(Manfred Klimek / Claude Auguste / Redaktion / Quelle: CNN / animated pic (©VOS): Runwayml)
Als Donald Trump im vergangenen Jahr ankündigte, die effektiven US-Zollsätze auf ein Niveau anzuheben, das man seit 1930 nicht mehr gesehen hatte, blieb ein Großteil der amerikanischen Wirtschaft bemerkenswert still. Zu groß schien das Risiko, sich offen gegen den Präsidenten zu stellen. Wer Milliardenumsätze verwaltet, kalkuliert politische Konflikte anders als moralische Imperative.
Einer jedoch tat es trotzdem. Victor Owen Schwartz, Inhaber des New Yorker Weinimporteurs VOS Selections, wurde – so berichtet es CNN – zum Gesicht einer Klage gegen Trumps weitreichendste Notfallzölle. Und er gewann.
Schwartz ist kein Konzernlenker, kein Lobbyist mit Heerscharen von Anwälten. Er ist Weinhändler. Ein Familienunternehmer, der Weine und Spirituosen aus 16 Ländern importiert, der Container disponiert, Margen rechnet, mit Restaurants, Fachhändlern und Sommeliers spricht. Einer aus der Praxis. Gerade deshalb traf ihn die Zollpolitik mit voller Wucht. Auf bestimmte europäische Produkte hatte Trump zwischenzeitlich 50 Prozent Zoll angedroht. Wer Wein importiert, kann solche Aufschläge nicht einfach wegatmen.
„Wir können unsere Preise nicht einfach erhöhen, und wir können es auch nicht einfach bezahlen“, wird Schwartz bei CNN zitiert. Seit April, so schätzte er, habe er bereits Zölle in sechsstelliger Höhe entrichten müssen. Für Konzerne ist das eine Bilanzposition. Für einen mittelständischen Importeur ist es existenziell.
Zunächst zögerte er, die Rolle des Hauptklägers zu übernehmen. Es ist ein Unterschied, sich einer Klage anzuschließen – oder öffentlich an vorderster Front zu stehen. Schließlich reichte das Liberty Justice Center im April 2025 die Klage VOS Selections, Inc. v. Trump ein. Am Ende entschied der Supreme Court: Die weitreichenden Notfallzölle waren rechtswidrig.
Das ist mehr als ein juristischer Sieg. Es ist eine Lektion in politischer Wirksamkeit.
Schwartz beschrieb sich selbst als „letzte Verteidigungslinie“, während große Teile der Corporate-Welt am Spielfeldrand verharrten. Der Preis war hoch. Er sprach von Anfeindungen per Textnachricht und E-Mail, von Sicherheitsvorkehrungen im Büro. Wer sich mit dem mächtigsten Amt der Welt anlegt, tut das nicht folgenlos.
Und doch blieb er dabei. Die Logik sei einfach gewesen, sagte er: Er könne sich die geforderten Abgaben schlicht nicht leisten. Diese Nüchternheit ist vielleicht der stärkste Satz in dieser Geschichte. Es ging nicht um Ideologie. Es ging um Kalkulation – und um die Verteidigung eines Geschäftsmodells.
Am Ende könnten laut CNN Rückerstattungen in dreistelliger Milliardenhöhe im Raum stehen. Wie genau sie verteilt würden, sei noch unklar. Klar ist jedoch: Ohne den Mut eines kleinen Weinimporteurs wäre es zu diesem Urteil kaum gekommen.
Für die Weinbranche steckt darin ein Signal, das über die USA hinausweist. In Zeiten von Absatzkrisen, Konsumzurückhaltung und politischer Unsicherheit neigt man dazu, sich als Spielball globaler Kräfte zu fühlen. Als Branche, die Preise und Narrative anderer ausbaden muss. Doch Wein ist Wirtschaft. Und Wirtschaft ist Macht – wenn sie bereit ist, sie einzusetzen.
Vor zwanzig Jahren kämpften europäische Winzer gegen Überregulierung, später gegen Gesundheitskampagnen, nun gegen Handelsbarrieren. Oft defensiv, oft leise im Hintergrund. Der Fall Schwartz zeigt eine andere Option: Offensive Rechtsstaatlichkeit. Wer seine Argumente sauber formuliert und bereit ist, das Risiko zu tragen, kann selbst gegen einen Präsidenten bestehen.
Interessanterweise sagte Schwartz, er werde den Sieg mit einer alten Flasche Châteauneuf-du-Pape feiern. Ein Detail mit Symbolkraft: Am Ende ist es wieder der Wein, der die Geschichte rund macht.
Die Branche muss sich nicht verstecken. Sie verfügt über Netzwerke, Arbeitsplätze, Steuereinnahmen – und über Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Victor Schwartz hat gezeigt, dass politischer Einfluss nicht allein eine Frage der Größe ist, sondern der Entschlossenheit.
Das die eigentliche Botschaft in einer Zeit, in der viele über die Ohnmacht des Weinmarktes klagen: Manchmal reicht ein Importeur aus Brooklyn, um eine globale Wende einzuleiten.

