spit on my grave
aber bitte Wein. Fünf Weine, sich die Apokalypse schönzutrinken.
15. Mai 25, Klimek. Die Welt ist ein Saustall! Und keiner mistet aus. Es brennt. Im Nahen Osten, in der Ukraine, in den USA, in den Medien. Das Klima ist ein Totalschaden, die Börse ein Glücksspiel, und in Berlin regiert bald eine Schuldenkoalition, die sich bemühen wird, das Richtige zu tun – Schwerpunkt auf Bemühen. Das Einzige, was uns dieser Tage bleibt, ist das Glas in der Hand.
DEUtschbahn
Den Spies dreht keiner um – die DB und ihr einzig schöner Moment!
16 Mai 25 Klimek. Ich bin mit dem Zug nach Rheinhessen gefahren. Vor Wein-Achten. Mit dem Zug nach Rheinhessen zu fahren heißt in 95% der Fälle mit der DB fahren zu müssen: jenem Konzern, der es seit 2003 ca schafft, mein Nervenkostüm zu zerschneiden, ohne daraus ein neues, besseres Nervenkleid schneidern zu können – ganz im Gegenteil.

Der Weinwelt fehlt ein Plan für das Danach
(Dr. Maximilian Schüttky / Manfred Klimek / Redaktion / Pic: Manfred Klimek) Die Weinwelt hat inzwischen begriffen, dass sie in einer Krise steckt. Was sie noch nicht begriffen hat: Auch Krisen gehen vorbei. Danach steht man allerdings nicht automatisch wieder dort, wo man vorher war. Wenn die derzeitige Entwicklung tatsächlich 30 oder 40 Prozent der
(Dr. Maximilian Schüttky / Manfred Klimek / Redaktion / Pic: Manfred Klimek)
Die Weinwelt hat inzwischen begriffen, dass sie in einer Krise steckt. Was sie noch nicht begriffen hat: Auch Krisen gehen vorbei. Danach steht man allerdings nicht automatisch wieder dort, wo man vorher war. Wenn die derzeitige Entwicklung tatsächlich 30 oder 40 Prozent der europäischen Rebflächen kostet, wenn tausende Betriebe aufgeben, Keller verkauft, Weinberge gerodet und ganze Regionen wirtschaftlich ausgedünnt werden, dann wird am Ende keine bloß kleinere Ausgabe der alten Weinwelt übrigbleiben. Es wird eine andere sein. Erstaunlicherweise redet darüber fast niemand.
Die Branche beschäftigt sich derzeit vor allem mit dem Durchhalten. Absatz fördern, Exportmarkt suchen, Fördergeld beantragen, Preise halten, irgendwie noch einen Jahrgang in den Keller bringen. Verständlich. Weniger verständlich ist, dass dieselben Menschen gleichzeitig so tun, als müsse nach dem großen Aussortieren nur wieder genug Nachfrage auftauchen, damit alles von vorne beginnen kann. Als würden plötzlich wieder Dreißigjährige Bordeaux kaufen, weil die Lager leerer geworden sind, als kehrten die verschwundenen Rotweintrinker aus einem geheimen Versteck zurück und als würde eine Generation, die erheblich weniger Alkohol konsumiert, eines Morgens beschließen, doch wieder 14,5 Prozent geil zu finden.
Die Weinwelt des Jahres 2026 wird immer noch von Boomern erzählt, für Boomer produziert und von Boomern konsumiert. Das wäre zunächst gar nicht schlimm, hätte diese Generation nicht gleichzeitig den merkwürdigen Ehrgeiz entwickelt, ihre eigenen Gewohnheiten für Naturgesetze zu halten. Schauen wir auf Weinmessen, Preisverleihungen, Verbandsveranstaltungen oder die üblichen Galadinner, begegnet uns eine Welt, die verzweifelt jung aussehen möchte und anschließend wieder dieselben älteren Herren fotografiert, wie sie einander Preise überreichen. Die jungen Winzerinnen und Winzer dürfen inzwischen aufs Podium, gerne auch mit Tätowierung, Naturwein und Turnschuhen. Entscheiden dürfen weiterhin andere.
Dabei liegt ein Teil der Zukunft längst in diesen jungen Betrieben. Dort wird mit alten Rebsorten experimentiert, mit Cider, Pet Nat, leichteren Rotweinen, maischevergorenen Weißen, neuen Gebinden, Traubensaft, Verjus, teilentalkoholisierten Weinen und null Komma fünf Prozent Alkohol. Vieles davon wird wieder verschwinden. Einiges wird bleiben. Genau so entsteht Kultur. Nur betrachtet ein erheblicher Teil der etablierten Weinwelt diese Versuche weiterhin mit der milden Verachtung eines Mannes, der seit dreißig Jahren dasselbe SUV-Modell fährt und sicher ist, dass Elektromobilität eine vorübergehende Störung der Weltordnung darstellt.
Bei alkoholfreien und alkoholarmen Weinen wird diese Haltung besonders sichtbar. Noch immer hört man Sätze, die mit Weinrecht, Tradition oder vermeintlicher Authentizität begründen sollen, warum ein Wein mit 0,5 Prozent eigentlich gar nicht zum kulturellen Kosmos des Weins gehören dürfe. Der Kunde hört sich das kurz an und kauft anschließend etwas anderes. Der Markt besitzt wenig Interesse an theologischen Debatten. Wer heute ausgezeichnete entalkoholisierte Weine, 6,5-Prozent-Cuvées aus Wein, Traubensaft und Verjus oder gute Null-Prozent-Produkte probiert, erkennt längst, dass daraus eine neue Kategorie entsteht. Sie ersetzt den großen Riesling nicht und auch keinen gereiften Pomerol. Sie erweitert das Repertoire. Wer das weiterhin als Sakrileg behandelt, verteidigt am Ende nur seinen eigenen Bedeutungsverlust.
Auch die Bildsprache dieser Branche gehört dringend aufgeräumt. Wein möchte Jugend, Diversität, Weiblichkeit, neue Trinkgewohnheiten und moderne Gastronomie erreichen, zeigt sich öffentlich aber erstaunlich häufig als geschlossene Gesellschaft älterer Männer. Niemand muss die Boomer vom Tisch vertreiben. Sie haben den europäischen Qualitätswein der vergangenen vier Jahrzehnte wesentlich mitaufgebaut, viel Geld ausgegeben, Keller gefüllt und Winzern Wohlstand ermöglicht. Nur kann keine Branche ihre Zukunft darauf gründen, dass ihre beste Kundschaft möglichst langsam stirbt.
Das Danach braucht deshalb einen Plan. Weniger Fläche wird dabei nicht zwangsläufig eine Katastrophe sein. Europa produziert seit Jahren mehr Wein, als es zu vernünftigen Preisen verkaufen kann. Die schmerzhafte Verkleinerung könnte sogar die Voraussetzung für einen neuen Anfang bilden, sofern nicht ausgerechnet jene Betriebe verschwinden, die neugierig, klein, eigenständig und kulturell interessant sind. In Frankreich, Italien, Spanien, Österreich und Deutschland müsste jetzt darüber gesprochen werden, welche Landschaften erhalten, welche Sorten wiederentdeckt, welche Weine künftig gebraucht und welche Betriebe unterstützt werden sollen. Stattdessen diskutieren wir noch immer darüber, wie man den Absatz des Produkts von gestern steigert.
Die Moderne nach der Postmoderne wird beim Wein vermutlich gar nicht besonders futuristisch aussehen. Sie kann alte Rebsorten hervorholen, Amphoren verwenden, regionale Esskultur wiederentdecken und gleichzeitig mit modernster Entalkoholisierung arbeiten. Sie wird Widersprüche aushalten müssen, weil die Konsumenten längst widersprüchlicher geworden sind. Ein und derselbe Mensch kann am Dienstag alkoholfrei trinken und am Samstag einen zwanzig Jahre alten Barolo öffnen. Die Branche muss endlich aufhören, daraus Identitätsfragen zu machen.
Das eigentlich Problem ist gar nicht die Krise. Krisen zwingen zur Veränderung und haben damit wenigstens eine Funktion. Gefährlicher ist die Vorstellung, man könne sie einfach überstehen und danach wieder die alten Möbel an denselben Platz stellen.
Gorbatschow sagte 1989 in Berlin richtig: “Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben”. Die Weinwirtschaft sollte diesen Satz verinnerlichen. Denn er betrifft sie. Jetzt!

The Last Picture Show: Pflanzt alte weiße Sorten.
(Claude Auguste / Pic: Massa) Im Piemont gibt es ausreichend berühmten Wein und berühmte Rebsorten: Barolo, Barbaresco, Nebbiolo – große Namen, große Preise, große wie kleine Keller und eine internationale Kundschaft, die über Jahrzehnte gelernt hat, dass aus dieser Gegend einige der bedeutendsten Rotweine Europas kommen. Genau dort passiert gerade etwas, das für die Zukunft
(Claude Auguste / Pic: Massa)
Im Piemont gibt es ausreichend berühmten Wein und berühmte Rebsorten: Barolo, Barbaresco, Nebbiolo – große Namen, große Preise, große wie kleine Keller und eine internationale Kundschaft, die über Jahrzehnte gelernt hat, dass aus dieser Gegend einige der bedeutendsten Rotweine Europas kommen. Genau dort passiert gerade etwas, das für die Zukunft des Weinbaus erheblich interessanter sein könnte als die nächste Hundert-Punkte-Flasche: Eine weiße Rebsorte, die beinahe ausgestorben war, wird plötzlich gepflanzt, gekauft, teuer verkauft und von Winzern entdeckt, deren Geschäft bisher vor allem mit großen Rotweinen funktionierte.
Sie heißt Timorasso.
Vor vierzig Jahren gab es davon keine einzige kommerzielle Abfüllung. Heute stehen im Piemont mehr als 500 Hektar, 117 Produzenten erzeugen Timorasso, Spitzenweine kosten mehr als 80 Euro, weitere Flächen kommen gerade in Ertrag und für 2027 werden bereits rund zwei Millionen Flaschen erwartet. Das ist für sich genommen noch keine Revolution des Weinmarktes. Interessant wird die Geschichte erst, wenn man sich ansieht, woher diese Sorte kommt und wer inzwischen in sie investiert.
Timorasso war bereits im 14. Jahrhundert im Piemont verbreitet, Leonardo da Vinci soll ihn 1469 bei der Hochzeit Isabella von Aragons ausgeschenkt haben, zeitweise standen rund 2000 Hektar der Sorte in der Region. Dann kamen Reblaus und Ökonomie. Timorasso ist schwierig im Weinberg, arbeitsintensiv, bringt unberechenbare Erträge und war nach der Reblauskatastrophe schlicht zu mühsam, um ihn wieder in größerem Stil anzupflanzen. Selbst die 1973 geschaffene DOC Colli Tortonesi erwähnte ihn zunächst mal gar nicht.
Dass wir heute überhaupt über Timorasso reden, liegt wesentlich an Walter Massa. Ende der achtziger Jahre besaß er noch rund 400 verstreute Rebstöcke und füllte 1987 erstmals einen Wein daraus ab. Der überzeugte zunächst nicht. Einige Jahre Flaschenreife veränderten ihn jedoch derart, dass Massa begann, alte Bestände zu suchen, Rebmaterial zu sammeln und Nachbarn zur Neuanpflanzung zu überreden. Das war kein romantisches Hobby. Timorasso bedeutete etwa dreimal so viel Arbeit für einen Bruchteil des Ertrags anderer Sorten. Ohne entsprechend hohe Preise war die Rechnung nicht darstellbar. 2003 waren gerade einmal 60 Hektar erreicht. Dann stagnierte die Entwicklung.
Heute sieht die Sache anders aus, und genau hier wird Timorasso für die gesamte europäische Weinwelt interessant. Denn inzwischen kamen Produzenten aus dem Barolo-Geschäft. Roagna erzeugt Timorasso, Borgogno ebenfalls, Vietti, Pio Cesare, La Spinetta und Viberti sind dabei. Mit ihnen kamen Kapital, internationale Distribution und jene Kundschaft, die bereit ist, für einen Weißwein aus einer bis vor kurzem fast unbekannten Sorte erhebliches Geld auszugeben. Der Name Derthona, die lateinische Bezeichnung für Tortona, wurde zum gemeinsamen Begriff für die ambitionierten Weine aus Timorasso. Eine alte Sorte bekam eine neue wirtschaftliche Existenz.
Das sollte man sich gerade jetzt genauer ansehen.
Wir haben in den vergangenen Tagen auf WINEPARTY anonyme Handelszahlen veröffentlicht, nach denen Rotwein im ersten Halbjahr 2026 bei einem großen Onlinehändler um 46 Prozent eingebrochen sein soll. Wir können diese Zahlen weiterhin nicht unabhängig verifizieren – Rückmeldungen blieben unbeantwortet. Dass Rotwein im Handel Probleme hat, bestreitet allerdings kaum noch jemand. Die großen Rotweinregionen Europas werden deshalb früher oder später darüber nachdenken müssen, womit sie künftig zusätzlich Geld verdienen.
Italien liefert eine mögliche Antwort: mit Weißwein. Und zwar ausgerechnet mit alten, regionalen Sorten.
Denn die neue Generation von Weintrinkern scheint keineswegs nur nach neuen Produkten zu suchen. Sie sucht auch nach Herkunft, seltenen Rebsorten und Geschichten, die nicht erst gestern in einer Marketingagentur und deren KI erfunden wurden. Timorasso besitzt davon reichlich. Dazu kommt ein Geschmacksbild, das erstaunlich gut in die Gegenwart passt. Junge Derthona können salzig, straff, floral oder von Steinobst geprägt sein, manche zunächst ausgesprochen reduktiv. Nach einigen Jahren entwickeln sie Heu, Haselnuss, Akazie, Bienenwachs, Ingwer, Fenchel und Kurkuma. Die Sorte besitzt Substanz und erhebliches Alterungspotenzial. Das ist Weißwein für Menschen, die Wein entdecken wollen und trotzdem nicht auf Tiefe verzichten möchten.
Darin könnte weit mehr stecken als eine piemontesische Erfolgsgeschichte. Europas berühmte Rotweinregionen sitzen auf einem kulturellen Schatz, den sie teilweise selbst vergessen haben. Alte weiße Rebsorten wurden gerodet, aufgegeben oder auf winzige Flächen zurückgedrängt, weil sich mit den großen roten Namen jahrzehntelang leichter Geld verdienen ließ. Jetzt verändert sich der Markt, und plötzlich können gerade diese vergessenen Sorten wieder interessant werden.
Das bedeutet nicht, dass morgen in Barolo Nebbiolo gerodet werden soll, um Timorasso zu pflanzen. Aber es bedeutet, dass eine Weinregion wirtschaftlich ziemlich unklug handelt, wenn sie ihre Zukunft ausschließlich an eine Weinkategorie bindet, deren Absatz gerade erheblich unter Druck steht. Weißwein wächst, leichteres Trinken wächst, Neugier auf autochthone Sorten wächst. Und ein Wein, der eine jahrhundertealte Geschichte mitbringt, muss seine Herkunft nicht erst erfinden.
Junge Weintrinker müssen nicht mit immer neuen Fantasiecuvées, bunten Etiketten und künstlich erfundenen Kategorien abgeholt werden. Man kann ihnen auch eine Rebsorte geben, die Leonardo da Vinci kannte, hundert Jahre beinahe vergessen war und heute wieder hervorragende Weine hervorbringt. Man kann ihnen erzählen, warum Menschen wie Walter Massa jahrzehntelang daran festhielten, obwohl zunächst kaum Geld damit zu verdienen war. Und man kann ihnen einen Wein einschenken, der anschließend selbst erledigt, was noch zu erledigen ist.

Urlaubsweine reloaded (3). Der unmögliche Wein, der wieder möglich wurde: Lambrusco
(Leo Quarda / pic: Manfred Klimek) Immer wenn es die Zeit erlaubt, manchmal auch ganz einfach, wenn mich in Wien alles ärgert, setze ich mich ins Flugzeug und fliege nach Zypern. Freunde treffen, auf der Terrasse sitzen, ein paar Tage anders leben, und im Gepäck befinden sich fast immer einige Flaschen Wein. Nicht, dass es
(Leo Quarda / pic: Manfred Klimek)
Immer wenn es die Zeit erlaubt, manchmal auch ganz einfach, wenn mich in Wien alles ärgert, setze ich mich ins Flugzeug und fliege nach Zypern. Freunde treffen, auf der Terrasse sitzen, ein paar Tage anders leben, und im Gepäck befinden sich fast immer einige Flaschen Wein. Nicht, dass es auf der Insel zu wenig guten Wein gäbe, ganz im Gegenteil, aber der heimische Keller muss schließlich auch gelegentlich entlastet werden, und gemeinsam getrunkene Flaschen reisen ohnehin sinnvoller als allein im Regal stehende.
Diesmal war ein Wein dabei, zu dem ich eine längere und keineswegs immer harmonische Beziehung habe. Er führt mich zurück in die späten siebziger Jahre, als der Stoff für die Party noch an der Tankstelle gekauft wurde, in der Disco Italo-Hits liefen und wir uns für einige Stunden ein italienisches Lebensgefühl zusammenbastelten, zu dem zwingend eine Flasche Lambrusco gehörte. Süß war er meistens, billig fast immer, und von Rebsorten, Herkunft oder Qualität wollten wir damals wenig wissen. Lambrusco gehörte zu den ersten Abenden mit Mädchen, zum Lippenstift am Glas, zum Tanzen, Schmusen und irgendwann zum mehr oder weniger geordneten Heimweg zu Fuß oder mit der letzten Straßenbahn. Es war eine Zeit, in der niemand den Wein analysierte, solange noch genug davon da war.
Der Ruf, den sich Lambrusco in diesen Jahrzehnten erwarb, hielt erstaunlich lange. Billiger, süßer, industriell erzeugter roter Schaumwein überschwemmte die Exportmärkte und beschädigte den Namen einer ganzen Weinkultur, obwohl in der Emilia längst auch ganz andere Lambruschi erzeugt wurden. Ich selbst hatte die Kategorie irgendwann vollständig abgehakt, bis mir 2014 wieder einer ins Glas kam. Das Misstrauen war beträchtlich, die Wirkung dafür umso unmittelbarer. Seitdem gehört L’Acino von Corte Manzini regelmäßig in meinen Keller.
An diesem Abend auf Zypern interessierte mich deshalb weniger meine eigene Reaktion als jene meiner Freunde. Ich schenkte den Wein blind ein, sagte nichts und wartete. Zuerst wurde gerochen, dann gekostet, noch einmal gerochen und wieder gekostet, irgendwann standen die ersten breiten Grinser in den Gesichtern. „Was zum Henker ist das?“ war ungefähr der gemeinsame Nenner. Die Flasche hielt nicht lange.
L’Acino wird aus Lambrusco Grasparossa gekeltert, einer autochthonen Sorte aus der großen Lambrusco-Familie, die vor allem rund um Castelvetro südlich von Modena zu Hause ist. Schon die Traube besitzt eine kleine botanische Eigenheit: Kurz vor der Lese verfärben sich Stielgerüst und Stiele rötlich, woraus sich der Name Grasparossa ableitet. Die Sorte bringt dunkle, körperreiche, würzige Lambruschi hervor, besitzt ordentlich Tannin und ergibt jene fast schwarzviolette Farbe, die im Glas zunächst gar nicht nach einem unkomplizierten Frizzante aussieht. Bei Corte Manzini kommen für den L’Acino unter anderem Trauben von rund siebzig Jahre alten Rebstöcken zum Einsatz; ausgebaut wird im Edelstahl, die zweite Gärung erfolgt nach der Charmat- beziehungsweise Martinotti-Methode. Das Ergebnis trägt 11,5 Prozent Alkohol und wird trocken abgefüllt.
Castelvetro liegt in einer Gegend, in der man ohnehin ziemlich genau weiß, warum Lambrusco so schmecken soll. Modena und Parma sind kulinarisch nahe, Parmigiano Reggiano, Prosciutto, Mortadella und die üppige Küche der Emilia verlangen nach einem Wein mit Frische, Kohlensäure, Frucht und einer gewissen herben Struktur. Lambrusco war hier nie Partygesöff, sondern Teil einer regionalen Esskultur, und die Renaissance der trockenen, handwerklich ernst genommenen Versionen hat in den vergangenen Jahren vor allem außerhalb Italiens wieder sichtbar gemacht, was zwischen all den süßen Exportflaschen beinahe verloren gegangen war.
Der L’Acino duftet nach Himbeeren, Kirschen und dunklen Beeren, dazu kommen Würze, eine herbe Frische und diese milde Perlage, die den Wein mit erstaunlichem Tempo über die Zunge trägt. Er ist trocken, saftig, dunkel, fruchtbetont und besitzt genug Struktur, um nicht nach dem zweiten Glas langweilig zu werden. Vor allem aber macht er ungeheuer viel Freude. Gut gekühlt auf einer Wiese, einer Terrasse oder sonstwo getrunken braucht er weder Andacht noch große Gläser und schon gar keine lange Erklärung. Er will geschluckt werden, und genau das geschah an diesem Abend auf Zypern mit bemerkenswerter Konsequenz.
Am Ende war die einzige Kritik meiner Freunde, dass ich nur eine Flasche mitgebracht hatte. Danach kam die unvermeidliche Frage, wo man das Zeug kaufen könne, und ich nahm mir noch am selben Abend vor, wieder eine Kiste zu bestellen. Denn die nächste Reise auf die Insel kommt bestimmt, der nächste Terrassenabend ebenfalls, und diesmal werde ich einen Fehler nicht wiederholen.
Eine Flasche L’Acino ist eindeutig zu wenig.
Bezugsquelle:
K&U – Die Weinhalle
Gebr. Kössler & Ulbricht GmbH & Co. KG
Nordostpark 78
90411 Nürnberg

Urlaubsweine reloaded. Retsina: eine späte Versöhnung
(Gerhard Ziegler / pic: historisches Archiv) Terrassenabend in Larnaca. Leo schenkt etwas Rotes ein, der Wein schäumt leicht, riecht sauber, frisch und ziemlich verführerisch, ich tippe auf Italien und liege damit immerhin nicht völlig falsch, mit allem Weiteren allerdings schon. Nach einigen Fehlversuchen grinst Leo und löst auf: Lambrusco. Das irritiert mich mehr, als es
(Gerhard Ziegler / pic: historisches Archiv)
Terrassenabend in Larnaca. Leo schenkt etwas Rotes ein, der Wein schäumt leicht, riecht sauber, frisch und ziemlich verführerisch, ich tippe auf Italien und liege damit immerhin nicht völlig falsch, mit allem Weiteren allerdings schon. Nach einigen Fehlversuchen grinst Leo und löst auf: Lambrusco. Das irritiert mich mehr, als es sollte, denn mit diesem Namen hatte ich bis dahin hauptsächlich süße Jugendabende, Lippenstift, erste Verliebtheiten und den leicht schwankenden Heimweg zur letzten Straßenbahn verbunden. Solche Erinnerungen sitzen tief, auch beim Wein, und manchmal verhindern sie jahrzehntelang, dass wir noch einmal genauer hinschauen. Beim Lambrusco war das so. Beim Retsina noch viel stärker.
Anfang der neunziger Jahre, vermutlich 1991, flog ich nach der Schule mit Freunden nach Griechenland, einer meiner ersten Flüge überhaupt, danach Athen und weiter mit einem Tragflügelboot, dessen Lackierung schon damals einen erheblichen Anteil an seiner gefühlten Stabilität hatte nach Poros. Wir waren um die zwanzig, einige jünger, hatten wenig Geld, wohnten einfach, lernten easy US-Girls kennen und fanden eine Taverne, die wir uns jeden Abend leisten konnten. Sie hieß Papas Stamatis, und der Wirt trug Essen, redete, lachte, schimpfte, schenkte nach und schien dauerhaft gute Laune zu haben. Das Problem stand in der Karaffe. Sein Hauswein war Retsina, preislich genau dort angesiedelt, wo wir ihn brauchten, geschmacklich allerdings in einer Gegend, die ich bis heute nicht vergessen habe. Das Harz der Aleppo-Kiefer dominierte vollständig, dazu kamen Nagellackentferner, Klebstoff, etwas Traube irgendwo im Hintergrund und eine Wirkung, die zuverlässig bis zum nächsten Vormittag anhielt. Unsere Gespräche auf Englisch wurden davon keineswegs besser, unser Zustand beim Frühstück ebenfalls nicht. Dass wir mehrere Abende hintereinander trotzdem wieder bestellten, erklärt sich nur durch Jugend, Geldmangel und die erstaunliche körperliche Widerstandskraft jener Jahre. Danach war Retsina für mich erledigt. In griechischen Restaurants in Wien bestellte ich österreichischen oder italienischen Wein und ließ die harzige Vergangenheit ruhen.
Mehr als drei Jahrzehnte später sitze ich nach Sonnenuntergang auf der Terrasse des “Vintage” in Nikosia, vor uns die geteilte Stadt, wenige Straßen weiter beginnt der türkisch kontrollierte Norden, und plötzlich steht wieder Retsina im Glas. Diesmal muss nichts überwunden werden. Der Wein riecht nach mediterranen Kräutern, Zitrusschale, etwas Salz, besitzt Frische, Struktur und eine erstaunlich genaue Würze, das Harz bleibt im Hintergrund und gibt dem Wein etwas Eigenes, das nach einigen Schlucken völlig selbstverständlich wird. Der moderne Retsina hat sich technisch und qualitativ enorm verändert. Ambitionierte Produzenten arbeiten mit hochwertigen Trauben, häufig Assyrtiko oder Roditis, das Harz der Aleppo-Kiefer wird während der Gärung nur in kleinen Mengen zugesetzt und anschließend entfernt. Die frühere Dominanz verschwindet, übrig bleiben Würze, Frische und jene eigenständige Aromatik, die diese Weine sofort erkennbar macht. Aus einem Getränk, das für viele Reisende jahrzehntelang zum billigen Griechenlandurlaub gehörte, ist bei den besten Produzenten eine ernsthafte Weinkategorie geworden.
Wer das ausprobieren möchte, findet inzwischen genügend Gelegenheit. Ritinitis Nobilis von Gaia wird aus Roditis erzeugt und zeigt, was Präzision mit dieser alten Tradition anfangen kann. Tear of the Pine von Kechris basiert auf Assyrtiko und gehört zu den ambitioniertesten Vertretern der Kategorie, Retsina Amphora Nature von Tetramythos bringt Roditis und Amphorenausbau zusammen, Nimbus Ritinitis von Kamara geht kräuteriger und eigenwilliger zur Sache. Keiner dieser Weine verlangt nostalgische Nachsicht, keiner braucht die Entschuldigung einer langen Tradition. Sie stehen heute aus eigener Kraft im Glas und funktionieren hervorragend zur griechischen Küche, zu Fisch, Gemüse, Kräutern, gegrilltem Fleisch oder einfach spät am Abend auf einer Terrasse in Nikosia. Für mich bleibt dabei ein kleiner Trost: Nicht jeder schlechte Wein unserer Jugend muss schlecht geblieben sein. Manchmal hat sich der Wein weiterentwickelt, während wir längst aufgehört hatten, nach ihm zu fragen. Und manchmal braucht es dreißig Jahre, einen anderen Ort und ein einziges Glas, um eine alte Rechnung endgültig zu begleichen.
Vintage Wine Bar & Bistro
Ermou 285
1017 Nikosia
Zypern

Wie retten wir den Rotwein? Und ist Süßwein tot? Anonymisierte Zahlen aus dem Handel
(Manfred Klimek / Redaktion) Seit einigen Tagen erreichen WINEPARTY anonym via einer Hotmail-Adresse Datensätze aus dem Weinhandel. Es handelt sich um Verkaufszahlen großer Händler, die uns von einer oder einem Whistleblower(in) zugespielt werden. Wir veröffentlichen diese Zahlen mit aller gebotenen Vorsicht. Wir kennen ihre Herkunft nicht zweifelsfrei, können sie nicht unabhängig verifizieren. Doch das Material
(Manfred Klimek / Redaktion)
Seit einigen Tagen erreichen WINEPARTY anonym via einer Hotmail-Adresse Datensätze aus dem Weinhandel. Es handelt sich um Verkaufszahlen großer Händler, die uns von einer oder einem Whistleblower(in) zugespielt werden. Wir veröffentlichen diese Zahlen mit aller gebotenen Vorsicht. Wir kennen ihre Herkunft nicht zweifelsfrei, können sie nicht unabhängig verifizieren. Doch das Material hat eine gewisse Authentizität, die der Absender bewusst einstreut: Kleinigkeiten, die es als schlüssig erkennen können lassen. Deswegen verdient es Aufmerksamkeit. Denn selbst wenn einzelne Werte ungenau sein sollten, zeichnen sie ein Bild, das viele Winzer und Händler längst aus eigener Erfahrung kennen.
Die jüngste Zusendung betrifft das erste Halbjahr 2026. Ein großer Onlinehändler soll demnach bei Schaumwein ein Minus von zwei Prozent verzeichnen, Weißwein verliert acht Prozent, Rosé legt um sieben Prozent zu – allerdings von einem immer noch niedrigem Niveau aus. Wirklich alarmierend wird es beim Rotwein. Minus 46 Prozent. Noch dramatischer sieht es bei Süßwein, Portwein und verwandten Kategorien aus. Minus 78 Prozent. Gleichzeitig wachsen alkoholfreie Produkte um 180 Prozent – allerdings von einer bislang sehr kleinen Basis aus.
Sollten diese Zahlen auch nur annähernd stimmen, stellt sich eine Frage, über die erstaunlich wenig gesprochen wird.
Müssen wir den Rotwein retten?
Über Jahre wurde vor allem über den Aufstieg alkoholfreier Weine diskutiert. Davor schon rückte Rosé in den Mittelpunkt, begleitet von leichteren Weißweinen und neuen Schaumweinen. Rotwein galt dagegen als so selbstverständlich, dass kaum jemand auf die Idee kam, seine Stellung könne einmal ernsthaft gefährdet sein.
War genau das ein Irrtum?
Rotwein verlangt heute vieles, was der Zeitgeist immer seltener mitbringt. Geduld. Aufmerksamkeit. Häufig ein gemeinsames Essen. Und kühlere Jahreszeiten. Wer nach einem langen Arbeitstag in dieser neuen Arbeitswelt daheim am Tisch sitzt oder sich mit Freunden auf einen Drink trifft, greift inzwischen oft zu anderen Kreszenzen. Das ist keine Mode mehr. Es ist eine Veränderung von Lebensgewohnheiten.
Hinzu kommt der Klimawandel. Heiße Sommer lassen viele Konsumenten automatisch nach kühlen Weinen suchen. Selbst überzeugte Rotweintrinker entdecken plötzlich Riesling, Sauvignon Blanc oder Champagner neu. Gleichzeitig wächst eine Generation heran, für die große Bordeaux, Barolo oder Rioja nicht mehr so selbstverständlich wie bei der Generation der Boomer und der Generation X zum eigenen Weinkosmos gehören. Burgund hat immer noch einen gewissen Adelsstatus, das Besondere. Doch auch der scheint gefährdet.
Noch bedrückender wirkt allerdings der Blick auf eine andere Kategorie.
Süßwein.
Sauternes, Tokaj, Trockenbeerenauslesen, Beerenauslesen oder große Eisweine gehörten jahrzehntelang zu den kostbarsten Weinen Europas. Heute verschwinden sie still aus vielen Weinkarten. Nicht, weil ihre Qualität nachgelassen hätte, sondern weil sie kaum noch bestellt werden. Wer junge Sommeliers fragt, erlebt oft Überraschendes. Manche haben richtig große Süßweine kaum noch im Glas gehabt.
Das wäre ein kultureller Verlust.
Denn Süßwein ist keine Randerscheinung der europäischen Weingeschichte. Er gehört zu ihren ältesten und bedeutendsten Kapiteln. Ihn einfach aus den Kellern verschwinden zu lassen, wäre ungefähr so, als würde man in der klassischen Musik irgendwann auf Mozart verzichten, weil Streamingdienste gerade andere Vorlieben ausweisen. Die Frage lautet deshalb vielleicht gar nicht, ob Rotwein oder Süßwein verschwinden, sondern wie wir sie wieder in den Alltag zurückholen.
Braucht Rotwein neue Serviertemperaturen? Andere Gastronomiekonzepte? Mehr Mut zu leichteren, früher trinkbaren Stilistiken? Und wäre es nicht an der Zeit, Süßwein endlich wieder dort zu zeigen, wo er hingehört – nicht nur zum Dessert, sondern zu Käse, Gänseleber, würziger asiatischer Küche oder einfach als Solist? Und warum gibt es in der Barwelt keine Süßweine zum Mixen?
WINEPARTY wird anonym zugespielten Daten weiter veröffentlichen – immer mit dem Hinweis, dass wir ihre Herkunft nicht abschließend überprüfen können. Gleichzeitig laden wir Winzer, Händler und Sommeliers ein, uns ihre Erfahrungen mitzuteilen. Und auch wir selbst machen uns jetzt ans verifizieren.
Denn eines scheint bereits heute festzustehen: Wenn sich diese Entwicklung bestätigt, diskutieren wir nicht mehr über kurzfristige Markttrends. Dann reden wir über einen tiefgreifenden Wandel der europäischen Weinkultur.

Die ersten Weine im Leben waren die Urlaubsweine des Südens. Eine bittersweet Erinnerung
(Claude Auguste & Manfred Klimek / pic: Shutterstock) Die ersten Urlaubsweine vergisst man nicht. Natürlich nicht deswegen, weil sie die größten Weine unseres Lebens gewesen wären, sondern weil sie in eine Zeit fielen, in der Reisen noch nach Sonnenöl, Straßenkarten und Interrail-Bahntickets rochen, das Urlaubsbudget meist knapp war, die Pensionen einfach, die Autos klein und
(Claude Auguste & Manfred Klimek / pic: Shutterstock)
Die ersten Urlaubsweine vergisst man nicht. Natürlich nicht deswegen, weil sie die größten Weine unseres Lebens gewesen wären, sondern weil sie in eine Zeit fielen, in der Reisen noch nach Sonnenöl, Straßenkarten und Interrail-Bahntickets rochen, das Urlaubsbudget meist knapp war, die Pensionen einfach, die Autos klein und jeder Abend das Gefühl vermittelte, genau dort zu sein, wo man gerade sein wollte. Damals suchte kaum jemand nach großen Namen, Jahrgangsbewertungen oder berühmten Winzern. Man kaufte eine Flasche, weil sie sympathisch wirkte, weil sie kühl im Regal stand oder weil sie gerade in das Ferienbudget passte. Erst viele Jahre später wurde einem bewusst, dass manche dieser Weine geblieben waren – weniger im Keller, mehr in der Erinnerung.
Da war zum Beispiel der Viña Sol von Torres, für viele Deutsche und Österreicher über Jahrzehnte der Geschmack Spaniens. An der Costa Blanca standen die Strände damals so dicht voller Sonnenschirme, dass zwischen den Badetüchern kaum noch Sand zu sehen war, Kinder spielten Fußball zwischen den Liegestühlen, Verkäufer schoben ihre Wägelchen mit Eis und Melonen durch die Hitze, und abends fuhr man weiter nach Barcelona, hinunter zum alten Hafen, lange bevor Olympia und Kreuzfahrttourismus das Viertel völlig veränderten. Fischerboote lagen noch an den Kais, es roch nach Diesel, Salz und gegrillten Sardinen, irgendwo stand immer eine Flasche Viña Sol auf dem Tisch, kühl genug, um die Hitze des Tages vergessen zu lassen und unkompliziert genug, damit niemand lange über den Wein sprach. Tapas wurden bestellt, Gläser nachgeschenkt, Schiffe beobachtet und irgendwann merkte man, dass Mitternacht längst vorbei war.
Wenig später entdeckten viele von uns in Italien eine Flasche, die zunächst gar nicht wegen ihres Inhalts auffiel. Der Lacryma Christi del Vesuvio von Feudi di San Gregorio gehörte damals zu den schönsten Weinflaschen, die man am Strand oder in kleinen Alimentari finden konnte. Das Etikett war in der Umstellung, das neue Label wirkte modern und zeitlos zugleich, sodass man den Wein oft kaufte, weil man die Flasche einfach besitzen wollte. Erst beim ersten Glas stellte sich heraus, dass der Inhalt mit dem Äußeren nicht ganz mithalten konnte – scheißegal. Die Cuvée, die überwiegend aus Coda di Volpe besteht und von Verdeca und Falanghina ergänzt wird, brachte Kampanien ins Glas: warm, mediterran und doch erstaunlich lebendig. Abends stand die Flasche auf dem Balkon einer einfachen Ferienwohnung neben Tomaten, Mozzarella, Oliven und frischem Brot, später vielleicht noch ein paar Pfirsiche oder Melone, und plötzlich fehlte überhaupt nichts mehr.
An der oberen Adria wartete ein anderer Wein, denn zwischen Triest und den Stränden Richtung Grado wurde Friulano (damals noch Tokaj Friulano) vielerorts ganz selbstverständlich offen ausgeschenkt, aus kleinen Holzfässern, die in Regalen standen; oder großen Glasballons in einfache Karaffen gefüllt, kühl, leicht und oft von jenem feinen Bittermandelton begleitet, der ihn unverwechselbar machte. Niemand machte daraus eine Wissenschaft. Der Wein gehörte zum gegrillten Fisch, zu den Muscheln oder einfach zu einem Nachmittag, an dem man beschloss, den Sonnenschirm noch ein paar Stunden länger offen stehen zu lassen.
Und dann waren da noch die Sommer an der kroatischen Küste, damals, als viele von uns österreichischen Kolonialisten noch ganz selbstverständlich Abbazia sagten und nicht Opatija, als sich die Promenade Abend für Abend mit Spaziergängern füllte, Musik aus den Hotels herüberklang und irgendwo fast immer ein Glas Graševina auf dem Tisch stand, häufig von Krauthaker. Eigentlich handelt es sich um Welschriesling, doch in Kroatien trägt die Sorte immer ihren eigenen Namen und besitzt auch ihren ganz eigenen Charakter. Krauthakers Interpretation zeigte schon damals, welches Potenzial in dieser Rebsorte steckt: frisch, klar, mit einer feinen Kräuterwürze und jener Leichtigkeit, die hervorragend zu gegrilltem Fisch, Scampi oder einem langen Sommerabend passte. Viele Nächte in Abbazia endeten mit genau diesem Wein, während die Luft langsam kühler wurde, das Licht der Hotels sich im Wasser spiegelte und man sich fest vornahm, im nächsten Sommer wiederzukommen.
Natürlich waren das keine legendären Weine. Manche kosten heute weniger als ein Glas Wein in einem guten Restaurant, doch genau darin liegt ihr Zauber. Sie erinnern an eine Zeit, in der Reisen noch kleine Abenteuer waren und eine Flasche Wein nicht nach Punkten, Prestige oder Seltenheit ausgesucht wurde, sondern nach dem einfachen Gefühl, dass sie genau zu diesem Urlaubstag passen würde. Sie gehörte an den Strand, auf den Balkon, zum Picknick oder in die kleine Ferienwohnung und wurde Teil jener Erinnerungen, die Jahrzehnte überdauern.

Anatomie eines Weinguts: Rieger im Markgräflerland. Die WELT am SONNTAG Kolumne
(Manfred Klimek) Noch bevor hier die erste Flasche geöffnet wird, verrät das Weingut Rieger schon so gut wie alles über sich. Wie das? Die Menschen machen’s. Wir sind im Markgräflerland, im tiefsten Südwesten Deutschlands. Im Gastraum der Weingutsschank bedienen Josepha und Bernhard Rieger ihre Gäste. Sie wirken dabei nicht wie die Seniorchefs, die sie sind,
(Manfred Klimek)
Noch bevor hier die erste Flasche geöffnet wird, verrät das Weingut Rieger schon so gut wie alles über sich. Wie das? Die Menschen machen’s. Wir sind im Markgräflerland, im tiefsten Südwesten Deutschlands.
Im Gastraum der Weingutsschank bedienen Josepha und Bernhard Rieger ihre Gäste. Sie wirken dabei nicht wie die Seniorchefs, die sie sind, sondern wie Winzerpersonen, die sich über jeden Besucher ernsthaft freuen; und Besucher hier kommen nicht gering aus der benachbarten Schweiz, wo sie für gleiche Qualität von Wein und Flammkuchen mindestens ein Drittel mehr zahlen.
Ihr Sohn Philipp führt heute das Weingut. Er besitzt jene angenehme Melancholie, die Menschen entwickeln, deren Leben schon früh und unerwartet Brüche ertragen musste. Brüche machen Biografien selten einfacher, aber fast immer interessanter. Vielleicht begegnet er deshalb seinen Kreszenzen komplett ohne Pathos. In einer Branche, in der manche Winzer schon beim ersten Satz ihre Größe erklären möchten, ist das eine wohltuende Eigenschaft.
Dann gibt es Markus Brauchle, Kellermeister und verantwortlich für den internationalen Vertrieb. Mitten zwischen Fässern und Tanks entwickelt sich plötzlich ein Gespräch über Literatur. Völlig unerwartet zieht er Harald Irnbergers Wiener Kultbuch „Geil” aus einer Tasche, spricht darüber mit derselben Begeisterung wie über Wein und drückt es mir zum Abschied zum Lesen in die Hand. Auch das gehört zu einem guten Weingut: Es unterhält Menschen, deren Interessen weit über Rebsorten und Gärtemperaturen hinausreichen.
Und schließlich sitzt neben mir im Lieferwagen Nina, eine junge Mitarbeiterin der Riegers, die mich durch die Weinberge kutschiert (ich habe ja nie den Führerschein gemacht), gute Musik vom Spotify-Account holt und sich als eine Art intellektuelles Weingroupie entpuppt: einer jener Menschen, die Wein nicht bloß als gegeben betrachten, sondern neugierig darauf sind, was dahintersteckt. Während draußen die Reben vorbeiziehen, reden wir über Gott und die Welt – und eher wenig über Wein. Solche Gespräche lassen sich nicht planen. Sie passieren einfach.
Erst danach beginne ich, mich für das Weingut selbst zu interessieren. Seit 2005 wird biologisch, seit 2010 nach den Demeter-Richtlinien gearbeitet – und das ohne großes Öko-Trara. Heute bewirtschaftet die Familie mehr als 25 Hektar Rebfläche, zählt zu den größten biodynamischen Weingütern Baden-Württembergs und verbindet, so sehe ich das, breitentauglich konsequentes Keltern mit einer bemerkenswert ruhigen Moderne – gelassen gut.
Nun zu zwei Weinen, die mir das Team Rieger-Brauchle auf den Tisch stellt. Zuerst zu dem für mich interessantesten Wein der Riegers, der keiner ihrer weltläufig guten Spitzenweine ist, sondern der noch als einfach geltenden Pinot Noir vom Löss (Jahrgang 2023, € 12,00). In einer Zeit, in der sich Rotweine zunehmend schlechter verkaufen (warum eigentlich?) ist dieser Rotwein das, was die Briten einen „Burner“ nennen – ein Konsumprodukt, das wir sofort verstehen und mögen. Dieser Pinot ist weit mehr wert als er kostet: Herzkirsche, nicht gering reife, auch gering bittere Hagebutte, fast kaum Pflaume, dafür der Tick Blaubeere und auch etwas Cassis wie bei großen Ortsweinen aus dem rund 200km entfernten Burgund. Im Mund brutal süffig. Und das Beste: wir können diesen Wein auch gut noch zehn Jahre im Keller vergessen. Er wird dann, dank seines Säuregerüsts, einer der besten reifen Rotweine der Region sein. Und echt kein Geld.
Danach der Gewürztraminer Hitzbuck aus 2022 (€ 22,00): einer der interessantesten und besten Gewürztraminer Deutschlands: In der Nase etwas Marzipan, gelbe Blüten, Kirsche, Nashi-Birne, etwas Zypresse, dann Meeresbrise, Rose & Rosine, Wachs. Im Schluck eine kleine frische Süße, Honigmelone, jedoch extrem viel trockener als in der Nase. Der kleine Campari Bitter in der finalen Kehle macht diesen Gewürztraminer, eigentlich eine banale Aromasorte, zum Erlebnis. Weinbau auf Weltniveau.

Regen. Der fehlt. Was hat das für den Weinbau zu bedeuten? Ein Kommentar von Gerhard Retter
(Gerhard Retter / pic: Manfred Klimek) Wir reden beim Wein über fast alles. Über Böden und Gesteine, über Schiefer, Kalk, Löss oder Vulkan. Über spontane Vergärung, große Holzfässer, lange Hefelager und jene berühmte Mineralität, die jeder beschreibt und niemand wirklich erklären kann. Über Wasser sprechen wir erstaunlich selten. Vermutlich gerade deshalb, weil Wasser in Mitteleuropa
(Gerhard Retter / pic: Manfred Klimek)
Wir reden beim Wein über fast alles. Über Böden und Gesteine, über Schiefer, Kalk, Löss oder Vulkan. Über spontane Vergärung, große Holzfässer, lange Hefelager und jene berühmte Mineralität, die jeder beschreibt und niemand wirklich erklären kann.
Über Wasser sprechen wir erstaunlich selten.
Vermutlich gerade deshalb, weil Wasser in Mitteleuropa über Generationen selbstverständlich war. Wer in Österreich oder Deutschland aufwuchs, lernte Wasser nicht als kostbares Gut kennen. Wir drehten den Wasserhahn auf, und es war da: kühl, sauber, verlässlich. Auch der Weinbau lebte lange in dieser Gewissheit. Regen kam. Mal mehr, mal weniger. Aber meistens ausreichend.
Diese Gewissheit verschwindet gerade.
Nicht so spektakulär wie notwendig. Niemand wird morgens aufwachen und feststellen, dass plötzlich keine Trauben mehr wachsen. Der Wandel geschieht viel leiser. Er beginnt in einzelnen Parzellen, bei jungen Reben, auf flachgründigen Böden oder steilen Terrassen. Er zeigt sich auch in jenen Jahren, in welchen es statistisch genug geregnet hat, die Reben aber trotzdem unter Trockenstress geraten. Denn entscheidend ist längst nicht mehr, wie viel Wasser innerhalb eines Jahres fällt. Entscheidend ist, wann es fällt, wie schnell es versickert und ob der Boden überhaupt noch in der Lage ist, es zu speichern. Im schlimmsten Fall, bei Starkregen, spült es notwendige, fruchtbare Erdschichten weg. Und über Wasser in Hagelkörner gebunden, müssen wir erst gar nicht zu reden beginnen.
Der Weinbau in Deutschland und Österreich gehörte die letzten dreißig Jahre über zu den Gewinnern der Erwärmung. Riesling reifte zuverlässiger, Rotweine erreichten Qualitäten, die früher nur in Ausnahmejahren möglich waren. Viele Winzer erinnerten sich an Jahrzehnte, in denen sie bis tief in den Herbst auf Sonne hofften und bangten, ob die Trauben überhaupt ausreifen würden. Diese Sorge ist vielerorts verschwunden.
An ihre Stelle ist eine andere getreten.
Hitze allein bringt noch keinen großen Wein hervor. Irgendwann kippt der Vorteil. Aus früher Reife wird Überreife. Aus trockenen Herbsten werden trockene Frühjahre. Die Rebe schaltet auf Überlebensmodus, die Photosynthese verlangsamt sich, Blätter vertrocknen, junge Anlagen kämpfen ums Überleben und selbst alte Rebstöcke zehren von ihren Reserven.
Die romantische Vorstellung, große Weine entstünden nur aus leidenden Reben, gehört deshalb ins Reich der Weinmythen. Eine Rebe darf gefordert werden. Sie muss Wurzeln bilden, sie soll nicht bequem wachsen. Aber sie darf nicht verdursten.
Besonders deutlich zeigt sich das in Österreich. Das Land verfügt zwar insgesamt über enorme Wasserreserven, doch die wichtigsten Weinbaugebiete liegen ausgerechnet dort, wo Niederschläge oft knapp sind: im Weinviertel, im Burgenland, in Carnuntum oder der Thermenregion. Der nationale Durchschnitt hilft einer Rebe im Seewinkel wenig.
Im Burgenland beginnt die Zukunft des europäischen Weinbaus bereits heute. Schotter- und Sandböden verlieren Wasser rasch. Alte Reben besitzen einen Vorteil, weil ihre Wurzeln tief reichen. Junge Anlagen haben diesen Luxus nicht. Gleichzeitig konkurrieren Weinbau, Landwirtschaft, Tourismus und empfindliche Naturräume um dieselben Ressourcen. Wasser wird dadurch nicht nur zur Frage guter Landwirtschaft, sondern auch zu einer gesellschaftlichen Frage.
Eine wasserrechtliche Bewilligung beantwortet sie noch nicht.
Im Weinviertel liegt die Lösung oft gar nicht im Brunnen, sondern im Boden selbst. Löss kann enorme Mengen Wasser speichern. Allerdings nur dann, wenn Regen einsickern darf. Verdichtete Böden, Erosion und offene Fahrgassen sorgen dafür, dass kostbares Wasser binnen Minuten verschwindet. Begrünung, Humusaufbau, Mulch oder eine sorgfältige Bodenpflege sind deshalb längst keine grünen Accessoires mehr. Sie entscheiden darüber, ob ein Weinberg auch in zwanzig Jahren noch funktioniert.
Ganz anders stellt sich die Lage in der Wachau, im Kamptal oder im Kremstal dar. Dort erzeugen steile Terrassen und dünne Bodenauflagen jene unverwechselbaren Weine, für die diese Regionen weltberühmt wurden. Gleichzeitig reagieren sie besonders empfindlich auf längere Trockenperioden. Ein Gewitter in Spitz oder Dürnstein sagt noch lange nichts darüber aus, wie viel Wasser einer südexponierten Steinterrasse tatsächlich zur Verfügung steht.
Selbst die Steiermark, die lange als regenreiche Ausnahme galt, erlebt inzwischen neue Probleme. Dort fehlt das Wasser häufig nicht insgesamt. Es kommt nur zur falschen Zeit. Starkregen schießt über die Hänge, nimmt Boden mit und verschwindet ebenso schnell, wie er gekommen ist. Wenige Wochen später leiden dieselben Reben unter Trockenheit.
Der Weinbau entdeckt gerade eine Erkenntnis wieder, die frühere Generationen längst kannten: nicht der Regen allein entscheidet über einen Jahrgang, sondern der Boden, der ihn festhalten kann. Und diese Böden gilt es mehr denn je zu schützen.

Lasst uns mal ans Meer fahren: die Sommerpause auf Wineparty. Und was ab 1. September hier neu sein wird.
(Manfred Klimek / Redaktion / pic: royalityfree) Es gibt immer gute Moment, um innezuhalten. Für Wineparty ist dieser Moment jetzt gekommen. Mit heute verabschieden wir uns in die Sommerpause, die bis zum 1. September dauern wird. Eine Ausnahme wird es geben: Die großen Weinreportagen für die WELT am SONNTAG erscheinen selbstverständlich weiter hier (vor allem
(Manfred Klimek / Redaktion / pic: royalityfree)
Es gibt immer gute Moment, um innezuhalten. Für Wineparty ist dieser Moment jetzt gekommen. Mit heute verabschieden wir uns in die Sommerpause, die bis zum 1. September dauern wird. Eine Ausnahme wird es geben: Die großen Weinreportagen für die WELT am SONNTAG erscheinen selbstverständlich weiter hier (vor allem die Markgräflerland-Texte). Und sollte sich in der Weinwelt etwas ereignen, das niemand übersehen darf, werden wir uns ebenfalls melden. Ansonsten aber gilt: Wir machen Pause. Weil wir den Herbst vorbereiten.
Denn wenn Wineparty Anfang September zurückkehrt, wird sie eine andere sein.
Nicht in Sacghen Journalismus – der bleibt wie und was er ist. Die Wineparty 3.0 erhält ein neues Erscheinungsbild, wird übersichtlicher, moderner und gleichzeitig noch stärker auf das konzentriert, was uns von Beginn an wichtig war: präzise Texte, klare Meinungen und die Überzeugung, dass Wein weit mehr ist als ein Getränk. Parallel dazu startet die Drink-App auch mit neuer Erscheinung, an der wir seit vielen Monaten arbeiten. Sie wird Wineparty um eine weitere Dimension erweitern und unsere Inhalte enger mit der Welt der Weine, Bars und Restaurants verbinden.
Vor allem aber werden wir im Herbst einen Schritt wagen, den bislang selbst große Medienhäuser nicht gegangen sind. Die digitale Medienwelt diskutiert seit Jahren darüber, wie Qualitätsjournalismus künftig finanziert werden kann. Viele sprechen darüber. Nur wenige verändern tatsächlich etwas. Wir haben uns entschlossen, nicht länger auf die Antworten anderer zu warten. Wineparty wird ein neues Modell ausprobieren. Eines, das Leserinnen und Lesern größtmögliche Freiheit lässt und gleichzeitig guten Journalismus wieder unmittelbar an seinen Wert bindet. Ob es funktioniert? Das wissen wir heute nicht. Aber wir sind überzeugt, dass Innovation immer dort beginnt, wo jemand bereit ist, ein kalkulierbares Risiko einzugehen.
Genau das war übrigens immer auch die Geschichte des Weins. Jede bedeutende Entwicklung begann mit Menschen, die bereit waren, gegen Gewohnheiten zu arbeiten. Neue Rebsorten, neue Kellertechniken, biologischer Weinbau, Naturwein, alkoholarme Weine – nichts davon entstand, weil alle sofort begeistert waren. Es entstand, weil einige wenige den Mut hatten, etwas auszuprobieren.
Diesen Mut möchten wir uns auch als Medium bewahren.
Wineparty war nie als reine Nachrichtenplattform gedacht. Uns interessierten immer die Geschichten hinter den Gebinden, die Menschen hinter den Weingütern und die kulturellen Veränderungen, die sich am Wein oft früher erkennen lassen als anderswo. Daran wird sich auch künftig nichts ändern. Im Gegenteil. Wir möchten diese Idee noch konsequenter verfolgen.
Bis dahin wünschen wir Ihnen einen Sommer, der genau das bereithält, wofür Wein seit Jahrtausenden steht: Zeit. Gespräche. Freunde. Ein gutes Essen. Vielleicht eine Flasche, die Sie schon lange öffnen wollten. Vielleicht auch nur einen einfachen Schoppen unter einem schattigen Baum. Der Wein kennt keine Hierarchien. Er funktioniert überall dort, wo Menschen zusammenkommen.
Wir sehen uns am 1. September wieder.
Mit neuen Ideen.
Mit neuer Energie.
Und mit Wineparty 3.0. 🍷
