spit on my grave
aber bitte Wein. Fünf Weine, sich die Apokalypse schönzutrinken.
15. Mai 25, Klimek. Die Welt ist ein Saustall! Und keiner mistet aus. Es brennt. Im Nahen Osten, in der Ukraine, in den USA, in den Medien. Das Klima ist ein Totalschaden, die Börse ein Glücksspiel, und in Berlin regiert bald eine Schuldenkoalition, die sich bemühen wird, das Richtige zu tun – Schwerpunkt auf Bemühen. Das Einzige, was uns dieser Tage bleibt, ist das Glas in der Hand.
DEUtschbahn
Den Spies dreht keiner um – die DB und ihr einzig schöner Moment!
16 Mai 25 Klimek. Ich bin mit dem Zug nach Rheinhessen gefahren. Vor Wein-Achten. Mit dem Zug nach Rheinhessen zu fahren heißt in 95% der Fälle mit der DB fahren zu müssen: jenem Konzern, der es seit 2003 ca schafft, mein Nervenkostüm zu zerschneiden, ohne daraus ein neues, besseres Nervenkleid schneidern zu können – ganz im Gegenteil.

Einmal Sylt. Einundzwanzig österreichische Weine. Eine Großverkostung
(Gerhard Retter / Redaktion) Sylt gehört nicht zu jenen Orten, an welchen wir österreichische Spitzenweine erwarten. Draußen bestimmen Dünen, Heide und Nordsee das Bild, drinnen kocht Jan-Philipp Berner seit Jahren auf einem Niveau, das weit über Deutschland hinaus Beachtung findet. Genau dort lud Österreich-Wein zu einer großen Verkostung ein. Nach wenigen Gläsern spielte der Ort
(Gerhard Retter / Redaktion)
Sylt gehört nicht zu jenen Orten, an welchen wir österreichische Spitzenweine erwarten. Draußen bestimmen Dünen, Heide und Nordsee das Bild, drinnen kocht Jan-Philipp Berner seit Jahren auf einem Niveau, das weit über Deutschland hinaus Beachtung findet. Genau dort lud Österreich-Wein zu einer großen Verkostung ein. Nach wenigen Gläsern spielte der Ort allerdings keine Rolle mehr. Gute Weine brauchen keinen Heimvorteil.
Der Söl’ring Hof besitzt eine angenehme Selbstverständlichkeit. Niemand muss dort beweisen, wie gut Küche oder Service sind. Das beginnt schon bei den ersten Gängen. Buchweizenkeks mit Nussbutter, Lachsforelle mit Kartoffel und Malz, Tatar vom Holsteiner Rind mit Kieler Sprotte, Rote Bete mit Pflaumenkern und Rose, Kalmar mit Fenchel und Croustade – jedes Gericht war klar gedacht und präzise gekocht. Die Produkte standen im Mittelpunkt. Das genügte vollkommen.
Fast noch interessanter war für mich der Blick auf den Service. Wer viele Jahre als Maître gearbeitet hat, beobachtet automatisch die Dinge zwischen Küche und Gast. Laufwege. Blickkontakt. Das richtige Timing. Das Nachschenken eines Glases im passenden Moment. Im Söl’ring Hof geschah all das mit einer Ruhe, die sich nicht einstudieren lässt; sie entsteht erst, wenn ein Team über Jahre zusammengewachsen ist.
Dann kamen die österreichischen Weine.
Wer den österreichischen Weinskandal der achtziger Jahre noch erlebt hat, weiß, welchen Weg dieses Weinland zurücklegen musste. Kaum eine Weinbaunation hat ihr internationales Ansehen in so kurzer Zeit derart grundlegend verändert. Heute gehören österreichische Spitzenweine für mich selbstverständlich zur Weltklasse. Nicht, weil sie überall die teuersten wären, sondern weil sie ihren eigenen Stil gefunden haben. Das gilt für Grüner Veltliner ebenso wie für Riesling, Sauvignon Blanc, Chardonnay oder Blaufränkisch. Österreich muss längst niemanden mehr kopieren.
Den Auftakt machte Bründlmayers Blanc de Blancs Große Reserve Extra Brut 2014. Brioche, geröstete Haselnuss, kandierte Zitronenzeste, Kreide und eine salzige Frische bildeten ein erstaunlich geschlossenes Bild. Die Reife war vollständig integriert, die Perlage fein, die Säure führte den Wein bis weit über den letzten Schluck hinaus. Ein Schaumwein, der zeigt, wie selbstverständlich österreichischer Sekt heute in der internationalen Spitze angekommen ist.
Danach folgte Gelber Muskateller Ried Perz von Gross aus den Jahrgängen 2021 und 2013. Die Rebsorte trägt bis heute das Vorurteil mit sich herum, sie eigne sich vor allem für unkomplizierte Sommerweine. Der 2021er zeigte zwar Holunderblüte, Muskat und weißen Pfirsich, besaß daneben aber Kalk, Frische und eine erstaunlich klare Struktur. Das war kein Duftpaket, sondern ein ernsthafter Lagenwein.
Noch spannender entwickelte sich der 2013er. Kamille, Fenchelsamen, weißer Tee und etwas Bienenwachs traten an die Stelle der jugendlichen Frucht. Entscheidend war aber etwas anderes. Zum ersten Mal sprach nicht mehr die Rebsorte, sondern die Lage. Genau dort beginnt für mich großer Wein.
Mit dem Sauvignon Blanc Alter Kranachberg vom Sattlerhof wechselte die Verkostung in die Südsteiermark. Der 2023er wirkte glasklar, frisch und präzise. Limette, weiße Johannisbeere, Grapefruit und Feuerstein standen dicht nebeneinander, ohne sich gegenseitig zu überdecken. Der Wein besitzt noch viele Jahre vor sich.
Der 2017er zeigte, was Flaschenreife bewirken kann. Die Frucht trat zurück. Kalk, Kräuter und Salzigkeit gewannen an Bedeutung. Plötzlich interessierte nicht mehr Sauvignon Blanc als Rebsorte, sondern der Kranachberg selbst. Mehr kann ein großer Lagenwein kaum erreichen.
Mit Johannes Hirschs Riesling Ried Gaisberg 2023 und 2017 setzte sich diese Entwicklung fort. Riesling gehört zu den ehrlichsten Rebsorten überhaupt. Fehler versteckt er nicht. Der junge Jahrgang brachte weißen Pfirsich, Marille, Zitronenschale und Feuerstein mit, dazu eine präzise Säure, die den Wein straff zusammenhielt. Alles wirkte jung, klar und ausgesprochen lebendig.
Der 2017er zeigte anschließend, weshalb Geduld bei großen Rieslingen fast immer belohnt wird. Die Frucht rückte in den Hintergrund. Dafür kamen Kräuter, Stein, Salz und eine bemerkenswerte Tiefe zum Vorschein. Der Wein wurde mit jedem Schluck ruhiger und gleichzeitig größer. Genau deshalb lohnt es sich, große österreichische Rieslinge nicht zu früh zu trinken.
Mit Vino Gross Iglič Furmint aus den Jahrgängen 2023 und 2016 wechselte die Verkostung für einen Moment das Land, nicht aber die Weinlandschaft. Die Štajerska liegt politisch in Slowenien. Weinbaulich gehört sie seit Jahrhunderten zu jenem Kulturraum, der nahtlos an die Südsteiermark anschließt. Rebstöcke kennen keine Staatsgrenzen. Böden und Klima ebenso wenig.
Der 2023er zeigte Zitrusfrüchte, weißen Pfirsich, Apfelschale und Kamille, dazu eine feine Gerbstoffstruktur, die dem Wein zusätzliche Spannung gab. Furmint besitzt manchmal eine fast strenge Art. Hier wirkte sie kontrolliert und ausgesprochen elegant.
Der 2016er war deutlich weiter. Quitte, Honigwabe, getrocknete Kräuter, etwas Rauch und Feuerstein bestimmten das Bild. Mit jeder Minute gewann der Wein an Tiefe, ohne an Frische einzubüßen. Gerade solche gereiften Furmints zeigen, welches Potenzial diese Rebsorte besitzt.
Danach standen zwei Chardonnays von Kollwentz im Glas. Der Gloria gehört seit Jahren zu den großen Weißweinen Österreichs und braucht längst keinen Vergleich mit Burgund mehr. Die Frage, ob ein österreichischer Chardonnay burgundisch schmeckt, ist eigentlich überholt. Gute österreichische Chardonnays schmecken heute vor allem nach ihrer Herkunft.
Der Gloria 2023 zeigte weißen Pfirsich, Zitronenzeste, frische Mandeln und feinen Kalk. Alles wirkte konzentriert, aber nie schwer. Die Frucht blieb klar, das Holz hielt sich vollständig zurück und der Wein besaß jene Salzigkeit, die man vom Leithagebirge erwartet.
Der 2016er spielte bereits in einer anderen Liga. Haselnuss, Bienenwachs, Brioche, warme Steine und getrocknete Kräuter entwickelten sich mit jeder Minute weiter. Das Beeindruckende war weniger die Aromatik als die innere Ruhe dieses Weins. Nichts drängte sich nach vorne. Alles hatte seinen Platz gefunden.
Mit dem Grünen Veltliner Smaragd Ried Achleiten der Domäne Wachau kamen zwei Jahrgänge einer der bedeutendsten österreichischen Lagen ins Glas. Die Achleiten besitzt eine Handschrift, die sich über Jahrzehnte erstaunlich konstant hält.
Der 2024er zeigte Marille, Birne, weißen Pfeffer, Fenchelsamen und Zitruszeste. Jugend, Frische und Präzision bestimmten den Eindruck. Der Wein steht noch ganz am Anfang seiner Entwicklung.
Ganz anders der 2020er Late Release. Kamille, Haselnuss, Kräuter und warmer Stein bestimmten das Bild. Vier Jahre Flaschenreife haben dem Wein nichts genommen, sondern ihm Ordnung gegeben. Genau dafür lohnt sich Geduld.
Mit Fritz Wieningers Grand Select Pinot Noir aus den Jahrgängen 2022 und 2015 wurde Wien zum Thema. Dass eine Millionenstadt Weine dieser Qualität hervorbringt, bleibt bemerkenswert. Der 2022er zeigte Sauerkirsche, Preiselbeere, Veilchen und Sandelholz. Das Holz blieb dezent, die Frucht frisch und kühl. Ein Pinot Noir, der sich nicht über Kraft definiert.
Der 2015er bestätigte, wie schön österreichischer Pinot Noir reifen kann. Waldbeeren, Trüffel, schwarzer Tee und getrocknete Rosenblätter bestimmten das Aromabild. Das Tannin war vollständig eingebunden und trug den Wein bis in ein langes Finale.
Mit der Cuvée G von Gesellmann folgten zwei Weine, auf die ich besonders gespannt war. Der 2015er besitzt Kraft, Konzentration und viel Substanz. Dunkle Beeren, Zedernholz, Bitterschokolade und Gewürze fügten sich zu einem beeindruckenden Gesamtbild.
Noch vollständiger wirkte der 2012er. Schwarzkirsche, Graphit, Zigarrenkiste, Trüffel und feine Gewürze standen in einer Balance, die nur gereifte Rotweine erreichen. Nichts wollte Aufmerksamkeit. Gerade deshalb blieb dieser Wein besonders lange in Erinnerung.
Mit Paul Achs’ Blaufränkisch Altenberg aus den Jahrgängen 2022 und 2016 kehrte die Verkostung noch einmal ins Burgenland zurück. Blaufränkisch gehört zu jenen Rebsorten, die mit etwas Reife erst richtig zeigen, was in ihnen steckt.
Der 2022er präsentierte dunkle Kirschen, Brombeeren, Veilchen, Graphit und Wacholder. Das Tannin war fein, die Frucht kühl und präzise. Alles deutete darauf hin, dass dieser Wein noch viele Jahre vor sich hat.
Der 2016er hatte diese Jahre bereits hinter sich. Schwarzer Tee, Tabak, dunkle Kirsche, etwas Graphit und eine bemerkenswerte Ruhe bestimmten den Eindruck. Der Wein wirkte vollständig bei sich angekommen. Genau solche Flaschen machen deutlich, weshalb Blaufränkisch heute zu den spannendsten Rotweinen Europas gehört.
Den Abschluss übernahm Gerhard Kracher mit zwei Welschriesling Trockenbeerenauslesen, Jahrgang 2022 sowie der Library Release 2006 aus der Serie „Zwischen den Seen“. Große Süßweine werden häufig über ihren Zuckergehalt beschrieben. Das greift zu kurz. Entscheidend ist immer die Säure. Sie trägt den Wein, hält ihn frisch und verhindert jede Schwere.
Die 2022er zeigte Marille, gelben Pfirsich, kandierte Orangenschale, Safran und Akazienhonig. Trotz der enormen Konzentration blieb der Wein erstaunlich leichtfüßig. Die Süße war präsent, aber niemals dominant.
Die 2006er wirkte vollkommen anders. Getrocknete Marillen, Datteln, Feigen, Bienenwachs, schwarzer Tee und feine Gewürze bestimmten das Bild. Was mich am meisten beeindruckte, war jedoch die Frische. Nach fast zwanzig Jahren besaß der Wein immer noch eine Lebendigkeit, die viele junge Süßweine vermissen lassen.
Auch das Foodpairing gehörte zu den stärksten Leistungen dieses Nachmittags. Huchels Alpha mit Sommerblüten und Fichtensprossen, Taschenkrebs mit Sommergemüse und Minze, Seesaibling mit Radieschen und Röstkartoffel, Onglet und Kalbskopf mit Sellerie und Estragon sowie Aprikose mit Karamell, Cashew und Gewürztagetes begleiteten die Weine mit einer bemerkenswerten Präzision. Die Küche versuchte nie, die Weine zu übertreffen. Sie ließ ihnen Raum und gewann gerade dadurch an Ausdruck.
Nach mehreren Stunden, zahlreichen Flights und vielen gereiften Jahrgängen blieb für mich vor allem eine Erkenntnis: Österreichische Spitzenweine brauchen Zeit.
Junge Jahrgänge beeindrucken oft sofort. Sie besitzen Frische, Präzision und Energie. Mit einigen Jahren Flaschenreife verändert sich jedoch ihre innere Ordnung. Die Frucht tritt etwas zurück, die Herkunft wird klarer, die Textur ruhiger. Genau in diesem Stadium beginnen viele dieser Weine ihre eigentliche Größe zu zeigen.
Ich bin Österreicher. Gerade deshalb gehe ich mit österreichischen Weinen eher kritisch um. Patriotismus ersetzt keine Qualität. An diesem Nachmittag musste niemand etwas behaupten oder erklären. Die Weine erledigten das selbst.
Bemerkenswert bleibt außerdem ihr Preis-Leistungs-Verhältnis. Wer heute nach großen Weiß- und Rotweinen sucht, findet in Österreich Qualitäten, die international wesentlich höher gehandelt werden müssten. Wachau, Kamptal, Kremstal, Wagram, Traisental, Wien, Burgenland, Südsteiermark, Weststeiermark oder das Vulkanland – kaum ein anderes Weinland bietet auf so kleiner Fläche eine vergleichbare Vielfalt eigenständiger Herkünfte.
Mein Dank gilt Österreich Wein, allen beteiligten Winzerinnen und Winzern sowie Jan-Philipp Berner, Bärbel Ring und dem gesamten Team des Söl’ring Hofs. Dieser Nachmittag hat eindrucksvoll gezeigt, wie selbstverständlich große Küche und große Weine zusammenfinden können, wenn beide Seiten bereit sind, sich zurückzunehmen.

Markig-Gräflerland, erste Klappe! Männer steht für Blankenhorn
(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG) Die deutschen Weintrinker kennen ihre traditionell wertvollen Weinbaugebiete, also Mosel, Rheingau, den Roten Hang in Rheinhessen, die weitläufige und multidiverse Pfalz, die schönen Hänge nahe Radebeul bei Dresden und ein bisschen auch Baden – dort vor allem den riesigen Rebhügel Kaiserstuhl. Doch ganz tief im tiefsten Südwesten Deutschlands, nicht
(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG)
Die deutschen Weintrinker kennen ihre traditionell wertvollen Weinbaugebiete, also Mosel, Rheingau, den Roten Hang in Rheinhessen, die weitläufige und multidiverse Pfalz, die schönen Hänge nahe Radebeul bei Dresden und ein bisschen auch Baden – dort vor allem den riesigen Rebhügel Kaiserstuhl. Doch ganz tief im tiefsten Südwesten Deutschlands, nicht wenige Kilometer unterhalb des Kaiserstuhls und eingekeilt zwischen Frankreich, der Schweiz und dem Schwarzwald, liegt ein Weinbaugebiet, das mit dem traditionellen Bild des deutschen Weinbaus nur wenig gemein hat: das weithin unbekannte Markgräflerland. Der Schwarzwald schickt in den Abendstunden kühle Luft in die Weinberge, der Oberrhein speichert die Wärme des Tages, das Elsass liegt oft nur wenige Minuten Autofahrt entfernt – und dennoch schmecken die Weine dort fundamental anders als auf der deutschen Seite des Rheins
Der Grund des Andersartigen ist die führende weißen Rebsorte des Markgräflerlandes: der Chasselas. Keine Rebsorte passt besser in unsere Zeit: moderate Alkoholwerte, eine feine florale Aromatik, oft begleitet von Haselnuss und Mandeln, dazu eine unerschütterliche Bekömmlichkeit am Gaumen.
Das Weingut Blankenhorn in Schliengen markiert mit auch das absolut südwestlichste Ende des deutschen Weinbaus – ein paar Minuten Autofahrt und man steht an der Schweizer Grenze. Hinter der Grenze, in der Schweiz, keltern auch ein paar interessante Winzer, doch danach ist schnell Schluss mit dem Weinbau.
Bei Blankenhorn zeigen sie massiv eindrucksvoll, welches Potenzial in dieser Region steckt. Seit Martin Männer den Betrieb aus einem Familienanteil übernommen und geformt hat (incl. eines spektakulär schönen Neubaus mit genügend Platz und einer Profiküche für gastronomische Events), wird hier mit großer Konsequenz gearbeitet. Kein Wein ist banal oder modisch, kein Wein versucht Trends hinterherzulaufen. Der Keller ist hochmodern, der Kellermeister Christoph Fischer ist jene Art in sich gekehrter Tüftler, der mit Martin Männer einen Chef gefunden hat, der genau weiß, dass dieses Tüfteln auch Freiheit braucht: eine Freiheit, die er auch in wirtschaftlich anspruchsvollen Zeiten wie jenen jetzt finanzieren muss. Die Handschrift der Blankenhorn-Mannschaft ist geprägt von Präzision, Geduld und einem bemerkenswert analytischen Verständnis für das, was Wein heute leisten soll. Und es ist eine Handschrift, die sich dadurch bemerkbar macht, dass die Kelterkultur des Guts den Faktor Erkennbarkeit inkludiert. Soll heißen: Blankenhorn-Weine hinterlassen genug Geschmack und Aroma, um sie jederzeit als Blankenhorn-Weine wiederzuerkennen.
Schon der Ortswein Schliengen-Chasselas 2024 (€ 13,50) beweist, dass große Trinkfreude keine überbordende Geste braucht: Marille, gering Lorbeerblatt, etwas Wiesenkräuter, massiv lecker im Schluck. Der Erste-Lage-Chasselas „Schlienger Kirchberg Le Clocher 2022“ (€ 22,50) legt an Tiefe und Salzigkeit zu, ohne seine spielerische Eleganz einzubüßen. Genau darin liegt seine Größe, liegt die Größe des Kellermeisters, der den Weinen eine Art popkulturelle Relevanz gibt – Weine wie Ohrwürmer zwischen Beatles und Oasis.
Auch der Große-Lage-Chardonnay aus dem Sonnenstück (Jahrgang 2021, € 35,00) zeigt jene kontrollierte Kraft, die man heute immer seltener findet – und beweist noch dazu wie eigen elegant dezenter Holzeinsatz sein kann. Druck am Gaumen, aber kein Gramm Übergewicht. Der Cabernet Sauvignon-Merlot „Postillon“ aus 2021 (€42,00) ist ein kurioser, absolut gelungener Bordeaux aus Deutschland, der klar macht: wir können auch das – auch wenn kein Hahn danach kräht. Besonders beeindruckend ist schließlich der Crémant Réserve Brut Nature (€ 35,00), der nach 72 Monaten Hefelager eine Präzision entwickelt, die man in dieser Preisklasse nur selten erlebt – erkennbar deutscher Schaumwein mit erkennbar weltläufiger Stilistik. Besser geht schwer.

Iran: die Rückkehr des Weins in Restaurants. Nach fast 50 Jahren. Was steckt dahinter
(Manfred Klimek / pic: Isna / Quelle: BBC) Es sind oft mal die kleinsten, nebensächlichsten Meldungen, die eine größere Geschichte erzählen. Zwischen Schlagzeilen über Machtkämpfe in Teheran und Analysen der neuen, alten iranischen Führung tauchte in einer eher vom Regime versteckten Meldung dieser Satz auf: Alkohol, vor allem Wein, werde in Restaurants in den Städten
(Manfred Klimek / pic: Isna / Quelle: BBC)
Es sind oft mal die kleinsten, nebensächlichsten Meldungen, die eine größere Geschichte erzählen. Zwischen Schlagzeilen über Machtkämpfe in Teheran und Analysen der neuen, alten iranischen Führung tauchte in einer eher vom Regime versteckten Meldung dieser Satz auf: Alkohol, vor allem Wein, werde in Restaurants in den Städten Irans inzwischen eher geduldet. Kein Gesetz. Keine Reform. Kein Dekret. Nur ein kurzer Nebensatz. Und doch könnte er mehr über das Verhalten des schiitischen Regimes erzählen als viele außenpolitische Kommentare.
Fast ein halbes Jahrhundert lang gehörte Wein im Iran zu jenen Dingen, die offiziell nicht existierten. Die Islamische Revolution machte 1979 Schluss mit einer jahrtausendealten Weinkultur. Was über lange Zeit selbstverständlich gewesen war, verschwand nicht aus den Kellern, sondern aus dem öffentlichen Leben. Getrunken wurde dennoch. Jeder wusste es. Der Schwarzmarkt florierte, selbst gebrannte Spirituosen zirkulierten durchs Land, geschmuggelte Flaschen wechselten diskret den Besitzer. Auch Teile der Revolutionsgarden sollen an diesen Märkten mitverdient haben. Der Staat verbot den Alkohol – und lebte zugleich mit seiner Existenz.
Nun scheint sich etwas zu verschieben. Nicht spektakulär, eher tastend. Wenn Restaurants Wein oder andere alkoholische Getränke zumindest dulden dürfen, verändert sich nicht nur der Konsum. Es verändert sich der öffentliche Raum. Wein verlässt die Wohnzimmer und kehrt an die Gastrotische zurück. Das klingt nebensächlich. Ist es aber nicht.
Denn Wein war im Iran nie bloß ein Getränk: Persien gehört zu den ältesten Weinkulturen der Welt. Lange bevor Europa seine großen Weinregionen entwickelte, wurde zwischen Zagros-Gebirge und Kaspischem Meer bereits Wein erzeugt. Die persische Dichtung ist voller Wein. Hafez und Omar Chayyām schrieben über ihn, manchmal religiös verschlüsselt, oft erstaunlich direkt. Der Wein stand für Lebensfreude, Erkenntnis und Freiheit. Dass ausgerechnet dieses Land ihn fast fünfzig Jahre lang aus dem öffentlichen Leben verbannte, war historisch betrachtet eher die Ausnahme als die Regel. Aber eben die Regel in ultraislamischen Ländern.
Natürlich kehrt deshalb morgen keine große Weinindustrie zurück. Noch existieren weder die gesetzlichen Grundlagen noch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Aber die Voraussetzungen wären erstaunlich gut. Millionen Rebstöcke wachsen ohnehin im Land. Der Iran zählt zu den bedeutenden Produzenten von Tafeltrauben und Rosinen. Die Besitzer, viele ehemalige Winzer, kennen ihre Böden. Die klimatischen Bedingungen vieler Regionen eignen sich hervorragend für hochwertigen Weinbau. Zwischen einer Traubenwirtschaft und einer kleinen Weinwirtschaft liegen keine unüberwindbaren Welten. Kellertechnik lässt sich kaufen. Know-how ebenfalls. Was fehlt, ist allein die politische Erlaubnis.
Nicht auszuschließen, dass jetzt dort eine Entwicklung beginnt, die wir unterschätzen. Nicht mit großen Châteaus oder prestigeträchtigen Etiketten. Sondern mit einfachen Tischweinen. Mit Restaurants, die ihren Gästen wieder ein Glas zum Essen einschenken. Mit Winzern, die neben Tafeltrauben erstmals wieder Wein keltern dürfen. Eine neue iranische Weinkultur würde vermutlich klein beginnen. Und gerade deshalb glaubwürdig. Richtig groß, das ist sicher, lässt sie das Hardcore-Islamregime sicher nicht werden.
Vielleicht entdeckt auch die Politik dabei etwas, das Herrscher seit Jahrhunderten wissen. Wein kann versöhnen. Nicht als Betäubungsmittel, sondern als Kulturtechnik. Wer gemeinsam isst und trinkt, streitet anders. Wer im Restaurant sitzt, sitzt nicht auf der Straße. Der römische Ausdruck vom Brot und Spielen bekommt hier eine neue Variante: vielleicht genügt manchmal schon ein Glas des Jahrzehnte verbotenen Wein.
Das klingt zynisch. Ist es aber nicht unbedingt. Staaten haben immer versucht, gesellschaftliche Spannungen auch über Kultur und Alltag zu entschärfen. Cafés, Theater, Fußball – oder eben Restaurants. Wein könnte im Iran tatsächlich zu einer kleinen Form gesellschaftlicher Entspannung führen. Nicht als Freiheit aller Feiheiten. Aber vielleicht als deren Vorbote.
Und genau deshalb lohnt es sich, auf diesen unscheinbaren Nebensatz zu achten. Nicht weil morgen ein rhoneartiger Shiraz aus Persien kommt. Sondern weil eine Gesellschaft oft dort beginnt, sich zu verändern, wo sie wieder gemeinsam essen, trinken und miteinander reden darf. Es ist erstaunlich, dass die jetzt regierenden Revolutionsgarden (die Mullahs haben an Einfluss verloren) diese Entwicklung zulassen. Aber wahrscheinlich ist auch dort das Geld knapp. Und die Terrorbrigarde sucht neue Einkünfte. Sei es auch mit Alkohol und am Schwarzmarkt, der vielleicht keiner bleiben wird.

In den Keller Keller holen: Vier Jahrgänge “Von der Fels”
(Claude Auguste / pic: Sansibar Sylt) Klaus Peter Keller ist eines der großen Wunder des deutschen Weinbaus. Nicht alleine weil er großartige Rieslinge keltert, das tun andere auch, sondern weil er ausgerechnet in Rheinhessen jene Flaschenpreise durchsetzte, die früher nur im Burgund zu denken waren. Rheinhessen, lange Zeit Synonym für Menge, Liebfraumilch und freundlich belanglose
(Claude Auguste / pic: Sansibar Sylt)
Klaus Peter Keller ist eines der großen Wunder des deutschen Weinbaus. Nicht alleine weil er großartige Rieslinge keltert, das tun andere auch, sondern weil er ausgerechnet in Rheinhessen jene Flaschenpreise durchsetzte, die früher nur im Burgund zu denken waren. Rheinhessen, lange Zeit Synonym für Menge, Liebfraumilch und freundlich belanglose Alltagsweine, wurde durch Keller zu einer Gegend, an der deutsche Rieslinge plötzlich wie Kultobjekte gehandelt wurden. G-Max, Abtserde, Hubacker, Kirchspiel: Namen, die heute in Auktionen auftauchen, als wären sie selbst in diesen schwierigen Jahen noch Hot-Chips Die Weine sind groß. Daran besteht kein Zweifel. Grotesk bleibt trotzdem der preislische Abstand zu jenem Wein, der Kellers Handschrift vielleicht am unmittelbarsten zeigt: der Riesling Von der Fels.
Von der Fels ist auf dem Papier ein Einstiegsriesling. In Wahrheit ist er einer der klügsten Weine Deutschlands. Er stammt aus jungen Reben großer Kalksteinlagen, also aus Material, das viele andere Güter längst als Prestigewein verkaufen würden. Bei Keller wird daraus ein Wein, der die strenge, kreidige, glasklare Art des Hauses ohne großes Preisschild erzählt. Genau das macht ihn so interessant. Kellers teuerste Rieslinge können überwältigen – nicht alle tun das. Von der Fels hingegen überzeugt. Er trägt denselben inneren Bau, dieselbe Nervenbahn, dieselbe trockene Präzision. Nur ohne den ökonomischen Größenwahn des Sekundärmarkts.
Der Vergleich zu Wittmann drängt sich in Rheinhessen ohnehin auf. Auch dort entstehen große trockene Rieslinge aus Kalkstein, oft von derselben Ernsthaftigkeit, anders gebaut, biodynamisch, nicht geringer im Zugang. Wittmanns Top-Lagen sind im Verhältnis günstiger, was den Keller-Kult noch deutlicher sichtbar macht. Der Markt bezahlt bei Keller längst nicht nur Wein, sondern Seltenheit, Mythos und Besitzwillen. Das kann niemand einem Weingut vorwerfen. Es zeigt nur, wie eigenartig Wein geworden ist, sobald er nicht mehr getrunken, sondern zugeteilt wird.
Dabei ist Keller am stärksten dort, wo der Kult noch nicht alles überdeckt. Die Chardonnay-Weißburgunder-Cuvée besitzt seit Jahren eine fast unverschämte Selbstverständlichkeit. Die Scheurebe (trocken) des Hauses gehört zu den besten Deutschlands, weil sie die Sorte nicht in exotische Parfümerie kippen lässt, sondern ihr Struktur gibt. Und Von der Fels bleibt jener Riesling, bei dem die ganze Keller-Schule zugänglich wird: Kalk, Zug, gelbe Frucht, Kräuter, Salz, kein Dekor.
2025 wirkt in dieser kleinen Vertikale natürlich als stärkster Jahrgang. Der Wein duftet nach Marille, Kumquats, etwas Mandarine, Zitruszeste und geing nach Kreide. Am Gaumen zeigt er jene seltene Verbindung aus Leichtigkeit und Substanz, die nur große einfache Weine besitzen. Die Säure steht nicht neben dem Wein, sie zieht ihn nach vorne. Alles ist hell, kühl, präzise und doch trinkfreudig. Ein Wein, der bereits jetzt funktioniert und trotzdem einige Jahre Keller locker verträgt. Kellers eigener Begriff vom Zechwein klingt hier fast komisch. Wenn das Zechwein ist, braucht Deutschland weniger Prestige.
2019 zeigt sich reifer, breiter, aber keineswegs müde. Die Frucht geht stärker in gelben Apfel, reife Zitrone, etwas Darjeeling, Kräuter und nassen Kalk. Der Wein besitzt gering mehr Druck als der 2025er, wirkt dichter und stoffiger, ohne die Linie zu verlieren. Nach etwas Luft kommt jener Grip, für den Keller berühmt ist: kein Gerbstoff, keine Härte, sondern eine fast taktile Mineralik. 2019 ist der Von der Fels für den Tisch. Für Fisch, Geflügel, asiatische Küche, auch für Schweinebraten mit Kren. Er verlangt keine Andacht. Er verlangt ein großes Glas.
2016 steht straffer im Raum. Grapefruit, Kräuter, Kreide, etwas weiße Blüte, wenig Reifezugabe. Der Jahrgang hat die Kanten nie ganz versteckt, und genau das steht diesem Wein gut. Die Säure ist präsent, aber nicht scharf. Der Wein wirkt gespannt, schlank, ernsthafter als 2019, weniger charmant als 2025. Dafür besitzt er jene trockene Länge, die erst nach dem Schlucken zeigt, wie viel Wein tatsächlich im Glas war. Ein Von der Fels für Rieslingtrinker, nicht für Rieslingromantiker.
2013 schließlich ist der gereifte Blick zurück. Gelber Apfel, Birne, etwas, sehr gering, Honig, Nuss, Cashew, dazu eine weiterhin lebendige Säure. Die Frucht hat ihre Jugend verloren, aber nicht ihre Form. Der Wein zeigt, wie gut Von der Fels altern kann, ohne in große Rieslingpose zu wechseln. Keine Petrolshow, kein Altersdrama. Eher ein ruhiger, präziser, inzwischen mild gewordener Kalkriesling mit Nachhall.
Nach vier Jahrgängen bleibt der Eindruck eindeutig. Keller muss seine großen Weine nicht über Von der Fels rechtfertigen. Von der Fels stellt eher die großen Preise infrage. Nicht aus Rebellion. Sondern weil er zeigt, wie vollständig ein Wein sein kann, bevor der Markt beginnt, ihn wichtig zu machen.

Vision in der Krise: Wie der angeschlagene Weinbau 2027 wieder Fahrt aufnehmen könnte
(Manfred Klimek, Text & Foto) Der Weinbau besitzt plötzlich wieder eine Zukunft, die vor wenigen Monaten kaum jemand für möglich gehalten hätte. Ausgerechnet jene Technik, die viele Winzer völlig zurecht lange mit Skepsis betrachteten, eröffnet der Branche die vielleicht größte Chance seit der Einführung temperaturgesteuerter Gärung. Gemeint ist nicht die Entalkoholisierung selbst. Gemeint ist die
(Manfred Klimek, Text & Foto)
Der Weinbau besitzt plötzlich wieder eine Zukunft, die vor wenigen Monaten kaum jemand für möglich gehalten hätte. Ausgerechnet jene Technik, die viele Winzer völlig zurecht lange mit Skepsis betrachteten, eröffnet der Branche die vielleicht größte Chance seit der Einführung temperaturgesteuerter Gärung. Gemeint ist nicht die Entalkoholisierung selbst. Gemeint ist die neue Generation Gerätschaft zur Aromarückgewinnung. Was früher häufig nach schalen Traubensaft mit geringen Ambitionen schmeckte, besitzt heute Duft, Struktur und jene innere Logik, die Wein erst zu Wein macht. Der Alkohol wird dem Wein entzogen. Seine flüchtigen Aromen aber werden jedoch aufgefangen und anschließend wieder zurückgeführt. Das klingt technisch. Das ist technisch. Tatsächlich aber verändert das gerade den Weinbau. Zum ersten Mal entsteht neben dem klassischen Wein keine Ersatzwelt mehr, sondern eine zweite Weinwelt.
Über Jahre entstand rund um Proxys eine Parallelkultur: Tee, Kräuter, Fermentationen, Essenzen und Gewürze sollten ersetzen, was Wein angeblich nicht mehr leisten konnte. Viele dieser Getränke schmecken hervorragend. Nur haben sie mit Wein eben nichts zu tun. Sie bilden eine eigene Getränkekategorie. Der Weinbau musste dabei zusehen, wie ausgerechnet jene Gastronomie, die jahrzehntelang von Wein geprägt wurde, plötzlich begann, Alternativen auszuprobieren und auszuschenken. Jetzt verändert sich die Situation grundlegend. Wenn alkoholfreier Wein aromatisch immer näher an klassischen Wein heranrückt, wenn Sommeliers ihn selbstverständlich in Menüs integrieren und Gäste nicht mehr aus Verzicht, sondern aus Überzeugung bestellen, verliert die Proxy-Welt einen Teil ihres bisherigen Alleinstellungsmerkmals. Der Wein beginnt, jene Lücke selbst zu schließen, die andere Getränke zwischenzeitlich besetzt hatten.
Erstaunlich daran ist weniger die Technik als die Reaktion vieler Winzer. Noch immer begegnen manche dieser Entwicklung mit Skepsis. Sie betrachten entalkoholisierte Weine als Nebenschauplatz oder gar als Bedrohung des klassischen Weinverständnisses. Genau das könnten sie in wenigen Jahren bereuen. Denn niemand verlangt, den traditionellen Wein zu ersetzen. Es geht darum, ihn zu erweitern. Der Weinbau stand immer dann am stärksten da, wenn er Vielfalt zuließ. Neue Rebsorten, neue Kellertechnik oder der biodynamische Weinbau wurden anfangs fast immer mit Misstrauen betrachtet. Heute gehören sie selbstverständlich zum Angebot vieler Betriebe und der Gastronomie. Weshalb sollte das bei alkoholfreien oder alkoholarmen Weinen anders sein?
Gerade hier eröffnet sich eine wirtschaftliche Chance, die erstaunlich logisch erscheint. Alkoholfreie Weine besitzen naturgemäß nicht dieselbe Lagerfähigkeit wie klassische Weine. Alkohol konserviert. Seine Abwesenheit verändert die Entwicklung in der Flasche. Diese Weine wollen jung getrunken werden, müssen junge getrunken werden. Genau darin liegt aber keine Schwäche, sondern eine eigene Kategorie. Niemand erwartet von einem frischen, einfachen Sauvignon Blanc eine zwanzigjährige Reife. Weshalb sollten wir sie von einem entalkoholisierten Wein verlangen? Ein modernes Weingut des Jahres 2027 könnte deshalb drei Welten gleichzeitig anbieten: frische alkoholfreie Weine für Aperitif, Mittagstisch, Vorspeisenbegleitung oder Bar; junge alkoholärmere Weißweine für bewusste Genießer und daneben gereifte große Rieslinge, Burgunder oder klassische Rotweine für jene Momente, in denen Wein weiterhin genau das bleiben darf, was er seit Jahrhunderten ist. Das eine nimmt dem anderen nichts weg. Im Gegenteil. Die einzelnen Kategorien stärken sich gegenseitig.
Vor allem die Spitzengastronomie beginnt das bereits zu verstehen. Ein Menü muss heute nicht mehr zwangsläufig von ansteigenden Alkoholgraden begleitet werden. Warum nicht alkoholfreier Riesling zum ersten Gang, ein eleganter Weißwein mit elf Volumenprozent zum Fisch und ein gereifter Pinot Noir oder Blaufränkisch zum Hauptgang? Wein wird dadurch nicht kleiner. Er wird weiter. Die eigentliche Herausforderung liegt deshalb weder in der Technik noch in der Qualität, sondern im Kopf. Der Weinbau muss jene Vorbehalte überwinden, die er gegenüber der eigenen Zukunft entwickelt hat. Die Technik ist inzwischen weiter als manche Diskussion. Sie eröffnet Möglichkeiten, die vor wenigen Jahren noch undenkbar schienen.
Die eigentliche Frage lautet deshalb längst nicht mehr, ob alkoholfreie und alkoholarme Weine Teil des Weinbaus werden. Sie sind es bereits. Die Frage lautet nur noch, welche Betriebe den Mut besitzen, diese neue Weinwelt rechtzeitig mitzugestalten. Denn eines ist inzwischen unübersehbar geworden: Einfach so weiterzumachen wie bisher, ist die riskanteste Entscheidung von allen.

Fuck You schöner Wein. Die WELT am SONNTAG Kolumne vor fünfzehn Jahren
(Manfred Klimek / pic: Weingut Emil Bauer) Der Wein und die Wahl der Worte (WamS, August 2011) Ich kann es nicht mehr hören. Und es nervt mich seit Jahren. Dauernd erzählen mir Leute, dass sie heute Abend zum Essen oder beim Ausspannen ein „schönes Glas Wein trinken“. Oder – viel verwegener noch – eine ganze
(Manfred Klimek / pic: Weingut Emil Bauer)
Der Wein und die Wahl der Worte (WamS, August 2011)
Ich kann es nicht mehr hören. Und es nervt mich seit Jahren. Dauernd erzählen mir Leute, dass sie heute Abend zum Essen oder beim Ausspannen ein „schönes Glas Wein trinken“. Oder – viel verwegener noch – eine ganze Flasche schönen Weins. So viel Schönheit ist kaum zu ertragen, mir verschlägt es jedes Mal den Atem. Am liebsten würde ich der Person an die Gurgel gehen. Schöner Wein? So ein Quatsch!
Trinkt man in Frankreich schönen Wein? Nein! In Italien? Auch selten. In Österreich? Selbstredend kaum. Warum also trinken die Deutschen andauernd schönen Wein? Ist ihr Leben so grau? Wie heißt das eigentlich das Gegenteil vom schönen Wein? Hässlicher Wein?
Die Deutschen trinken „schönen Wein“, weil Wein nicht zu ihrer Alltagskultur gehört. Wein ist eine Belohnung, etwas Besonderes, das in gehobenem Umfeld genossen und zelebriert werden soll. Und da muss es ein schöner Wein sein. So redet man sich selbst die Plörre vom Discounter interessant. Drei Euro und neunzig Cent. Aber ein schöner Wein. Absurd.
Selten gibt es in einem Land dämlichere Begriffe und Kategorien für Wein, als in Deutschland. Da gibt es zum Beispiel den „Terrassenwein“. Der soll möglichst jung, unauffällig, dafür aber fruchtig und spritzig sein, sodass man ihn im Sommer auf Balkonien trinken kann. Ich trinke auf Balkonien aber gerne einen Meursault oder einen ähnlich fetten Burgunder. Auch zu Fleisch vom Grill. Der ist besser, als die ausdruckslosen Terrassenweine, die sich nur verkaufen lassen, weil man dem Konsumenten einredet, er müsse sich an die Regel halten, im Freien und bei Sonnenschein eine gewisse Art ausdruckslosen Wein zu trinken.
Oder der „Kaminwein“, wieder so eine idiotische Zuordnung. Mit Kaminwein sind schwere Rotweine gemeint, die man nicht zum Essen trinkt, sondern nach Vorschrift vor loderndem Feuer oder in ähnlich entspannter Atmosphäre wie eine Art Medizin einzunehmen hat. So ein Wein muss vorher mehrere Stunden atmen, bevor er dann lauwarm getrunken wird. Dann nicken die Weinexperten: Ja ja, ein echter Kaminwein. Wie ausdrucksstark.
Noch so ein Unding ist der „Alltagswein.“ Ganze Gemeinden von Weinenthusiasten suchen in Blogs und Internetforen verzweifelt nach dieser eierlegenden Wollmilchsau. Der Alltagswein ist meist rot und soll wie ein guter Bordeaux schmecken, aber nur ein Zehntel kosten. Und er soll auch kein Kopfweh machen. Ein Wein also, der nach mehr schmeckt, der aber die Geldbörse schont, wenn man ihn täglich trinken will. Doch trinken die meisten Deutschen zu Hause nicht täglich Wein. Und so leeren sich die Kisten der Alltagsweine innerhalb von 12 Monaten. Und nicht innerhalb von 12 Tagen.
Warum kann es nicht einfach ein guter Wein sein? Warum schlägt dieses Weingeschwätz immer noch durch? Und warum muss es in Deutschland so genannte Weinpunks geben, also wilde Typen, zumeist mit Tätowierung, Lederklamotten und hartem Blick, die ihrer und einer jüngeren Generation das Weintrinken schmackhaft machen, als sei dies eine Mission von weltgeschichtlicher Bedeutung? Dennoch breche ich ein Lanze: Mir persönlich sind diese duchgeknallten Weinpunks lieber, als die verquasten Weinschreiber, die uns den Terrassenwein und den Kaminwein eingebrockt haben. Denn die Weinpunks wollen den Umgang mit Wein ja normalisieren, wollen Wein in das Alltägliche und Unkomplizierte überführen. Aus Gründen der Auffälligkeit und des gelebt Unkonventionellen brauchen sie dafür das Abgerockte, weil das Geschwätz um Wein immer noch der Hort eines letztlich banausenhaften und stinklangweiligen Bürgertums ist.
Warum kann man in Deutschland nicht einfach Wein trinken? So wie man es in Italien tut. Ohne viel nachzudenken. Warum versucht man um günstige Weine eine Aura der Ehrlichkeit aufzubauen? Und um teure Weine den Verdacht des Betrugs? Und warum muss in einer Weinkolumne immer eine Weinempfehlung vorkommen? Nun gut, hier ist eine. Ich empfehle einen Alltagswein, einen Bordeaux, der wenig kostet und den man immer trinken kann, den 2009er Chateau du Retout. Der schmeckt leicht gekühlt auch auf der Terrasse. Und vor dem Kamin. Und auch mit einer durch die Wange gestochenen Sicherheitsnadel. Das soll Beschreibung genug sein.

Rekordhitze. Und dennoch Winzer, die sagen: alles ganz normal. Wie das?
(Manfred Klimek / Redaktion / animated pic: runwayml) Es gibt kaum eine Berufsgruppe, die den Klimawandel unmittelbarer erlebt als die Winzer. Sie sehen die Vegetation nicht in Statistiken, sondern im Weinberg. Der Austrieb erfolgt früher als noch vor wenigen Jahrzehnten. Die Lese beginnt immer öfter bereits im August. Hitzewellen verändern Säurewerte, Wasserhaushalt und Aromatik. Hagel,
(Manfred Klimek / Redaktion / animated pic: runwayml)
Es gibt kaum eine Berufsgruppe, die den Klimawandel unmittelbarer erlebt als die Winzer. Sie sehen die Vegetation nicht in Statistiken, sondern im Weinberg. Der Austrieb erfolgt früher als noch vor wenigen Jahrzehnten. Die Lese beginnt immer öfter bereits im August. Hitzewellen verändern Säurewerte, Wasserhaushalt und Aromatik. Hagel, Starkregen und Trockenperioden treten häufiger auf. Wer Wein erzeugt, arbeitet seit Jahren in einem Freilandlabor, dessen Bedingungen sich sichtbar verändern. Und das schnell.
Umso erstaunlicher ist eine Beobachtung, die mir in den vergangenen Monaten, vor allem aber in den letzten fünf Hitzetagen häufiger begegnet ist. Es gibt Winzer, die den Klimawandel bestreiten. Freilich nicht viele. Nicht mal zwei Dutzend in Social-Media-Foren. Aber doch so viele, auch in Deutschland, dass wir sie wahrnehmen sollten. Denn sie agieren.
Selbstredend dürfen sie das. In unseren Ländern herrscht, seltsam, das betonen zu müssen, Meinungsfreiheit. Und dazu gehört eben auch, dass die Mehrheit den absoluten Bullshit einer Minderheit aushalten muss (und sollte), die sich als Mehrheit erkennt (was ja alle Schwurbler tun), obwohl sie es nicht ist. Es ist dieser Anspruch, für eine Mehrheit zu sprechen, der vor allem nervt. Und aufregt. Egal!
Die meisten dieser Winzer erklären eine natürliche Klimaschwankung. Andere erklären die gegenwärtige Erwärmung zur bloßen Übertreibung der Medien. Wieder andere, leider aus der Naturweinszene, bewegen sich längst in einem Milieu, in dem Begriffe wie Geoengineering, Wettermanipulation oder geheime Eingriffe in das Klima völlig selbstverständlich verwendet werden.
Das wirkt zunächst wie edgy aus Absurdistan. Bei näherem Hinsehen ist es vor allem menschlich. Der Klimawandel ist keine abstrakte politische Debatte. Er bedeutet für Winzer zunächst wirtschaftliche Unsicherheit. Jahrzehntelang funktionierende Erfahrungen verlieren ihre Verlässlichkeit. Rebsorten geraten an Grenzen. Wasser wird zum Thema. Versicherungen werden teurer. Erträge schwanken stärker. Wer sein gesamtes Berufsleben auf Erfahrung aufgebaut hat, erlebt plötzlich, dass Erfahrung allein nicht mehr genügt.
Gerade deshalb suchen manche nach anderen Erklärungen. Nicht aus Bosheit. Nicht einmal zwingend aus Ideologie. Sondern weil Verschwörungserzählungen etwas anbieten, was die Wirklichkeit oft nicht liefert: Eindeutigkeit. Plötzlich gibt es Verantwortliche. Plötzlich existiert ein Plan. Plötzlich wird aus einer komplexen Entwicklung eine einfache Geschichte.
Das Problem beginnt dort, wo diese Geschichte mit der eigenen Arbeit kollidiert. Denn dieselben Winzer, die den Klimawandel gelegentlich in sozialen Netzwerken relativieren, investieren, ich habe nachgesehen, gleichzeitig in Bewässerung, pflanzen hitzeresistentere Unterlagsreben, verändern die Laubarbeit oder experimentieren mit neuen Rebsorten. Sie reagieren also längst auf genau jene Veränderungen, deren Existenz sie öffentlich infrage stellen.
Noch bemerkenswerter wird diese Beobachtung im politischen Bereich. Wir finden konservativ oder rechts eingestellte Winzer, die das Promblem, die Probleme, sehr wohl richtig erkennen – und folglich die Klimaideologie einer sehr rechten Partei, die sie gerne wählen würden, als Hindernis für ihre Stimme erkennen – und das sind nicht wenige. Ihre tägliche Arbeit widerspricht damit oft den politischen Erzählungen, denen sie sich verbunden fühlen. Es geht dabei weder um links noch rechts. Weder um grün noch konservativ. Es geht um die Fähigkeit, die eigene Wirklichkeit anzuerkennen. Und zu handeln. Nichts an diesem Handeln gegen die Auswirkungen des Klimawandels ist politisch!
Der Weinbau war immer dann erfolgreich, wenn er Veränderungen akzeptierte. Reblaus, Pilzkrankheiten, neue Kellertechnik, andere Rebsorten oder der biologische Weinbau wurden anfangs fast immer skeptisch betrachtet. Am Ende setzte sich nicht die Ideologie durch, sondern die Praxis. Beim Klimawandel wird es sich ähnlich verhalten. Wir können über Ursachen, Geschwindigkeit oder geeignete Maßnahmen streiten. Der Weinberg selbst interessiert sich dafür nicht. Er reagiert ausschließlich auf Wasser, Sonne und auf die Arbeit der Winzer.

40 Grad und 5 Weinschorlen, die Hitze zu überleben – eine Satire
(Klimek / Redaktion / animated pic: runwayml) 41 Grad? Da vergeht selbst dem versierten Weintrinker die Lust auf Wein. Spätestens jetzt verlieren selbst die dogmatischsten Weineinthusiasten ihre Würde: Menschen, die sonst stundenlang über Maischestandzeiten, Kalkböden und Burgunderklone diskutieren, stehen plötzlich vor dem Kühlschrank und denken einen Gedanken, den sie sich nie zu denken getraut hätten:
(Klimek / Redaktion / animated pic: runwayml)
41 Grad? Da vergeht selbst dem versierten Weintrinker die Lust auf Wein. Spätestens jetzt verlieren selbst die dogmatischsten Weineinthusiasten ihre Würde: Menschen, die sonst stundenlang über Maischestandzeiten, Kalkböden und Burgunderklone diskutieren, stehen plötzlich vor dem Kühlschrank und denken einen Gedanken, den sie sich nie zu denken getraut hätten: Vielleicht doch ein G’spritzter.
In Österreich heißt er G’spritzter. In Deutschland Weinschorle. Beide Begriffe lösen ungefähr dieselben Reflexe aus. Die einen sehen darin den Untergang der europäischen Weinkultur. Die anderen die einzige Möglichkeit, einen Nachmittag unter einer Platane zu überleben. Ich gestehe: Im Hochsommer gehöre ich zur zweiten Gruppe. Es gibt Tage, an denen ein Smaragd schlicht keinen Sinn ergibt. Man bewundert ihn. Man liebt ihn. Man lässt ihn im Keller. Der Körper verlangt nicht nach 14 Volumenprozent, sondern nach Flüssigkeit. Möglichst kalt. Möglichst viel davon.
Der G’spritzte war deshalb nie ein Sakrileg. Er war immer Überlebensstrategie. Das eigentliche Sakrileg beginnt erst jetzt. Denn wenn schon sämtliche Hitzerekorde Europas fallen, warum sollte ausgerechnet der Wein jenes Kulturgut bleiben, das er ist? Die klassische Mischung aus Weißwein und Soda genügt den Bedingungen des Klimawandels längst nicht mehr. Zeit also für die neue Generation der Weinschorle.
Mein erster Vorschlag trägt den schönen Namen Dorn Zero. Man nehme eiskalte Cola Zero und füge einen respektvollen Schuss Dornfelder hinzu. Niemand wird behaupten können, der Dornfelder hätte dadurch an Charakter verloren.
Nummer zwei richtet sich an Süßweinliebhaber. Ein Glas eisgekühlter Riesling-Eiswein trifft auf ebenso kalten Pfefferminztee. Das Ergebnis schmeckt ungefähr so, als hätte ein Rheingauer Winzer einen Wellnessurlaub gebucht.
Für Esoterik-Traditionalisten empfiehlt sich die Steinfeder Total. Grüner Veltliner Steinfeder, auf vier Grad heruntergekühlt, mit Granderwasser verlängert. Das Granderwasser verändert zwar nachweislich nichts, aber der Glaube war im Weinbau ohnehin immer eine wichtige Kategorie.
Die vierte Variante ist nur etwas für Mutige. Kefir direkt aus dem Kühlschrank, dazu ein kleiner Schuss Sauternes. Der Edelfäule begegnet der Milchsäure. Frankreich trifft den Kaukasus. Wahrscheinlich verbietet das irgendwann eine UNESCO-Konvention.
Noch eleganter wirkt die Asia-Schorle. Eiskalte Zitronengrasessenz, großzügig mit Verjus verlängert. Kaum Alkohol, aber der feste Wille, trotzdem an Wein zu denken.
Man könnte die Liste beliebig fortsetzen. Fino-Sherry mit Tonic. Lambrusco mit geeistem Espresso. Grüner Veltliner mit Gurkenwasser. Champagner auf kaltem Kokoswasser. Doch Irgendwo endet auch meine Toleranz.
Das Schöne an diesen Gedankenexperimenten ist ohnehin etwas anderes. Sie machen deutlich, wie unerquicklich manche Wein-Debatten geworden sind. Seit Jahren wird erbittert darüber gestritten, welche Rebsorte wichtiger ist, welche Maische länger liegen muss, welches Holzfass moralisch vertretbar erscheint und ob man Eiswürfel in Wein werfen darf. Natürlich darf man. Man darf auch Mineralwasser hineingießen. Man darf den Wein sogar einfach trinken, ohne vorher zehn Minuten über ihn zu sprechen.
Wein besitzt nämlich eine Eigenschaft, die in der Weinwelt gelegentlich vergessen wird. Er ist ein Getränk. Und Getränke haben seit jeher eine Aufgabe. Sie sollen Durst löschen. Nicht jedes Glas muss eine Offenbarung sein. Nicht jeder Schluck verändert das Leben. Manchmal reicht es völlig aus, wenn einem nach dem ersten G’spritzten nicht mehr heiß ist.
Die große Kultur des Weins geht daran nicht zugrunde. Sie überlebt sogar Cola Zero mit Dornfelder. Knapp zwar. Aber sie überlebt.

Einmal noch Wachau bitte. Und dann ab ins Markgräflerland. Die WELT am SONNTAG Kolumne
(Manfred Klimek) Bevor der Zug im badischen Freiburg ankommt, muss ich meine Kolumne von vor vierzehn Tagen mit ein paar Weinen der in der Kolumne besprochenen Domäne Wachau komplettieren. Obwohl die Domäne mehr Sorten ganz famos keltert – darunter auch sehr seltene Weißweintrauben wie Neuburger oder Roter Veltliner – , bleibe ich bei der bekanntesten österreichischen
(Manfred Klimek)
Bevor der Zug im badischen Freiburg ankommt, muss ich meine Kolumne von vor vierzehn Tagen mit ein paar Weinen der in der Kolumne besprochenen Domäne Wachau komplettieren. Obwohl die Domäne mehr Sorten ganz famos keltert – darunter auch sehr seltene Weißweintrauben wie Neuburger oder Roter Veltliner – , bleibe ich bei der bekanntesten österreichischen Rebsorte: dem Grünen Veltliner. Der Veltliner Federspiel Ried Kollmütz 2024 in der Magnumflasche (1,5 Liter, € 25,00) ist für mich der beste Partywein mit Lagencharakter dieses Sommers: frisch, würzig, Biss, Anspruch – eine easy-going eierlegende Wollmilchsau. Für € 28,00 ist der Veltliner Smaragd 2024 aus der Ried Axpoint eine sichere Bank für einen nicht zu pfeffrig-würzigen, sonder auch elegant-burgundischen Veltliner – der dann im Glas mit etwas Luft sein Veltlinerleben alle Stücke spielen lässt. Die Smaragdveltiner aus den weinweltbekannten Top-Rieden Achleiten und Kellerberg (beide € 46,00) sind präzise, auf eindrucksvollen Schluck gekelterte, großen Handwerksveltliner: ohne Chichi, modischer Intervention und mit viel Wumms, die mehr Aufmerksamkeit bekommen sollten. Vor allem, weil wir sie Jahre im Keller reifen lassen können.
Mit diesem Eindrücken am Gaumen verlasse ich Österreich Richtung Westen. Die Donau verschwindet, die Landschaft wird enger, öffnet sich nach Tirol, die Berge treten zurück. Irgendwann tauchen am Zugfenster Basel, der Rhein und die Vogesen auf – und der Schwarzwald. Ich erreiche das Markgräflerland, jenes total südwestliche Stück Deutschland an der Grenze zu Frankreich und der Schweiz, das deutschen Weinkonsumenten erstaunlich wenig bekannt ist. Dabei ist das Markgräflerland ein Wirtshaus- und Weintrinkerparadies par excellence, dessen unbeschwerte Lebenslust der hier ansässigen Bewohner ein völlig anderes Bild der oft als Spaßbremsen verschrienen Deutschen abgibt. Hier lässt es sich gut und wohlfeil leben.
Zum Verständnis des Markgräflerlands gehört eine Rebsorte, die wir bis heute meist Gutedel nennen. Genau darin liegt allerdings das einzige Probleme der Sorte und seiner Vermarktung, denn Gutedel klingt nach Pauschalreise, Vereinsausflug und jener deutschen Weinkultur, die seit Jahrzehnten mühsam überwunden wird. International heißt die Sorte Chasselas. Und sie ist eine der gegenwärtig interessantesten weißen Rebsorten Europas.
Chasselas ist eigentlich die große weiße Rebsorte der französischsprachigen Schweiz. Deshalb gilt sie in der Schweiz als eine der besten Terroir-Sorten des Kontinents. Und dennoch: deutsche Chasselas sind teils deutlich besser als jene der Schweiz. Auch darüber werden sich die Winzer des Markgräflerland zunehmend bewusst.
Aromatisch verweigert sich Chasselas jeder Form von Effekthascherei: keine exotischen Fruchtkörbe, keine aufdringliche Primärfrucht. Stattdessen Birne, weiße Blüten, rosa Grapefruit, gering Mandarine, manchmal Lindenblüte, manchmal Akazie. Mit zunehmender Reife treten jene feinen Noten von Haselnuss und auch Walnuss auf, die große Chasselas zu großen Weißweinen machen.
Gerade diese kontrollierte Neutralität des Chasselas macht die Sorte so wertvoll. Selbst bei konzentrierterem Ausbau behält der Wein eine bemerkenswerte Gelassenheit. Er drängt sich nicht vor das Essen, sondern begleitet es: Fisch aller Art, Austern, Muscheln, asiatische Gerichte, Kräuterküche, Ziegenkäse oder helles Fleisch profitieren von genau dieser Eigenschaft – Chasselas verstärkt Aromen, statt sie zu überdecken.
Hinzu kommt etwas, das im Weinbau der kommenden Jahrzehnte noch wichtiger werden dürfte: breites Gefallen, noble Textur und Trinkfluss bei wenig Alkohol. Während andere Regionen derzeit fieberhaft nach Antworten auf den Wunsch vieler Konsumenten nach leichteren Weinen suchen, bringt Chasselas diese Eigenschaften seit Jahrhunderten mit. Davon und vom Markgräflerland werde ich nun einige Folgen lang berichten.
