(Claude Auguste / Manfred Klimek – Redaktion / animated pic: Runwayml)
Wir können jungen Menschen, die wir selbst einst waren, Vorwürfe machen. Dass sie weniger Wein trinken – zum Beispiel. Dass sie lieber Aperol, Hard Seltzer oder gleich ganz alkoholfrei bleiben – oder Cannabis und MDMA dem Wein vorziehen. Dass sie Etiketten posten, aber nicht Jahrgänge diskutieren.
Wir können aber auch ehrlich sein: Die Weinbranche hat es ihnen jahrzehntelang nicht leicht gemacht. Und wie würden wir heute reagieren? Ist es klug, nur zu reinen Lehre aufzurufen: zum Durchkosten und seinen eigenen Stil finden? Meine Generation hatte dazu noch Zeit und Geld. Aber die Gen-Z? “Is nich” – sagen die. Und wahrscheinlich ist es auch “is nich”. Tatsachen anerkennen hilft.
Denn zwischen Barockschrift, Lagenhierarchie, Prädikatsstufen und predigthaftem Ernst ist wenig Raum für Neugier geblieben. Wer mit Anfang zwanzig vor einem deutschen Weinregal steht, braucht nicht Bildungshunger – er braucht einen Einstieg. Und genau da kommt Bruno vom Kartäuserhof ins Spiel.
Ich war skeptisch. Wieder so ein Projekt, dachte ich. Wieder ein „junges“ Label, das krampfhaft lässig sein will. Doch Bruno ist anders. Vielleicht, weil dahinter kein Start-up steht, sondern ein fast tausend Jahre altes Weingut. Kartäuserhof ist Trier, ist Riesling, ist Geschichte. Und gerade deshalb wirkt Bruno nicht krampfhaft bemüht, sondern erstaunlich lässig.
Keine Anbiederung. Keine Zuckerbomben. Keine peinlichen Claims. Sondern vier Weine für 11,90 Euro, klar gemacht, klar benannt, klar gedacht. Und das ist in Deutschland fast schon revolutionär.
Pinot Blanc – Der diplomatische Einstieg
Man hätte es sich leicht machen können und nur auf Riesling setzen. Stattdessen steht da auch ein Pinot Blanc.
Ein kluger Schachzug. Weißburgunder ist international verständlich, weniger erklärungsbedürftig, weniger „Säureangst“-besetzt. Im Glas zeigt er Frische, eine kleine, feine Cremigkeit, Struktur ohne Schwere. Kein belangloser Terrassenwein, sondern sauber gearbeitet, präzise, anschlussfähig.
Für alle, die sich an Mosel-Riesling noch herantasten wollen, ist das ein eleganter Türöffner (und eigentlich mehr als das). Und für Traditionalisten die kleine Irritation: Kartäuserhof kann auch anders. Die Gefahr dabei: dass der Weißburgunder bei junger Klientel dauerhaft besser ankommt als die doch kompliziertere Riesling.
Riesling Dry – Ernsthaft, aber nicht streng
Der trockene Riesling ist dann doch das Herzstück. Und hier merkt man sofort, woher Bruno kommt.
Diese Ruwer-Kühle, diese klare, fast karge Mineralität, die nichts Süßliches hat. Straff, lebendig, mit animierender Säure. Kein Muskelspiel, kein Alkoholstatement. Sondern ein Wein mit Zug.
Wenn man jungen, auch an der Avantgarde des Riesling interessierte Konsumenten etwas zutrauen will, dann so etwas. Kein weichgespülter Kompromiss, sondern Charakter – nur eben ohne Pathos.
Riesling Kabinett – Endlich wieder leicht & easy
Vielleicht ist es ironisch, dass ausgerechnet ein Kabinett heute moderner wirkt als mancher High-End-Trockene.
Moderater Alkohol, feine Fruchtsüße, vibrierende Säure – und plötzlich passt das alles perfekt in eine Zeit, die über Balance spricht. Dieser Bruno Kabinett ist kein Nostalgieprodukt. Er wirkt erstaunlich zeitgemäß. Trinkig, präzise, mit diesem tänzerischen Spiel, das die Mosel einst weltberühmt machte.
Man fragt sich unweigerlich: Warum haben wir das zwischendurch so kompliziert gemacht?
Den Roséwein haben wir nicht getrunken. Nicht aufgrund Vorbehalte, sondern weil wir den Tick zu doof waren, den auch zu bestellen.
Was Bruno auszeichnet, ist nicht seine behauptete Jugendlichkeit; es ist seine Selbstverständlichkeit diese Jugendlichkeit zu behaupten. Hier versucht niemand, Generation Z zu „okkupieren“. Niemand erklärt ihnen die Mosel. Niemand verkauft Historie als moralische Verpflichtung. Stattdessen stehen da vier Weine, die man trinken kann, ohne ein Seminar zu besuchen. Darin liegt die eigentliche Leistung des Kartäuserhofs.
Ich glaube nicht, dass Bruno allein eine Generation zum Weintrinken bringen wird. Aber ich glaube, dass er zeigt, wie es gehen kann: gut gemachte Weine mit einem Hauch der großen Weingeschichte – und einem Preis, der nicht abschreckt.
Für ein Haus mit fast tausend Jahren Geschichte ist das erstaunlich unprätentiös.
Doch funktioniert das? Wir hoffen, dass!

