spit on my grave
aber bitte Wein. Fünf Weine, sich die Apokalypse schönzutrinken.
15. Mai 25, Klimek. Die Welt ist ein Saustall! Und keiner mistet aus. Es brennt. Im Nahen Osten, in der Ukraine, in den USA, in den Medien. Das Klima ist ein Totalschaden, die Börse ein Glücksspiel, und in Berlin regiert bald eine Schuldenkoalition, die sich bemühen wird, das Richtige zu tun – Schwerpunkt auf Bemühen. Das Einzige, was uns dieser Tage bleibt, ist das Glas in der Hand.
DEUtschbahn
Den Spies dreht keiner um – die DB und ihr einzig schöner Moment!
16 Mai 25 Klimek. Ich bin mit dem Zug nach Rheinhessen gefahren. Vor Wein-Achten. Mit dem Zug nach Rheinhessen zu fahren heißt in 95% der Fälle mit der DB fahren zu müssen: jenem Konzern, der es seit 2003 ca schafft, mein Nervenkostüm zu zerschneiden, ohne daraus ein neues, besseres Nervenkleid schneidern zu können – ganz im Gegenteil.

What comes down must go up – un certain regard von Lenz Moser und mir auf das Tokaj – und auch auf Mosel und Rheingau
(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG / animated pic: rumwayml) Ich habe mit Lenz Moser V (fünf) telefoniert. Die Zahl steht für den fünften Lenz Moser dieser österreichischen Weindynastie, die im internationalen Weinbusiness deswegen bekannt ist, weil Mosers Großvater, also Lenz Moser der Dritte, die „Erziehung“ der Reben im Weingarten in den 1950er-Jahren revolutioniert hatte.
(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG / animated pic: rumwayml)
Ich habe mit Lenz Moser V (fünf) telefoniert. Die Zahl steht für den fünften Lenz Moser dieser österreichischen Weindynastie, die im internationalen Weinbusiness deswegen bekannt ist, weil Mosers Großvater, also Lenz Moser der Dritte, die „Erziehung“ der Reben im Weingarten in den 1950er-Jahren revolutioniert hatte. Die meisten der Weingärten, die wir heute durchwandern oder mit dem Rad durchqueren, sind in Deutschland und Österreich – und auch in vielen französischen und italienischen Weinregionen – nach Mosers „Hochkultur“ angepflanzt. Das bedeutet, dass anstatt 10000 Rebstöcken pro Hektar, wie früher üblich, nur rund 3000 Stöcke im Boden wurzeln, und dass die Reben sich einer Pfahl- und Drahtinstallation folgend ca. 120 bis 140 cm gen Himmel ranken. Das hat die Einzelstock- und Pergolakultur (Überdachung) im Weinbau abgelöst und die Arbeit der Winzer im Weingarten massiv erleichtert. Davor hatten alle im Weinarten Tätigen das, was wir heute als „Rücken“ titulieren – Kreuzschmerzen ohne Ende.
Moser hat mir über seinen neuen Wein erzählt, der demnächst auf den Markt kommt, rund 40 Euro kosten wird und eine Erweiterung seines Grüner-Veltliner-Projekts New Chapter ist: der New Chapter „Elevated“. Das Besondere dieses Bioweins, den Moser gemeinsam mit dem Traisentaler Winzer Markus Huber keltert, ist die Cuvetiierung, denn Moser darf laut dem sehr strengen österreichischem Weingesetz bis zu 15% einer anderen Rebsorte zumischen, ohne dass der Wein am Etikett als Cuvée tituliert werden muss. Manche Weinkritik-Fundamentalisten sehen in dieser Methode eine Verwässerung der Sorte, die den Wein trägt, andere, darunter ich, erkennen aber die Möglichkeiten, die dieses individuelle Keltern mit sich bringt. Moser und Huber haben ihren neuen Grünen Veltliner mit ein paar Fässern Riesling verfeinert – eine wahrlich nicht einfache Cuvée. Doch Moser sagt, dass gerade die im Traisental mit dominierenden Kalkböden, die es am anderen Ufer der Donau, also in den Regionen Wachau, Kremstal, Kamptal und Wagram eher selten gibt, hier den Rebsorten eine feinere, elegantere Basis gibt, sie zu cuvéetieren.
Und dann Ungarn!
Wir haben fast ein Stunde über Ungarn telefoniert, speziell über das Tokaj, wo Lenz Moser für mehre Projekte tätig war und tätig ist. Jenes Tokaj, an welchem auch der abgewählte ungarische Ministerpräsident Victor Orban, einen „Narren gefressen hatte“. Dieser Urwiener Ausdruck heißt übersetzt, dass Orban vernarrt in das Tokaj war. Und das hatte Folgen.
Ich war zwischen 2010 und 2024 vier Mal mit Lenz Moser im Tokaj und habe mit ihm fast alle bedeutenden und auch progressiven Weingüter besucht. Und ich habe mitbekommen, wie viel neue Infrastruktur das System Orban im Tokaj gebaut hat – viel mehr als in anderen Gegenden des Landes. Ich habe aber auch erlebt, dass der weltgewandte Geschäftsführer des mit irre viel Investitionen komplett erneuerten Staatsweinguts Grand Tokaj während unseres Besuchs gemeinsam mit seinem Board über Nacht entlassen und ausgewechselt wurde – am nächsten Morgen, beim nächsten Termin, war er einfach weg, war verschwunden, ging nicht mehr ans Telefon. Und die Personen, die nun das Ruder übernehmen würden, so sagte mir eine Mitarbeiterin, stünden mehr in der Gunst der Regierung in Budapest. Gut: ein Staatsweingut gehört dem Staat. Aber dass hier im Hintergrund auch Partei- und Regierungsinteressen außerhalb des Weinbaus eine Rolle spielten, war augenscheinlich. Staatsweingüter gibt es in Deutschland und Österreich ebenfalls – und sie machen meist eine sehr gute Arbeit. Doch sind auch Staatsweingüter in Deutschland nicht frei von politischen Interventionen. Ein derart krasses Auswechseln des Führungspersonal aber, ist bei uns eher unüblich. Und wenn, dann wird es von den Medien bemerkt und kritisch begleitet. Das war bei Grand Tokaj freilich nicht der Fall.
Lenz Moser engagiert seit ungefähr 2014 auch im Tokaj – er kennt die Region gut und im Detail. Und er ist einer der wenigen Ausländer dort, der der Region zwar mit Liebe, aber auch mit Nüchternheit begegnet. Er weiß ob ihrer Probleme. Und diese Probleme können wir mit jenem des deutschen Weinbaus vielleicht auch nicht gering vergleichen. Das Problem lässt sich in einer Frage zusammenfassen: War das Setzen auf rein trockene Weine ein Irrtum?
Diese Frage lässt sich selbstredend nicht einfach und umfassend beantworten. Aber ich will aus dem Gespräch mit Moser und anderen Winzern im Tokaj – und auch Winzern in Deutschland – eine Zusammenfassung wagen. Zuerst der historische Blick: Noch 1938 gab es in der internationalen Weinwelt – dort, wo Geld zu machen war und die nur aus der US-Ostküste und aus dem United Kingdom bestand – nur drei große Weinnationen. Frankreich (Bordeaux, Burgund und Loire). Deutschland (mit Mosel, Saar und Rheingau). Und Ungarn mit dem Tokajer und geringer auch süffigen Rotweinen aus Weinregion um die Stadt Eger (Eger Stierblut). Italien war weit davon entfernt am Weltweinmarkt mitzumischen. Auch Spanien, Chile, Australien oder das Napa Valley belieferten nur Region und Nation. Das änderte sich mit der Lücke im Weltweinmarkt, die der Mordbrand der Nationalsozialisten und die Planwirtschaft des verheerenden, osteuropäischen Kommunismus hinterließ. Die restsüßen Weine Deutschlands, von Kabinett bis hin zur Trockenbeerenauslese, verloren ihre Märkte. Und die restsüßen ungarischen Tokajer, mit ihrem Büttensystem ähnlich gestaltet wie deutsche Süßweine, wurden auf Masse statt Qualität getrimmt und vom Staat in Staatsweingüter gepresst, wo Qualität keine Bedeutung hatte. Erster Exportmarkt wurde die Sowjetunion, wo sie in der Nomenklatura schon seit der Zarenzeit traditionell dem Tokajer frönten.
Nach der Wende und dem Ende der Planwirtschaft vollzog sich im Weinbau des Tokaj genau jener Wandel, der auch im deutschen Weinbau aus Gründen des Weinskandals von 1985 Platz griff, als in fruchtsüßen Weinen der verbotene Konservierungsstoff Glykol nachgewiesen werden konnte: in den für ihre restsüßen Weine bekannten Regionen wurde der Weinbau, auch auf Verlangen damals junger Konsumenten, auf trockene Weine fokussiert. Und beide Leitreben, Riesling und Furmint, sind dafür prächtig geeignet, wie die trockenen Rieslinge Deutschlands seit etwa 1995 beweisen. Und die trockenen Furmints seit ca. 2005 ebenfalls. Nur: der internationale Absatz funktioniert nicht so, wie er funktionieren sollte. Und das erst recht, seit sich die Generation der Jahrtausendwende-Geborenen mehr und mehr vom Wein abwendet.
Lenz Moser hat dafür eine Erklärung für das Tokaj, die auch für die Mosel und das Rheingau eine gewisse Gültigkeit besitzt: es fehlt den Regionen und auch den Nationen das Bewusstsein der einstigen geschichtlichen Größe. Und auch der Stolz drauf. In Ungarn, so sagt Moser, sogar mehr als in Deutschland, wo der Patriotismus leider immer noch vom Nationalismus ideologisch falsch in die Zange genommen wird. Deswegen will Moser, mit fast 70 Jahren, eine Initiative starten, die dem Export von trockenen wie auch süßen Tokajern eine neue Stimme gibt. Und ich will im Schlusssatz die Behauptung wagen, dass man die junge Generation, zeitgeistig als Generation-Z abgekürzt, mit halbtrockenen Weinen, mit großartigen Kabinettweinen und ebenso halbtrockenen Furmints zurück in die Weinwelt holen könnte. Denn das intellektuelle Projekt rein trockener Weine in Regionen, die für fruchtsüße Weine bekannt waren, das können wir heute erkennen, funktioniert nicht so, wie Winzer und Weinbaupolitiker dachten.

Der Fall Lutzmannsburg. Und staatliche Tester, die im zwanzigsten Jahrhundert leben. Aber nicht im Hier und Heute
(Manfred Klimek) Der Streit um den österreichischen Spitzenwinzer Roland Velich und seinen Lutzmannsburg 2023, der von James Suckling mit 100 Punkten bewertet wurde und dennoch bei amtlichen Prüfern auf Widerstand stieß, wirkt auf den ersten Blick wie eine Randnotiz des Weinbaus. Tatsächlich aber erzählt dieser Fall etwas viel Größeres. Es geht um Macht. Um Deutungshoheit.
(Manfred Klimek)
Der Streit um den österreichischen Spitzenwinzer Roland Velich und seinen Lutzmannsburg 2023, der von James Suckling mit 100 Punkten bewertet wurde und dennoch bei amtlichen Prüfern auf Widerstand stieß, wirkt auf den ersten Blick wie eine Randnotiz des Weinbaus. Tatsächlich aber erzählt dieser Fall etwas viel Größeres. Es geht um Macht. Um Deutungshoheit. Und um jene eigentümliche Behördennomenklatura Mitteleuropas, die sich bis heute weigert zu akzeptieren, dass Qualität nicht mehr ausschließlich von Kommissionen mit jahrzehntealten Rastervorstellungen definiert wird.
Denn natürlich braucht Weinbau Regeln. Niemand will verdorbene oder fehlerhafte Weine unter staatlichen Gütesiegeln sehen. Aber genau hier beginnt das Problem: Wer entscheidet eigentlich, was ein Fehler ist? Und noch wichtiger: Nach welchen kulturellen Vorstellungen wird das entschieden?
Roland Velich gehört seit Jahren zu den international höchstbewerteten Winzern Österreichs. Seine Blaufränkisch-Weine aus Lutzmannsburg erhalten regelmäßig Spitzenbewertungen bei Parker und James Suckling und zählen weltweit zu den wichtigsten Aushängeschildern des österreichischen Weinbaus. Genau deshalb wirkt der aktuelle Konflikt so irritierend. Denn hier geht es nicht um irgendeinen Außenseiterbetrieb oder um dilettantischen Naturweinaktivismus. Hier gerät ein Produzent unter Druck, dessen Weine global längst zur Spitze zählen.
Die internationale Weinwelt hat sich in den letzten zwanzig Jahren radikal verändert. Säurebetonte Stilistiken, spontane Vergärung, reduktive Ausbauweisen, minimale Eingriffe, oxidative Nuancen oder bewusst kantige Aromatik gelten heute vielerorts nicht mehr als Mangel, sondern als Ausdruck von Herkunft und Handschrift. Gleichzeitig sitzen in manchen amtlichen Verkostungskommissionen weiterhin Personen, deren sensorische Sozialisation aus einer Zeit stammt, in der Wein vor allem „sauber“, gefällig und normiert zu sein hatte.
Das Resultat ist unerquicklich.
Weine, die in London, New York oder Kopenhagen gefeiert werden, scheitern plötzlich an nationalen Prüfstellen. Und zwar nicht selten deshalb, weil sie nicht in ein sensorisches Formular aus dem späten 20. Jahrhundert passen. Genau darüber sprechen inzwischen immer mehr Winzer offen – auch weil der wirtschaftliche Schaden erheblich sein kann. Ein international begehrter Wein ohne staatliches Prüfsiegel wirkt nicht nur im eigenen Land plötzlich wie ein Außenseiterprodukt.
Dabei ist dieses kultur- und geschäftsschädigende Problem keineswegs auf Österreich beschränkt. Deutschland kennt diese Konflikte ebenso seit Jahren – wenn auch in geringerer Zahl. Auch dort existiert ein tief verwurzelter Apparat aus Prüfnummern, Kommissionen und Verkostungsgremien, deren Selbstverständnis oft noch aus einer Zeit stammt, als Behörden glaubten, Geschmack administrieren zu können.
Der deutsche Weinbau leidet ohnehin unter einer fast chronischen Überbürokratisierung. Kaum ein anderes großes Weinland reguliert, klassifiziert, prüft, kontrolliert und normiert mit vergleichbarer Leidenschaft. Vieles davon entstand ursprünglich aus nachvollziehbaren Gründen: Verbraucherschutz, Herkunftssicherung, Qualitätsgarantie. Doch wie so oft in Deutschland entwickelte sich aus vernünftiger Ordnungsliebe ein eigener Verwaltungsorganismus, der irgendwann begann, sich selbst wichtiger zu nehmen als jene Menschen, für die er ursprünglich geschaffen wurde. Das Resultat ist ein Weinbau, der vielerorts gegen internationale Konkurrenz kämpft und zugleich permanent mit Formularen, Prüfrastern und Behördenmentalitäten beschäftigt ist.
Und genau deshalb ist die politische Ebene interessant.
In Österreich sitzt mit Sepp Schellhorn inzwischen ein Mann in Regierungsverantwortung, der Gastronomie und Kulinarik nicht bloß theoretisch kennt, sondern aus dem täglichen Betrieb versteht. Man muss nicht jede politische Position Schellhorns teilen, um anzuerkennen, dass hier zumindest jemand spricht, der die Realität von Restaurants, Produzenten und Gästen tatsächlich erlebt hat.
Deutschland dagegen leistet sich mit Bundestagspräsidentin Julia Klöckner ausgerechnet eine ehemalige Deutsche Weinkönigin als einst auch politische Figur rund um Landwirtschaft und Wein – ohne dass sich daraus jemals ein spürbarer kulturpolitischer Aufbruch für den Weinbau ergeben hätte. Das ist fast tragikomisch.
Gerade der Weinbau hätte aber heute politische Stimmen nötig, die verstehen, dass sich Qualität nicht mehr ausschließlich in amtlichen Verkostungsprotokollen erschöpft. Die Welt des Geschmacks ist offener, internationaler und pluralistischer geworden. Junge Konsumenten interessieren sich längst weniger für staatliche Prüfnummern als für Herkunft, Glaubwürdigkeit und Persönlichkeit.
Das bedeutet nicht, dass jede modische Fehlgärung plötzlich zum Kulturgut erklärt werden muss. Natürlich gibt es auch schlechte Weine, unsaubere Kellerarbeit und sensorischen Unsinn. Aber genau deshalb braucht es Prüfer mit Neugier statt bloß Routine. Menschen, die Entwicklungen verstehen wollen, statt sie reflexhaft abzulehnen.
Denn der eigentliche Skandal liegt nicht darin, dass ein Wein einmal durchfällt. Der eigentliche Skandal liegt darin, wenn staatliche Systeme beginnen, ästhetische Entwicklungen systematisch zu bremsen, weil ihre Institutionen geistig in einer anderen Epoche verharren.
Und anzunehmend zeigt sich gerade in der Weinkontrolle etwas sehr Mitteleuropäisches: die tiefe Angst vor Kontrollverlust. Große Weinländer wie Frankreich oder Italien leben oft chaotischer, widersprüchlicher, manchmal auch riskanter. Deutschland und Österreich hingegen vertrauen traditionell auf Kommissionen, Stempel und Genehmigungen.
Das funktioniert hervorragend, solange die Welt stillsteht.
Nur steht sie eben nicht mehr still.

Verlieren wir Sauternes? Über die ewig anhaltende Absatzkrise in der berühmtesten Süßweinregion der Welt
(Manfred Klimek) Es gibt im Weinbau Katastrophen, die stattfinden, weil Klima, Wetter, Ungezifer und Politik sie verursachen: Frost, Hagel, Reblaus, Krieg. Und dann gibt es Niedergänge, die fast geräuschlos verlaufen. Niemand demonstriert dagegen, niemand schreibt Manifeste, niemand klebt sich an Weinfässer. Die Flaschen bleiben einfach liegen. Jahr für Jahr ein wenig länger. Bis irgendwann klar
(Manfred Klimek)
Es gibt im Weinbau Katastrophen, die stattfinden, weil Klima, Wetter, Ungezifer und Politik sie verursachen: Frost, Hagel, Reblaus, Krieg. Und dann gibt es Niedergänge, die fast geräuschlos verlaufen. Niemand demonstriert dagegen, niemand schreibt Manifeste, niemand klebt sich an Weinfässer. Die Flaschen bleiben einfach liegen. Jahr für Jahr ein wenig länger. Bis irgendwann klar wird, dass hier nicht bloß ein Markt schrumpft, sondern eine ganze Kulturtechnik verschwindet.
Genau das geschieht derzeit mit den großen Süßweinen aus Sauternes.
Jenen Weinen also, die gemeinsam mit Tokaj über Jahrhunderte zum Kostbarsten gehörten, das der europäische Weinbau hervorbringen konnte. Flüssiges Gold, von Königen verehrt, von Zaren gesammelt, von Schriftstellern beschrieben und von reichen Bürgern wie liturgische Objekte behandelt. Heute bekommt man gereifte Flaschen dieser Weine teilweise zu Preisen, die im Verhältnis zu ihrer Qualität beinahe absurd wirken – wie ein Witz. Und Château Yquem konnte vom Price-Race der letzten dreißig Jahre kaum profitieren. Die Kunden sterben weg, neue Klientel interessiert sich genau null für Weine aus dem Sauternes. Wer etwa beim Händler Alpina stöbert, findet alte Jahrgänge großer Sauternes oft günstiger als mittelmäßige Jungweine aus modischen Naturweinregionen.
Und trotzdem kauft sie kaum jemand.
Besonders tragisch ist das bei Gütern wie Château Suduiraut oder Château Doisy-Daëne. Suduiraut zählt seit Jahrzehnten zu den größten Süßweinadressen der Welt: monumental, komplex, beinahe unsterblich. Ein Wein, der easy über fünfzig Jahre altern kann, ohne auch nur den Hauch von Müdigkeit zu zeigen. Doisy-Daëne wiederum besitzt jene aristokratische Eleganz, die man früher „Upper Class“ nannte, ohne Ironie und ohne Scham. Weniger wuchtig als Suduiraut, aber oft berührender. Weine voller Safran, kandierter Zitrusfrüchte, Marille, Honig, Rauch und jenes kaum beschreibbaren Schimmers, den nur die Edelfäule Botrytis hervorbringen kann.
Denn die Wahrheit ist brutal: Diese großen Süßweine verkaufen sich nur noch in Mengen, die für die wirtschaftliche Realität moderner Spitzenweingüter kaum ausreichen. Die Folgen sieht man längst. Immer mehr Châteaux in Sauternes reduzieren ihre Süßweinproduktion massiv oder keltern zusätzlich trockene Weißweine. Manche davon sind hervorragend. Suduiraut etwa macht inzwischen bemerkenswert präzise trockene Bordeaux blancs. Doch die strategische Richtung dahinter ist offensichtlich: Man versucht zu überleben.
Denn die Süßweine bleiben liegen wie Blei.
Die Gründe dafür sind erstaunlich schwer exakt zu benennen. Sicher: Die Welt isst und trinkt heute anders. Weniger schwere Menüs, weniger große Tafeln, weniger opulente Desserts. Das Ritual des Süßweins nach dem Essen verschwand fast vollständig. Dazu kommt die neue Alkoholvorsicht der Gegenwart, in der schon ein Glas Wein moralisch diskutiert wird, ein konzentrierter Sauternes, oft mit 14% Alkohol, erst recht.
Aber das erklärt den Niedergang nur teilweise.
Denn parallel dazu boomt Zucker in fast allen anderen Bereichen des Konsums weiterhin brutal. Softdrinks, Patisserie, Eiscreme, Bubble Tea oder Energy Drinks kämpfen nicht ums Überleben. Das Problem scheint also weniger der Zucker selbst zu sein als die kulturelle Codierung dieser Weine. Sauternes wirkt für viele junge Konsumenten wie ein Getränk aus einer verschwundenen Welt. Aus einer Welt der Silberlöffel, Jagdgesellschaften und schweren Vorhänge.
Doch diese Weine waren nie bloß süß. Große Sauternes balancieren ihre Süße mit Säure, Bitterkeit, Gewürz und einer fast schneidenden Frische. Sie gehören technisch zu den kompliziertesten Weinen überhaupt. Die Erzeugung ist hochriskant. Botrytis funktioniert nur unter ganz bestimmten klimatischen Bedingungen. Die Trauben werden oft in mehreren Lesedurchgängen von Hand gelesen, Beere für Beere selektioniert. Der Ertrag ist minimal, die Gefahr des Totalverlustes enorm.
Auch im Tokaj sieht es inzwischen düster aus. Dort versuchte man über Jahre, trockene Weine als Zukunftsmodell zu etablieren, weil die klassischen Aszú-Weine immer schwieriger verkäuflich wurden. Teilweise mit Erfolg. Doch auch dort zeigt sich inzwischen: Die jahrhundertealte Kultur der großen Süßweine trägt ökonomisch nicht mehr zuverlässig.
Was wir derzeit erleben, ist daher womöglich mehr als ein bloßer Geschmackswandel. Es ist die langsame Verabschiedung einer europäischen Luxusidee, die über Jahrhunderte selbstverständlich war: dass Geduld, Komplexität, Alterungsfähigkeit und Überfluss eigene kulturelle Werte darstellen.
Die Süßweine aus Sauternes oder Tokaj passen nicht mehr recht in eine Zeit permanenter Beschleunigung. Sie verlangen Ruhe. Aufmerksamkeit. Langsamkeit. Wahrscheinlich werden diese Weine nie ganz verschwinden. Zu groß ist ihre Geschichte, zu einzigartig ihre Stilistik. Aber sie könnten zu etwas werden, das noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbar schien: zu einer kleinen, beinahe archäologischen Randkultur innerhalb des großen Weinbaus.
Und das wäre ein Verlust, weit über Bordeaux und Ungarn hinaus.

Orbit ohne Obauers: Eines der legendärsten Restaurants des Alpenraums schließt. Nach 47 Jahren. Und für immer
(Manfred Kimek / Claude Auguste / Redaktion / animated pic: ORF, runwayml) Restaurants schließen, weil das Geld fehlt. Andere schließen, weil die Kinder nicht übernehmen wollen – oder es gar keine Kinder gibt. Wieder andere verschwinden, weil die Zeit über sie hinweggeht. Und dann gibt es die Obauers in Werfen. Ein Restaurant, das nach 47
(Manfred Kimek / Claude Auguste / Redaktion / animated pic: ORF, runwayml)
Restaurants schließen, weil das Geld fehlt. Andere schließen, weil die Kinder nicht übernehmen wollen – oder es gar keine Kinder gibt. Wieder andere verschwinden, weil die Zeit über sie hinweggeht. Und dann gibt es die Obauers in Werfen. Ein Restaurant, das nach 47 Jahren zusperrt, obwohl es wirtschaftlich funktioniert, obwohl die Gäste weiterhin kommen würden und obwohl sein Ruf weit über Österreich hinausreicht. Ein Schlussstrich – einfach nur, weil das Rentenalter erreicht ist. Sowas ist selten geworden, einen etablierten Brand einfach aufzugeben. Und gerade deshalb erzählt diese Schließung mehr über die Gegenwart der Spitzengastronomie als viele Branchenanalysen.
Denn die Obauers waren nie bloß ein Restaurant. Sie waren ein eigener Kosmos.
Wer über fast fünf Jahrzehnte in der österreichischen und süddeutschen Gastronomie unterwegs war, kannte diesen Ort. Nicht als modische Adresse, nicht als Zirkusspektakel, sondern als Fixpunkt. Während andere Häuser sich alle paar Jahre neu erfanden, blieb man in Werfen bei sich selbst. Und genau das machte die Größe des Hauses aus.
Karl und Rudi Obauer hielten dort fast ein halbes Jahrhundert lang einen Betrieb zusammen – als Geschwister. Schon das alleine grenzt an ein Wunder. In der Gastronomie zerbrechen Familien oft an weit weniger als an 47 Jahren Hochdruckbetrieb, Festspielgästen, internationalen Erwartungen, Personalsorgen, wirtschaftlichen Krisen und der täglichen Frage, ob am Abend wieder alles funktionieren wird.
Bei den Obauers funktionierte es.
Nicht immer geschniegelt; gschniegelt musste es dort auch nie sein. Aber präzise. Mit einem enormen Instinkt für Gastlichkeit und einem Selbstverständnis, das sich nie anbiedern musste. Man fuhr nicht nach Werfen, um Teil eines gastronomischen Hypes zu sein. Man fuhr dorthin, weil man wusste, dass dort gekocht wurde wie an kaum einem zweiten Ort im voralpinen Raum.
Und zwar erstaunlich früh modern.
Lange bevor alpine Küche zum internationalen Schlagwort wurde, arbeiteten die Obauers bereits mit jener Mischung aus regionaler Tiefe und asiatischer Präzision, die später viele kopierten. Wer heute in den Bergen fermentierte Gemüsejus, klare Säuren oder reduzierte Produktküche feiert, vergisst oft, dass die Obauers damit bereits arbeiteten, als anderswo noch schwere Rahmsaucen als Höhepunkt der Raffinesse galten. Vielleicht war nur Bouley in Ravensburg ähnlich früh in dieser Verbindung aus Alpenraum und asiatischer Klarheit.
Dazu kam die eigenartige soziale Mischung dieses Restaurants. Salzburger Festspielgäste saßen dort neben Unternehmern aus Bayern, Schauspieler neben Skiindustriellen, internationale Weintrinker neben diskreten Stammgästen aus Salzburg, München oder selbst Stuttgart. Gerard Mortier oder Theatergrößen jüngerer Generationen fühlten sich dort gleichermaßen wohl, weil das Haus nie diesen unangenehmen Luxusgestus entwickelte, der viele Spitzenrestaurants irgendwann befällt.
Und dann dieser Keller.
Nicht riesig. Nie protzig. Kein Spektakel des Etikettenwahnsinns. Sondern ein Keller mit Intelligenz. Einer jener seltenen Weinkeller, die nicht beeindrucken wollen, sondern funktionieren. Große Burgunder, gereifte Bordeaux, präzise Österreich-Auswahl, starke deutsche Rieslinge, dazu immer wieder Überraschungen aus Randzonen des Weinbaus. Vor allem aber war der Keller hervorragend geführt.
Die Sommeliers der Obauers gehörten über Jahrzehnte zu den besten des Landes, gerade weil sie keine Selbstdarsteller waren. Keine Weinprediger. Keine Flascheninfluencer avant la lettre. Sie verstanden etwas, das in vielen Spitzenrestaurants verloren ging: Der Wein dient dem Abend und nicht dem Ego des Sommeliers. Deshalb funktionierten dort auch große Flaschen oft so selbstverständlich. Man bekam sie ohne Theater. Ohne Bildungsbürgerzeremonie. Ohne dauernde Erklärung der eigenen Wichtigkeit. Das Haus hatte Stil, aber nie Stilbewusstsein im schlechten Sinn.
Und jetzt also Schluss.
Keine Nachfolger. Kein Verkauf an Investoren. Kein „kulinarisches Konzept für die Zukunft“. Einfach Ende. Das wirkt in einer Zeit permanenter Markenverlängerung fast radikal. Denn heute wird alles weitergeführt: Hotels, Labels, Namen, Küchen, selbst tote Köche existieren noch als Lizenzmodelle. Die Obauers hingegen hören einfach auf. Punkt.
Punkt!
Nicht jede Legende muss künstlich konserviert werden. Manche dürfen einfach enden. Diese Legende endet am 26. Oktober 2026.
Sharing is Caring: Warum fast alle deutschen Winzer Social Media so gar nicht verstehen
(Manfred Klimek / Redaktion) Die deutschen Winzer haben das Internet verstanden. Und genau das ist ihr Problem. Denn Social Media ist eben nicht das Internet der frühen 2000er-Jahre. Nicht mehr Homepage, Newsletter, PDF-Preisliste und sauber ausformulierte Betriebsphilosophie. Social Media ist kein digitaler Messestand. Kein verlängertes PR-Büro. Kein Weinführer in Bewegung. Social Media ist etwas viel
(Manfred Klimek / Redaktion)
Die deutschen Winzer haben das Internet verstanden. Und genau das ist ihr Problem.
Denn Social Media ist eben nicht das Internet der frühen 2000er-Jahre. Nicht mehr Homepage, Newsletter, PDF-Preisliste und sauber ausformulierte Betriebsphilosophie. Social Media ist kein digitaler Messestand. Kein verlängertes PR-Büro. Kein Weinführer in Bewegung. Social Media ist etwas viel Chaotischeres, Widersprüchlicheres, Emotionaleres. Und genau daran scheitern erstaunlich viele deutsche Weingüter bis heute.
Dabei sind inzwischen fünfundzwanzig Jahre vergangen, seit diese Kommunikationsform in die Welt krachte wie einst das Privatfernsehen. Und trotzdem wirkt ein großer Teil des deutschen Weinbaus dort noch immer wie ein sehr guter Steuerberater auf einer Studentenparty.
Das beginnt schon bei der Grundfrage: Was ist Social Media überhaupt?
Viele größere Betriebe glauben noch immer, es handle sich um eine Art technisch optimierbares Informationssystem. Also engagiert man Agenturen, Markenberater, Reichweitenexperten, KPI-Verwalter und Contentstrategen. Dann entstehen perfekt ausgeleuchtete Bilder mit perfekt drapierten Gläsern und perfekt formulierten Texten über „Vision“, „Nachhaltigkeit“, „Werte“ und „Authentizität“. Das Problem ist nur: Niemand interessiert sich dafür.
Ich beobachte seit einiger Zeit einen durchaus renommierten Betrieb an der Mosel, dessen Namen ich bewusst nicht nennen möchte. Dort wurde offenbar sehr viel Geld in ein modernes Social-Media-Konzept investiert. Zielgruppe: junge Menschen zwischen Lifestyle, Kulinarik und Urbanität, also genau jene Generation, die dem Wein zunehmend entgleitet. Alles wirkt auf den ersten Blick professionell. Die Bildsprache stimmt. Die Farbwelt stimmt. Die Texte wirken durchdacht. Wahrscheinlich existieren dort sogar Excel-Tabellen über Posting-Frequenzen und Reichweitenkorridore.
Und dann schaut man auf die Likes. Und merkt: Das Publikum reagiert kaum.
Warum? Weil Social Media keine Einbahnstraße ist. Und schon gar keine wissenschaftliche Disziplin. Social Media funktioniert nicht wie Markenführung im Jahr 1998. Die sozialen Netzwerke folgen nicht der Logik klassischer Werbung, sondern der Logik sozialer Dynamik. Das klingt banal, wird aber von erstaunlich vielen Weinbetrieben bis heute nicht verstanden.
Der zentrale Begriff lautet: Teilnahme. Und genau hier versagt die Branche oft spektakulär.
Viele Winzer verwenden Instagram oder Facebook ausschließlich zur Selbstsendung. Flasche. Keller. Sonnenuntergang. Traktor. Weinberg. Messefoto. Punkt. Was fast völlig fehlt, ist Interaktion. Und noch stärker fehlt etwas, das im angelsächsischen Raum längst selbstverständlich ist: „Sharing is Caring“.
Das bedeutet ganz simpel: Andere sichtbar machen. Andere Winzer liken. Sommeliers teilen. Händler erwähnen. Gäste reposten. Kleine Erfolge anderer feiern. Gute Flaschen anderer Betriebe zeigen. Ein Netzwerk erzeugen. Atmosphäre schaffen. Gemeinschaft simulieren oder tatsächlich leben.
Genau das passiert im deutschen Weinbau erstaunlich selten.
Vielleicht liegt das auch an einer kulturellen Eigenheit. Der deutsche Qualitätsweinbau war jahrzehntelang stark hierarchisch organisiert: Punkte, Führer, Ranglisten, Autoritäten. Man blickte eher nach oben als zur Seite. Kollegiale Öffentlichkeit entstand kaum. Viele Betriebe verstehen Social Media deshalb bis heute wie eine digitale Litfaßsäule: Man sendet. Die anderen sollen konsumieren. Doch Social Media belohnt nicht Kontrolle, sondern Energie. Nicht Ordnung, sondern Bewegung. Nicht Perfektion, sondern Anschlussfähigkeit.
Die erfolgreichsten Weinaccounts weltweit zeigen das längst. Dort wird improvisiert, kommentiert, gelacht, gestritten, gekocht, geöffnet, geteilt. Da tauchen Hunde auf, schiefe Videos, spontane Verkostungen, dumme Momente, Müdigkeit nach der Lese, kleine Euphorien, auch mal schlechte Laune. Kurz: Persönlichkeit.
Und genau daran fehlt es vielen deutschen Betrieben. Nicht wegen mangelnder Intelligenz. Sondern weil sie Social Media mit Unternehmenskommunikation verwechseln. Das ist übrigens kein rein deutsches Problem. Aber in Deutschland wirkt es besonders ausgeprägt, weil hier vieles sofort professionalisiert, organisiert und vermessen wird. Kaum entsteht eine neue Kommunikationsform, kommt jemand mit Statistik, Strategiepapier und Effizienzmodell. Das mag in der Industrie hervorragend funktionieren. In sozialen Netzwerken oft nicht. Denn Social Media bleibt trotz aller Algorithmen bis heute ein erstaunlich anarchischer Raum. Menschen reagieren dort nicht primär auf Perfektion, sondern auf Resonanz. Sie wollen keine sterile Markenwelt betreten. Sie wollen spüren, dass hinter einem Betrieb echte Menschen stehen.
Das ist das Missverständnis der Branche: Wein ist eines der emotionalsten Kulturprodukte überhaupt. Aber seine digitale Kommunikation gehört oft zum emotionsärmsten, kontrolliertesten und vorhersehbarsten Material der gesamten Genussindustrie. Dabei wäre gerade Wein ideal für soziale Netzwerke. Geschichten, Reisen, Menschen, Essen, Missgeschicke, Freundschaften, Jahrgänge, Streit, Euphorie, Erschöpfung, Wetter, Musik, Architektur, Nächte – all das steckt ja bereits im Produkt.
Sie müssten nur endlich aufhören, Social Media wie eine PowerPoint-Präsentation zu behandeln.

20 Jahre Battenfeld-Spanier. Mr. Auguste überbringt seine Devotionalien.
(Claude Auguste / Redaktion / animated pic: runwayml) Vor zwanzig Jahren galten Carolin Spanier und Hans Oliver Spanier in Rheinhessen nicht bloß als ambitioniert. Sie galten vielen als leicht verrückt. Zwei junge, gut aussehende Bürgerliche, die davon überzeugt waren, dass ausgerechnet Rheinhessen – diese Region, über die man im Rheingau und an der Mosel gerne
(Claude Auguste / Redaktion / animated pic: runwayml)
Vor zwanzig Jahren galten Carolin Spanier und Hans Oliver Spanier in Rheinhessen nicht bloß als ambitioniert. Sie galten vielen als leicht verrückt. Zwei junge, gut aussehende Bürgerliche, die davon überzeugt waren, dass ausgerechnet Rheinhessen – diese Region, über die man im Rheingau und an der Mosel gerne als „umgepflanzte Kartoffeläcker“ spottete – große, präzise, langlebige trockene Weißweine hervorbringen könne. Und zwar Weltklasse. Und das war es, das mich, etwas älter als die beiden, sofort interessierte.
Rheinhessen war zu Beginn der 2000er-Jahre zwar flächenmäßig riesig, aber imagetechnisch noch tief im Schatten der deutschen Prestigegebiete gefangen. Viel Masse, viel Genossenschaft, viel einfache Literware. Dass ausgerechnet hier eine neue Weinbau-Avantgarde entstehen sollte, hielt man in vielen traditionellen Regionen für, subtil gesagt, grotesk. Große trockene Rieslinge? Aus Hohen-Sülzen? Aus der Grenzregion Zellertal (Ok: dort gab es schon davor eine gewisse Lagentradition)? Aus einer Gegend, die jahrzehntelang für unkomplizierte Schoppenweine stand, fürs Schunkelsaufen zu Heino-Songs?
Doch genau dort begannen Carolin Spanier und H.O. Spanier ihren Feldzug gegen die Mittelmäßigkeit, und sie taten etwas, worüber damals fast die gesamte umgebende Branche lachte: Sie stellten früh auf Biodynamie um. Gemeinsam mit Philipp Wittmann gehörten sie zu den allerersten ernstzunehmenden biodynamischen Betrieben Rheinhessens. Heute ist Biodynamie längst Teil eines internationalen Qualitätsdiskurses. Vor zwanzig Jahren war sie vielerorts ein Anlass für Spott. Von chemischen Hilfsmittel lassen? Viele Winzer hielten das für esoterischen Unfug. Manche taten es offen, andere hinter vorgehaltener Hand.
Die Gillot-Spaniers gingen trotzdem weiter, weil sie bemerkten, dass ihre Böden lebendiger wurden, ihre Trauben präziser reiften und ihre Weine an Spannung gewannen. Das ist ein wichtiger Unterschied. Bei Battenfeld-Spanier und Kühling-Gillot war Biodynamie nie Folklore, sondern Mittel zum Zweck. Und der Zweck war immer derselbe: bessere Weine. Und dann war da noch das Experiment zwei eigentlich unterschiedliche Weingüter zu einem Gut zusammenzulegen und damit auch die historischen Erzählung, vor allem jene von Kühling-Gillot, einer frischen, einer neuen Legende unterzuordnen – einfach einen Strich drunter zu ziehen. Ohne Anwälte wie mich dazu zu benötigen.
Vor allem aber verstanden die beiden früh etwas, das damals nur wenige begriffen: Deutschland würde international nur mit trockenen Spitzenweinen wieder groß werden. Nicht mit Restzuckerromantik, sondern mit Herkunft, Präzision und Struktur.
Am Roten Hang in Nierstein, den Carolin Spanier aus der Familientradition mitbrachte, entstanden Rieslinge, die eine salzige Dramatik entwickelten. Pettenthal, Rothenberg, Ölberg oder Hipping zählen heute zu den großen trockenen Rieslinglagen Europas. Und H.O. Spanier begann parallel dazu das Zellertal neu zu denken. Eine Gegend, die lange kaum jemand ernst nahm. Kalksteinböden, kühle Luftströme, eine fast burgundische Klarheit der Säure – all das erkannte er sehr früh. Kirchenstück, Frauenberg oder Schwarzer Herrgott wurden zu Weinen, die zeigten, dass das obere Rheinhessen auch Tiefe, Spannung und Lagerfähigkeit konnte.
Wir dürfen dabei nie vergessen: Das alles geschah in einer Zeit, in der der deutsche Wein gerade erst begann, seine infernalische Nachkriegsprovinzialität abzuschütteln. Die alten Etiketten, die altväterische Sprache, die Behäbigkeit vieler Betriebe – dagegen setzten die Spaniers eine neue Ästhetik. Klarheit. Architektur. Präzision. Internationale Anschlussfähigkeit. Ohne dabei amerikanisierte Fruchtbomben für den Export zu produzieren.
Wirtschaftlich gingen die frischen Eheleute Risiken ein, die heute gerne vergessen werden. Große Lagen erneuern, biodynamisch arbeiten, internationale Märkte aufbauen, Keller modernisieren, ein Verkostungshaus und das Wohnhaus neu bauen – das alles kostete Geld. Viel Geld. Während andere noch diskutierten, investierten die Spaniers bereits in eine Zukunft, die sie deutlicher sahen als viele ihrer Kollegen.
Heute, nach 20 Jahren Arbeit im gemeinsamen Betrieb, sind Battenfeld-Spanier und Kühling-Gillot längst etablierte Größen. Ihre Weine werden über den Place de Bordeaux gehandelt, sie zählen zu den wichtigsten deutschen Exportbetrieben im Premiumsegment, und junge Winzer orientieren sich an ihnen, so wie man sich früher an französischen Vorbildern orientierte. Interessant bleibt vor allem die Geschwindigkeit dieses Aufstiegs. Zwanzig Jahre sind im Weinbau nichts. Eine Generation. Mehr nicht.
Und das ist die primäre Leistung der beiden: Dass sie bewiesen haben, wie schnell sich Weinregionen verändern können, wenn Menschen bereit sind, gegen den Spott, gegen die Behäbigkeit und gegen die Sicherheit zu arbeiten – gegen den Strom zu schwimmen. Aus den „Kartoffeläcker“-Regionen kamen plötzlich einige der präzisesten trockenen Rieslinge Europas.
Und die, die damals lachten, trinken diese Weine heute selbst ziemlich gerne.

Was Krebs heilt, heilt auch den Weinbau? Ein neues RNA-Mittel revolutioniert die Schädlingsbekämpfung
(Redaktion) Der Weinbau hat sich lange als ein System verstanden, das aus sich selbst, aus der Natur heraus funktioniert. Rebe, Boden, Klima – mehr brauche es nicht, so die klassische Erzählung. Alles andere galt als Störung. Oder als Korrektiv, das man möglichst unsichtbar hielt. Diese Erzählung hält sich bis heute, auch weil sie vor allem
(Redaktion)
Der Weinbau hat sich lange als ein System verstanden, das aus sich selbst, aus der Natur heraus funktioniert. Rebe, Boden, Klima – mehr brauche es nicht, so die klassische Erzählung. Alles andere galt als Störung. Oder als Korrektiv, das man möglichst unsichtbar hielt. Diese Erzählung hält sich bis heute, auch weil sie vor allem im Naturweinbau gut klingt. Sie ist anschlussfähig, sie verkauft sich. Und sie gerät zunehmend unter Druck. Und mit ihr geraten auch herkömmliche “grüne” Pflanzenschutzmittel unter Druck.
Das Projekt Grape4vine der Universität Mailand zeigt, wie weit sich die Realität bereits davon entfernt hat. Federführend sind unter anderem die Molekularbiologin Vittoria Catara und der Agrarwissenschaftler Giovanni Perazzolli, unterstützt von einem Konsortium aus Forschungseinrichtungen und industriellen Partnern, darunter das italienische Forschungszentrum CREA sowie mehrere Biotech-Unternehmen und Weinbaubetriebe.
Der Ansatz ist ebenso nüchtern wie radikal. Was im Weinbau bislang als Abfall anfällt – Trester, Rebschnitt, Rückstände aus der Verarbeitung – wird nicht mehr entsorgt, sondern zum Ausgangspunkt einer neuen Produktionslogik. Aus diesen Reststoffen werden sogenannte dsRNA-Moleküle gewonnen. Diese Moleküle greifen gezielt in die genetischen Prozesse von Krankheitserregern ein. Sie „schalten“ bestimmte Gene ab, die für die Ausbreitung von Pilzen und anderen Pathogenen notwendig sind. Krebspatienten und am der Forschung interessierte kennen diesen Prozess. Und Grape4vine ist ein Nebenprodukt der Krebsforschung – so absurd das vielleicht klingen mag.
Das Ziel ist klar: weniger klassische Pflanzenschutzmittel, weniger chemische Eingriffe, mehr Präzision. In einer Branche, in der Reben je nach Region bis zu zwanzig Mal pro Saison behandelt werden müssen, ist das ein Versprechen mit Gewicht. Und es ist Teil einer größeren Idee, die das Projekt ausdrücklich verfolgt: der Übergang zu einer zirkulären Ökonomie im Weinbau. Nichts soll verloren gehen, alles soll verwertet werden.
Das klingt nach Fortschritt. Und ist es auch.
Gleichzeitig verschiebt sich damit der Begriff von Natürlichkeit. Der Eingriff wird nicht mehr sichtbar auf die Pflanze aufgebracht, sondern findet auf molekularer Ebene statt. Nicht mehr das Mittel selbst steht im Fokus, sondern seine Wirkung im Inneren der biologischen Prozesse. Der Weinberg wird zum Ort einer Steuerung, die sich der unmittelbaren Wahrnehmung entzieht. Genau das, der technische Ansatz, wird im naturverliebten Naturweinkeltern auf Misstrauen stoßen, denn da dämmert der böse Begriff “Gentechnik”.
Doch die beteiligten Wissenschaftler betonen, dass es sich nicht um klassische Gentechnik handelt. Es werden keine Gene verändert, keine Organismen dauerhaft modifiziert. Die dsRNA-Moleküle wirken temporär, sie zerfallen, sie hinterlassen keine bleibenden Spuren im genetischen Material der Rebe. Das ist der entscheidende Unterschied – und zugleich der Punkt, an dem die Diskussion beginnt.
Denn die Frage ist nicht nur, was technisch möglich ist. Sondern auch, was akzeptiert wird.
In ersten Stellungnahmen aus der Branche zeigt sich ein geteiltes Bild. Einige größere Betriebe und Genossenschaften sehen in solchen Verfahren eine notwendige Entwicklung. Klimawandel, Krankheitsdruck, regulatorische Vorgaben – all das zwingt den Weinbau zu neuen Lösungen. Präzisere, zielgerichtete Methoden erscheinen hier als logischer Schritt.
Andere äußern Zweifel. Vor allem Vertreter biodynamischer und traditionell arbeitender Weingüter stellen die Frage, ob ein solcher Eingriff noch mit dem Selbstverständnis ihrer Arbeit vereinbar ist. Nicht aus Technikfeindlichkeit, sondern aus einem anderen Verständnis von Eingriff und Prozess. Wenn der Weinbau beginnt, auf genetischer Ebene zu steuern, verschiebt sich die Grenze dessen, was man unter „Arbeit mit der Natur“ versteht.
Auch auf Konsumentenseite ist die Lage offen. Der Markt reagiert sensibel auf Begriffe, die mit Biotechnologie assoziiert sind. Gleichzeitig wächst der Druck, nachhaltiger zu produzieren. Weniger Spritzmittel, weniger Belastung, mehr Effizienz – das sind Erwartungen, die sich nicht ignorieren lassen. Grape4vine steht genau in diesem Spannungsfeld. Zwischen technischer Innovation und kultureller Selbstbeschreibung. Zwischen dem Wunsch nach Reduktion von Eingriffen und der Einführung neuer, komplexerer Eingriffe.
Für den Wein bedeutet das eine stille, aber tiefgreifende Verschiebung. Das Narrativ vom unveränderten Produkt, das ausschließlich aus Boden und Klima entsteht, wird zunehmend ergänzt durch ein Wissen, das aus Laboren kommt. Nicht als Ersatz, sondern als Erweiterung. Doch diese Erweiterung verändert den Blick. Der Weinbau wird dadurch nicht weniger anspruchsvoll. Im Gegenteil. Er wird komplexer. Und er verlangt nach einer neuen Form der Einordnung. Einer, die nicht sofort urteilt, sondern versteht, was hier passiert. Denn die Frage ist nicht, ob sich der Weinbau verändert. Das tut er längst.
Die Frage ist, wie wir darüber sprechen.

Zum Tag der Arbeit: Wein war einst im europäischen Süden das Getränk der Arbeiterschaft. Eine Erinnerung an vermeintlich klassenloses Trinken
(Manfred Klimek / pic: Bundesarchiv, animation: runwayml) Der 1. Mai ist ein Tag, an dem wir über die Arbeiterklasse sprechen. Und über Arbeit – die manuelle, die die Hände braucht. Über Produktion, über Klassen, über die Verhältnisse, die Menschen in bestimmte Rollen drängen – oder ihnen ermöglichen, sich daraus zu lösen. Und es ist ein
(Manfred Klimek / pic: Bundesarchiv, animation: runwayml)
Der 1. Mai ist ein Tag, an dem wir über die Arbeiterklasse sprechen. Und über Arbeit – die manuelle, die die Hände braucht. Über Produktion, über Klassen, über die Verhältnisse, die Menschen in bestimmte Rollen drängen – oder ihnen ermöglichen, sich daraus zu lösen. Und es ist ein guter Tag, um sich daran zu erinnern, dass Wein über sehr lange Zeit kein Kulturgut der feinen Unterschiede war, sondern ein integraler Bestandteil jener materiellen Alltagskultur, die man heute mit einiger Distanz als vormodern bezeichnen würde.
Noch vor fünfzig Jahren war Wein in weiten Teilen des europäischen Südens das Getränk der Arbeiter- und Bauernklasse. Kein Luxus, keine symbolische Aufladung, sondern funktionale Selbstverständlichkeit. Mehr als achtzig Prozent der gekelterten Weine waren einfache, süffige Kreszenzen – oft rustikal, selten fehlerfrei, aber trinkbar, nahrhaft, begleitend. Sie standen mittags wie abends auf dem Tisch, verdünnt mit Wasser, eingebettet in eine Ernährungsweise, die weniger von Hedonismus als von Notwendigkeit geprägt war. Wein war hier nicht Distinktionsmittel, sondern Kalorienquelle, Flüssigkeit, Ritual.
Diese Praxis folgte keiner Ästhetik, sondern einer Ökonomie. Sie war Ausdruck eines agrarisch geprägten Lebens, in dem Produktion und Konsum kaum getrennt waren. Der Winzer und seine Leute tranken ihren eigenen Wein, der Arbeiter den aus der Region. Es gab keine elaborierte Semantik des Geschmacks, keine elaborierte Hierarchisierung von Lagen, Jahrgängen, Ausbauformen. Was zählte, war Verfügbarkeit.
Mit dem Übergang in eine spätmoderne Gesellschaft veränderte sich dieses Gefüge fundamental. Das aufstrebende neue Bürgertum – ökonomisch erstarkt, kulturell suchend – begann, diese Lebensform zu adaptieren. Nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Wahl. Der Wein, zuvor zumeist bloßes Gebrauchsgut, wurde zum Objekt der Reflexion. Qualität wurde entdeckt, differenziert, systematisiert. Und mit ihr kam die Distinktion.
Was Pierre Bourdieu als symbolisches Kapital beschrieben hat, ließ sich im Wein exemplarisch beobachten. Die Wahl des Weins wurde zum Marker sozialer Zugehörigkeit. Herkunft, Rebsorte, Ausbau – alles erhielt Bedeutung. Der einfache Tischwein verschwand aus den besseren Haushalten, ersetzt durch komplexere, „höherwertige“ Gewächse, die nicht nur getrunken, sondern besprochen wurden. Der Wein wurde zum Diskursgegenstand.
Diese Phase hat den modernen Weinbau geprägt. Sie hat Innovation ermöglicht, Qualitätsdenken etabliert, Regionen auf die Landkarte gebracht. Aber sie war immer auch exklusiv. Und sie ist, in dieser Form, vorbei.
Die Arbeiterklasse, soweit sie in ihrer klassischen Form noch existiert, trinkt heute kaum mehr Alkohol im Arbeitsalltag. Arbeitsrechtliche Regulierungen, Sicherheitsvorschriften, ein gestiegenes Bewusstsein für Risiken – all das hat den Wein aus den Produktionsprozessen verbannt. Was früher Teil der Tagesstruktur war, ist heute aus ihr ausgeschlossen.
Hinzu kommt eine demografische Verschiebung, die selten offen thematisiert wird. Ein erheblicher Teil der heutigen Arbeiterklasse in vielen europäischen Ländern besteht aus Menschen mit muslimischem Hintergrund. Für sie ist Alkohol kein kulturell verankertes Alltagsgut, sondern oft bewusst vermiedene Substanz. Der Wein verliert hier nicht nur seine Funktion, sondern auch seine Anschlussfähigkeit.
Parallel dazu erodiert das bürgerliche Distinktionsmodell. Die großen Erzählungen vom besseren Wein, vom exklusiven Genuss, vom kulturellen Kapital des Kenners haben an Überzeugungskraft verloren. Nicht, weil es keine großen Weine mehr gäbe. Sondern weil die soziale Funktion, die sie einst erfüllten, brüchig geworden ist. Der Konsum hat sich pluralisiert, fragmentiert, entideologisiert.
Und doch wäre es vorschnell, daraus einen Abgesang zu formulieren. Denn Wein hat bereits eine Transformation überstanden, die ebenso radikal war wie die gegenwärtige. Vom Alltagsgetränk der Arbeiter und Bauern zum Kulturgut des Bürgertums – das war kein linearer Prozess, sondern ein Bruch. Dass er gelungen ist, lag nicht zuletzt an der Fähigkeit des Weins, sich neu zu codieren, neue Bedeutungen anzunehmen, ohne seine materielle Basis zu verlieren.
Heute steht er erneut an einem solchen Punkt. Der Markt schrumpft in bestimmten Segmenten, Gewohnheiten verändern sich, gesellschaftliche Rahmenbedingungen verschieben sich. Aber die grundlegende Qualität des Weins – seine Fähigkeit, Ort, Zeit und Arbeit in einer Form zu verdichten, die unmittelbar erfahrbar ist – bleibt bestehen.
Mag sein, dass Wein in Zukunft weniger getrunken wird. Vielleicht, wahrscheinlich sogar, wird er seine Rolle erneut verändern. Aber die Geschichte legt nahe, dass er nicht verschwinden wird. Zu tief ist er in den kulturellen, ökonomischen und symbolischen Strukturen Europas verankert.
Der 1. Mai erinnert daran, dass alle diese Strukturen auf Arbeit beruhen. Auch der Wein. Und vielleicht liegt genau darin seine beständigste Form von Bedeutung.

Der ganz normale Wahnsinn: deutsche Weinbaubürokratie am Fall Van Volxem
(Manfred Klimek, animated pic: runwayml) Es sind diese Fälle, die ich eigentlich nicht glauben will, weil sie zu gut zu derzeitigen Lage Deutschlands passen. Roman Niewodniczanski macht an der Saar einen seinenr besten Weine – und darf ihn nicht als solchen verkaufen. Nicht, weil der Wein nicht gut genug wäre. Nicht, weil er Fehler hätte.
(Manfred Klimek, animated pic: runwayml)
Es sind diese Fälle, die ich eigentlich nicht glauben will, weil sie zu gut zu derzeitigen Lage Deutschlands passen. Roman Niewodniczanski macht an der Saar einen seinenr besten Weine – und darf ihn nicht als solchen verkaufen. Nicht, weil der Wein nicht gut genug wäre. Nicht, weil er Fehler hätte. Sondern weil er nicht ins Regelwerk passt. Kein Siegel, keine Klassifikation, kein Premiumstatus. Ein Spitzenwein, formal degradiert. Und das bei einem der sichtbarsten Betriebe der Region, dem Weingut Van Volxem. Und bei einem der weltweit bekanntesten deutschen Weinberge: den Scharzhofberg – Legende!
Man muss sich das langsam vor Augen führen. Da steht jemand mit seinem Team im Weinberg, arbeitet präzise, denkt weiter als der Durchschnitt, bringt einen Wein in die Flasche, der alles hat, was wir uns wünschen – und scheitert dann nicht im Keller, nicht am Markt, sondern am Formular. Am fukking Formular.
An Vorschriften, die festlegen, wie ein Wein zu sein hat, bevor er überhaupt getrunken wird. Das ist kein Randphänomen. Das ist System. Und es trifft ausgerechnet einen Winzer, der aus einer Unternehmerfamilie kommt, die mit Bitburger Bier und Gerolsteiner Mineralwasser groß geworden ist – also aus einem Umfeld, das Märkte versteht, Marken führen kann und weiß, wie man Produkte positioniert. Genau dieser Hintergrund macht den Fall noch bemerkenswerter.
Der deutsche Weinbau hat sich über Jahrzehnte ein Regelwerk gebaut, das Sicherheit verspricht. Herkunft, Stil, Klassifikation – alles fein säuberlich geordnet, abgestuft, kontrolliert. Das hat Vorteile. Es schafft Orientierung, Vertrauen, ein Gefühl von Verlässlichkeit. Aber es hat auch eine Kehrseite. Und die zeigt sich immer dann, wenn jemand aus diesem Raster herausarbeitet. Wenn einer wie Roman Niewodniczanski bei Van Volxem einen Wein macht, der vielleicht bewusster, vielleicht präziser, vielleicht einfach anders ist als vorgesehen.
Denn das System belohnt nicht primär Qualität. Es belohnt Konformität. Und das ist untauglich im Qualitätsweinbau – untauglich generell.
Wer sich innerhalb der Linien bewegt, bekommt sein Siegel, seine Herkunft, seine Vermarktungschance. Wer diese Linien verschiebt, auch nur leicht, verliert genau das. Und plötzlich steht da ein Wein, der im Glas überzeugt, aber auf dem Etikett schweigen muss. Kein „Großes Gewächs“, kein Premiumhinweis, kein klarer Platz im System. Für den Konsumenten wird er unsichtbar. Für den Winzer wirtschaftlich schwieriger. Dass das ausgerechnet Roman Niewodniczanski passiert, der mit Van Volxem wie kaum ein anderer, mit einer Handvoll anderer, für Präzision und Ambition an der Saar steht, wirkt wie ein Lehrstück.
Das ist die eigentliche Absurdität. Ein System, das Qualität sichern will, verhindert in bestimmten Fällen genau jene Qualität, die es hervorbringen sollte.
Und es bleibt nicht beim Wein.
Diese Form der Überregulierung ist längst zu einem Grundrauschen geworden, das sich durch viele Bereiche des Landes zieht. Genehmigungen, Vorschriften, Zuständigkeiten – alles geregelt, alles abgesichert, alles kontrolliert. Und gleichzeitig entsteht daraus eine Trägheit, die Innovation nicht fördert, sondern ausbremst. Nicht laut, nicht spektakulär. Aber konstant. Ein Staat, der sich selbst so fein austariert hat, dass er an vielen Stellen mehr verwaltet als ermöglicht.
Der Weinbau ist dafür ein besonders gutes Beispiel, weil hier die Folgen so direkt sichtbar werden. Ein Wein ist kein theoretisches Produkt. Er steht im Glas. Man kann ihn probieren, vergleichen, beurteilen. Und wenn dieser Wein gut ist, sehr gut sogar, dann wird die Diskrepanz zwischen Regel und Realität sofort spürbar. Genau das zeigt der Fall Van Volxem.
Ich könnte sagen: Dann soll der Winzer eben außerhalb des Systems arbeiten. Viele tun das längst. Landwein, eigene Kategorien, neue Wege der Vermarktung. Aber das ist gerade beim Scharzhofberg keine Lösung. Denn das bestehende System bleibt bestehen. Mit all seinen Marktmechanismen, seiner Sichtbarkeit, seiner Macht.
Deutschland ist gut darin, Systeme zu bauen. Sehr gut sogar. Aber manchmal vergisst es dabei, wofür diese Systeme eigentlich gedacht sind. Sie sollen ermöglichen, nicht verhindern. Sie sollen ordnen, nicht ersticken.
Der Scharzhofberger von Roman Niewodniczanski wird trotzdem getrunken werden – dass nicht: dazu ist der Name des Bergs zu groß in der Weinwelt. Er wird nie die Geschichte eines Scheitern erzählen. Aber in einem kleinem Maß die Geschichte des gegenwärtigen Scheiteren Deutschlands.
