spit on my grave
aber bitte Wein. Fünf Weine, sich die Apokalypse schönzutrinken.
15. Mai 25, Klimek. Die Welt ist ein Saustall! Und keiner mistet aus. Es brennt. Im Nahen Osten, in der Ukraine, in den USA, in den Medien. Das Klima ist ein Totalschaden, die Börse ein Glücksspiel, und in Berlin regiert bald eine Schuldenkoalition, die sich bemühen wird, das Richtige zu tun – Schwerpunkt auf Bemühen. Das Einzige, was uns dieser Tage bleibt, ist das Glas in der Hand.
DEUtschbahn
Den Spies dreht keiner um – die DB und ihr einzig schöner Moment!
16 Mai 25 Klimek. Ich bin mit dem Zug nach Rheinhessen gefahren. Vor Wein-Achten. Mit dem Zug nach Rheinhessen zu fahren heißt in 95% der Fälle mit der DB fahren zu müssen: jenem Konzern, der es seit 2003 ca schafft, mein Nervenkostüm zu zerschneiden, ohne daraus ein neues, besseres Nervenkleid schneidern zu können – ganz im Gegenteil.

Veltliner 4 the World. Der Stand der Dinge im Projekt “New Chapter”
(Redaktion / Claude Auguste / Manfred Klimek / Foto: Lenzmark, Runwaylm) Dieses Projekt hätte auch schiefgehen können. Wäre nicht das erste Projekt mit großen Abitionen, das in der Weinwelt – aus welchen Gründen auch immer – scheitert. Zwei Winzer, fast drei Jahrzehnte Altersunterschied, zwei sehr unterschiedliche Biografien, dazu ein Anspruch, der nicht weniger will, als
(Redaktion / Claude Auguste / Manfred Klimek / Foto: Lenzmark, Runwaylm)
Dieses Projekt hätte auch schiefgehen können. Wäre nicht das erste Projekt mit großen Abitionen, das in der Weinwelt – aus welchen Gründen auch immer – scheitert. Zwei Winzer, fast drei Jahrzehnte Altersunterschied, zwei sehr unterschiedliche Biografien, dazu ein Anspruch, der nicht weniger will, als eine ganze Rebsorte aus ihrer regionalen Komfortzone herauszuführen. Und dann auch noch Grüner Veltliner – eine Sorte, die international zwar respektiert, aber selten, außer in Österreich und in Deutschland, wirklich begehrt wird. Zu viel Herkunft, für internationales Marketing zu wenig Mythos, zu wenig Fläche, zu wenig Geschichte jenseits des Alpenraums. Genau dort aber setzt New Chapter an. Und genau deshalb ist dieses Projekt mehr als ein weiterer „Premium-Veltliner“.
Markus Huber und Lenz Maria Moser stehen für zwei Pole des österreichischen Weinbaus: hier der akribische Lagenarbeiter aus dem Traisental, ein Winzer, der Präzision, Reduktion und kühle Eleganz zur Handschrift gemacht hat; dort der globale Weinunternehmer, geprägt von Generationen Familientradition, aber längst mit einem Horizont, der weit über Europa hinausreicht. Was sie eint, ist nicht Stil, sondern Ambition. Und der Wille, Grüner Veltliner aus der nationalen Selbstzufriedenheit zu lösen.
New Chapter ist eine Behauptung: Dieser Wein will nicht „typisch“ sein, sondern konkurrenzfähig. International lesbar. Nicht als Exot, sondern als ernstzunehmender Weißwein auf Augenhöhe mit den großen Referenzen. Dass James Suckling dafür 95 Punkte vergibt, ist weniger Marketinggeschichte als Symptom. Die Jury liest hier keinen Herkunftsbonus, sondern handwerkliche Konsequenz: Frucht ohne Lärm, Holz ohne Dominanz, Struktur ohne Härte. Der Wein ist gebaut, vielleicht auch konstruiert. Aber: Er ist mehrheitsfähig, ein Veltliner, der den Weltweingeschmack so eintütet, wie es etwa Antinoris Tignanello tut.
Das Entscheidende liegt tiefer. Grüner Veltliner ist keine Sorte mit üppiger Rebfläche. Er ist kein Chardonnay, kein Sauvignon Blanc, kein Pinot Grigio. Er ist limitiert – geografisch, klimatisch, kulturell. Wer ihn international denkt, muss anders vorgehen. Nicht über schiere Masse, sondern über Präzision. Nicht über Regionalfolklore, sondern über Stildefinition. Genau hier greift die Idee hinter Lenzmark: ein Wein nach dem Prinzip großer Blends, Jahr für Jahr neu zusammengesetzt, ausschließlich aus den besten Parzellen, mit dem Anspruch, einen klar erkennbaren Stil zu formen – unabhängig von Jahrgangsschwankungen.
Dass dieser Stil ausgerechnet in Dubai seinen stärksten Markt gefunden hat, ist kein Zufall, sondern Ironie der Gegenwart. In einem islamisch geprägten Land, in dem Alkohol streng reguliert ist, steht New Chapter auf den Karten der besten Restaurants. Dort, wo Weine nicht aus Tradition, sondern aus Neugier bestellt werden. Dort, wo Herkunft weniger zählt als Textur, Balance und gastronomische Tauglichkeit. Grüner Veltliner als globaler Essensbegleiter – das ist vielleicht die klügste Lesart dieser Sorte überhaupt.
Ein nicht zu unterschätzender Teil dieser Geschichte ist Lenz Maria Mosers Arbeit in China. Sein Engagement beim Changyu-Konzern, wo er ein eigenes Weingut unter seinem Namen aufgebaut hat, hat ihn mit einem Markt konfrontiert, der Wein völlig anders liest als Europa: weniger historisch, weniger sentimental, dafür umso analytischer. Was funktioniert im Glas? Was bleibt im Gedächtnis? Was passt zur Küche? Diese Fragen fließen in New Chapter ein – nicht als Kompromiss, sondern als Schärfung. Der Wein denkt international, ohne seine Herkunft zu verleugnen.
Und Markus Huber? Er liefert das Fundament. Kalk, Kühle, Geradlinigkeit. Lächerlich kleines Traisental vs. riesiger Weinflächen a la Burgund, Toskana oder Bordelais. Hubers Lagen geben dem Wein jene steinige Ruhe, die ihn vor Beliebigkeit schützt. Der Ausbau – teils Edelstahl, teils großes Holz – ist kein Stilmittel, sondern Werkzeug. Holz als Würze, nie als Statement.
New Chapter ist ein sehr selbstbewusst vorgetragenes Projekt, das rund 50000 Flaschen pro Jahr auf einem internationalen Markt unterbringen und diese Zahl noch geringfügig steigern kann. Er braucht kein Österreich-Label, um zu funktionieren – und das nehmen ihn manche in Ösiland auch etwas übel – von einem arroganten Auftritt ist da manchmal die Rede; bullshit. Denn genau darin liegt seine Stärke. Vielleicht ist das der eigentliche Innovationsmoment dieses Projekts: Grüner Veltliner nicht als nationale Identitätsfrage zu denken, sondern als internationale Möglichkeit.
Zwei Winzer, eine Generationenbrücke, ein Wein, der dort funktioniert, wo man ihn am wenigsten erwartet hätte. Wenn das kein neues Kapitel ist, dann wissen wir nicht, wie eines aussehen sollte.

Revisited: Philipp Kuhn – der Winzer, der mir vor 30 Jahren deutschen Rotwein mundend machte
(Manfred Klimek / Redaktion / animiertes Foto: Weingut & Runwayml) Ich weiß nicht mehr genau, in welchem Jahr das war. Späte Neunziger, sehr frühe Zweitausender vielleicht. Ich weiß nur, dass ich damals ziemlich überzeugt war, deutscher Rotwein sei im besten Fall ein vielleich gut gemeintes Missverständnis. Etwas, das man aus Höflichkeit probiert, aber nicht aus
(Manfred Klimek / Redaktion / animiertes Foto: Weingut & Runwayml)
Ich weiß nicht mehr genau, in welchem Jahr das war. Späte Neunziger, sehr frühe Zweitausender vielleicht. Ich weiß nur, dass ich damals ziemlich überzeugt war, deutscher Rotwein sei im besten Fall ein vielleich gut gemeintes Missverständnis. Etwas, das man aus Höflichkeit probiert, aber nicht aus Lust trinkt. Zu dünn, zu sauer, zu sehr mit dem tradierten Zeigefinger gemacht. Frankreich und Italien waren gesetzt. Und auch Österreich und Ungarn, ein bisschen Spanien und Napa. Aber Deutschland und Rotwein? Sicher! Nicht!
Und dann kam dieser Merlot von Philipp Kuhn.
Ich erinnere mich an das einprägsame Etikett, nicht aber an einen Jahrgang, nicht einmal an den genauen Ort, an dem ich ihn zum ersten Mal getrunken habe. Was geblieben ist, ist die Erinnerung an ein Gefühl der Irritation. Dieser Wein passte nicht in mein Bild. Er war dunkel, immens fruchtig, ruhig, konzentriert, ohne breit zu werden. Kein Lehrstück, kein Kommentar zu irgendetwas. Einfach ein Wein, der stand. Und sehr gut schmeckte. Zu gut!
Ich nahm ein paar Flaschen mit nach Wien. Aus einer Laune heraus, vielleicht auch aus Neugier, stellte ich sie in Karaffen auf den Tisch und schenkte sie blind aus. Kein Hinweis, kein Kontext. Die Reaktionen waren erstaunlich einhellig: Bordeaux, Norditalien, vielleicht etwas Toskanisches. Niemand – wirklich niemand – dachte an Deutschland. Als ich es auflöste, war da erst Unglaube, dann Gelächter, dann dieses kurze Schweigen, das entsteht, wenn etwas neu sortiert werden muss.
Das war kein Erweckungserlebnis, eher ein Riss im eigenen Denken. Und wie das mit solchen Rissen oft ist: Man geht nicht sofort hindurch. Ich habe Kuhn danach lange nicht mehr getrunken – fast zwei Jahrzehnte nicht. Nicht aus Müßiggang, eher aus einer seltsamen Form von Zufriedenheit. Ich hatte verstanden, dass deutscher Rotwein mehr kann, als ich ihm zugetraut hatte – und zog weiter.
Erst viele Jahre später bin ich zurückgekommen. Ohne Erwartung, ohne Nostalgie. Vielleicht sogar mit einer leichten Skepsis: Was bleibt von solchen frühen Eindrücken, wenn man sie nicht pflegt? Die Antwort: Erstaunlich viel.
Die heutigen Weine von Philipp Kuhn haben weniger von dem demonstrativen Ernst, den man früher so oft mit deutschem Rotwein verband. Sie müssen sich und dem Winzer nichts mehr beweisen. Der Pinot Noir aus dem Kirschgarten (2019) zum Beispiel: kein alles toppendes Burgund-Kostüm, kein Zitieren großer Namen. Kirsche ja, aber kühl, klar, nicht süß. Tiefe ohne Schwere, Spannung ohne Nervosität. Tick Hagebutte, Kleiner Tick Pflaume, Überraschend viel Cassis und Blaubeere. Kein Eukalyptus. Ein großer deutscher Pinot.
Oder der Viognier (2022). Eine Sorte, die ich – außerhalb der Rhone – lange gemieden habe, weil sie so oft ins Parfümierte kippt. Hier nicht. Kein exotisches Ausstellen, keine Opulenz. Eher Duftigkeit, Präzision, eine schon verblüffend zurückhaltende Eleganz. Man merkt, dass hier jemand weiß, wie schnell Viognier zu viel werden kann – und bewusst davor Halt macht. Kommen wir zu den beiden Favoriten des neu Verkostens:
Cabernet Franc Laumersheimer Reserve 2019
Was mich bei diesem Cabernet Franc von Philipp Kuhn überrascht, ist nicht seine Kraft, sondern diese Selbstverständlichkeit, eine Bordeauxtraube, noch dazu eine reinsortig kaum bekannte und fordernde, so krass präzise auf seine würzige Fruchtigkeit zu erden – lecker Wein. Der Franc trägt ja historisch den Ruf des Schwierigen, des manchmal zu heftig Grünen, des allzu Herb-Intellektuellen – und genau dagegen arbeitet dieser Wein. Er ist dunkel, dicht, kühl grundiert, aber nie sperrig. Lorbeerblatt, Olive, Waldboden, Pilze, nasser Stein, Pfeffer, dazu eine Frische, die nicht aus Säureprotzerei entsteht, sondern aus Spannung. Das Holz ist da, aber nicht als Möbel, eher als Raum. Plötzlich steht da ein Wein, der mühelos neben großen Loire-Gewächsen bestehen kann, ohne sich stilistisch anzubiedern. Kein deutscher Cabernet-Franc-Exot, sondern ein international ernstzunehmender Rotwein mit Herkunft und innerer Ruhe.
Blaufränkisch Laumersheimer Reserve 2019
Dieser Blaufränkisch ist dann der Störenfried im besten Sinn. Eine Rebsorte, die man gedanklich immer noch im Burgenland parkt, wird hier ohne folkloristische Rückversicherung in die Pfalz gestellt – und funktioniert. Nicht elegant im burgundischen Sinn, nicht allzu charmant, sondern fruchtig dunkel, würzig, fast archaisch. Teersalbe, schwarzer Pfeffer, schwarze Kirsche, Bitterschokolade, Kreide, Salz der Minerale und ein Tick Paradeiser. Der Wein ist dicht, ja, aber nicht plump. Er zieht eher nach innen als nach außen, verlangt Aufmerksamkeit, Zeit, Luft. Dass so etwas aus Laumersheim kommt, wirkt zunächst irritierend – und genau darin liegt seine Qualität. Kein Stilzitat, kein Regionenkostüm, sondern ein Blaufränkisch, der zeigt, wie offen Kuhn denkt, und das seit Jahrzehnten.
Rückblickend war dieser Merlot damals weniger ein einzelner großer Wein als ein großer Türöffner. Er hat mir gezeigt, dass meine Gewissheiten brüchig sind – und dass genau darin der Reiz liegt. Heute, Jahrzehnte später, ist Philipp Kuhn für mich kein Überraschungsmoment mehr, sondern eine Konstante. Und für immer der Winzer, der mir deutschen Rotwein erst schmackhaft machte.

Ist das der beste Weißwein Deutschlands? Sicher ist er aber der original klügste
(Manfred Klimek / Mixology) Wir zögern bei dieser Frage instinktiv. Zu viele Superlative, zu viele reflexhafte Gegenargumente, zu viele gute Weine, die ebenfalls Anspruch erheben könnten. Und doch drängt sich genau diese Frage auf, wenn man die Cuvée Marsannier von Knipser trinkt – nicht aus nationalem Überschwang, sondern aus sachlicher Verwunderung. Denn dieser Wein stellt
(Manfred Klimek / Mixology)
Wir zögern bei dieser Frage instinktiv. Zu viele Superlative, zu viele reflexhafte Gegenargumente, zu viele gute Weine, die ebenfalls Anspruch erheben könnten. Und doch drängt sich genau diese Frage auf, wenn man die Cuvée Marsannier von Knipser trinkt – nicht aus nationalem Überschwang, sondern aus sachlicher Verwunderung. Denn dieser Wein stellt nicht nur stilistische Gewissheiten infrage, sondern auch geografische.
Marsanne und Viognier sind in Deutschland Fremdkörper. Rebsorten ohne Tradition, ohne Lobby – null Erwartungshaltung. Genau darin liegt die Freiheit der Winzer. Während deutsche Weißweine sich oft an historisch gewachsenen Kategorien abarbeiten – Riesling hier, Spätburgunder dort –, setzt Knipser mit dem Marsannier auf einen radikalen Perspektivwechsel: nicht Herkunft verteidigen, sondern Qualität behaupten.
Marsanne ist dabei der stille Star dieser Cuvée. In der Hermitage, einer der prestigeträchtigsten Weißweinlagen der Welt, entstehen aus Marsanne – oft gemeinsam mit Roussanne – ein paar der langlebigsten, tiefgründigsten Weißweine überhaupt. Weine, die jung oft verschlossen wirken, mit Luft und Zeit jedoch eine fast unerschütterliche Ruhe entwickeln: nussig, kräutrig, salzig, mit jener inneren Vibration, die nicht aus Säure, sondern aus Struktur entsteht. Marsanne ist keine Duftrebsorte (obwohl ihr Duft, ihr Aroma kräftig wirken), keine Blenderin. Sie ist von Beginn an gut gebaut. Und muss keine Aufwertung über Fass und Hefe in Anspruch nehmen.
Viognier dagegen liefert das Gegengewicht. Auch Duft, ein Tick mehr Textur, Breite im Auftakt und Auftritt. Aber auch hier zeigt Knipser bemerkenswerte Disziplin. Der Viognier im Marsannier bleibt gezügelt, kippt nicht ins Parfümierte, sondern wirkt wie ein bewusst eingesetzter Akzent. Weiße Blüten, gelbe Frucht, ein Hauch Exotik – mehr Andeutung als Aussage. Zusammen ergibt das eine Cuvée, die erstaunlich kühl bleibt, obwohl sie aus Sorten besteht, die man gemeinhin mit südlicher Opulenz verbindet.
Was diesen Wein so bemerkenswert macht, ist seine Selbstverständlichkeit. Er will nicht erklären, warum Marsanne und Viognier in der Pfalz funktionieren. Er tut es einfach. Gelbe Frucht, dezente Würze, ein ruhiger, dichter Kern, dazu eine Textur, die den Wein länger trägt, als man erwartet. Kein Säurefeuerwerk, kein Holzakzent als Beweisführung. Stattdessen: Balance, Tiefe, Trinkfluss. Ein Weißwein, der mit jedem Schluck souveräner wird.
Genau hier beginnt die finale Relevanz – vor allem für die Gastronomie. Der Marsannier ist kein Solist für Verkostungen, sondern ein Wein für den Tisch. Er funktioniert zu Fisch, Geflügel, Kalb, Gemüse – und verblüffend gut zu Käse. Er überfordert nicht – trotz seines Anspruchs, ein sonderbarer Sonderwein zu sein.
Dass ein solch ungewöhnlicher Wein ausgerechnet von einem der populärsten deutschen Weingüter kommt, ist freilich kein Widerspruch. Knipser beherrscht diese Kunst seit Jahren: ambitionierte Weine zu machen, die nicht elitär auftreten. Der Marsannier ist kein intellektueller Provokationswein, sondern ein Angebot. Eines, das leise, aber bestimmt sagt: Deutsche Weißweinkultur muss nicht an deutschen Rebsorten enden.
Ist er also der beste Weißwein Deutschlands? Vielleicht ist das die falsche Frage. Die bessere lautet: Welcher andere deutsche Weißwein erweitert derzeit den Horizont so konsequent, ohne dabei konsequent deutsche Herkunft zu bemühen? Und da wird die Liste plötzlich sehr kurz.
(Mehr über Knipsers Weine in der nächsten Printausgabe des Barmagazins “Mixology” – Meininger Verlag)

Was uns diese Magnumflasche Rotwein über die Weinkrise erzählt.
(Manfred Klimek) Ich wollte nur Bilomilch holen, als ich plötzlich vor einer kleinen Holzkiste stand: eine Magnumflasche des Faustino Rivero Ulecia Reserva 2019, hübsch und ahnsehlich verpackt – und das für € 9,90 beim Discounter Netto. Ein Moment des Staunens, gefolgt von einem kräftigen Stirnrunzeln und dann: einem inneren Kopfnicken. Denn diese Flasche erzählt viel
(Manfred Klimek)
Ich wollte nur Bilomilch holen, als ich plötzlich vor einer kleinen Holzkiste stand: eine Magnumflasche des Faustino Rivero Ulecia Reserva 2019, hübsch und ahnsehlich verpackt – und das für € 9,90 beim Discounter Netto. Ein Moment des Staunens, gefolgt von einem kräftigen Stirnrunzeln und dann: einem inneren Kopfnicken. Denn diese Flasche erzählt viel mehr über den Weinmarkt 2026, als wir auf den ersten Blick vermuten würden.
Faustino Rivero Ulecia ist eine hundertjährige Rioja-Tradition aus Arnedo in La Rioja, eine Familie, die seit 1899 Wein (mit dem internationel bekannten Etikett) macht und exportiert, lange bevor viele Konsumenten überhaupt wussten, wo Rioja auf der Landkarte liegt. Doch dieser spezielle Reserva 2019 stammt nicht aus dem DOCa Rioja-Kerngebiet und auch nicht aus Arnedo selbst, sondern aus einer ganz anderen Ecke Spaniens: Utiel-Requena, knapp 500 Kilometer südöstlich bei Valencia, einer Region mit mediterran-kontinentalem Klima und eigener Identität, die vor allem für die rote Rebsorte Bobal steht – seit sich die großen spanischen Häuser in den späten 80ern und 90ern export- und volumenorientiert ausdehnten. Diese Expansion war kein Zufall, sondern ein unternehmerischer Reflex: Wer wachsen will, sucht Territorien, Trauben und Kapazitäten. Utiel-Requena war eine der Antworten dieser Wachstumsära – keine Prestige-Region, aber eine funktionale, preiswert zu gestaltende.
Was da in der Magnum – der Wein hat übrigens von den James-Suckling-Testern 90 Punkte bekommen – für weniger als zehn Euro beim Discounter steht, ist im Kern ein klassisch vinifizierter spanischer Reserva: rubinrot mit violetten Reflexen, aus Bobal (80%) und Tempranillo komponiert, gut extrahiert, samtig, ordentliche Säure und ein Körper, mit schon auch reifer Frucht- und tradierten Holznoten, der den Gaumen weit komfortabler bedienen, als der Schnäppchenpreis suggerieren würde. Es ist ein schon fast rührend nach alter Weinwelt duftender und schmeckener Wein – nichts Besonderes, aber 100 Lichtjahre von jener Plörre entfernt, die wir sonst für 4 Euro und 95 Cent bei Rotwein meist bekommen.
Aber hier liegt der eigentliche Punkt: Was macht ein Wein dieser Provenienz und Qualität für so wenig Geld beim Netto? Die Antwort ist nicht nur, dass Spanien massiv Wein produziert und klimatisch günstige Erträge ermöglicht. Sondern, dass Überproduktion, Globalisierung und Absatzdruck heute Dinge möglich machen, die vor zehn Jahren noch absurd erschienen. Diese Flaschen sind keine Lagenweine, keine klassischen Rioja-Reservas aus der Rioja Alta oder Rioja Alavesa. Sie sind Spreadable commodity – klar gekeltert, trinkfreundlich, konsumentenorientiert – und sie werden in Mengen produziert, die traditionelle Mengen- und Preismodelle auf den Kopf stellen.
Und sie wirken. Die wenigen Regal-Meter dieser preiswerten Reservas penetrieren den Absatz von deutschen und österreichischen Rotweinen, gerade dort, wo der Konsument nicht nostalgisch an Heimat festhält, sondern nach Preis und Gefühl entscheidet: „Was kriege ich für mein Geld?“ Diese Frage beantwortet ein spanischer Reserva, noch dazu in der Magnumflasche, für unter zehn Euro heute schneller als so mancher einheimischer Landwein. Egal wie patriotisch ein Käufer sein mag – wenn eine Magnum eines akzeptabel gekelterter Rotweins ins Auge sticht und das Preisschild ein Scherz zu sein scheint, dann siegt oft das Schnäppchenjäger-Gelüste über heimische Loyalität.
Und es hört nicht bei diesem einen Wein auf. 2026 wird – das darf man jetzt schon mit ziemlicher Sicherheit sagen – eine Flut günstiger, ordentlicher bis sehr ordentlicher Weine aus südeuropäischen Anbaugebieten unsere Regale überschwemmen. Von Italien bis Spanien, von Portugal bis Südfrankreich: alte Marken, neue Marken, große Mengen, niedrige Preise. Das ist kein vorübergehender Hype, sondern eine strukturelle Marktverschiebung. Die Gründe sind ebenso nüchtern wie komplex: Ertragssteigerung, Erntepreise, Distributionsketten, Inflationsdruck, internationale Nachfrage – und die simple Tatsache, dass viele südeuropäische Regionen heute genau das liefern können, was der breite, preissensible Konsument verlangt: Geschmack ohne Prätention, Trinkbarkeit ohne Makel, Preis ohne Reue.
Ob das gut oder schlecht ist – das kann und muss jeder für sich beantworten. Wenn du aber am Wochenende im Netto neben der Milch plötzlich eine Magnum um € 9,90 entdeckst, die du ernsthaft zum Essen öffnen würdest – dann ist das vielleicht kein Zufall mehr, sondern ein Symptom. Ein Symptom für einen Weinmarkt, der sich neu sortiert – und einen Konsum, der längst nicht mehr nur territorial, sondern global denkt.

Der Zuverlässige. Zum Tod des Winzers Anton Bauer
(Manfred Klimek) Es gibt Winzer, die beschreiben wir über ihre Weine. Und es gibt jene wenigen, bei welchen wir irgendwann merken, dass wir eigentlich einen Menschen beschreiben, der Wein keltert. Anton Bauer gehörte zu dieser zweiten, selteneren Kategorie. Mit seinem Tod verliert der Wagram nicht nur einen seiner wichtigsten Protagonisten, sondern einen unbeirrbaren Einzelgänger, der
(Manfred Klimek)
Es gibt Winzer, die beschreiben wir über ihre Weine. Und es gibt jene wenigen, bei welchen wir irgendwann merken, dass wir eigentlich einen Menschen beschreiben, der Wein keltert. Anton Bauer gehörte zu dieser zweiten, selteneren Kategorie.
Mit seinem Tod verliert der Wagram nicht nur einen seiner wichtigsten Protagonisten, sondern einen unbeirrbaren Einzelgänger, der sich über Jahrzehnte hinweg geweigert hat, Wein als modisches Produkt zu denken – trotz einprägsam designtem Etikett. Bauer dachte in Zeiträumen, nicht in Jahrgängen. In Entscheidungen, nicht in Zögerlichkeiten. Und vor allem in Qualität – kompromisslos, manchmal stur, immer konsequent. Und er war einer der großen Winzer des önologischen Mittelbaus im Qualitäsweinbau – und das nicht nur im Wagram. Zudem einer, der immer zuverlässig lieferte. Vom präzisen Schankwein für die Gastronomie bis hin zu echt großen Rotweinen. Er, der Zuverlässige.
Geboren 1971, kam Bauer aus einer bäuerlichen Realität, die wenig mit Glamour zu tun hatte. Der Betrieb war klein, die Weine eher schlicht, der Markt überschaubar. Doch früh zeigte sich bei ihm etwas, das später sein gesamtes Schaffen prägen sollte: ein unbedingter Wille zur Präzision. Die Begegnung mit dem Burgund – noch als sehr junger Mann – wirkte nicht als Kopie, sondern als Initialzündung. Bauer verstand dort, dass große Weine nicht im im Die-Natur-macht-alles-alleine-Chaos entstehen, sondern mit Kontrolle, Geduld und Respekt vor der Rebe und dem Lesegut.
Als er Anfang der 1990er-Jahre den elterlichen Betrieb übernahm, war das keine romantische Verpflichtung, sondern ein unternehmerisches Wagnis. Der österreichische Wein kämpfte noch mit den Nachwirkungen des Skandals, Vertrauen war brüchig, Perspektiven rar. Bauer entschied sich dennoch gegen den einfachen Weg. Statt Fasswein und regionaler Beliebigkeit setzte er auf Ausbau, Selektion und internationale Vergleichbarkeit – ohne seine Herkunft zu verleugnen. Edelstahl ersetzte alte Gebinde, Flächen wurden erweitert, das Sortiment geschärft. Und vor allem: der Anspruch erhöht.
Bauer war einer der ersten Winzer am Wagram, der konsequent zeigte, dass diese Lössregion nicht nur fruchtige Gefälligkeit kann, sondern Tiefe, Struktur und Langlebigkeit – in Weiß wie in Rot. Seine Grünen Veltliner waren nicht nur traditionelle Botschafter der Sorte, sondern präzise erzählte Geschichten ihrer Lagen und sogar Gewannen. Seine Rotweine – lange Zeit eine Provokation für viele Puristen – wurden zu einem Markenzeichen: eigenständig, spannungsvoll, frei von provinziellen Komplexen. Zweigelt, Blaufränkisch, Cabernet, Merlot – bei Bauer waren das keine Stilübungen, sondern ernsthafte Versuche, dem Wagram eine zweite Stimme zu geben.
International wurde diese Haltung früh verstanden. In den USA fand Bauer schneller Resonanz als im eigenen Land. Er reiste, präsentierte, erklärte – nicht als Verkäufer, sondern als Überzeugter. Der Erfolg kam langsam, aber nachhaltig. Märkte öffneten sich, Flaschen fanden ihren Weg in anspruchsvolle Keller, der Betrieb wuchs. Doch trotz aller Expansion blieb Bauer erstaunlich frei von Eitelkeit. Er suchte nicht die Bühne, sondern die Bestätigung im Glas.
Dass er 2017 als „Winzer des Jahres“ (falstaff) ausgezeichnet wurde, war weniger ein Wendepunkt als eine späte Würdigung eines Mannes im besten Alter. Anerkennung einer längst erbrachten Leistung. Wer Bauer kannte, wusste: Titel waren ihm egal, solange die Weine stimmten. Und sie stimmten – oft erst nach Jahren, manchmal nach einem Jahrzehnt. Geduld war Teil seines Denkens.
Sein plötzlicher Tod – nach zwei wirtschaftlich schwierigen Jahen und einer Rettung des verschuldeten Unternehmens von dritter Seite – reißt eine Lücke im Betrieb (und der Region), die nicht leicht zu schließen ist. Nicht, weil niemand seinen Weinbau weiterführen könnte, sondern weil Bauer auch für eine antiopportune Haltung stand, die im Weinbau in der Krise unter Druck gerät: langfristig, unaufgeregt, kompromisslos im Anspruch und frei von modischem Opportunismus. Er war kein Erklärer der Weinwelt, sondern jemand, der sie durch seine Arbeit strukturierte.
Was bleibt, sind Flaschen, die auch Zeit brauchen – die an ihn erinnern werden. Und eine Region, die ohne ihn ärmer ist – nicht nur an Weinen, sondern an Charakter. Anton Bauer verstarb gestern im Alter von 54 Jahren.

The real stable Genius: über die grandiosen Nicht-Riesling-Weine von Markus Molitor
(Claude Auguste / Redaktion /animiertes Foto: Weingut & Runwaylm) Es lohnt sich, Markus Molitor einmal von jener Seite zu betrachten, die im öffentlichen Diskurs über diesen Winzer, um den es in den letzten Jahren stiller geworden ist, fast immer untergeht. Nicht der Riesling-Mythos in Molitors kaum mehr überschaubarem Riesling-Universum, sondern die „anderen“ Weine. Sie sind
(Claude Auguste / Redaktion /animiertes Foto: Weingut & Runwaylm)
Es lohnt sich, Markus Molitor einmal von jener Seite zu betrachten, die im öffentlichen Diskurs über diesen Winzer, um den es in den letzten Jahren stiller geworden ist, fast immer untergeht. Nicht der Riesling-Mythos in Molitors kaum mehr überschaubarem Riesling-Universum, sondern die „anderen“ Weine. Sie sind kein Seitenprojekt, kein Playground eines Übererfolgreichen, sondern der vielleicht ehrlichste Schlüssel zu seinem Denken.
Denn was Molitor hier tut, ist nichts anderes als die Übertragung eines radikal moselanischen Qualitätsbegriffs auf Rebsorten, die an der Mosel lange als Fremdkörper galten. Weißburgunder, Chardonnay, Pinot Noir – das klingt zunächst nach Internationalisierung, nach Anpassung. Tatsächlich ist es das genaue Gegenteil. Molitor macht diese Weine nicht trotz der Mosel, sondern durch die Mosel. Schiefer, Steillage, Kühle, Geduld – das ist das Koordinatensystem, dem auch diese Weine unterworfen werden. Sie dürfen nichts glätten, nichts übertünchen – und schon gar nichts vereinfachen.
Auffällig ist dabei zunächst die Zeit. Diese Weine sind nie „früh da“. Sie verweigern sich dem schnellen Eindruck, dem gefälligen Auftritt. Der Pinot Blanc Einstern etwa ist kein fruchtiger Einstieg, sondern ein ernsthafter Terroirwein (um einen Witzpreis), der mehr Spannung bietet, als die meisten Weißburgunder Deutschlands. Zitrusfruchtige Klarheit, kühle salzige Mineraltät, die den Wein eher trägt als schmeichelt. Das Holz bleibt Hintergrund, nie Argument, aber immer elegant präsent. Es geht um Struktur, nicht um Behauptung.
Noch deutlicher wird das bei den höher selektionierten Weißburgundern aus dem Wehlener Klosterberg. Ob als klassische ***-Version oder als Variante mit verlängertem Schalenkontakt – diese Weine bewegen sich bewusst an der Grenze dessen, was Mosel sein darf. Und genau darin liegt ihre Faszination. Sie verbinden burgundische Tiefe mit moselanischer Nervigkeit, Druck mit Kühle, Reife mit straffer Führung. Die Frucht wirkt nie breit, sondern immer fokussiert: gelbe und auch grüne, erntefrische, nicht reife Äpfel, Zitrusschale, gering Kamille, dazu Kreide, Salz, ein schon unglaubliche präziser und sogar elegant auftretender Gerbstoff aus den Schalen. Das sind Weine, die fordern. Und schmecken.
Ähnliches gilt für den Chardonnay aus dem Klosterberg. Er ist kein Versuch, Burgund zu imitieren, sondern eine Antwort auf die Frage, was Chardonnay an der Mosel leisten kann. Die Aromatik bleibt hellfruchtig, fast zurückgenommen, getragen von Frische, nicht von Fett. Zitrone, mehr Limette, Quitte, ein Hauch Exotik, aber alles unter Spannung gehalten von Säure und fantastisch mineralischem Zug. Das Holz ist stärker präsent, aber absolut vom Kellerteam diszipliniert – mehr Textur als Geschmack. Man spürt hier sehr deutlich Molitors Handschrift: nichts dem Zufall überlassen, aber auch nichts ins Dramatische, in die Übertreibung forciert.
Am deutlichsten wird diese Haltung vielleicht beim Pinot Noir. Der Graacher Himmelreich *** (getrunken Jahrgänge 2018 und 2019) ist kein Mosel-Kuriosum, sondern ein ernstzunehmender großer Pinot, der sich ohne Scheu neben hochklassige Burgunder stellen kann – nie als Kopie, immer als eigenständige Interpretation. Die Nase changiert zwischen Herzkirsche, auch Cassis, Blaubeere, Kräuterwürze und salzigem, dunklem Gestein. Im Mund verbinden sich Saft und Strenge, Süße und salzige Mineralik, Reife und Frische. Der Einsatz der Rappen ist spürbar, aber diszipliniert nur bewusst eingesetzt – nicht als Stilmittel, sondern als Spannungselement. Das Ergebnis ist kein glatter Wein, sondern ein kräftig-eleganter, manchmal widerspenstiger, immer aber faszinierender, großer Pinot.
Was all diese Weine verbindet, ist eine fast altmodische Idee von Größe. Sie setzen auf Lagerfähigkeit in einer Zeit, in der Geduld zur Ausnahme geworden ist. Und sie zeigen, dass Molitors Qualitätsfanatismus keine Frage der Rebsorte ist, sondern eine Frage der Haltung zum Weinmachen – auch wenn wir dieses Wort Haltung künftig vielleicht sparsamer verwenden sollten.
In diesem Sinne sind die „anderen“ Weine von Markus Molitor keine Randnotiz, sondern ein zweiter Hauptsatz. Sie erzählen von einem Winzer, der nicht stehenbleibt, obwohl er längst auf seinen Lorbeeren ruhen könnte. Und sie erinnern daran, dass große Weine oft dort entstehen, wo jemand bereit ist, sich jenseits des Erwartbaren noch einmal neu festzulegen.

The Tunes of two Regions: Donabaum und Steinmetz – Kings of Terroir
(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG / redaktionell überarbeitet / überarbeitete Fotos: Runwayml) Konsumzurückhaltung, Preisdruck, jüngere Generationen, die weniger Wein trinken, Winzer, die sich auf härtere Zeiten einstellen sollen – diese Sätze gehören inzwischen zum Grundrauschen der Branche. Sie werden wiederholt, variiert, verschärft. Und sie sind nicht falsch. Aber sie sind auch nicht die
(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG / redaktionell überarbeitet / überarbeitete Fotos: Runwayml)
Konsumzurückhaltung, Preisdruck, jüngere Generationen, die weniger Wein trinken, Winzer, die sich auf härtere Zeiten einstellen sollen – diese Sätze gehören inzwischen zum Grundrauschen der Branche. Sie werden wiederholt, variiert, verschärft. Und sie sind nicht falsch. Aber sie sind auch nicht die ganze Wahrheit. Wer derzeit Weingüter in Deutschland und Österreich besucht, stößt immer wieder auf eine Realität, die nicht recht zu dieser Erzählung passen will. Betriebe, die wenig spüren vom angekündigten Abschwung. Manche, die stabil verkaufen. Andere, die – selbst in den USA, trotz Zöllen – zulegen. Nicht aus Ignoranz gegenüber der Krise, sondern aus einer Haltung, die älter ist als jede Marktdebatte: Konzentration auf das, was da ist. Auf den Ort. Auf die Lage. Auf das Mögliche.
Zwei solcher Begegnungen lassen sich gut nebeneinanderstellen, weil sie aus unterschiedlichen Regionen stammen und doch dasselbe Prinzip teilen: bedingungslose Treue zum Terroir – und zur geduldigen Ausarbeitung dessen, was es hergibt.
In der Wachau erlebt der Federspiel eine stille Rückkehr. Lange war er die mittlere Kategorie zwischen Steinfeder und Smaragd, gern übersehen, oft unterschätzt. Heute wirkt er fast wie die Antwort auf eine Zeit, die weniger Alkohol und mehr innere Spannung sucht. Johann Donabaums Grüner Veltliner Federspiel Peunt® 2024 ist dafür ein Lehrstück. Kein demonstrativer Wein, kein aufdringlicher. Steinobst ist da, aber gezügelt. Quitte, ein Hauch Rauch, darunter jene salzige Mineralität, die den Schluck trägt und verlängert. Das ist kein Wein für den schnellen Effekt, sondern einer, der bleibt – gerade weil er leichtfüßig ist, ohne je belanglos zu werden.
Dass Donabaum dennoch den Smaragden breit Raum gibt, ist da null Widerspruch. Kirchweg, Spitzer Point, Setzberg: drei Weine, drei unterschiedliche Gewichtungen von Würze, Frucht und mineralischer Spannung. Der Kirchweg straff und klassisch, der Spitzer Point cremiger, gelbfruchtiger, der Setzberg kühl und steinig von den höheren Terrassen. Dazu Neuburger und Chardonnay – Nebensorten in der Wachau, fast schon Anachronismen –, die zeigen, dass es nicht die Rebsorte alleine ist, die Donabaums Weine trägt, sondern sein präziser Umgang mit Boden, Ertrag und Mikroklima. Souveränität entsteht hier nicht aus Vielfalt, sondern aus Kontrolle.
An der Mosel, in Brauneberg, arbeitet Stefan Steinmetz an einer anderen, fast radikaleren Form von Klarheit. Seine 2024er-Kollektion trockener Rieslinge wirkt wie eine Kartografie des Schiefers – jede Lage ein eigener Gedanke. Ich begleite Steinmetz seit vielen Jahren, und selten war diese Breite so überzeugend. Vom einfachen Brauneberger Riesling mit seiner reinen, schnörkellosen Klarheit über den trockenen Juffer Kabinett, der mit 9,5 Prozent Alkohol zeigt, wie ernsthaft Leichtigkeit sein kann, bis hin zu den großen Hofberger-Weinen, die Kraft und Eleganz nicht gegeneinander ausspielen, sondern miteinander verschränken.
Die Reserven schließlich – Hofberger und Grosser Hengelberg – sind keine Machtdemonstrationen. Sie sind Geduldsprojekte. Weine, die nicht darauf drängen, sofort oder in den beiden Folgejahren getrunken zu werden, sondern Zeit verlangen und so versprechen, in eingien Jahren brillant zu glänzen. Dass sie Jahrzehnte überdauern können, ist hier kein Marketingargument, sondern fast eine Nebenwirkung ihrer inneren Ordnung.
Was Donabaum und Steinmetz verbindet, ist weniger ein Stil als eine Haltung zum Weinmachen – pardon: ein Selbstverständnis. Beide reagieren nicht auf Trends, sie ignorieren sie. Beide arbeiten an ihren Lagen, nicht am Markt. Und beide zeigen, dass Qualität nicht zwangsläufig schreien muss, um sich durchzusetzen. Vielleicht liegt genau darin ein Schlüssel für diese Zeit: nicht alles neu zu erfinden, sondern das Vorhandene so genau zu lesen, dass es einem selbst und den Weinbau trägt – auch dann, wenn die Erzählungen um Wein düsterer werden.

Zehn Wünsche für 2026
(Manfred Klimek, Redaktion) 1. Mehr Leichtflaschen. Mehr gebrauchte Gebinde.Die Winzer weltweit haben zu lange so getan, als sei Glas neutral und egal. Ist es nicht. Gewicht ist CO₂, Prestige ist Emission. Wer heute noch glaubt, schwere Flaschen stünden für Qualität, hat weder gerechnet noch zugehört. 2026 sollte das Jahr sein, in dem Leichtflaschen und wiederverwendete
(Manfred Klimek, Redaktion)
1. Mehr Leichtflaschen. Mehr gebrauchte Gebinde.
Die Winzer weltweit haben zu lange so getan, als sei Glas neutral und egal. Ist es nicht. Gewicht ist CO₂, Prestige ist Emission. Wer heute noch glaubt, schwere Flaschen stünden für Qualität, hat weder gerechnet noch zugehört. 2026 sollte das Jahr sein, in dem Leichtflaschen und wiederverwendete Gebinde nicht mehr erklärt werden müssen. Sie sind kein Verzicht und auch kein Downgrading. Wein braucht kein Muskelspiel.
2. Zimmer, Küche – mehr Kabinett.
Kabinettweine: Nicht als Nostalgie, sondern als Zukunft. Kabinett heißt: weniger Alkohol, mehr Trinkfluss, mehr Präzision. Vor allem aber: ein Geschmacksprofil, das einer Generation entgegenkommt, die Wein nicht kennt und ihn vielleicht entdecken will. 7,5 bis 9 Volumenprozent sind keine Schwäche. Sie sind ein Angebot.
3. Weg mit Lugana.
Oder zumindest: raus aus der Dauerrotation. Lugana ist zur Projektionsfläche geworden für alles, was bequem ist. Ein Weißwein, der wenig erzählt, außer von Nussigkeit, gelbem Plastik und der Beharrlichkeit des Immergleichen. Das ist kein Bashing, das ist bloße Ermüdung. Es gibt spannendere Weine, die dasselbe Geld kosten.
4. Eine Wahlniederlage für Viktor Orbán im April.
Nicht aus vorhandener, politischer Lust, sondern aus weinkultureller Notwendigkeit. Ungarn ist eines der spannendsten Weinländer der Welt. Tokaj, Somló, Szekszárd, Eger, Villany – all das hat internationale Relevanz. Doch politischer Lärm übertönt die Weine. 2026 könnte das Jahr sein, in dem ungarischer Wein wieder mehr über sich selbst spricht. Und in dem auch staatliche Fidez-Beteiligung an Weingütern ihr Ende haben sollte.
5. High-End-Rotweinpreise wie 1999.
Die Rotweinkrise ist real. Aber sie ist auch eine Korrektur. Vielleicht braucht es genau das: Preise, die wieder in Relation stehen. Große Weine dürfen teuer sein. Sie müssen es aber nicht sein, um groß zu sein. 2026 könnte ein Jahr werden, in dem relevante und große Bordeaux, Barolo oder Brunello wieder für eine Mittelschicht auch erschwinglich sind.
6. Mehr Sortenvielfalt – trotz weniger Konsumenten.
Paradox? Nur auf den ersten Blick. Gerade weil weniger Menschen Wein trinken, braucht er mehr Geschichten. Mehr Rebsorten, mehr regionale Identitäten, mehr Abweichung vom globalen Kanon. Sortendichte ist kein Problem. Eintönigkeit schon.
7. Mehr Experimente mit sehr leichten, trockenen Weinen (5–7 %).
Nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung. Diese Weine sind keine Kompromisse, sondern Antworten. Auf veränderte Essgewohnheiten, auf andere Tagesrhythmen, auf ein anderes Verhältnis zu Alkohol. Sie verlangen Können. Und Mut.
8. Die Suche nach dem „alkoholfreien Wein, der schmeckt“, beenden.
Das ist kein Fortschritt, das ist ein Rückfall. Ohne massive technische Eingriffe ist diese Idee nicht einzulösen. Und mit ihnen verliert Wein das, was ihn ausmacht. Wer alkoholfrei trinken will, soll es tun – aber bitte nicht auf Kosten der Integrität des Weinbaus.
9. Weinberge retten, bevor sie verschwinden.
2026 wird die Stilllegung von Rebflächen ein Thema sein. Ökonomisch logisch, landschaftlich fatal. Nicht jeder Hang ist austauschbar. Manche sind Gedächtnis, andere Identität. Wenn gerodet wird, dann bitte nicht dort, wo Landschaft mehr ist als Produktionsfläche.
10. Eine Internationale des Weinbaus.
Nicht als Verband, sondern als Bewegung. Eine Plattform, die über Preise, Alkoholpolitik, Landwirtschaft und Genuss spricht. Die sich einmischt, wenn Wein nur noch als Problem verhandelt wird. Genuss ist kein Nebenschauplatz. Er ist kulturell, sozial, politisch relevant.

Winzer des Jahres (3), die Blaufränkischen: Dorothea Muhr und Uwe Schiefer
(Manfred Klimek / Foto Uwe Schiefer von Andreas Durst) Es beginnt mit einer Zahl. 98. Schwarz auf weiß, unter einem Wein wie es ihn in Österreich so noch nicht gab: 98 Parker-Punkte für den Blaufränkisch „Ried Spitzerberg – Obere Spitzer“. Die höchste Wertbekundung, der je einem österreichischen Blaufränkischen zuerkannt wurde. Wer den Wert allein als
(Manfred Klimek / Foto Uwe Schiefer von Andreas Durst)
Es beginnt mit einer Zahl. 98. Schwarz auf weiß, unter einem Wein wie es ihn in Österreich so noch nicht gab: 98 Parker-Punkte für den Blaufränkisch „Ried Spitzerberg – Obere Spitzer“. Die höchste Wertbekundung, der je einem österreichischen Blaufränkischen zuerkannt wurde. Wer den Wert allein als Auszeichnung liest, übersieht etwas Entscheidendes: Es ist eine Zäsur. Und sie betrifft die Sorte, die zwei Wege, zwei Stimmen — Dorothea (Dorli) Muhr im Osten und Uwe Schiefer im Süden – kennt. In der gegenwärtigen Moderne. Selbstredend gibt es noch weitere Könige des Blaufränkisch: Velich (100 Punkte Suckling), Wachter-Wiesler, Kollwentz, Triebaumer und andere mehr. Doch Muhr und Schiefer, beide maximal verschiedene Personen, haben 2025 der mittel-osteuropäischen Sorte eine Wertigkeit gegeben, die mit großen Pinots vergleichbar ist. Und doch könnten ihre Wege unterschiedlicher nicht sein.
Muhr hat nie für Punkte und Auszeichnungen gekeltert. Sie arbeitete für eine Idee: Blaufränkisch als leise, tief mineralische und hoch elegante Antwort auf eine Rotweinwelt, die sich zu oft in Frucht und Fett verliert. Generationen von Rotweintrinkern kennen das, aber lange war Blaufränkisch bei jenen eine Randnotiz, Randlage, Randstilistik. Dorli Muhr lebt und arbeitet am Spitzerberg, einem Terrain, das kein Mythos ist: karg, windig, ernüchternd für Ertrag, aber präzise in seinem Ausdruck. Hier fand sie, was viele ignorieren: Böden, die nichts verschenken und daher nichts verbergen können. Sie vergärt spontan, sie stampft die Trauben mit ihren Füßen, sie füllt spät ab. Ihre Weine erscheinen nie gemacht, sie geschehen. Blaufränkisch, so sagt Muhr, braucht keine Maske. Und der Obere Spitzer ist der Beweis: ein Wein, der nicht übertüncht, nicht kaschiert, sondern zeigt, wie hoch Blaufränkisch gehen kann, wenn man ihm alles gibt, was er an Tiefe braucht. Und nichts, was ihn beschönigt.
Und dann ist da Uwe Schiefer — ein Winzer, dessen Geschichte ebenfalls von radikaler Selbstverpflichtung erzählt, aber in einer ganz anderen Tonart. Schiefer war einst Kellner und Sommelier im Wiener Steirereck, einer der gastronomischen Adressen Europas, bevor er sich entschloss, seinen eigenen Weg zu gehen. 1990 gründete er sein Weingut im Südburgenland, in Welgersdorf am berühmten Eisenberg, jenem roten Hügel, dessen eisen- und schieferhaltige Böden mehr Sound erzwingen als Komfort. Seither produziert er Blaufränkisch, aber keinen Blaufränkisch im gängigen Sinne. Er brachte ein Credo in die österreichische Rotweinwelt: „Less is more“ — im Weinberg und im Keller. Er verbannte Barriques zugunsten großer Eichenfässer, begann früh mit spontanen Vergärungen und verzichtet auf Filtration oder Schönung. Was bleibt, ist eine radikale Offenheit zur Traube, zur Lage, zur Sorte selbst. Diese Weine wollen nicht gefallen, sie wollen erzählen — und sie tun es mit einer Reinheit, die außen kühl erscheint und innen tief verwoben ist – schreibt einer seiner treuen Händler.
Schiefers Blaufränkisch sind anders als erwartet; sie provozieren, ohne sich zu verstecken. Kritiker beschreiben sie als analytisch präzise, mit pikant frischer Säure und feinem Tannin, einer Stilistik, die eher an hochklassigen Pinot Noir erinnert als an traditionelle burgenländische Rotweine. Die Ried Reihburg-Lagenweine und die Blaufränkisch Lutzmannsburg V.V. haben international Spitzenbewertungen erzielt — bis zu 96 Punkten und mehr, und sie gelten als Referenz für Eisenberg-Blaufränkisch in der Welt.
Wenn man Muhr und Schiefer nebeneinanderstellt, wird ein Muster sichtbar: zwei Extreme, die sich in der Mitte treffen. Muhr sagt uns, was Blaufränkisch sein kann, wenn man alles Überflüssige weglässt: Tiefe, Mineralik, Leichtigkeit trotz Komplexität. Schiefer zeigt uns, was Blaufränkisch sein darf, wenn man ihm Raum lässt: Struktur, Klarheit, Präzision ohne Verschwinden. Beide stützen sich auf die Sorte selbst — nicht auf Mode, nicht auf Technik, sondern auf das, was die Traube unter ihren jeweiligen Böden über Jahrzehnte gelernt hat – und hergibt.
Und doch unterscheiden sie sich in einem entscheidenden Punkt: Muhr ist heute Teil eines internationalen Diskurses, in dem es um das Neue in der Subtilität geht. Schiefer ist Teil eines Diskurses, der das Neue in der Klarheit sucht. Diese zwei Modelle markieren einen qualitativen Schritt in der Blaufränkisch-Evolution: nicht nur größer zu denken, sondern genauer und eigenständiger.
Diese Entwicklung ist nicht zufällig. Sie ist Ergebnis eines Jahrzehnts, in dem Österreich seinen Platz im Rotweinuniversum neu definiert hat — und zwar ohne sich zu verbiegen, ohne alte Dogmen zu repetieren, sondern indem man der Sorte vertraut und sie als solche wahrnimmt. Muhr und Schiefer sind dabei nicht nur Namen, sondern Wegmarken. Sie markieren einen Moment, in dem Blaufränkisch — lange als Zweitwein, Randwein, Zweitrang bewertet — tatsächlich eine eigene, europäische Relevanz erreicht hat: als Rotwein, der präzise, lebendig und international ernstgenommen wird.
Vielleicht ist es dieser doppelte Anspruch — das Streben nach Tiefe und nach Klarheit — der erklärt, warum gerade jetzt zwei so unterschiedliche Blaufränkisch-Interpretationen auf höchstem Niveau stehen. Es ist kein Zufall, dass Muhrs 98-Punkte-Wein und Schiefers klassische Eisenberg-Referenzen im selben Atemzug genannt werden. Sie sind kein Kompromiss. Sie sind Ausdruck einer Sorte, deren Winzer gelernt haben, ihre ganze Bandbreite zu zeigen — und das auf eine Weise, die stilistisch wie geographisch unverwechselbar ist.
