(Manfred Klimek / Recherche: Ben Siegert / Foto: Grabmal des Poeten Hafez / animated pic: Runwayml)
Iran und Wein – das ist keine Randnotiz der Geschichte, sondern ihr Anfang. Lange bevor Bordeaux Prestige war oder Burgund Parzellen kannte, wurde im Zagros-Gebirge bereits vergoren, was die Natur hergab. Archäologische Funde belegen, dass in Nordwestiran vor rund 7.000 Jahren Traubensaft in Tonkrügen zu Wein wurde. Persien ist kein Nachzügler der Weinkultur. Es ist ihr Ursprungsraum.
Und zugleich ist es heute eines der Länder mit dem strengsten Alkoholverbot der Welt.
Zwischen diesen beiden Polen spannt sich eine Geschichte, die widersprüchlicher kaum sein könnte. In der Antike gehörte Wein in Persien zur Zivilisation selbst. Er war Handelsgut, Staatsration, Kulturgut. Die Verwaltung von Persepolis verzeichnete Weinlieferungen akribisch. Wein war Ordnung, nicht Ausschweifung.
Und er war Sprache. Der Dichter Omar Khayyam schrieb im 11. Jahrhundert Verse über Wein und Liebe, die bis heute zitiert werden: „Was predigst du vom Fasten und vom Beten? Statt zur Moschee lass uns ins Weinhaus treten.“ In der persischen Dichtung wurde Wein zur Metapher für Freiheit, Erkenntnis, Ekstase, Widerstand gegen Engstirnigkeit. Diese poetische Aufladung hat über Jahrhunderte überlebt – auch als die Realität sich veränderte.
Die Stadt Shiraz, nahe Persepolis, war einst berühmt für ihre Weine. Heute steht „Shiraz“ als Rebsortenname auf Flaschen aus Australien. Im Iran selbst ist seit der Islamischen Revolution 1979 die Produktion alkoholischer Getränke verboten. Offiziell werden Reben nur noch für Tafeltrauben und Rosinen kultiviert. Doch Verbote löschen keine Kultur aus. Sie verschieben sie.
Denn wie die Zeitung Jungle World in einer eindrücklichen Reportage schildert, existiert im Iran eine verborgene Alkoholwirklichkeit. In Teheraner Wohnungen wird selbstgemachter Wein produziert – in Badezimmern, mit improvisierten Geräten. „Seit Jahren machen wir Wein in unserem Badezimmer“, zitiert das Magazin eine Bewohnerin. Trauben, Zucker, ein wenig Chemie – und vor allem Diskretion. Partys finden hinter verschlossenen Türen statt. Nachbarn warnen sich, wenn Basij-Milizen in der Straße auftauchen. Ein Satz wie „Beeil dich, sie sind da“ gehört zum Alltag jener, die das Risiko eingehen.
Der Schwarzmarkt blüht. Hochprozentiges wird geschmuggelt, oftmals zu absurden Preisen. Eine Flasche kann 120 Euro kosten – in einem Land, in dem das Durchschnittseinkommen weit darunter liegt. Die Jungle World beschreibt ein System, von dem viele vermuten, dass es ohne stillschweigende Duldung einzelner Machtapparate kaum existieren könnte. Ein doppeltes Spiel: öffentlich Moral, privat Markt.
Und dann gibt es die Minderheiten. Christen oder Armenier berichten, dass sie teils weniger streng kontrolliert werden. Alkohol wird aus Armenien bezogen, versteckt, geteilt. Auch hier: ein Leben in Grauzonen.
Ein Blick in den Nordirak zeigt, wie relativ diese Verbotskultur ist. In Erbil oder Suleymaniah, so heißt es, reiht sich eine Bar an die andere. Irakisch-Kurdistan wird als „Bar des Nahen Ostens“ bezeichnet. Nur wenige hundert Kilometer weiter, in Mosul oder im Süden, dominieren fundamentalistische Kräfte. Alkohol wird dort verfolgt, Läden werden angegriffen. Der Unterschied könnte kaum größer sein.
Diese Spannungen zeigen: Alkoholpolitik im Nahen Osten ist kein monolithisches Gebilde. Sie ist politisch, religiös, regional, machtstrategisch. Und sie ist zutiefst symbolisch.
Im Iran selbst bleibt Wein ein Phantomschmerz der Kultur. Man findet ihn in Gedichten, in Erinnerungen älterer Generationen, in Gesprächen hinter vorgehaltener Hand. Man findet ihn im Humor. Und im Trotz.
Wein ist dort nicht nur Getränk, sondern ein Statement. Wer trinkt, setzt ein Zeichen – manchmal bewusst, manchmal einfach, weil man leben will. „Verbote machen erfinderisch“, schreibt die Jungle World. Das gilt hier in doppeltem Sinne: technisch wie kulturell.
Gleichzeitig hat das Verbot reale Folgen. Immer wieder kommt es zu Vergiftungen durch gepanschten Alkohol. Ein kontrollierter Markt existiert nicht. Risiko wird privatisiert.
Und doch: Die Reben wachsen weiter. Die Landschaften um Shiraz oder im Norden des Landes sind nach wie vor von Weinbau geprägt – nur mit anderer Nutzung, als Tafeltrauben, die auch in die Türkei exportiert werden, wo sie gepresst und zu Wein für die Diaspora gekeltert werden. Die Geschichte lässt sich nicht ausradieren.
Iran ist damit vielleicht das radikalste Beispiel für eine These, die uns als Weinwelt betreffen sollte: Weinkultur ist mehr als Produktion und Handel. Sie ist Erinnerung, Metapher, Widerstand, Identität.
Man kann Weingüter schließen. Man kann Handel verbieten. Man kann Strafen verhängen. Aber man kann eine 7.000 Jahre alte Kultur nicht einfach löschen.

