demokratisieren. Nichts liegt ferner als die Idee, dass seine Einstiegsweine erst nach sieben oder zehn Jahren „aufgehen“.
Und doch standen sie da – Rotweine aus 2016. Ein Kaitui aus 2018. Und die fast kindliche Neugier: Können die das?
Sie können. Und das erstaunlich gut.
Man muss sich erinnern, was vor gut zwanzig Jahren geschah. Da tauchte ein junger Pfälzer auf, mit Etiketten, die eher an Manhattan als an Mittelhaardt erinnerten. Schwarz. Klar. Selbstbewusst. Die Weine hießen (heißen noch immer so) Black Print, Ursprung, Tohuwabohu. Kein Lagenpathos, keine gotischen Schnörkel. Dazu Weine, saftig, dicht, unmittelbar zugänglich. Keine Geduldsprobe. Kein elitäres Seminar im Glas.
Für eine Generation, die weder Lust auf Bocksbeutel-Biederkeit noch auf belanglose Literware hatte, war das eine Befreiung. Schneider wurde zum Signaturwinzer junger Weintrinker. Er zeigte, dass deutscher Wein modern auftreten darf, international denken kann – ohne provinziell zu wirken.
Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Alteingesessene Winzer rümpften die Nase. Teile der Kritik sprachen von „Parkerisierung“, von Marketing, von Übertreibung. Genossenschaften fühlten sich herausgefordert. Das Wort „Önologie-Scharlatan“ machte die Runde – unverhohlen, oft mit spürbarer Gereiztheit.
Schneider arbeitete weiter. Investierte. Baute aus. Und während die Empörten diskutierten, verkaufte er Wein. International, in Mengen, mit klarer Handschrift.
Nun, Jahre später, die eigentliche Pointe: Diese vermeintlich vordergründigen, sofort verständlichen Weine zeigen Reife. Struktur. Balance. Die Primärfrucht ist nicht kollabiert. Die Tannine sind geschmolzen, ohne zu zerfallen. Das Holz wirkt integriert. Vieles erscheint sortierter, ruhiger, präziser. Wichtiges Detail: der Keller wo sie zum Liegen kamen ist perfekt. Und sie wurden auch nie bewegt. Das macht viel aus.
Gerade die 2016er Rotweine überraschen mit Stabilität. Der Kaitui 2018 – einst Inbegriff des unkomplizierten Sauvignon Blanc „Made in Germany“ – beweist, dass Kalk, Extrakt und saubere Arbeit ein Fundament schaffen, das über reine Aromatik hinaus trägt.
Kaitui Sauvignon Blanc 2018
Sauvignon Blanc aus der Pfalz, einst als frischer, sofort zugänglicher Weißwein gedacht – kalkgeprägt, mit kühler Struktur und einem kleinen Anteil wärmerer Parzellen, die tropische Anklänge liefern. 12,5 % Alkohol, kein Holz-Monument, kein asketischer Stilist – sondern ein moderner deutscher Sauvignon, der internationale Aromatik mit regionaler Bodenhaftung verbindet.
Gereift zeigt sich hier, wie tragfähig dieses Fundament tatsächlich ist. Die einst vordergründige Exotik tritt einen Schritt zurück, die grüne Würze ordnet sich, die Säure wirkt weniger spitz als tragend. Der Kalk scheint plötzlich deutlicher. Was als unkomplizierter Trinkwein gedacht war, bekommt Kontur – und stellt leise die Frage, warum wir Sauvignon Blanc hierzulande fast nie altern lassen.
In der Nase weniger Kräuter, mehr Steinobst, mehr Stachelbeere, mehr auch ein Tick originär auftretender Quitte. Ideal trinkreif.
Ursprung 2016 (Merlot, Cabernet Sauvignon, Portugieser u.a.)
Der „Ursprung“ war immer Schneiders Eintrittskarte in die Welt der roten Cuvées: verschiedene Parzellen zwischen Vorderpfälzer Ebene und Haardtrand, Frucht im Vordergrund, weiche Tannine, zugänglich gedacht. Kein Kraftprotz, sondern ein Rotwein für viele Gelegenheiten – sein sogenannter „Hitgarant“.
Nach mehreren Jahren Flaschenreife zeigt sich, dass diese Zugänglichkeit kein Mangel an Struktur war. Die Tannine wirken gesetzt, die Frucht dunkler und ernster, die anfängliche Primäraromatik hat Raum gemacht für tertiäre Nuancen. Der Wein verliert nichts an Trinkfluss, gewinnt aber an Tiefe. Die einstige Leichtigkeit kippt nicht ins Dünne – sie wird erwachsen.
In der Nase ganz stark der Cabernet und sein Cassis. Kann noch 5-7 Jahre gut liegen, ist aber jetzt überraschend easy-perfekt
Black Print 2016 (Merlot, Cabernet Sauvignon, Syrah, Blaufränkisch)
Der „Black Print“ war Schneiders Durchbruch – eine internationale Cuvée aus der heißen, trockenen Ebene, mit dem Anspruch, Reife und Dichte nicht zu verstecken. 14,5 % Alkohol, ambitionierter Holzeinsatz, klar positioniert als kraftvoller Vertreter moderner deutscher Rotweinkultur.
Gereift betrachtet, wird deutlich, wie sorgfältig dieses Gleichgewicht gebaut wurde. Die einst satte Frucht ist nicht zerfallen, sondern in würzige Tiefe übergegangen. Das Holz steht nicht mehr im Rampenlicht, sondern wirkt wie ein Rahmen. Was früher als wuchtig diskutiert wurde, zeigt nun Struktur und Stabilität. Hier beweist sich, dass Substanz mehr ist als bloße Opulenz.
Defintiv der richtige Zeitpunkt ihn zu trinken. In der Nase dominiert die sanfte Würzigkeit beider perfekt kombiniernden Primärsorten.
Tohuwabohu 2016 (Merlot, Cabernet Franc, kleiner Anteil Cabernet Sauvignon & Petit Verdot)
Schon der Name verweist auf das Chaos vor der Ordnung. Tatsächlich war dieser Wein immer als strukturierte, disziplinierte Cuvée gedacht – Cabernet Franc und Merlot im Zentrum, ergänzt um klassische Bordeaux-Spielpartner. Längere Reife, präzise Lese, ambitionierter Ausbau.
Mit Zeit gewinnt dieser Wein an Klarheit. Die Einzelteile greifen ruhiger ineinander, die Gerbstoffe sind geschmeidiger, die Aromatik vielschichtiger. Wo früher Kraft dominierte, zeigt sich nun Architektur. Gerade Cabernet Franc profitiert von Reife – und verleiht dem Wein jene kühle Würze, die ihn von bloßer Fülle unterscheidet.
Auch hier in der Nase die beiden würzigen Sorten dominierend. Kann gut noch 10 Jahre liegen – freilich bei perfekter Lagerung.
Einzelstück Portugieser 2016 (alte Reben)
Portugieser – lange Zeit unterschätzt, oft als einfacher Zechwein missverstanden. Hier jedoch von alten Reben, tief verwurzelt in der Ellerstadter Feldmark, mit Geschichte im Boden. Der Wein verstand sich nie als lautes Statement, sondern als Konzentration auf Herkunft und Sorte.
Mit Reife offenbart sich, wie tragfähig gerade diese vermeintlich einfachen Rebsorten sein können. Die Frucht wird feiner, die Textur geschmeidiger, die Säure integriert sich. Nichts wirkt aufgesetzt. Kein Überbau, keine Inszenierung. Stattdessen zeigt sich, dass auch Portugieser Alter tragen kann – wenn er ernst genommen wird.
In der Nase massiv reife Ribisel und Blaubeere. Idealer Trinkzeipunkt, doch auf dem Weg ins Verschwinden.
Die Ironie: Niemand sammelte und sammelt diese Weine. Sie waren und sind zu günstig. Zu zugänglich. Zu sehr Alltagswein. Man hortet Prestige, nicht Pop.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Geschichte von Markus Schneider. Dass er nie für den Keller, sondern für den Moment kelterte – und dass dieser Moment länger dauert, als viele erwartet hätten.
Heute fehlt eine Figur wie er. Ein Winzer, der eine neue Generation anspricht, ohne sich anzubiedern. Der Design als Einladung versteht. Der Zugänglichkeit nicht mit Oberflächlichkeit verwechselt. Der den Markt ernst nimmt, ohne ihm hinterherzulaufen.

