spit on my grave
aber bitte Wein. Fünf Weine, sich die Apokalypse schönzutrinken.
15. Mai 25, Klimek. Die Welt ist ein Saustall! Und keiner mistet aus. Es brennt. Im Nahen Osten, in der Ukraine, in den USA, in den Medien. Das Klima ist ein Totalschaden, die Börse ein Glücksspiel, und in Berlin regiert bald eine Schuldenkoalition, die sich bemühen wird, das Richtige zu tun – Schwerpunkt auf Bemühen. Das Einzige, was uns dieser Tage bleibt, ist das Glas in der Hand.
DEUtschbahn
Den Spies dreht keiner um – die DB und ihr einzig schöner Moment!
16 Mai 25 Klimek. Ich bin mit dem Zug nach Rheinhessen gefahren. Vor Wein-Achten. Mit dem Zug nach Rheinhessen zu fahren heißt in 95% der Fälle mit der DB fahren zu müssen: jenem Konzern, der es seit 2003 ca schafft, mein Nervenkostüm zu zerschneiden, ohne daraus ein neues, besseres Nervenkleid schneidern zu können – ganz im Gegenteil.

Das Iphone-Telefoninterview zur weltweiten Weinpolitik: Lenz Moser V über den Stand der Dinge – auch in China
(Manfred Klimek / Pic animated: Runwayml) Andere betreiben “Poshcasts” (sehr modern gerade); die chronisch mangelfinanzierte Wineparty (arm aber sexy) hält einfach ihr angejahrtes Iphone an das MacBook und schneidet mit: Lenz Moser V über weltweinpolitische Fragen, über den Einbruch und eine neue Generation Weintrinker in China, über Schwellenmärkte, über das große Gut Mundpropaganda, über die
(Manfred Klimek / Pic animated: Runwayml)
Andere betreiben “Poshcasts” (sehr modern gerade); die chronisch mangelfinanzierte Wineparty (arm aber sexy) hält einfach ihr angejahrtes Iphone an das MacBook und schneidet mit: Lenz Moser V über weltweinpolitische Fragen, über den Einbruch und eine neue Generation Weintrinker in China, über Schwellenmärkte, über das große Gut Mundpropaganda, über die Bereinung des Marktes und seine Sicht der zu gewinnenden Potentiale und über seinen bald siebzigsten Geburtstag – und warum er nicht so lange arbeiten will, wie sein Vater (der bis 94 in seiner Firma arbeitete und jetzt auf die 100 zugeht). 30 interessnte Minuten. Enjoy!

Es g’hört wieder mehr g’huggt – der KI-Sonntag auf der Nicht-nur-Wein-Party
(Nikolaus Skene) Manchmal haben Sie Lust auf einen Weißwein. Manchmal auf einen Roten. Und nach dem Sport ist ein Bier auch etwas sehr Feines. Niemand käme auf die Idee, in genau diesem Moment alles gleichzeitig zu bestellen. Kein Sommelier dieser Welt würde sagen: „Kein Problem, ich bringe Ihnen Weißwein, Rotwein, Bier, ein Steak, ein Handtuch,
(Nikolaus Skene)
Manchmal haben Sie Lust auf einen Weißwein.
Manchmal auf einen Roten.
Und nach dem Sport ist ein Bier auch etwas sehr Feines.
Niemand käme auf die Idee, in genau diesem Moment alles gleichzeitig zu bestellen.
Kein Sommelier dieser Welt würde sagen: „Kein Problem, ich bringe Ihnen Weißwein, Rotwein, Bier, ein Steak, ein Handtuch, eine Massage, ein Telefonat mit Ihrer Mutter und vorsorglich einen Skiurlaub.“
Unser Gehirn ist da deutlich effizienter.
Es entscheidet kontextuell. Situativ. Energiesparend.
Es aktiviert nur jene Regionen, die gerade relevant sind. Der Rest bleibt “ruhig”.
Und genau hier liegt ein oft übersehener Unterschied zwischen menschlicher und heutiger künstlicher Intelligenz.
Und jetzt kommt ChatGPT ins Spiel.
ChatGPT funktioniert im Kern anders.
Egal, worauf Sie gerade Lust haben – es fragt immer alles ab.
Nicht nur das Bier nach dem Sport, sondern gleichzeitig das Bier, den Weißwein, den Rotwein, das Steak, das Rezept, die Lieferkette, die CO₂-Bilanz, die Weinregion, die Sportart und die philosophische Bedeutung von Durst.
Der Grund, warum wir das nicht merken:
Es passiert extrem schnell.
Die sinnlosen „Regionen“ werden in Millisekunden ausgegrenzt, und am Ende kommt eine halbwegs vernünftige Antwort heraus. Aber der Rechenaufwand dahinter ist gigantisch.
Das menschliche Hirn wäre in dieser Form völlig überfordert.
Und genau deshalb ist der Stromverbrauch heutiger KI-Systeme ein ernstzunehmender Kritikpunkt.
DeepSeek geht hier bereits einen Schritt weiter.
Es versucht, unterschiedliche Teile des Modells gezielter zu „feuern“, abhängig davon, was gerade wahrscheinlich relevant ist. Nicht alles, immer, gleichzeitig. Sondern selektiver. Kontextsensitiver.
Und dann kommt HuggingGPT.
HuggingGPT ist kein neues Modell.
Es ist ein Architekturgedanke.
Die Kernidee:
Ein großes Sprachmodell wie ChatGPT wird nicht mehr als Universalgenie verwendet, sondern als Controller. Als Dirigent. Als Planer.
Es hört dem Nutzer zu, versteht die Absicht – und zerlegt sie dann in konkrete Teilaufgaben.
Diese Teilaufgaben werden nicht vom selben Modell gelöst, sondern gezielt an Spezialisten weitergegeben: Bildmodelle, Audiomodelle, Klassifikatoren, Text-zu-Sprache-Systeme, Objekterkennung, Segmentierung. Alles Modelle, die bereits existieren, zum Beispiel im Hugging-Face-Ökosystem.
Entscheidend ist dabei nicht nur was gemacht wird, sondern in welcher Reihenfolge.
HuggingGPT plant Abhängigkeiten.
Manche Aufgaben müssen seriell abgearbeitet werden, andere können parallel laufen. Ergebnisse aus einem Modell werden als Input für das nächste verwendet. Erst am Ende sammelt der Controller alles wieder ein und formuliert eine Antwort.
Eine einfache Anfrage wie „Beschreibe dieses Bild detailliert“ wird automatisch zerlegt in Bildklassifikation, Objekterkennung, Segmentierung, Captioning und visuelle Frage-Antwort-Modelle – und erst dann zusammengeführt.
Das ist keine neue Intelligenz.
Aber es ist eine andere Art, intelligent zu arbeiten.
Und hier wird HuggingGPT wirklich interessant:
Das System skaliert nicht über immer größere Modelle, sondern über Koordination. Über Auswahl. Über Arbeitsteilung. Über Kontext.
Plötzlich sieht KI nicht mehr aus wie ein überforderter Universalstudent, der alles gleichzeitig können muss, sondern wie ein gut organisiertes Team.
Noch “quietscht” es an der einen oder anderen Ecke: höhere Latenz, Abhängigkeit von der Planungsfähigkeit des Controllers, Token-Limits, Instabilitäten. HuggingGPT ist kein fertiges Produkt. Es ist ein Denkmodell.
Aber eines, das auf eine wichtige Richtung hinweist:
Weg von „größer, schneller, alles gleichzeitig“.
Hin zu „richtiger, selektiver, effizienter“.
Und damit zurück zum Stromverbrauch. Eine der berechtigten Hauptkritiken an heutiger KI ist ihr Energiehunger. Wenn Intelligenz nicht mehr aus maximaler Parallelität entsteht, sondern aus gezielter Orchestrierung, nähern wir uns möglicherweise einer effizienteren maschinellen Denkweise.
Was das langfristig bedeutet – auch für menschliche Arbeit, menschliche Intelligenz und menschliche Relevanz – ist eine andere Diskussion.
Für einen anderen Samstag.
Heute reicht eine Beobachtung:
Es gehört wieder mehr g’huggt.
Nicht alles auf einmal.
Sondern das Richtige, im richtigen Moment.
(Nikolaus Skene lebt und arbeitet in San Francisco, berät Unternehmen in Sachen KI und veranstaltet seit mehreren Jahren Touren in das Silicon Valley und andere Hot-Spots der technlogischen Entwicklung

Kalt! Warm! Rechnitz! Wösendorf! Aus den Reisetagebüchern
(Manfred Klimek / Pic animatied: Runwayml) Rechnitz und Wösendorf, der eine Ort am östlichsten Ausläufer der Alpen, der andere am südlichsten Rand des österreichschen Waldviertels – Orte, die unterschiedlicher nicht sein können. Doch wir müssen hier länger verweilen, weil hier Weine eingeschenkt werden, als wären sie Argumente – nein, sind sie! Rechnitz – das Anti-Idyll
(Manfred Klimek / Pic animatied: Runwayml)
Rechnitz und Wösendorf, der eine Ort am östlichsten Ausläufer der Alpen, der andere am südlichsten Rand des österreichschen Waldviertels – Orte, die unterschiedlicher nicht sein können. Doch wir müssen hier länger verweilen, weil hier Weine eingeschenkt werden, als wären sie Argumente – nein, sind sie!
Rechnitz – das Anti-Idyll
Rechnitz liegt am Rande der Republik, nach Ungarn sind es ein paar Kilometer und jede Arbeitskraft in den Supermärkten pendelt aus Ungarn ein – was dem Kurzkassa-Gespräch etwas Paprika gibt. Zum Abschied sag’ ich “Wisla” (ein Insider). Die Luft ist grad sehr, sehr kühl, der Wind mäßig präsent. Die Böden aber sind bei jedem Wetter Grünschiefer, Lehm, Einschlüsse, Übergänge. Nichts ist eindeutig, nichts glattgezogen. Beim Weingut Straka wird daraus nicht nur ein präsenter und prägnanter Stil gekeltert, sondern eine Arbeitsgrundlage für Experimente, die sowohl im Regionalen als auch im Internationalen Anker werfen. Daraus enstand in den letzten zehn Jahren die sehr singuläre Handschrift Thomas Strakas – singuläre Handschriften fand ich in der Region um den Eisenberg übrigens erstaunlich viele.
Strakas Furmint 2023 steht kurz im Glas – und schon der erste Schluck bleibt erstaunlich lange. Leise, dunkle Kräuter, feine Bitternoten, Quitte, gering Marille, kaum Pfeffer, geringst Muskat: Spannung aus innerer Struktur. Und der erneute Hinweis, dass diese ungarische Traube auch nach Westungarn gehört. Warum wird dann nicht mehr von gepflanzt? “Jössas”, sagt Straka, “der Furmint ist noch schädlingsanfälliger als der Pinot Noir”.
Noch präziser (wenn das überhaupt geht) wird Straka bei den Blaufränkischen, die hier konsequent einzeln gelesen werden:
-
Blaufränkisch Grünschiefer: hellbeerig, kühl, fast schwebend. Kräuter, rote Johannisbeere, eine Erdigkeit, die nicht beschwert. Sehr feine Tannine, lebendig geführt.
-
Blaufränkisch Rechnitz DAC Reserve: dichter, strukturierter, aber nie schwer. Kirschfrucht, mineralischer Kern, Saftigkeit im Abgang. Ein Wein mit Reifepotenzial, das wohl länger währt, als gemeinhin angnommen. Shoot ziz Bargain!
-
Blaufränkisch Ried Rosengarten: tiefer, tief, tiefer: dunkler, würziger. Brombeere, Wacholder, feinkörniges Tannin. Ernsthafter, konzentrierter, ohne ins Monumentale zu kippen.
-
Blaufränkisch Ried Prantner: der kargste, straffste der Reihe. Cranberry, Preiselbeere, Kräuter, festes Rückgrat. Ein Wein, der Spannung hält und nicht auflöst.
Über Thomas Strakas nahezu einzigartige Welschrieslinge schreibe ich gesondert in der WELT am SONNTAG.
(Bei den Strakas kann jeder Gast, der unten ein Glas mehr trinkt, oder überhaupt einen Platz zum Schlafen sucht, einen Stock drüber vorzüglichst auf höchstem Niveau übernachten – wie ich weiß und empfehlen will).
Wösendorf – das Idyll
Wösendorf: Terrassen, Mauern, Weinberge, ein Fluß, eine richtige Kulturlandschaft. Bei Rudi Pichler fließt das alles ins Glas- im echt. Hier wird nicht nur verkostet, hier wird erklärt – ruhig, präzise, ins Detail, ohne Pathos. Pichler ist mit Bodenstein der liberale Intellektuelle der Wachau – nicht aus Pose, sondern aus der Denke und eines Wirtschaftsstudium heraus
Die Bodenprofile liegen nicht als Dekoration aus, sondern als Schlüssel. Gföhler Gneis, Paragneis, amphibolitische Einschlüsse, kalkfreie Zonen. Man versteht schnell: Diese Rieslinge entstehen nicht im Keller, sondern in Höhenlinien.
Die Smaragd-Rieslinge 2024 zeigen das deutlich:
-
Terrassen: feiner Einstieg, weißer Pfirsich, Schieferanklang-Hauch, logisch-elegante Struktur. Ein Wein, der für diese Qualität fast unverschämt günstig und lagerfähig ist. Und ein Wein auch für den Zielmarkt USA, wo er, trotz Zölle, einen kleinen Boom verzeichnet – eben, weil er das Große gut und günstig erklärt.
-
Kirchweg: mineralisch verdichtet, präziser Zug, klare Frucht. Sedimente vom Hang darüber sind spürbar, nicht erklärungsbedürftig.
-
Hochrain: straffer, konzentrierter, mit deutlicher Spannung. Alte Reben, mehr Tiefe, längerer Atem. 50 Jahre im Keller steht er gut durch. Aber so lange leben wir nicht mehr.
-
Achleithen: puristisch, druckvoll, kompromisslos. Gneis, Kargheit, Länge. Ein Riesling, der fruchtig verzückt, doch auch mineralisch unn intelektuell fordert. Mehr, als deutsche Rieslinge. Das gilt auch für den Hochrain.
Von den Federspielen und Grüner Veltlinern Rudi Pichlers werde ich in der WELT am SONNTAG berichten
Was bleibt
Zwei Orte, zwei Landschaften, zwei sehr unterschiedliche Sprachen. Und doch etwas Gemeinsames: Beide Betriebe verzichten auf Vereinfachung. Sie trauen ihren Weinen zu, zugleich einfach als auch fordernd gelesen zu werden. Sie rechnen im Buch der Weine mit Aufmerksamkeit, nicht mit Effekten. Österreich as best as it can.

Deutsch-Österreichische-Weinschaft. Die WELT am SONNTAG Kolumne von letztem Sonntag
(Manfred Klimek / Pic animated: Runwayml) Weiter geht’s mit meiner Winzer-Winterreise, die Weinmacher und ihren Welt- und Weitblick erklären soll – in einer Zeit, in der sich alle önologisch Tätigen ein gewaltig Rüstzeug zulegen müssen, um auf einen sich total verändernden Markt zu reagieren. Heute: der Sound von zwei Winzerpaaren. Erste Station: Rheinhessen. Der Rote
(Manfred Klimek / Pic animated: Runwayml)
Weiter geht’s mit meiner Winzer-Winterreise, die Weinmacher und ihren Welt- und Weitblick erklären soll – in einer Zeit, in der sich alle önologisch Tätigen ein gewaltig Rüstzeug zulegen müssen, um auf einen sich total verändernden Markt zu reagieren. Heute: der Sound von zwei Winzerpaaren. Erste Station: Rheinhessen. Der Rote Hang ist historisch ein Weißweinmonument. Riesling, roter Schiefer, Säure. Rotwein kommt hier in den klassischen Erzählungen nicht vor – oder höchstens als Fußnote. Und genau deshalb lohnt der Blick auf das Weingut von Lisa Bunn und Bastian Strebel. Die beiden haben 2011 begonnen, den elterlichen Betrieb weiterzuführen – nicht aus romantischem Impuls, sondern aus Notwendigkeit: Bioumstellung, Handlese, großes Holz, Spontangärung. Kein radikaler Gestus wie ihn viele in diesen Jahren pflegten, sondern eher ein behutsames Umschalten auf maximale Ernsthaftigkeit.
Der Nierstein Spätburgunder vom Rotliegenden 2022 (€ 20,00) zeigt genau das: kein restsüßer Pinot-Kitsch, kein Burgund-Abziehbild, sondern ein schlanker, präziser Wein mit mineralischer Spannung, feiner Frucht und kontrolliertem Holz: Tick Herzkirsche, erstaunlich viel Cassis, Tick Hagebutte, kaum Eukalyptus, Tick Bodensalze (nie überbordend) und ein bisschen Bitterschokolade. Ein Paradewein zu Schmorgerichten und Wild.
Der Pinot Noir 2022 (€ 11,90), der Einstiegswein, ist bemerkenswert unspektakulär – im besten Sinn. Sauber, zugänglich, ohne erklärungsbedürftige Ecken: lecker, und weg. Der Spätburgunder Reserve 2022 (€ 26,00) geht freilich weiter: mehr Tiefe, längerer Ausbau, spürbare Ruhe. Kein Muskelspiel, sondern Verdichtung. Und ein Wein zum lange Weglegen.
Und dann steht da noch der Frauengarten Spätburgunder „Wie alles begann“ 2011 (Preis auf Anfrage) auf dem Tisch. Kein Nostalgieprodukt, sondern ein Prüfstein. Im direkten Vergleich mit den 2022ern wird klar, wie stark sich der Stil bei Bunn entwickelt hat: weniger Holzbehauptung, mehr Präzision, mehr Selbstvertrauen. Der Wein hält – und erzählt rückblickend, warum die aktuellen Jahrgänge so souverän wirken.
Nächster Stop: die Wachau in Niederösterreich. Vor zwanzig Jahren war die Entscheidung von Elisabeth Pichler und Erich Krutzler, beide Kinder prominenter Winzer, ein eigenes Weingut in Oberloiben zu gründen, noch eine Wette auf Ausbruch und Aufmerksamkeit. Wie bei Lisa und Bastian am Roten Hang war es keine Geste des Aufbegehrens, sondern eine intensive Avantgarde, Ausprobieren und Zulassen, die den Unterschied machte: viel Zeit im Weinberg, sehr sanfter Kellerzugriff, spontane Gärungen und der Mut, Terroir weit über Moden zu stellen. Ich kostete ausschließlich Grüne Veltliner.
Der Veltliner Supperin 2024 (€ 34,00) ist ein Statement dieses Ansatzes: Er spiegelt die einzigartige Lage am Donauplateau, die salzige Würze und die Dichte des Bodens, ohne sich in Fruchtakrobatik zu verlieren – ein Wein, der zuerst Struktur zeigt und dann Frucht. Der Grüner Veltliner Rothenhof Alte Reben 2024 (€ 40,00) deutet an, was alte Reben leisten können: mehr Tiefe, mehr Spannung, ein Hauch von kräutriger Komplexität, getragen von mineralischer Frische: Tick Paprika, Tick Gelbwurz, Tick Beifuß, viel Steinobst, gering Quitte und auch so ein Hauch gekühltes Letscho. Beide Veltliner zeigen, wie konsequent Pichler-Krutzler Terroir lesen und in Wein übersetzen.
Der Grüner Veltliner Kellerberg 2024 (€ 58,00) aus der Paradelage oberhalb von Dürnstein ist ein engmaschiger, präziser Wein: er verbindet die eher sanfte Mineralität der Donauhänge mit einer stillen Konzentration, die erst nach einigen Minuten im Glas aufbricht – ein Ergebnis jener langen Vegetationsperioden und kühler Nächte, die die Wachau auszeichnen.
Und dann der Grüner Veltliner Pfaffenberberg Alte Reben „late release“ 2015 (€ 66,00): ein Wein, der zeigt, was Geduld bewirkt. Nach dem Keltern war der Wein reduziert, mineralisch, fast puristisch. Nach den Jahren der Flaschenreife öffnet er sich nun zu einer dichten, cremig-reifen Textur – ein Demonstrationswein dafür, wie formidabel Grüner Veltliner Alterung verträgt, ohne Frucht und Gewicht zu verlieren.

All that Hell allows – Ein Wein, die Welt zu umarmen
(Manfred Klimek / Pic Animation: Runwayml) Jutta Ambrositsch war schon bevor sie Marco Kalchbrenner kennenlernte eine grandiose junge Kärntner Grafikerin in Wien. Eine, die Typografie nicht nur lesen, sondern denken konnte. Marco wiederum kam aus dem Text, aus der Sprache, aus der präzisen Setzung von Bedeutung – und da war er, der Südburgenländer, ebenso einer der
(Manfred Klimek / Pic Animation: Runwayml)
Jutta Ambrositsch war schon bevor sie Marco Kalchbrenner kennenlernte eine grandiose junge Kärntner Grafikerin in Wien. Eine, die Typografie nicht nur lesen, sondern denken konnte. Marco wiederum kam aus dem Text, aus der Sprache, aus der präzisen Setzung von Bedeutung – und da war er, der Südburgenländer, ebenso einer der besten. Kennengelernt haben sich die beiden in der Werbewelt – wo sie ihre sehr schnell sehr beachtlichen Karrieren hätten auf easy fortsetzen können; bin hin zur eigenen Agentur. In den 90er-Jahren hätte das Cash, Preise und Parties bedeutet. Dem haben sie das Ernsthafte vorgezogen – den Weinbau.
Was beide dort seit bald zwanzig Jahren tun, ist alles andere als oberflächlich. In den Hängen der Wiener Weinberge, rund um Nussberg, Riesenberg und Bisamberg, keltern sie Weine, die nicht dekorativ sind, sondern teils dramatsich positioniert. Weine mit innerer Ordnung, mit Klarheit, mit einem erstaunlichen Selbstbewusstsein. Biozertifiziert, kompromisslos in der Arbeit, eigenständig im Ausdruck – und vor allem: vollständig autonom. Sie mussten niemanden fragen, wie man Wein „richtig“ macht. Sie haben es sich selbst beigebracht. Und genau deshalb wirkt nichts angelernt, nichts fremd, nichts aufgesetzt. Und deswegen sind die beiden und ihre Weine immer singulär.
Diese Autonomie endet nicht im Keller. Sie setzt sich in der Vermarktung fort, in der Reise nach außen, in der erstaunlich hohen Exportquote von rund 75 Prozent, vor allem in die USA und nach Kanada. Ambrositsch und Kalchbrenner sind Weltbürger im besten Sinn: neugierig, offen, präsent – ohne den Versuch, sich anzubiedern. Ihre Weine gehen hinaus, weil sie in urbanen Schichten als außergewöhnlich sofort verstanden werden. Und nicht, weil jemand sie erklären muss.
Seit knapp zwei Jahren kommt nun ein zweiter Ort hinzu. Einer, der keine großstädtische Nachbarschaft sein eigen nennt, sondern fast entrückt wirkt: der Csaterberg im Südburgenland, ein von Wald umschlossenes Weinbergsidyll, in viele kleine Parzellen gegliedert. Hier liegen die Weingärten von Juttas Familie, und hier zeigt sich eine andere Seite der beiden. Keine Abkehr von Wien – eher eine Erweiterung; die sublime Ergänzung. Ein Ort, an dem sich Herkunft, Erinnerung und Gegenwart überlagern.
Aus diesem Csaterberg stammen drei Weine, die mehr sind als ein Nebenprojekt. Sie sind eine zweite Stimme. Das Projekt firmiert unter dem Begriff “Waelder”.
Der Einstieg heißt „Aufwaerts“ 2024 – eine Cuvée aus Welschriesling, Müller-Thurgau und Weißburgunder. Ein Wein für alle Tage, ja. Aber nicht ohne Anspruch. Fruchtig, nussig, mit jener südburgenländischen Wärme, die nicht breit wird, sondern trägt. Der Boden spricht klar: Serpentinit, Opal, ein Hauch Schiefer – ein ungarischer Einschlag, der nicht folkloristisch wirkt, sondern strukturell. Ein Wein, der Leichtigkeit nicht als bodenlos kapiert.
Darauf folgt „Himmelwaerts“ 2024, Chardonnay, aktuell noch Fassprobe. Ein Wein, der sich Zeit nehmen wird – und sie auch einfordert. Noch ist er nicht ganz bei sich, noch ordnet er seine Teile. Aber schon jetzt ist spürbar, dass hier nicht auf schnelle Lesbarkeit gezielt wird, sondern auf Tiefe. Einer, den man liegen lassen sollte. Und will.
Und dann ist da „Hoellwaerts“ 2024. Blaufränkisch. Vierzig Jahre alte Reben. Ein einziges 600-Liter-Fass. Zehn Tage auf der Schale – bewusst kurz, damit die Farbe nicht dominiert, das Hellere vor dem Dunklen; und so so gar nicht Hoelle. Was hier entsteht, ist tatsächlich etwas Seltenes: ein Wein, der nahezu allen schmecken muss – und dennoch extrem hohe Ansprüche erfüllt.
In der Nase Mulberries, Graphit, ein Hauch Eiklar. Mehr Herzkirsche als Sauerkirsche. Gedimmtes Cassis, Blaubeere, ganz leicht Nuss. Aber all das ist beinahe Nebensache. Entscheidend ist der Mund: saftig, kernig, dicht, doch leicht, dabei immer völlig unanstrengend (das heißt nicht, dass anstrengende, mehr fordernde Weine nicht ihre absolute Berechtigung hätten – haben sie). Ein Blaufränkisch mit Zug, mit innerem Druck, mit dieser unwiderstehlichen Eigenschaft, dass man das Glas nicht wegstellen will und während des Trinkens nach der nächsten Flasche schielt. Positiv populistisch, wenn man so will. Ein perfekter Saufwein – und zugleich einer der substanzreichsten Blaufränkischen der letzten Jahre.
Zum Schluss ein Tipp, der mehr ist als eine Empfehlung: „Hoellwaerts“ gemeinsam mit „Hetfleisch“ trinken, jenem Projekt, das Ambrositsch und Kalchbrenner vom jüngeren Winzer Christoph Wachter-Wiesler keltern lassen. Zwei Weine, zwei Haltungnoten, ein gemeinsamer Nenner: Ernsthaftigkeit ohne Pathos, Freude ohne Vereinfachung. Wachter-Wieslers Arbeit werden wir uns in diesen Tagen ebenfalls ausführlich widmen.
Was bleibt, ist ein Eindruck, der über einzelne Flaschen hinausgeht. Jutta Ambrositsch und Marco Kalchbrenner machen Weine, die nicht erklären können und nicht erklären wollen, wie gut sie sind. Sie sind es. Und manchmal – immer öfter – entsteht dabei ein Wein, der etwas Größeres leistet: ein Wein die Welt zu umarmen.

Zum Tode der Grandseigneurs Pierre Trimbach & Daniel Cathiard
(Manfred Klimek / Claude Auguste) Am Beginn eines Jahres, das schon früh harte Blicke in die Zukunft des Weins richtete, hat das Universum der Reben zwei Persönlichkeiten verloren, die in je eigener Weise die Tradition, den Ausdruck und das Selbstverständnis großer Weinbaukultur geprägt haben: Pierre Trimbach aus dem Elsass und Daniel Cathiard aus dem Bordelais.
(Manfred Klimek / Claude Auguste)
Am Beginn eines Jahres, das schon früh harte Blicke in die Zukunft des Weins richtete, hat das Universum der Reben zwei Persönlichkeiten verloren, die in je eigener Weise die Tradition, den Ausdruck und das Selbstverständnis großer Weinbaukultur geprägt haben: Pierre Trimbach aus dem Elsass und Daniel Cathiard aus dem Bordelais.
Pierre Trimbach, 12. Generation und technischer Direktor der Maison F.E. Trimbach in Ribeauvillé, starb Ende Januar 2026 plötzlich und überraschend. Er war einer der prägendsten Winzer des Elsass, bekannt für kompromisslose Präzision und eine fast puristische Herangehensweise an Terroir und Weißweinbau. Seine Nähe zum Riesling – insbesondere zu den großen trockenen Grand-Cru-Lagen – zeichnete ihn aus und machte Trimbach-Weine, allen voran Clos Sainte Hune oder die Cuvée Frederic Emilie, zu internationalen Referenzpunkten für trockene Rieslinge.
Die Maison Trimbach selbst blickt auf eine fast vierhundertjährige Geschichte zurück, gegründet 1626 und heute eine Institution der elsässischen Weinwelt. Generationen wechselten, aber der Fokus auf klar strukturierte, langlebige, terroirbetonte Weine blieb immer bestehen. Dabei war es nie ein gestalterischer Geniestreich eines Einzelnen, sondern ein generationsübergreifender Prozess – doch Pierre Trimbach stand für die Seele dieses Prozesses, für das Ringen um Ausgewogenheit, Eleganz und Ausdruck.
Unter seiner Ägide entstanden Weine, die Klarheit über Opulenz stellten, Ausdruck über Effekte. Schon in der enzyklopädischen Geschichte des Hauses wird er als einer der am meisten respektierten Kellermeister genannt, häufig als Purist des Elsass bezeichnet: jemand, der nur das in der Flasche haben wollte, was der Weinberg selbst an Information hervorbringt.
Während Trimbach in Jahrhunderten dachte, lebte und arbeitete, war Daniel Cathiard ein Vertreter jener Generation, die im 20. Jahrhundert die biodynamische Bewegung und die Erneuerung klassischer Grand-Vins in Bordeauxmitprägte. Der Mit-Eigentümer und charismatische Lenker von Château Smith Haut Lafitte, Graves, Bordeaux – offizieller Link starb am 28. Januar 2026 im Alter von 81 Jahren nach einer kurzen Krankheit.
Smith Haut Lafitte war lange Zeit ein gut klassifiziertes Weingut der Graves, Cru Classé, aber unter Cathiards Führung wurde es zu einem der klangvollsten Weingüter Frankreichs. Gemeinsam mit seiner Frau Florence Cathiard führte er das Château zurück zu biodynamischen Prinzipien, die das Terroir in den Vordergrund stellten: ein kompromissloser Fokus auf Boden, Rebe und das lebendige Zusammenspiel beider.
Doch Cathiard war kein Bordeaux-Traditionalist. Seine Vision streifte Kontinente: Er war Mitbegründer des Cathiard Vineyard in Napa Valley, Kalifornien, und damit einer der Wenigen, die die kraftvolle, expressive Dichte neuweltlicher Weine mit der strukturellen Eleganz des Bordeaux verbinden wollten. Seine Weine – egal ob aus Graves oder Napa – trugen stets das gleiche, klare Bekenntnis: Respekt vor dem Land, Mut zur Biodynamik, Sinn für Balance und Aussagekraft.
Die Parallelen zwischen diesen beiden Männern sind überraschend: Respekt vor Herkunft, Fähigkeit zur Innovation, ohne dabei den Boden der Tradition zu verlieren – und ein Verständnis von Wein als etwas Lebendigem, nicht als bloßem Handelsgut.
Doch wo Trimbach die Frage beantwortete: Wie bleibt eine 400-jährige Tradition frisch und relevant? – da antwortete Cathiard auf die Frage: Wie gestaltet man heute Spitzenwein mit Respekt vor morgen?
In Zeiten, in welchen vieles im Wein im Zeichen von Trends, Moden, Technologie und Vermarktbarkeit steht, blieben beide ihrer philosophischen Grundausrichtung treu: Wein als Interpretation eines Ortes und seiner Menschen. Bei Trimbach war es die kühle Präzision des Elsass, der kalkige Grundton der Grand-Cru-Lagen, das stille Statement von Struktur und Langlebigkeit. Bei Cathiard war es die Verbindung von klassischem europäischen Gedankengut und der offenen, sinnlichen Kraft kalifornischer Ausdrucksformen.
Beide Hinterlassenschaften werden Fortsetzung finden – in den Weinen, in den Kellern, in den Händen derjenigen, die ihnen gefolgt sind. Aber mit dem Tode von Pierre Trimbach und Daniel Cathiard verliert die Weinwelt zwei Stimmen, die nicht nur gehört wurden, sondern die den Klang dessen, was großer Wein sein kann, aktiv mitbestimmt haben.

Arachon — das große Wagnis eines österreichischen Kultrotweins. Eine Bilanz nach 30 Jahren
(Manfred Klimek / Björn Grebner) Es ist keine Geschichte einer Geraden, sondern eine aus Bögen von Mut, Irrtümern und einem schließlich intimeren und besseren Finale. Geboren 1996 aus einer verständlichen Sehnsucht: drei Winzer, drei Visionen, ein einziger Traum: ein österreichischer Rotwein, der den Anspruch hatte, einen eigenen Tignanello zu schaffen. Nicht eine Kopie, sondern ein
(Manfred Klimek / Björn Grebner)
Es ist keine Geschichte einer Geraden, sondern eine aus Bögen von Mut, Irrtümern und einem schließlich intimeren und besseren Finale. Geboren 1996 aus einer verständlichen Sehnsucht: drei Winzer, drei Visionen, ein einziger Traum: ein österreichischer Rotwein, der den Anspruch hatte, einen eigenen Tignanello zu schaffen. Nicht eine Kopie, sondern ein österreichisches Pendant zu dem toskanischen Kult-Blend von Antinori, international, kraftvoll, exportfähig. Doch mehr als ein Namens-Vorbild war es ein Wagnis: Blaufränkisch-Dominanz mit Merlot und Cabernet Sauvignon, ein Hybrid aus Kontinent und Kult.
Die Köpfe hinter der Idee waren so unterschiedlich wie leidenschaftlich: Tibor Szemes, der Südost-Pionier des burgenländischen Rotweins, dessen Fokus immer auf der autochthonen Blaufränkisch-Traube lag; F. X. Pichler, der große Weißwein-Virtuose aus der Wachau; und Manfred Tement, der Steirer, der den Sauvignon und Morillon in neue internationale Höhen führte. Gemeinsam wollten sie 300 000 Flaschen Arachon aus und mithilfe der Winzergenossenschaft Horitschon in die Welt schicken – eine Zahl, die in den späten 90ern in Österreich mehr wie eine Revolution klang als wie ein Weinprojekt.
1998 kam der erste Jahrgang in die Flaschen. Aber die Wahrheit des Weins schreibt selten geradlinig Geschichte. Tibor Szemes, ungekrönter Blaufränkisch-Botschafter, starb überraschend früh – ein Bruch, der das Projekt auf die Probe stellte. Die ehrgeizigen Pläne verpufften, das große, teure Gebäude fiel zurück zur Alleinnutzung an die Winzergenossenschaft – und die 300 000 Flaschen blieben eine Fata Morgana, ein „was hätte sein können“. Doch aus diesem Rückschlag wuchs etwas anderes – etav Wertvolleres.
Heute steht Oscar Szemes am Steuer. Nicht als Vollstrecker eines Plans, sondern als Schöpfer einer eigenen Arachon-Logik. In den letzten Jahrgängen 2018 bis 2021 hat Oscar die Cuvée entschlackt: Merlot und Cabernet Sauvignon wurden vom einstigen Korrektiv und Hoffnungsanker von etwas über 20 % auf rund 7 % reduziert. Das Ergebnis ist kein internationaler Blend mehr im klassischen Sinne, sondern ein wärmerer, erdigerer und „röterer“ Wein, der das Grün des Cabernet abschüttelt und den nackten Charakter des Blaufränkisch in den Mittelpunkt stellt – ohne Wildheit, aber mit Präzision.
Arachon 2018
Der erste Jahrgang der neuen Balance. In der Nase dunkle Kirsche, Schlehe, ein Hauch Graphit, dazu diese burgenländische Erdigkeit, die nicht schwer wirkt, sondern tragend. Am Gaumen ruhig, dicht, erstaunlich gelassen. Die Frucht ist reif, aber nicht süß, die Struktur präsent, ohne zu dominieren. Der Cabernet meldet sich kaum noch zu Wort – und genau das tut dem Wein gut. 2018 ist der Jahrgang, in dem Arachon beginnt, bei sich selbst anzukommen.
Arachon 2019
Ein Jahrgang mit Spannung. Kühler im Ausdruck, präziser geschnitten. Mehr Würze, mehr Dunkelheit, weniger Opulenz. Schwarzer Pfeffer, getrocknete Kräuter, dunkle Beeren, ein feiner mineralischer Zug. Am Gaumen straffer als 2018, mit einem langen, klaren Nachhall. Der Blaufränkisch zeigt hier seine Fähigkeit zur Disziplin, ohne spröde zu werden. Ein Arachon für Menschen, die Struktur lieben.
Arachon 2020
Der vielleicht harmonischste der vier. Wärme, Tiefe, aber keine Schwere. Reife Kirsche, Zwetschke, ein Hauch Kakao, etwas Waldboden. Alles wirkt rund, selbstverständlich, fast selbstverständlich zu selbstverständlich – bis man merkt, wie präzise das alles gebaut ist. Die Reduktion von Merlot und Cabernet zahlt sich hier voll aus: Der Wein ist erdig, rotfruchtig, ruhig, mit einem großen inneren Kern. Ein Jahrgang, der lange bleibt.
Arachon 2021
Der jüngste – und vielleicht der klarste. Frischer, straffer, mit einer fast jugendlichen Energie. Rote Beeren, Sauerkirsche, feine Kräuter, ein kühler Unterton. Am Gaumen linear, fokussiert, mit feinem Tannin und viel Zug nach hinten. Noch jung, noch nicht ganz gesetzt, aber mit spürbarem Reifepotenzial.
Das, was bleibt, das, was Zukunft verkündet, auch in schweren Zeiten für Rotweine, ist ein großer, langlebiger Blaufränkisch mit internationalem Anspruch, aber mit regionalem Herzen. Arachon kostet heute 33–35 Euro – und ist ein echter Bargain im Vergleich zu dem, was er im Glas erzählt: Tiefe, Würze, dichter Kern, klare Frucht, solide Struktur. Kein Ecken-und-Kanten-Spiel, sondern ein sicheres Statement: Blaufränkisch kann groß, ernst und anspruchsvoll sein, ohne sich zu verkünsteln.
Arachon ist kein Mythos der Vollendung geworden. Aber vielleicht genau deshalb ist es einer der spannendsten Rotweine aus Österreich des neuen Jahrtausends: ein Wein, der aus der Spannung von Vision und Realität entsteht, aus Verlust und Wiederaneignung, aus Fremd- und Selbstverstehen. Er zeigt, dass große Weine nicht unbedingt aus Perfektion geboren werden, sondern aus dem kühnen Versuch, über sich hinauszuwachsen und zugleich zu sich selbst zurückzufinden – in Blaufränkisch.

Auf ein Wort! Ein ernstes!
(Manfred Klimek) Ich bin seit drei Tagen im Burgenland unterwegs. Ich besuche Winzer, ich sitze in Verkoststuben, ich fahre durch Weingärten, ich trinke konzentriert, aufmerksam, meist euphorisch. Und fast ebenso konzentriert wird mir etwas anderes eingeschenkt – nicht von den Winzern, die ich besuche, wohlgemerkt: Gerüchte. Halbsätze. Andeutungen. Despektierlichkeiten über genau jene Betriebe, bei denen
(Manfred Klimek)
Ich bin seit drei Tagen im Burgenland unterwegs. Ich besuche Winzer, ich sitze in Verkoststuben, ich fahre durch Weingärten, ich trinke konzentriert, aufmerksam, meist euphorisch. Und fast ebenso konzentriert wird mir etwas anderes eingeschenkt – nicht von den Winzern, die ich besuche, wohlgemerkt: Gerüchte. Halbsätze. Andeutungen. Despektierlichkeiten über genau jene Betriebe, bei denen ich gerade bin oder noch sein werde. Nicht offen, nicht überprüfbar, selten konkret – aber mit dem unausgesprochenen Zusatz: „Das solltest du dir anschauen.“
Ich muss eines gleich klar sagen, weil sonst genau das entsteht, was hier verhindert werden sollte: Keiner der Winzer, die ich bislang besucht habe, hat auch nur ein einziges dieser Gerüchte gestreut. Im Gegenteil. Die Unterstellungen kommen von außen. Und dennoch entsteht in den Köpfen mancher offenbar die absurde Vorstellung, dass Journalisten hier als Übermittler kleiner Giftpfeile fungieren sollen – als Transporteure provinzieller Abrechnungen.
Was ich in diesen Tagen tatsächlich erlebt habe, ist etwas völlig anderes: ein Weinbau auf Weltformat. Präzision, Tiefe, Selbstverständlichkeit. Weine, die ohne jedes Beweisbedürfnis auskommen. Weine, die nicht erklären wollen, sondern da sind. Wer hier noch ernsthaft von „österreichischem Sonderweg“ oder „regionaler Relevanz“ spricht, hat den Anschluss längst verloren. Das Burgenland ist kein Versuchsraum mehr, keine Hoffnung, kein „auf dem Weg“. Es ist angekommen.
Gerade deshalb wirkt dieses Hinterzimmerrauschen so unerquicklich. Denn es ist nicht nur kleinlich – es ist dumm. In einer Phase, in der der Weinbau europaweit unter Druck steht, in der Absatzmärkte wegbrechen, Konsumgewohnheiten kippen und moralisch aufgeladene Abstinenzbewegungen durch urbane Feuilletons ziehen, ist das Übereinanderherfallen das wohl kontraproduktivste aller Verhaltensmuster.
Wer jetzt glaubt, man müsse die eigene Position dadurch stärken, dass man andere schwächt, hat nichts verstanden. Weder vom Markt noch vom Moment. Die Realität ist brutal einfach: Wenn Wein eine Zukunft haben soll, dann nicht durch Nabelschau, nicht durch Intrigen, nicht durch das ewige Hoffen auf Förderlogiken vergangener Jahrzehnte. Sondern durch Expansion. Durch neue Märkte. Durch das ernsthafte, gemeinsame Denken in Richtungen wie Indien oder Lateinamerika – dort, wo Neugier, Aufstieg und Genuss noch kein schlechtes Gewissen erzeugen.
Umso irritierender wäre es, wenn Institutionen, Verbände oder Marketingorganisationen auch nur in die Nähe dieser destruktiven Dynamiken geraten würden. Ihre Aufgabe kann nicht sein, Stimmungen zu verstärken oder Grabenkämpfe zu moderieren. Ihre Aufgabe wäre, das Gegenteil zu tun: Überblick schaffen, Selbstbewusstsein bündeln, Perspektiven öffnen.
Das Burgenland ist längst keine Provinz mehr. Aber das Provinzielle – das wächst erfahrungsgemäß genau dann, wenn wirtschaftliche Sorgen auf mangelnde Souveränität treffen. Dagegen hilft kein Schweigen und kein Wegsehen. Dagegen hilft nur eines: intellektuelle Disziplin. Und die Einsicht, dass Solidarität kein moralisches Schlagwort ist, sondern eine ökonomische Notwendigkeit.
Alles andere ist Selbstbeschädigung. In einer Zeit, in der sich das niemand leisten kann.

Kracher lässt es krachen: 100 Punkte revisited. Und mehr!
(Manfred Klimek / Björn Grebner) Der gestrige Nachmittag bei Gerhard Kracher in Illmitz war ein wunderbarer Moment. Nicht pathetisch, sondern bemerkenswert nüchtern – und gerade deshalb von einer stillen Wucht, voll positiver Energie (die wir in Zeiten wie diesen dringend brauchen). Gerhard Kracher ist 44 Jahre alt. Mit 23 übernahm er das Weingut nach dem
(Manfred Klimek / Björn Grebner)
Der gestrige Nachmittag bei Gerhard Kracher in Illmitz war ein wunderbarer Moment. Nicht pathetisch, sondern bemerkenswert nüchtern – und gerade deshalb von einer stillen Wucht, voll positiver Energie (die wir in Zeiten wie diesen dringend brauchen).
Gerhard Kracher ist 44 Jahre alt. Mit 23 übernahm er das Weingut nach dem Tod seines Vaters Alois Kracher, jenes Ausnahmewinzers, der das Burgenland mit Süßwein international neu vermessen hatte und dafür von Robert Parker mehrfach mit 96 bis 100 Punkten ausgezeichnet wurde. Ein Erbe, an dem man auch zerbrechen kann. Kracher junior tat das Gegenteil. Er hielt inne, hörte zu; und arbeitete – zunächst gemeinsam mit seinem Großvater und seiner Mutter, später mit seiner hanseatischen Frau Yvonne Kracher, mit der er parallel einen bedeutenden internationalen Weinhandel aufbaute – an einer neues Struktur. Süßweine on top, neue Weiß- und Rotweine: auch mit Partner, auch im Ausland. Kein Bruch, sondern eine Erweiterung. Keine Distanzierung vom Mythos, sondern eine intelligente Fortschreibung.
Der wichtigste Wein dieses Besuchs kam folgerichtig zuerst ins Glas: die Grande Cuvée 2005, jener Süßwein, der Parker einst zu magischen 100 Punkten verleitete. Auch heute, zwei Jahrzehnte später, wirkt dieser Wein nicht monumental, sondern saftig-samtig kontrolliert. Dichte ohne Schwere, Süße ohne Trägheit, ein inneres Gerüst aus gering Säure und gering Salz, das den Wein aber gewichtig trägt, statt ihn banal auszustellen.
Dass Kracher längst mehr kann als Süßwein, zeigt der Pinot Gris Reserve 2022. Trocken, straff, kühl geführt, mit jener Ernsthaftigkeit, die Grauburgunder in Mitteleuropa so selten erreicht. Kein Fett, kein Schmeicheln, sondern Struktur, Länge, Substanz. Maximal delikat und wieder dieser Seelacken-Salzton, den die Böden hier von den kleinen Salzseen mitbekommen.
Ähnlich konsequent die trockene Cuvée K aus Welschriesling, Chardonnay und Scheurebe: ein Wein, der nicht jeden gefallen will, dann aber intelektuell auch die populistische, rustikale Karte spielt – verantwortlich dafür: die Scheurebe Vielschichtig, spannungsvoll, mit einer inneren Dynamik, die klar macht, dass hier jemand Wein als präzises Handwerk versteht – nicht als Stilzitat. Und trotzdem nicht überfrachtet – Saufwein pur.
Besonders aufschlussreich war der Chardonnay St. Georg 2022 aus dem Leithagebirge, entstanden in Zusammenarbeit mit Aldo Sohm. Sohm, ein Sohn Tiroler Herkunft, internationaler Top-Sommelier, lebt und arbeitet seit Jahren in den USA und hat dort wesentlich dazu beigetragen, europäischen Wein jenseits folkloristischer Zuschreibungen zu etablieren. Dieser Chardonnay trägt diese Doppelperspektive in sich: burgundische Präzision, kalkige Spannung, amerikanische Klarheit im Ausdruck. Ein Wein ohne regionale Pose, aber mit Herkunft – und damit vielleicht einer der zeitgemäßesten Weine des Hauses.
Dass Kracher das Süße nicht als musealen Teil der Vergangenheit versteht, zeigt der Eiswein Liliac & Kracher 2023 aus Rumänien. Muskat Ottonell, Mädchentraube, Traminer – aromatisch gedacht, aber präzise umgesetzt. Kein exotischer Zuckercocktail, sondern ein Wein mit innerer Ordnung. Ebenso der Rosenmuskateller 2022, jene Sorte, die die Krachers einst aus Südtirol ins Burgenland „importierten“ (besser gesagt: ins Land schmuggelten). Hier zeigt sich, wie sehr Tradition manchmal schlicht die Summe mutiger Entscheidungen ist.
Am Ende des Nachmittags kam die Geschichte zur Sprache, die alles zusammenbindet: die legendäre Verkostung von 1988 in London. Ein bis dahin völlig unbekannter Alois Kracher stellte seine Weine neben Château d’Yquem, den berühmtesten Süßwein der Welt – und gewann. Kein Marketingtrick, sondern Überzeugung. Diese Verkostung werden wir, Gerhard Kracher und ich, in diesem Jahr neu auflegen. Für die WELT am SONNTAG. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Aktualität.
Denn was Kracher heute zeigt, ist mehr als ein Weingut mit Geschichte. Es ist ein Betrieb, der verstanden hat, dass Größe nicht im Festhalten liegt, sondern im Weiterdenken. Und dass Süßwein – richtig gemacht – kein Anachronismus ist, sondern ein Prüfstein für Präzision, Geduld und intellektuelle Redlichkeit im Weinbau.
