„Genau das wäre es!“, meint Nikos Markou, mein Begleiter aus Limassol, als wir das Weingut von 39 Qvevri sehen. Rund 35 Kilometer von Tiflis entfernt liegt Bitsmendi nahe Mtskheta, der alten Hauptstadt des historischen Iberien - ein einst historische Königreich im Kaukasus. Es ist still hier. Im Tal gibt es wenig Landwirtschaft und einige noble Landhäuser der Tiflisser Oberschicht. Auf den Bergkuppen in der Ferne zeichnen sich die Silhouetten steinerner Klöster ab. Blauer Septemberhimmel, kräftige Sonne, etwas Dunst nach einer wohl kühlen Nacht. Das Weingut dominiert die Landschaft. Ein burgenartiger Neubau, an historische Vorbilder angelehnt, aber keineswegs kitschig. Klare Architektur, ringsum die eigenen Weingärten. Sie wachsen jedes Jahr weiter, zusätzliche Flächen werden für den Weinbau kultiviert.
Ein Start-up statt Familiengeschichte
39 Qvevri ist keine Weiterentwicklung eines jener klassischen Familienbetriebe, wie man sie in Georgien so häufig findet. Eher das Gegenteil: ein Start-up. Ein vergleichsweise junges Weinprojekt: 2019 gegründet, professionell aufgebaut und von Anfang an mit Fachleuten besetzt. Am Parkplatz erwartet uns Ekaterine „Eka“ Khmiadashvili, die Geschäftsführerin, gemeinsam mit dem Önologen Vazha Tchabukiani und einigen weiteren jungen Spezialisten aus dem Team. Und ich denke mir: Mein Gott, wie jung sind die alle?
Eka Khmiadashvili ist in ihren Dreißigern, aber längst kein unbeschriebenes Blatt in der georgischen Weinwelt. Seit rund 15 Jahren arbeitet sie professionell in der Branche: Lehraufträge, Exportmanagement, Beratung und wissenschaftliche Arbeit gehören zu ihrem Weg durch den georgischen Wein, bevor sie schließlich zu 39 Qvevri kam. Vazha Tchabukiani ist der Önologe des Hauses und führt uns an diesem Tag gemeinsam mit Eka und den anderen durchs Weingut. Hinter dem jungen Team steht beratend allerdings auch einer der erfahrensten Köpfe des georgischen Weinbaus: David Chichua. Biochemiker, Önologe und Winzer, seit mehr als zwei Jahrzehnten mit Wein beschäftigt, Chief Winemaker bei mehreren georgischen Betrieben, Lehrender für Weinbautechnologie und Weinchemie und Forscher zu alten georgischen Rebsorten.
Warum eigentlich 39?
Wir erinnern uns: Das Qvevri ist ein großer, in die Erde eingelassener Tonbehälter, in dem Wein vergoren und ausgebaut wird - eine Gebindeform, die vor ca 25 Jahren auch in Europa Fuß fasste. Vor allem in Italien. Die Tradition dieser Keltermethode reicht in Georgien Jahrtausende zurück. Von kleinen Vasen reden wir dabei natürlich nicht. Ein Qvevri kann 1.500, 2.000 Liter und mehr fassen. Beim Weingut 39 Qvevri sind es – wenig überraschend – 39.
Das Konzept wird konsequent durchgezogen. Qvevri sind hier keine Dekoration. Sie bilden die Grundlage des Weinguts. Die 39 Gefäße befinden sich in einer riesigen Halle mit hölzerner Kuppel, deren Konstruktion hilft, Licht und Belüftung zu regulieren. Technisch wird nur so weit eingegriffen wie nötig. Aluminiumpaneele können in die Qvevri eingelassen und zur Temperaturregulierung mit warmem oder kaltem Wasser befüllt werden. Punkt. Viel mehr passiert nicht. Die Pflege der unterirdischen Gefäße bleibt Handarbeit. Reinigung und das Erneuern der Wachsschicht samt Ausbrennen gehören zum jährlichen und nicht ganz ungefährlichen Prozedere. Dafür muss jemand in den Schlund des Qvevris hinabsteigen.
Eine Weinlinie, die Qvevri erklärt
Das Sortiment umfasst etwa acht bis zehn Weine und ist erstaunlich klar aufgebaut. Wer Qvevri-Weine kennenlernen möchte, muss sich hier nicht sofort in einen maximal tanninreichen Wein stürzen. Wir kann uns durch die Linie trinken und dabei verstehen lernen, was im Qvevri eigentlich passiert. Bei den weißen Rebsorten reden wir ohnehin nicht wirklich über „Weißwein“ im klassischen mitteleuropäischen Sinn. Es geht um Amber-Wines – die georgische Variante dessen, was bei uns meist Orange Wine genannt wird. In Verbindung mit dem Qvevri entstehen daraus Weine, die einerseits einfach schön zu trinken, andererseits hervorragende Essensbegleiter sind. Sie können einen Rotwein durchaus ersetzen, besonders zu den gut gewürzten georgischen Grillgerichten. Aber auch zu einem Steak. Oder zu serbischer Bohnensuppe. Oder zu kräftig gewürzten Khinkali.
Der Chinuri steht am Anfang. Hier bleiben nur rund 30 Prozent der Maische beim Wein. Das Ergebnis ist ein ausgesprochen zugänglicher Amber: hell, floral, etwas weißer Pfirsich und Nuss, ein leichter Gerbstoffgriff, aber keine Wucht. Beim Goruli Mtsvane wird die Sache dichter, strukturierter und aromatischer: mehr Frucht, mehr Körper, mehr von jener Phenolik, die diese Weine zu so guten Essensbegleitern macht. Der Rkatsiteli führt dann endgültig in die klassische georgische Amber-Welt: gelbe Frucht, Quitte, nussige und leicht teeartige Noten, dazu deutlich mehr Struktur. Der Khikhvi verschiebt das Bild in Richtung Kräuter und Würze. Keine lineare Steigerung, eher eine Erweiterung des Spektrums. Dazu räumen wir schon einmal den Käseteller leer. Und dann kommt der Kisi: breit, stark, komplex. Gelbe und getrocknete Früchte, viel Struktur, deutliches Tannin und ein langer Nachhall. Spätestens bei diesem Wein versteht man, weshalb die übliche Einteilung in Weiß- und Rotwein bei traditionellen georgischen Weinen nicht besonders weit führt.
Und dennoch: die Roten
Der Tavkveri blieb mir vor allem als würziger, leichterer Roter in Erinnerung. Nicht dieses mächtige, konzentrierte Rot, das man vielleicht reflexartig von Georgien erwartet, sondern ein Wein mit Gewürz, Frucht und einer belebenden Leichtigkeit. Der Shavkapito wirkt kühler und straffer, vielleicht auch etwas „europäischer“: dunklere Frucht, Würze, weniger Wärme und Schwere. Und schließlich der Saperavi: dunkel, kraftvoll, konzentriert. Pflaume, schwarze Kirsche, Säure, Tannin – bei dem von uns verkosteten Wein kam schließlich auch ausnahmswiese Holz ins Spiel.
Das Beeindruckende an 39 Qvevri ist die Stabilität der gesamten Linie und wie selbstverständlich sie Verständnis für die unterschiedlichen Weine und ihre Machart vermittelt. Man bekommt nicht sieben Variationen desselben Weins vorgesetzt. Man kann tatsächlich nachvollziehen, was Rebsorte, Maischeanteil und Ausbau mit dem Stil machen. Wer im Mai die VieVinum 2026 in Wien besucht hat, dürfte 39 Qvevri ohnehin schon begegnet sein. Georgien war Gastland, und auch 39 Qvevri war in der Hofburg präsent. In wenigen Monaten will das Weingut sein Angebot auch um Agrotourismus erweitern und in größerem Maßstab Tastings sowie ein Restaurant anbieten. Ein Grund, an diesen kaukasischen Endpunkt alter Zivilisation zu reisen.
In Deutschland führt GeoWeinhaus in Berlin mehrere Weine von 39 Qvevri, darunter Saperavi, Chinuri, Kisi, Khikhvi, Tavkveri und Shavkapito. Ebenfalls in Berlin findet man die Weine bei 8000 Vintages; dort ist unter anderem Goruli Mtsvane gelistet. In Großbritannien führt Saperavi Social in London 39 Qvevri, auf Zypern Wine Case in Limassol. In den USA befindet sich das Weingut im Portfolio von Van Horn Imports; im Einzelhandel findet man die Weine beispielsweise bei The Meteor in Austin, Texas. Informationen zu Weinen, Weingut und Kontakt gibt es selbstverständlich auch direkt bei 39 Qvevri.
