spit on my grave
aber bitte Wein. Fünf Weine, sich die Apokalypse schönzutrinken.
15. Mai 25, Klimek. Die Welt ist ein Saustall! Und keiner mistet aus. Es brennt. Im Nahen Osten, in der Ukraine, in den USA, in den Medien. Das Klima ist ein Totalschaden, die Börse ein Glücksspiel, und in Berlin regiert bald eine Schuldenkoalition, die sich bemühen wird, das Richtige zu tun – Schwerpunkt auf Bemühen. Das Einzige, was uns dieser Tage bleibt, ist das Glas in der Hand.
DEUtschbahn
Den Spies dreht keiner um – die DB und ihr einzig schöner Moment!
16 Mai 25 Klimek. Ich bin mit dem Zug nach Rheinhessen gefahren. Vor Wein-Achten. Mit dem Zug nach Rheinhessen zu fahren heißt in 95% der Fälle mit der DB fahren zu müssen: jenem Konzern, der es seit 2003 ca schafft, mein Nervenkostüm zu zerschneiden, ohne daraus ein neues, besseres Nervenkleid schneidern zu können – ganz im Gegenteil.

Lasst uns mal ans Meer fahren: die Sommerpause auf Wineparty. Und was ab 1. September hier neu sein wird.
(Manfred Klimek / Redaktion / pic: royalityfree) Es gibt immer gute Moment, um innezuhalten. Für Wineparty ist dieser Moment jetzt gekommen. Mit heute verabschieden wir uns in die Sommerpause, die bis zum 1. September dauern wird. Eine Ausnahme wird es geben: Die großen Weinreportagen für die WELT am SONNTAG erscheinen selbstverständlich weiter hier (vor allem
(Manfred Klimek / Redaktion / pic: royalityfree)
Es gibt immer gute Moment, um innezuhalten. Für Wineparty ist dieser Moment jetzt gekommen. Mit heute verabschieden wir uns in die Sommerpause, die bis zum 1. September dauern wird. Eine Ausnahme wird es geben: Die großen Weinreportagen für die WELT am SONNTAG erscheinen selbstverständlich weiter hier (vor allem die Markgräflerland-Texte). Und sollte sich in der Weinwelt etwas ereignen, das niemand übersehen darf, werden wir uns ebenfalls melden. Ansonsten aber gilt: Wir machen Pause. Weil wir den Herbst vorbereiten.
Denn wenn Wineparty Anfang September zurückkehrt, wird sie eine andere sein.
Nicht in Sacghen Journalismus – der bleibt wie und was er ist. Die Wineparty 3.0 erhält ein neues Erscheinungsbild, wird übersichtlicher, moderner und gleichzeitig noch stärker auf das konzentriert, was uns von Beginn an wichtig war: präzise Texte, klare Meinungen und die Überzeugung, dass Wein weit mehr ist als ein Getränk. Parallel dazu startet die Drink-App auch mit neuer Erscheinung, an der wir seit vielen Monaten arbeiten. Sie wird Wineparty um eine weitere Dimension erweitern und unsere Inhalte enger mit der Welt der Weine, Bars und Restaurants verbinden.
Vor allem aber werden wir im Herbst einen Schritt wagen, den bislang selbst große Medienhäuser nicht gegangen sind. Die digitale Medienwelt diskutiert seit Jahren darüber, wie Qualitätsjournalismus künftig finanziert werden kann. Viele sprechen darüber. Nur wenige verändern tatsächlich etwas. Wir haben uns entschlossen, nicht länger auf die Antworten anderer zu warten. Wineparty wird ein neues Modell ausprobieren. Eines, das Leserinnen und Lesern größtmögliche Freiheit lässt und gleichzeitig guten Journalismus wieder unmittelbar an seinen Wert bindet. Ob es funktioniert? Das wissen wir heute nicht. Aber wir sind überzeugt, dass Innovation immer dort beginnt, wo jemand bereit ist, ein kalkulierbares Risiko einzugehen.
Genau das war übrigens immer auch die Geschichte des Weins. Jede bedeutende Entwicklung begann mit Menschen, die bereit waren, gegen Gewohnheiten zu arbeiten. Neue Rebsorten, neue Kellertechniken, biologischer Weinbau, Naturwein, alkoholarme Weine – nichts davon entstand, weil alle sofort begeistert waren. Es entstand, weil einige wenige den Mut hatten, etwas auszuprobieren.
Diesen Mut möchten wir uns auch als Medium bewahren.
Wineparty war nie als reine Nachrichtenplattform gedacht. Uns interessierten immer die Geschichten hinter den Gebinden, die Menschen hinter den Weingütern und die kulturellen Veränderungen, die sich am Wein oft früher erkennen lassen als anderswo. Daran wird sich auch künftig nichts ändern. Im Gegenteil. Wir möchten diese Idee noch konsequenter verfolgen.
Bis dahin wünschen wir Ihnen einen Sommer, der genau das bereithält, wofür Wein seit Jahrtausenden steht: Zeit. Gespräche. Freunde. Ein gutes Essen. Vielleicht eine Flasche, die Sie schon lange öffnen wollten. Vielleicht auch nur einen einfachen Schoppen unter einem schattigen Baum. Der Wein kennt keine Hierarchien. Er funktioniert überall dort, wo Menschen zusammenkommen.
Wir sehen uns am 1. September wieder.
Mit neuen Ideen.
Mit neuer Energie.
Und mit Wineparty 3.0. 🍷

Sind alkoholarmer Wein und die Auseinandersetzung darob ein Merkmal neuer Geschlechterrollen in der Weinwelt?
(Manfred Klimek / Foto: Thomas Schwarz, Kloster am Spitz – ein Mann der Moderne) Es fällt auf. Nicht wissenschaftlich – das steht noch aus. Nicht repräsentativ. Aber auffällig genug, um darüber nachzudenken. Immer dann, wenn ich über alkoholarme oder entalkoholisierte Weine schreibe, kommen die schärfsten Einwände fast ausschließlich von Männern. Meistens meiner Generation. Manchmal etwas
(Manfred Klimek / Foto: Thomas Schwarz, Kloster am Spitz – ein Mann der Moderne)
Es fällt auf. Nicht wissenschaftlich – das steht noch aus. Nicht repräsentativ. Aber auffällig genug, um darüber nachzudenken. Immer dann, wenn ich über alkoholarme oder entalkoholisierte Weine schreibe, kommen die schärfsten Einwände fast ausschließlich von Männern. Meistens meiner Generation. Manchmal etwas jünger. Selten unter vierzig. Fast nie von Frauen. Die Vorwürfe ähneln sich erstaunlich. Das habe mit Wein nichts mehr zu tun. Das sei Verrat an einer jahrtausendealten Kultur. Das sei Marketing. Das sei Kapitulation. Der Ton erinnert weniger an eine Verkostung als an einen Kulturkampf.
Dabei geht es längst nicht mehr um die Qualität. Die hat sich bei den neuen Produkten der Weinwelt in den vergangenen Jahren dramatisch verbessert. Moderne Verfahren holen heute viele Aromastoffe aus dem Alkohol zurück in den alkoholarmen Wein. Aus einem Verzichtsprodukt ist eine neue Weinkategorie geworden. Wer das leugnet, verkostet nicht mehr. Er verteidigt eine Vorstellung. Vielleicht lohnt sich genau dort ein Blick über den Wein hinaus. Auch die Automobilindustrie erlebt derzeit etwas Ähnliches. Für viele Männer ist der Verbrennungsmotor weit mehr als ein technisches System. Er steht für Freiheit, Kontrolle, Leistung und ein bestimmtes Selbstbild. Das Elektroauto wird deshalb nicht nur technisch diskutiert. Es wird kulturell bekämpft. Ähnlich verhält es sich beim Wein. Der Alkohol ist für manche nicht bloß Bestandteil eines Getränks. Er gehört zu einer Vorstellung von Männlichkeit, Genuss und Souveränität. Wer daran rührt, rührt am Selbstbild.
Das bedeutet nicht, dass Männer grundsätzlich konservativer trinken. Aber sie verteidigen häufiger jene Rituale, mit denen sie groß geworden sind. Frauen scheinen damit oft pragmatischer umzugehen. Viele trinken heute bewusster, möchten mittags ein Glas Wein genießen, ohne anschließend müde zu werden, oder suchen für einen langen Restaurantabend Alternativen zum klassischen Zwölf- oder Dreizehnprozent-Wein. Dahinter steckt selten Ideologie. Meistens steckt Alltag dahinter. Genau dort beginnt das eigentliche Versäumnis des Weinbaus.
Über Jahrzehnte orientierte sich die Branche erstaunlich stark an einem männlich geprägten Ideal: große Rotweine, hohe Alkoholwerte, maximale Konzentration, möglichst viel Extrakt. Selbst viele Weißweine wurden immer kräftiger. Was früher als schlank galt, erschien plötzlich als unvollständig. Dabei veränderten sich die Konsumentinnen längst. Sie wollten keineswegs weniger Qualität. Sie wollten häufig nur weniger Alkohol. Der Weinbau hörte lange auf die lauteren Stimmen. Und das waren häufig Männer. Dabei zählen Frauen heute zu den verlässlichsten Käuferinnen hochwertiger Lebensmittel und Getränke überhaupt. Sie entscheiden in vielen Haushalten über den Einkauf, interessieren sich für Herkunft, Nachhaltigkeit und Gesundheit und besitzen oft eine größere Bereitschaft, neue Produkte unvoreingenommen zu probieren. Ausgerechnet diese Gruppe wurde bei der Entwicklung neuer Weinstile erstaunlich lange unterschätzt.
Dabei geht es gar nicht darum, den klassischen Wein zu ersetzen. Große Rieslinge, gereifte Bordeaux oder gereifte Blaufränkisch oder Spätburgunder werden ihren Platz behalten. Niemand fordert ihre Abschaffung. Aber warum sollte ein modernes Weingut nicht ebenso selbstverständlich einen überzeugenden Wein mit sechs oder sieben Prozent Alkohol keltern? Warum soll ein alkoholfreier Sauvignon Blanc weniger ernst genommen werden als ein Rosé oder ein Pet Nat? Wein war immer dann am erfolgreichsten, wenn er neue Anlässe geschaffen hat.
Sehr wahrscheinlich erleben wir gerade deshalb keinen Generationenwechsel, sondern einen Kulturwechsel. Die Frage lautet nicht mehr, ob ein Wein zwölf oder null Prozent Alkohol besitzt. Die Frage lautet, ob er Freude bereitet. Ob er zum Essen passt. Ob wir ein zweites Glas bestellen möchten. Alles andere entscheidet der Markt. Und vielleicht sollten gerade die Männer meiner Generation einen Gedanken zulassen. Fast alles, was wir heute für selbstverständlich halten, galt im Wein einmal als Sakrileg: Temperaturkontrolle. Edelstahltank, Schraubverschluss, Biodynamie, Orange Wine, Naturwein. Heute streitet kaum noch jemand darüber.
Warum also nicht auch unter sechs Prozent Alkohol? Nicht weil der klassische Wein verschwindet. Sondern weil die Weinwelt größer geworden ist.

Das Verjus-Wunder: Sabathis neuer Vind Blanc – Die 6,5-Prozent-Revolution
(Manfred Klimek – Text & Foto) Der Weinbau diskutiert seit inzwiwschen 10 Jahren darüber, wie alkoholfreier Wein dem klassischen Wein möglichst nahekommen kann. Dabei eröffnet sich längst ein viel interessanteres Feld: neue Weine, die vom Alkohol nicht ganz lassen wollen; Weine mit vier, sechs oder acht Prozent Alkohol; Weine mit Herkunft, Frucht, Säure und einem
(Manfred Klimek – Text & Foto)
Der Weinbau diskutiert seit inzwiwschen 10 Jahren darüber, wie alkoholfreier Wein dem klassischen Wein möglichst nahekommen kann. Dabei eröffnet sich längst ein viel interessanteres Feld: neue Weine, die vom Alkohol nicht ganz lassen wollen; Weine mit vier, sechs oder acht Prozent Alkohol; Weine mit Herkunft, Frucht, Säure und einem eigenen kulinarischen Zweck. Keine Proxys, keine Kräuteraufgüsse, keine als weinähnliches Produkt verkleideten Tees. Wein, nur anders zusammengesetzt. Hannes Sabathi gehört zu den Winzern, die diesen Weg bereits gehen. Sein Vind Blanc besitzt 6,5 Volumenprozent und entsteht aus einem regulär vergorenen Basiswein, Traubensaft und Verjus. Der niedrige Alkohol wird nicht als Mangel sichtbar. Er ist Teil des Konzepts. Mehr über diesen Wein im großen High-on-Low-Report, demnächst in der WELT am SONNTAG.
Das Verfahren klingt zunächst fast zu einfach. Ein vorhandener Wein wird mit unvergorenem Traubensaft und einem kleinen Anteil Verjus cuvéetiert. Gerade darin steckt enormes Potenzial. Traubensaft bringt nicht bloß Süße, sondern verstärkt die ureigene Aromatik der Traube. Er gibt dem Wein Saft, Frucht und Volumen zurück, ohne dafür Alkohol zu benötigen. Verjus ist der Saft unreif geernteter Trauben. Er wurde in europäischen Küchen über Jahrhunderte als Säuerungsmittel verwendet, lange bevor Zitronen überall verfügbar waren. Im Wein übernimmt er eine andere Aufgabe. Er bringt Säure, herb-frische Würze und jene leicht dunkle, nussige Kontur, die den Traubensaft ordnet und dem fertigen Getränk Ernsthaftigkeit gibt. Aus drei vertrauten Bestandteilen entsteht kein verdünnter Wein, sondern ein neuer Weintyp.
Diese Methode verdient weit mehr Aufmerksamkeit, weil sie eine Lücke schließt, die der Markt seit Jahren offenlässt. Zwischen alkoholfreiem Wein und klassischen zwölf bis vierzehn Prozent herrscht noch immer erstaunlich wenig Betrieb. Dabei suchen viele Gäste genau dort. Sie wollen Wein zum Mittagessen, zu einem langen Menü, an warmen Tagen, vor einer Autofahrt oder einfach dann, wenn ein zweites und drittes Glas nicht gleich den gesamten Abend alkoholisch bestimmen soll. Der Vind Blanc besitzt genug Wein, um als Wein verstanden zu werden, und wenig genug Alkohol, um einen anderen Umgang damit zu erlauben. Er richtet sich nicht an Abstinenz, sondern an Maß. Diese Kategorie fehlt in den meisten Sortimenten vollständig.
Warum machen das nicht mehr Winzer? An der Technik liegt es kaum. Traubensaft ist vorhanden, Verjus lässt sich ohne riesige Investitionen erzeugen, geeignete Basisweine stehen in fast jedem Keller. Das Hindernis sitzt tiefer. Viele Winzer betrachten alles unterhalb der gewohnten Alkoholwerte noch immer als Herabstufung. Ein Wein mit 6,5 Prozent erscheint ihnen unvollständig, bevor sie überhaupt darüber nachdenken, welche Vollständigkeit er besitzen könnte. Die Branche verteidigt eine Norm, die historisch ohnehin jung ist. Vor vierzig Jahren lagen zahlreiche Weißweine deutlich unter den heute üblichen Alkoholwerten. Erst Reifeideale, Klimawandel und ein Markt für immer konzentriertere Weine machten zwölf, dreizehn oder vierzehn Prozent zur scheinbaren Selbstverständlichkeit.
Gerade in der Krise wäre es fahrlässig, diese neuen Möglichkeiten liegen zu lassen. Der Weinkonsum sinkt, junge Menschen trinken weniger Alkohol, die Gastronomie sucht nach seriösen Alternativen und Proxys haben genau deshalb Raum gewonnen. Der Weinbau kann diesen Markt zurückholen, ohne seine Identität aufzugeben. Er muss dazu nur aufhören, jedes neue Produkt am klassischen Wein zu messen. Ein Vind Blanc soll keinen Sauvignon Blanc mit zwölf Prozent ersetzen. Er kann neben ihm stehen. Der eine begleitet den Nachmittag, der andere das Abendessen, ein gereifter großer Wein den besonderen Anlass. Aus einem Sortiment wird ein zeitgemäßes Angebot für verschiedene Situationen.
Das Weingut des Jahres 2027 braucht deshalb mehr als Gutswein, Ortswein und große Lage. Es braucht alkoholfreie Weine, klug komponierte Weine mit sechs oder sieben Prozent und weiterhin jene klassischen Flaschen, die reifen dürfen. Die Zukunft liegt nicht in der Verkleinerung des Weins, sondern in seiner Erweiterung. Sabathis Vind Blanc zeigt, wie wenig es dafür braucht: einen guten Basiswein, guten Traubensaft, Verjus und die Bereitschaft, die vertraute Komfortzone zu verlassen. Der Markt wartet längst. Jetzt müssen die Winzer nur noch anfangen, ihn ernst zu nehmen.

Einmal Sylt. Einundzwanzig österreichische Weine. Eine Großverkostung
(Gerhard Retter / Redaktion) Sylt gehört nicht zu jenen Orten, an welchen wir österreichische Spitzenweine erwarten. Draußen bestimmen Dünen, Heide und Nordsee das Bild, drinnen kocht Jan-Philipp Berner seit Jahren auf einem Niveau, das weit über Deutschland hinaus Beachtung findet. Genau dort lud Österreich-Wein zu einer großen Verkostung ein. Nach wenigen Gläsern spielte der Ort
(Gerhard Retter / Redaktion)
Sylt gehört nicht zu jenen Orten, an welchen wir österreichische Spitzenweine erwarten. Draußen bestimmen Dünen, Heide und Nordsee das Bild, drinnen kocht Jan-Philipp Berner seit Jahren auf einem Niveau, das weit über Deutschland hinaus Beachtung findet. Genau dort lud Österreich-Wein zu einer großen Verkostung ein. Nach wenigen Gläsern spielte der Ort allerdings keine Rolle mehr. Gute Weine brauchen keinen Heimvorteil.
Der Söl’ring Hof besitzt eine angenehme Selbstverständlichkeit. Niemand muss dort beweisen, wie gut Küche oder Service sind. Das beginnt schon bei den ersten Gängen. Buchweizenkeks mit Nussbutter, Lachsforelle mit Kartoffel und Malz, Tatar vom Holsteiner Rind mit Kieler Sprotte, Rote Bete mit Pflaumenkern und Rose, Kalmar mit Fenchel und Croustade – jedes Gericht war klar gedacht und präzise gekocht. Die Produkte standen im Mittelpunkt. Das genügte vollkommen.
Fast noch interessanter war für mich der Blick auf den Service. Wer viele Jahre als Maître gearbeitet hat, beobachtet automatisch die Dinge zwischen Küche und Gast. Laufwege. Blickkontakt. Das richtige Timing. Das Nachschenken eines Glases im passenden Moment. Im Söl’ring Hof geschah all das mit einer Ruhe, die sich nicht einstudieren lässt; sie entsteht erst, wenn ein Team über Jahre zusammengewachsen ist.
Dann kamen die österreichischen Weine.
Wer den österreichischen Weinskandal der achtziger Jahre noch erlebt hat, weiß, welchen Weg dieses Weinland zurücklegen musste. Kaum eine Weinbaunation hat ihr internationales Ansehen in so kurzer Zeit derart grundlegend verändert. Heute gehören österreichische Spitzenweine für mich selbstverständlich zur Weltklasse. Nicht, weil sie überall die teuersten wären, sondern weil sie ihren eigenen Stil gefunden haben. Das gilt für Grüner Veltliner ebenso wie für Riesling, Sauvignon Blanc, Chardonnay oder Blaufränkisch. Österreich muss längst niemanden mehr kopieren.
Den Auftakt machte Bründlmayers Blanc de Blancs Große Reserve Extra Brut 2014. Brioche, geröstete Haselnuss, kandierte Zitronenzeste, Kreide und eine salzige Frische bildeten ein erstaunlich geschlossenes Bild. Die Reife war vollständig integriert, die Perlage fein, die Säure führte den Wein bis weit über den letzten Schluck hinaus. Ein Schaumwein, der zeigt, wie selbstverständlich österreichischer Sekt heute in der internationalen Spitze angekommen ist.
Danach folgte Gelber Muskateller Ried Perz von Gross aus den Jahrgängen 2021 und 2013. Die Rebsorte trägt bis heute das Vorurteil mit sich herum, sie eigne sich vor allem für unkomplizierte Sommerweine. Der 2021er zeigte zwar Holunderblüte, Muskat und weißen Pfirsich, besaß daneben aber Kalk, Frische und eine erstaunlich klare Struktur. Das war kein Duftpaket, sondern ein ernsthafter Lagenwein.
Noch spannender entwickelte sich der 2013er. Kamille, Fenchelsamen, weißer Tee und etwas Bienenwachs traten an die Stelle der jugendlichen Frucht. Entscheidend war aber etwas anderes. Zum ersten Mal sprach nicht mehr die Rebsorte, sondern die Lage. Genau dort beginnt für mich großer Wein.
Mit dem Sauvignon Blanc Alter Kranachberg vom Sattlerhof wechselte die Verkostung in die Südsteiermark. Der 2023er wirkte glasklar, frisch und präzise. Limette, weiße Johannisbeere, Grapefruit und Feuerstein standen dicht nebeneinander, ohne sich gegenseitig zu überdecken. Der Wein besitzt noch viele Jahre vor sich.
Der 2017er zeigte, was Flaschenreife bewirken kann. Die Frucht trat zurück. Kalk, Kräuter und Salzigkeit gewannen an Bedeutung. Plötzlich interessierte nicht mehr Sauvignon Blanc als Rebsorte, sondern der Kranachberg selbst. Mehr kann ein großer Lagenwein kaum erreichen.
Mit Johannes Hirschs Riesling Ried Gaisberg 2023 und 2017 setzte sich diese Entwicklung fort. Riesling gehört zu den ehrlichsten Rebsorten überhaupt. Fehler versteckt er nicht. Der junge Jahrgang brachte weißen Pfirsich, Marille, Zitronenschale und Feuerstein mit, dazu eine präzise Säure, die den Wein straff zusammenhielt. Alles wirkte jung, klar und ausgesprochen lebendig.
Der 2017er zeigte anschließend, weshalb Geduld bei großen Rieslingen fast immer belohnt wird. Die Frucht rückte in den Hintergrund. Dafür kamen Kräuter, Stein, Salz und eine bemerkenswerte Tiefe zum Vorschein. Der Wein wurde mit jedem Schluck ruhiger und gleichzeitig größer. Genau deshalb lohnt es sich, große österreichische Rieslinge nicht zu früh zu trinken.
Mit Vino Gross Iglič Furmint aus den Jahrgängen 2023 und 2016 wechselte die Verkostung für einen Moment das Land, nicht aber die Weinlandschaft. Die Štajerska liegt politisch in Slowenien. Weinbaulich gehört sie seit Jahrhunderten zu jenem Kulturraum, der nahtlos an die Südsteiermark anschließt. Rebstöcke kennen keine Staatsgrenzen. Böden und Klima ebenso wenig.
Der 2023er zeigte Zitrusfrüchte, weißen Pfirsich, Apfelschale und Kamille, dazu eine feine Gerbstoffstruktur, die dem Wein zusätzliche Spannung gab. Furmint besitzt manchmal eine fast strenge Art. Hier wirkte sie kontrolliert und ausgesprochen elegant.
Der 2016er war deutlich weiter. Quitte, Honigwabe, getrocknete Kräuter, etwas Rauch und Feuerstein bestimmten das Bild. Mit jeder Minute gewann der Wein an Tiefe, ohne an Frische einzubüßen. Gerade solche gereiften Furmints zeigen, welches Potenzial diese Rebsorte besitzt.
Danach standen zwei Chardonnays von Kollwentz im Glas. Der Gloria gehört seit Jahren zu den großen Weißweinen Österreichs und braucht längst keinen Vergleich mit Burgund mehr. Die Frage, ob ein österreichischer Chardonnay burgundisch schmeckt, ist eigentlich überholt. Gute österreichische Chardonnays schmecken heute vor allem nach ihrer Herkunft.
Der Gloria 2023 zeigte weißen Pfirsich, Zitronenzeste, frische Mandeln und feinen Kalk. Alles wirkte konzentriert, aber nie schwer. Die Frucht blieb klar, das Holz hielt sich vollständig zurück und der Wein besaß jene Salzigkeit, die man vom Leithagebirge erwartet.
Der 2016er spielte bereits in einer anderen Liga. Haselnuss, Bienenwachs, Brioche, warme Steine und getrocknete Kräuter entwickelten sich mit jeder Minute weiter. Das Beeindruckende war weniger die Aromatik als die innere Ruhe dieses Weins. Nichts drängte sich nach vorne. Alles hatte seinen Platz gefunden.
Mit dem Grünen Veltliner Smaragd Ried Achleiten der Domäne Wachau kamen zwei Jahrgänge einer der bedeutendsten österreichischen Lagen ins Glas. Die Achleiten besitzt eine Handschrift, die sich über Jahrzehnte erstaunlich konstant hält.
Der 2024er zeigte Marille, Birne, weißen Pfeffer, Fenchelsamen und Zitruszeste. Jugend, Frische und Präzision bestimmten den Eindruck. Der Wein steht noch ganz am Anfang seiner Entwicklung.
Ganz anders der 2020er Late Release. Kamille, Haselnuss, Kräuter und warmer Stein bestimmten das Bild. Vier Jahre Flaschenreife haben dem Wein nichts genommen, sondern ihm Ordnung gegeben. Genau dafür lohnt sich Geduld.
Mit Fritz Wieningers Grand Select Pinot Noir aus den Jahrgängen 2022 und 2015 wurde Wien zum Thema. Dass eine Millionenstadt Weine dieser Qualität hervorbringt, bleibt bemerkenswert. Der 2022er zeigte Sauerkirsche, Preiselbeere, Veilchen und Sandelholz. Das Holz blieb dezent, die Frucht frisch und kühl. Ein Pinot Noir, der sich nicht über Kraft definiert.
Der 2015er bestätigte, wie schön österreichischer Pinot Noir reifen kann. Waldbeeren, Trüffel, schwarzer Tee und getrocknete Rosenblätter bestimmten das Aromabild. Das Tannin war vollständig eingebunden und trug den Wein bis in ein langes Finale.
Mit der Cuvée G von Gesellmann folgten zwei Weine, auf die ich besonders gespannt war. Der 2015er besitzt Kraft, Konzentration und viel Substanz. Dunkle Beeren, Zedernholz, Bitterschokolade und Gewürze fügten sich zu einem beeindruckenden Gesamtbild.
Noch vollständiger wirkte der 2012er. Schwarzkirsche, Graphit, Zigarrenkiste, Trüffel und feine Gewürze standen in einer Balance, die nur gereifte Rotweine erreichen. Nichts wollte Aufmerksamkeit. Gerade deshalb blieb dieser Wein besonders lange in Erinnerung.
Mit Paul Achs’ Blaufränkisch Altenberg aus den Jahrgängen 2022 und 2016 kehrte die Verkostung noch einmal ins Burgenland zurück. Blaufränkisch gehört zu jenen Rebsorten, die mit etwas Reife erst richtig zeigen, was in ihnen steckt.
Der 2022er präsentierte dunkle Kirschen, Brombeeren, Veilchen, Graphit und Wacholder. Das Tannin war fein, die Frucht kühl und präzise. Alles deutete darauf hin, dass dieser Wein noch viele Jahre vor sich hat.
Der 2016er hatte diese Jahre bereits hinter sich. Schwarzer Tee, Tabak, dunkle Kirsche, etwas Graphit und eine bemerkenswerte Ruhe bestimmten den Eindruck. Der Wein wirkte vollständig bei sich angekommen. Genau solche Flaschen machen deutlich, weshalb Blaufränkisch heute zu den spannendsten Rotweinen Europas gehört.
Den Abschluss übernahm Gerhard Kracher mit zwei Welschriesling Trockenbeerenauslesen, Jahrgang 2022 sowie der Library Release 2006 aus der Serie „Zwischen den Seen“. Große Süßweine werden häufig über ihren Zuckergehalt beschrieben. Das greift zu kurz. Entscheidend ist immer die Säure. Sie trägt den Wein, hält ihn frisch und verhindert jede Schwere.
Die 2022er zeigte Marille, gelben Pfirsich, kandierte Orangenschale, Safran und Akazienhonig. Trotz der enormen Konzentration blieb der Wein erstaunlich leichtfüßig. Die Süße war präsent, aber niemals dominant.
Die 2006er wirkte vollkommen anders. Getrocknete Marillen, Datteln, Feigen, Bienenwachs, schwarzer Tee und feine Gewürze bestimmten das Bild. Was mich am meisten beeindruckte, war jedoch die Frische. Nach fast zwanzig Jahren besaß der Wein immer noch eine Lebendigkeit, die viele junge Süßweine vermissen lassen.
Auch das Foodpairing gehörte zu den stärksten Leistungen dieses Nachmittags. Huchels Alpha mit Sommerblüten und Fichtensprossen, Taschenkrebs mit Sommergemüse und Minze, Seesaibling mit Radieschen und Röstkartoffel, Onglet und Kalbskopf mit Sellerie und Estragon sowie Aprikose mit Karamell, Cashew und Gewürztagetes begleiteten die Weine mit einer bemerkenswerten Präzision. Die Küche versuchte nie, die Weine zu übertreffen. Sie ließ ihnen Raum und gewann gerade dadurch an Ausdruck.
Nach mehreren Stunden, zahlreichen Flights und vielen gereiften Jahrgängen blieb für mich vor allem eine Erkenntnis: Österreichische Spitzenweine brauchen Zeit.
Junge Jahrgänge beeindrucken oft sofort. Sie besitzen Frische, Präzision und Energie. Mit einigen Jahren Flaschenreife verändert sich jedoch ihre innere Ordnung. Die Frucht tritt etwas zurück, die Herkunft wird klarer, die Textur ruhiger. Genau in diesem Stadium beginnen viele dieser Weine ihre eigentliche Größe zu zeigen.
Ich bin Österreicher. Gerade deshalb gehe ich mit österreichischen Weinen eher kritisch um. Patriotismus ersetzt keine Qualität. An diesem Nachmittag musste niemand etwas behaupten oder erklären. Die Weine erledigten das selbst.
Bemerkenswert bleibt außerdem ihr Preis-Leistungs-Verhältnis. Wer heute nach großen Weiß- und Rotweinen sucht, findet in Österreich Qualitäten, die international wesentlich höher gehandelt werden müssten. Wachau, Kamptal, Kremstal, Wagram, Traisental, Wien, Burgenland, Südsteiermark, Weststeiermark oder das Vulkanland – kaum ein anderes Weinland bietet auf so kleiner Fläche eine vergleichbare Vielfalt eigenständiger Herkünfte.
Mein Dank gilt Österreich Wein, allen beteiligten Winzerinnen und Winzern sowie Jan-Philipp Berner, Bärbel Ring und dem gesamten Team des Söl’ring Hofs. Dieser Nachmittag hat eindrucksvoll gezeigt, wie selbstverständlich große Küche und große Weine zusammenfinden können, wenn beide Seiten bereit sind, sich zurückzunehmen.

Markig-Gräflerland, erste Klappe! Männer steht für Blankenhorn
(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG) Die deutschen Weintrinker kennen ihre traditionell wertvollen Weinbaugebiete, also Mosel, Rheingau, den Roten Hang in Rheinhessen, die weitläufige und multidiverse Pfalz, die schönen Hänge nahe Radebeul bei Dresden und ein bisschen auch Baden – dort vor allem den riesigen Rebhügel Kaiserstuhl. Doch ganz tief im tiefsten Südwesten Deutschlands, nicht
(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG)
Die deutschen Weintrinker kennen ihre traditionell wertvollen Weinbaugebiete, also Mosel, Rheingau, den Roten Hang in Rheinhessen, die weitläufige und multidiverse Pfalz, die schönen Hänge nahe Radebeul bei Dresden und ein bisschen auch Baden – dort vor allem den riesigen Rebhügel Kaiserstuhl. Doch ganz tief im tiefsten Südwesten Deutschlands, nicht wenige Kilometer unterhalb des Kaiserstuhls und eingekeilt zwischen Frankreich, der Schweiz und dem Schwarzwald, liegt ein Weinbaugebiet, das mit dem traditionellen Bild des deutschen Weinbaus nur wenig gemein hat: das weithin unbekannte Markgräflerland. Der Schwarzwald schickt in den Abendstunden kühle Luft in die Weinberge, der Oberrhein speichert die Wärme des Tages, das Elsass liegt oft nur wenige Minuten Autofahrt entfernt – und dennoch schmecken die Weine dort fundamental anders als auf der deutschen Seite des Rheins
Der Grund des Andersartigen ist die führende weißen Rebsorte des Markgräflerlandes: der Chasselas. Keine Rebsorte passt besser in unsere Zeit: moderate Alkoholwerte, eine feine florale Aromatik, oft begleitet von Haselnuss und Mandeln, dazu eine unerschütterliche Bekömmlichkeit am Gaumen.
Das Weingut Blankenhorn in Schliengen markiert mit auch das absolut südwestlichste Ende des deutschen Weinbaus – ein paar Minuten Autofahrt und man steht an der Schweizer Grenze. Hinter der Grenze, in der Schweiz, keltern auch ein paar interessante Winzer, doch danach ist schnell Schluss mit dem Weinbau.
Bei Blankenhorn zeigen sie massiv eindrucksvoll, welches Potenzial in dieser Region steckt. Seit Martin Männer den Betrieb aus einem Familienanteil übernommen und geformt hat (incl. eines spektakulär schönen Neubaus mit genügend Platz und einer Profiküche für gastronomische Events), wird hier mit großer Konsequenz gearbeitet. Kein Wein ist banal oder modisch, kein Wein versucht Trends hinterherzulaufen. Der Keller ist hochmodern, der Kellermeister Christoph Fischer ist jene Art in sich gekehrter Tüftler, der mit Martin Männer einen Chef gefunden hat, der genau weiß, dass dieses Tüfteln auch Freiheit braucht: eine Freiheit, die er auch in wirtschaftlich anspruchsvollen Zeiten wie jenen jetzt finanzieren muss. Die Handschrift der Blankenhorn-Mannschaft ist geprägt von Präzision, Geduld und einem bemerkenswert analytischen Verständnis für das, was Wein heute leisten soll. Und es ist eine Handschrift, die sich dadurch bemerkbar macht, dass die Kelterkultur des Guts den Faktor Erkennbarkeit inkludiert. Soll heißen: Blankenhorn-Weine hinterlassen genug Geschmack und Aroma, um sie jederzeit als Blankenhorn-Weine wiederzuerkennen.
Schon der Ortswein Schliengen-Chasselas 2024 (€ 13,50) beweist, dass große Trinkfreude keine überbordende Geste braucht: Marille, gering Lorbeerblatt, etwas Wiesenkräuter, massiv lecker im Schluck. Der Erste-Lage-Chasselas „Schlienger Kirchberg Le Clocher 2022“ (€ 22,50) legt an Tiefe und Salzigkeit zu, ohne seine spielerische Eleganz einzubüßen. Genau darin liegt seine Größe, liegt die Größe des Kellermeisters, der den Weinen eine Art popkulturelle Relevanz gibt – Weine wie Ohrwürmer zwischen Beatles und Oasis.
Auch der Große-Lage-Chardonnay aus dem Sonnenstück (Jahrgang 2021, € 35,00) zeigt jene kontrollierte Kraft, die man heute immer seltener findet – und beweist noch dazu wie eigen elegant dezenter Holzeinsatz sein kann. Druck am Gaumen, aber kein Gramm Übergewicht. Der Cabernet Sauvignon-Merlot „Postillon“ aus 2021 (€42,00) ist ein kurioser, absolut gelungener Bordeaux aus Deutschland, der klar macht: wir können auch das – auch wenn kein Hahn danach kräht. Besonders beeindruckend ist schließlich der Crémant Réserve Brut Nature (€ 35,00), der nach 72 Monaten Hefelager eine Präzision entwickelt, die man in dieser Preisklasse nur selten erlebt – erkennbar deutscher Schaumwein mit erkennbar weltläufiger Stilistik. Besser geht schwer.

Iran: die Rückkehr des Weins in Restaurants. Nach fast 50 Jahren. Was steckt dahinter
(Manfred Klimek / pic: Isna / Quelle: BBC) Es sind oft mal die kleinsten, nebensächlichsten Meldungen, die eine größere Geschichte erzählen. Zwischen Schlagzeilen über Machtkämpfe in Teheran und Analysen der neuen, alten iranischen Führung tauchte in einer eher vom Regime versteckten Meldung dieser Satz auf: Alkohol, vor allem Wein, werde in Restaurants in den Städten
(Manfred Klimek / pic: Isna / Quelle: BBC)
Es sind oft mal die kleinsten, nebensächlichsten Meldungen, die eine größere Geschichte erzählen. Zwischen Schlagzeilen über Machtkämpfe in Teheran und Analysen der neuen, alten iranischen Führung tauchte in einer eher vom Regime versteckten Meldung dieser Satz auf: Alkohol, vor allem Wein, werde in Restaurants in den Städten Irans inzwischen eher geduldet. Kein Gesetz. Keine Reform. Kein Dekret. Nur ein kurzer Nebensatz. Und doch könnte er mehr über das Verhalten des schiitischen Regimes erzählen als viele außenpolitische Kommentare.
Fast ein halbes Jahrhundert lang gehörte Wein im Iran zu jenen Dingen, die offiziell nicht existierten. Die Islamische Revolution machte 1979 Schluss mit einer jahrtausendealten Weinkultur. Was über lange Zeit selbstverständlich gewesen war, verschwand nicht aus den Kellern, sondern aus dem öffentlichen Leben. Getrunken wurde dennoch. Jeder wusste es. Der Schwarzmarkt florierte, selbst gebrannte Spirituosen zirkulierten durchs Land, geschmuggelte Flaschen wechselten diskret den Besitzer. Auch Teile der Revolutionsgarden sollen an diesen Märkten mitverdient haben. Der Staat verbot den Alkohol – und lebte zugleich mit seiner Existenz.
Nun scheint sich etwas zu verschieben. Nicht spektakulär, eher tastend. Wenn Restaurants Wein oder andere alkoholische Getränke zumindest dulden dürfen, verändert sich nicht nur der Konsum. Es verändert sich der öffentliche Raum. Wein verlässt die Wohnzimmer und kehrt an die Gastrotische zurück. Das klingt nebensächlich. Ist es aber nicht.
Denn Wein war im Iran nie bloß ein Getränk: Persien gehört zu den ältesten Weinkulturen der Welt. Lange bevor Europa seine großen Weinregionen entwickelte, wurde zwischen Zagros-Gebirge und Kaspischem Meer bereits Wein erzeugt. Die persische Dichtung ist voller Wein. Hafez und Omar Chayyām schrieben über ihn, manchmal religiös verschlüsselt, oft erstaunlich direkt. Der Wein stand für Lebensfreude, Erkenntnis und Freiheit. Dass ausgerechnet dieses Land ihn fast fünfzig Jahre lang aus dem öffentlichen Leben verbannte, war historisch betrachtet eher die Ausnahme als die Regel. Aber eben die Regel in ultraislamischen Ländern.
Natürlich kehrt deshalb morgen keine große Weinindustrie zurück. Noch existieren weder die gesetzlichen Grundlagen noch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Aber die Voraussetzungen wären erstaunlich gut. Millionen Rebstöcke wachsen ohnehin im Land. Der Iran zählt zu den bedeutenden Produzenten von Tafeltrauben und Rosinen. Die Besitzer, viele ehemalige Winzer, kennen ihre Böden. Die klimatischen Bedingungen vieler Regionen eignen sich hervorragend für hochwertigen Weinbau. Zwischen einer Traubenwirtschaft und einer kleinen Weinwirtschaft liegen keine unüberwindbaren Welten. Kellertechnik lässt sich kaufen. Know-how ebenfalls. Was fehlt, ist allein die politische Erlaubnis.
Nicht auszuschließen, dass jetzt dort eine Entwicklung beginnt, die wir unterschätzen. Nicht mit großen Châteaus oder prestigeträchtigen Etiketten. Sondern mit einfachen Tischweinen. Mit Restaurants, die ihren Gästen wieder ein Glas zum Essen einschenken. Mit Winzern, die neben Tafeltrauben erstmals wieder Wein keltern dürfen. Eine neue iranische Weinkultur würde vermutlich klein beginnen. Und gerade deshalb glaubwürdig. Richtig groß, das ist sicher, lässt sie das Hardcore-Islamregime sicher nicht werden.
Vielleicht entdeckt auch die Politik dabei etwas, das Herrscher seit Jahrhunderten wissen. Wein kann versöhnen. Nicht als Betäubungsmittel, sondern als Kulturtechnik. Wer gemeinsam isst und trinkt, streitet anders. Wer im Restaurant sitzt, sitzt nicht auf der Straße. Der römische Ausdruck vom Brot und Spielen bekommt hier eine neue Variante: vielleicht genügt manchmal schon ein Glas des Jahrzehnte verbotenen Wein.
Das klingt zynisch. Ist es aber nicht unbedingt. Staaten haben immer versucht, gesellschaftliche Spannungen auch über Kultur und Alltag zu entschärfen. Cafés, Theater, Fußball – oder eben Restaurants. Wein könnte im Iran tatsächlich zu einer kleinen Form gesellschaftlicher Entspannung führen. Nicht als Freiheit aller Feiheiten. Aber vielleicht als deren Vorbote.
Und genau deshalb lohnt es sich, auf diesen unscheinbaren Nebensatz zu achten. Nicht weil morgen ein rhoneartiger Shiraz aus Persien kommt. Sondern weil eine Gesellschaft oft dort beginnt, sich zu verändern, wo sie wieder gemeinsam essen, trinken und miteinander reden darf. Es ist erstaunlich, dass die jetzt regierenden Revolutionsgarden (die Mullahs haben an Einfluss verloren) diese Entwicklung zulassen. Aber wahrscheinlich ist auch dort das Geld knapp. Und die Terrorbrigarde sucht neue Einkünfte. Sei es auch mit Alkohol und am Schwarzmarkt, der vielleicht keiner bleiben wird.

In den Keller Keller holen: Vier Jahrgänge “Von der Fels”
(Claude Auguste / pic: Sansibar Sylt) Klaus Peter Keller ist eines der großen Wunder des deutschen Weinbaus. Nicht alleine weil er großartige Rieslinge keltert, das tun andere auch, sondern weil er ausgerechnet in Rheinhessen jene Flaschenpreise durchsetzte, die früher nur im Burgund zu denken waren. Rheinhessen, lange Zeit Synonym für Menge, Liebfraumilch und freundlich belanglose
(Claude Auguste / pic: Sansibar Sylt)
Klaus Peter Keller ist eines der großen Wunder des deutschen Weinbaus. Nicht alleine weil er großartige Rieslinge keltert, das tun andere auch, sondern weil er ausgerechnet in Rheinhessen jene Flaschenpreise durchsetzte, die früher nur im Burgund zu denken waren. Rheinhessen, lange Zeit Synonym für Menge, Liebfraumilch und freundlich belanglose Alltagsweine, wurde durch Keller zu einer Gegend, an der deutsche Rieslinge plötzlich wie Kultobjekte gehandelt wurden. G-Max, Abtserde, Hubacker, Kirchspiel: Namen, die heute in Auktionen auftauchen, als wären sie selbst in diesen schwierigen Jahen noch Hot-Chips Die Weine sind groß. Daran besteht kein Zweifel. Grotesk bleibt trotzdem der preislische Abstand zu jenem Wein, der Kellers Handschrift vielleicht am unmittelbarsten zeigt: der Riesling Von der Fels.
Von der Fels ist auf dem Papier ein Einstiegsriesling. In Wahrheit ist er einer der klügsten Weine Deutschlands. Er stammt aus jungen Reben großer Kalksteinlagen, also aus Material, das viele andere Güter längst als Prestigewein verkaufen würden. Bei Keller wird daraus ein Wein, der die strenge, kreidige, glasklare Art des Hauses ohne großes Preisschild erzählt. Genau das macht ihn so interessant. Kellers teuerste Rieslinge können überwältigen – nicht alle tun das. Von der Fels hingegen überzeugt. Er trägt denselben inneren Bau, dieselbe Nervenbahn, dieselbe trockene Präzision. Nur ohne den ökonomischen Größenwahn des Sekundärmarkts.
Der Vergleich zu Wittmann drängt sich in Rheinhessen ohnehin auf. Auch dort entstehen große trockene Rieslinge aus Kalkstein, oft von derselben Ernsthaftigkeit, anders gebaut, biodynamisch, nicht geringer im Zugang. Wittmanns Top-Lagen sind im Verhältnis günstiger, was den Keller-Kult noch deutlicher sichtbar macht. Der Markt bezahlt bei Keller längst nicht nur Wein, sondern Seltenheit, Mythos und Besitzwillen. Das kann niemand einem Weingut vorwerfen. Es zeigt nur, wie eigenartig Wein geworden ist, sobald er nicht mehr getrunken, sondern zugeteilt wird.
Dabei ist Keller am stärksten dort, wo der Kult noch nicht alles überdeckt. Die Chardonnay-Weißburgunder-Cuvée besitzt seit Jahren eine fast unverschämte Selbstverständlichkeit. Die Scheurebe (trocken) des Hauses gehört zu den besten Deutschlands, weil sie die Sorte nicht in exotische Parfümerie kippen lässt, sondern ihr Struktur gibt. Und Von der Fels bleibt jener Riesling, bei dem die ganze Keller-Schule zugänglich wird: Kalk, Zug, gelbe Frucht, Kräuter, Salz, kein Dekor.
2025 wirkt in dieser kleinen Vertikale natürlich als stärkster Jahrgang. Der Wein duftet nach Marille, Kumquats, etwas Mandarine, Zitruszeste und geing nach Kreide. Am Gaumen zeigt er jene seltene Verbindung aus Leichtigkeit und Substanz, die nur große einfache Weine besitzen. Die Säure steht nicht neben dem Wein, sie zieht ihn nach vorne. Alles ist hell, kühl, präzise und doch trinkfreudig. Ein Wein, der bereits jetzt funktioniert und trotzdem einige Jahre Keller locker verträgt. Kellers eigener Begriff vom Zechwein klingt hier fast komisch. Wenn das Zechwein ist, braucht Deutschland weniger Prestige.
2019 zeigt sich reifer, breiter, aber keineswegs müde. Die Frucht geht stärker in gelben Apfel, reife Zitrone, etwas Darjeeling, Kräuter und nassen Kalk. Der Wein besitzt gering mehr Druck als der 2025er, wirkt dichter und stoffiger, ohne die Linie zu verlieren. Nach etwas Luft kommt jener Grip, für den Keller berühmt ist: kein Gerbstoff, keine Härte, sondern eine fast taktile Mineralik. 2019 ist der Von der Fels für den Tisch. Für Fisch, Geflügel, asiatische Küche, auch für Schweinebraten mit Kren. Er verlangt keine Andacht. Er verlangt ein großes Glas.
2016 steht straffer im Raum. Grapefruit, Kräuter, Kreide, etwas weiße Blüte, wenig Reifezugabe. Der Jahrgang hat die Kanten nie ganz versteckt, und genau das steht diesem Wein gut. Die Säure ist präsent, aber nicht scharf. Der Wein wirkt gespannt, schlank, ernsthafter als 2019, weniger charmant als 2025. Dafür besitzt er jene trockene Länge, die erst nach dem Schlucken zeigt, wie viel Wein tatsächlich im Glas war. Ein Von der Fels für Rieslingtrinker, nicht für Rieslingromantiker.
2013 schließlich ist der gereifte Blick zurück. Gelber Apfel, Birne, etwas, sehr gering, Honig, Nuss, Cashew, dazu eine weiterhin lebendige Säure. Die Frucht hat ihre Jugend verloren, aber nicht ihre Form. Der Wein zeigt, wie gut Von der Fels altern kann, ohne in große Rieslingpose zu wechseln. Keine Petrolshow, kein Altersdrama. Eher ein ruhiger, präziser, inzwischen mild gewordener Kalkriesling mit Nachhall.
Nach vier Jahrgängen bleibt der Eindruck eindeutig. Keller muss seine großen Weine nicht über Von der Fels rechtfertigen. Von der Fels stellt eher die großen Preise infrage. Nicht aus Rebellion. Sondern weil er zeigt, wie vollständig ein Wein sein kann, bevor der Markt beginnt, ihn wichtig zu machen.

Vision in der Krise: Wie der angeschlagene Weinbau 2027 wieder Fahrt aufnehmen könnte
(Manfred Klimek, Text & Foto) Der Weinbau besitzt plötzlich wieder eine Zukunft, die vor wenigen Monaten kaum jemand für möglich gehalten hätte. Ausgerechnet jene Technik, die viele Winzer völlig zurecht lange mit Skepsis betrachteten, eröffnet der Branche die vielleicht größte Chance seit der Einführung temperaturgesteuerter Gärung. Gemeint ist nicht die Entalkoholisierung selbst. Gemeint ist die
(Manfred Klimek, Text & Foto)
Der Weinbau besitzt plötzlich wieder eine Zukunft, die vor wenigen Monaten kaum jemand für möglich gehalten hätte. Ausgerechnet jene Technik, die viele Winzer völlig zurecht lange mit Skepsis betrachteten, eröffnet der Branche die vielleicht größte Chance seit der Einführung temperaturgesteuerter Gärung. Gemeint ist nicht die Entalkoholisierung selbst. Gemeint ist die neue Generation Gerätschaft zur Aromarückgewinnung. Was früher häufig nach schalen Traubensaft mit geringen Ambitionen schmeckte, besitzt heute Duft, Struktur und jene innere Logik, die Wein erst zu Wein macht. Der Alkohol wird dem Wein entzogen. Seine flüchtigen Aromen aber werden jedoch aufgefangen und anschließend wieder zurückgeführt. Das klingt technisch. Das ist technisch. Tatsächlich aber verändert das gerade den Weinbau. Zum ersten Mal entsteht neben dem klassischen Wein keine Ersatzwelt mehr, sondern eine zweite Weinwelt.
Über Jahre entstand rund um Proxys eine Parallelkultur: Tee, Kräuter, Fermentationen, Essenzen und Gewürze sollten ersetzen, was Wein angeblich nicht mehr leisten konnte. Viele dieser Getränke schmecken hervorragend. Nur haben sie mit Wein eben nichts zu tun. Sie bilden eine eigene Getränkekategorie. Der Weinbau musste dabei zusehen, wie ausgerechnet jene Gastronomie, die jahrzehntelang von Wein geprägt wurde, plötzlich begann, Alternativen auszuprobieren und auszuschenken. Jetzt verändert sich die Situation grundlegend. Wenn alkoholfreier Wein aromatisch immer näher an klassischen Wein heranrückt, wenn Sommeliers ihn selbstverständlich in Menüs integrieren und Gäste nicht mehr aus Verzicht, sondern aus Überzeugung bestellen, verliert die Proxy-Welt einen Teil ihres bisherigen Alleinstellungsmerkmals. Der Wein beginnt, jene Lücke selbst zu schließen, die andere Getränke zwischenzeitlich besetzt hatten.
Erstaunlich daran ist weniger die Technik als die Reaktion vieler Winzer. Noch immer begegnen manche dieser Entwicklung mit Skepsis. Sie betrachten entalkoholisierte Weine als Nebenschauplatz oder gar als Bedrohung des klassischen Weinverständnisses. Genau das könnten sie in wenigen Jahren bereuen. Denn niemand verlangt, den traditionellen Wein zu ersetzen. Es geht darum, ihn zu erweitern. Der Weinbau stand immer dann am stärksten da, wenn er Vielfalt zuließ. Neue Rebsorten, neue Kellertechnik oder der biodynamische Weinbau wurden anfangs fast immer mit Misstrauen betrachtet. Heute gehören sie selbstverständlich zum Angebot vieler Betriebe und der Gastronomie. Weshalb sollte das bei alkoholfreien oder alkoholarmen Weinen anders sein?
Gerade hier eröffnet sich eine wirtschaftliche Chance, die erstaunlich logisch erscheint. Alkoholfreie Weine besitzen naturgemäß nicht dieselbe Lagerfähigkeit wie klassische Weine. Alkohol konserviert. Seine Abwesenheit verändert die Entwicklung in der Flasche. Diese Weine wollen jung getrunken werden, müssen junge getrunken werden. Genau darin liegt aber keine Schwäche, sondern eine eigene Kategorie. Niemand erwartet von einem frischen, einfachen Sauvignon Blanc eine zwanzigjährige Reife. Weshalb sollten wir sie von einem entalkoholisierten Wein verlangen? Ein modernes Weingut des Jahres 2027 könnte deshalb drei Welten gleichzeitig anbieten: frische alkoholfreie Weine für Aperitif, Mittagstisch, Vorspeisenbegleitung oder Bar; junge alkoholärmere Weißweine für bewusste Genießer und daneben gereifte große Rieslinge, Burgunder oder klassische Rotweine für jene Momente, in denen Wein weiterhin genau das bleiben darf, was er seit Jahrhunderten ist. Das eine nimmt dem anderen nichts weg. Im Gegenteil. Die einzelnen Kategorien stärken sich gegenseitig.
Vor allem die Spitzengastronomie beginnt das bereits zu verstehen. Ein Menü muss heute nicht mehr zwangsläufig von ansteigenden Alkoholgraden begleitet werden. Warum nicht alkoholfreier Riesling zum ersten Gang, ein eleganter Weißwein mit elf Volumenprozent zum Fisch und ein gereifter Pinot Noir oder Blaufränkisch zum Hauptgang? Wein wird dadurch nicht kleiner. Er wird weiter. Die eigentliche Herausforderung liegt deshalb weder in der Technik noch in der Qualität, sondern im Kopf. Der Weinbau muss jene Vorbehalte überwinden, die er gegenüber der eigenen Zukunft entwickelt hat. Die Technik ist inzwischen weiter als manche Diskussion. Sie eröffnet Möglichkeiten, die vor wenigen Jahren noch undenkbar schienen.
Die eigentliche Frage lautet deshalb längst nicht mehr, ob alkoholfreie und alkoholarme Weine Teil des Weinbaus werden. Sie sind es bereits. Die Frage lautet nur noch, welche Betriebe den Mut besitzen, diese neue Weinwelt rechtzeitig mitzugestalten. Denn eines ist inzwischen unübersehbar geworden: Einfach so weiterzumachen wie bisher, ist die riskanteste Entscheidung von allen.

Fuck You schöner Wein. Die WELT am SONNTAG Kolumne vor fünfzehn Jahren
(Manfred Klimek / pic: Weingut Emil Bauer) Der Wein und die Wahl der Worte (WamS, August 2011) Ich kann es nicht mehr hören. Und es nervt mich seit Jahren. Dauernd erzählen mir Leute, dass sie heute Abend zum Essen oder beim Ausspannen ein „schönes Glas Wein trinken“. Oder – viel verwegener noch – eine ganze
(Manfred Klimek / pic: Weingut Emil Bauer)
Der Wein und die Wahl der Worte (WamS, August 2011)
Ich kann es nicht mehr hören. Und es nervt mich seit Jahren. Dauernd erzählen mir Leute, dass sie heute Abend zum Essen oder beim Ausspannen ein „schönes Glas Wein trinken“. Oder – viel verwegener noch – eine ganze Flasche schönen Weins. So viel Schönheit ist kaum zu ertragen, mir verschlägt es jedes Mal den Atem. Am liebsten würde ich der Person an die Gurgel gehen. Schöner Wein? So ein Quatsch!
Trinkt man in Frankreich schönen Wein? Nein! In Italien? Auch selten. In Österreich? Selbstredend kaum. Warum also trinken die Deutschen andauernd schönen Wein? Ist ihr Leben so grau? Wie heißt das eigentlich das Gegenteil vom schönen Wein? Hässlicher Wein?
Die Deutschen trinken „schönen Wein“, weil Wein nicht zu ihrer Alltagskultur gehört. Wein ist eine Belohnung, etwas Besonderes, das in gehobenem Umfeld genossen und zelebriert werden soll. Und da muss es ein schöner Wein sein. So redet man sich selbst die Plörre vom Discounter interessant. Drei Euro und neunzig Cent. Aber ein schöner Wein. Absurd.
Selten gibt es in einem Land dämlichere Begriffe und Kategorien für Wein, als in Deutschland. Da gibt es zum Beispiel den „Terrassenwein“. Der soll möglichst jung, unauffällig, dafür aber fruchtig und spritzig sein, sodass man ihn im Sommer auf Balkonien trinken kann. Ich trinke auf Balkonien aber gerne einen Meursault oder einen ähnlich fetten Burgunder. Auch zu Fleisch vom Grill. Der ist besser, als die ausdruckslosen Terrassenweine, die sich nur verkaufen lassen, weil man dem Konsumenten einredet, er müsse sich an die Regel halten, im Freien und bei Sonnenschein eine gewisse Art ausdruckslosen Wein zu trinken.
Oder der „Kaminwein“, wieder so eine idiotische Zuordnung. Mit Kaminwein sind schwere Rotweine gemeint, die man nicht zum Essen trinkt, sondern nach Vorschrift vor loderndem Feuer oder in ähnlich entspannter Atmosphäre wie eine Art Medizin einzunehmen hat. So ein Wein muss vorher mehrere Stunden atmen, bevor er dann lauwarm getrunken wird. Dann nicken die Weinexperten: Ja ja, ein echter Kaminwein. Wie ausdrucksstark.
Noch so ein Unding ist der „Alltagswein.“ Ganze Gemeinden von Weinenthusiasten suchen in Blogs und Internetforen verzweifelt nach dieser eierlegenden Wollmilchsau. Der Alltagswein ist meist rot und soll wie ein guter Bordeaux schmecken, aber nur ein Zehntel kosten. Und er soll auch kein Kopfweh machen. Ein Wein also, der nach mehr schmeckt, der aber die Geldbörse schont, wenn man ihn täglich trinken will. Doch trinken die meisten Deutschen zu Hause nicht täglich Wein. Und so leeren sich die Kisten der Alltagsweine innerhalb von 12 Monaten. Und nicht innerhalb von 12 Tagen.
Warum kann es nicht einfach ein guter Wein sein? Warum schlägt dieses Weingeschwätz immer noch durch? Und warum muss es in Deutschland so genannte Weinpunks geben, also wilde Typen, zumeist mit Tätowierung, Lederklamotten und hartem Blick, die ihrer und einer jüngeren Generation das Weintrinken schmackhaft machen, als sei dies eine Mission von weltgeschichtlicher Bedeutung? Dennoch breche ich ein Lanze: Mir persönlich sind diese duchgeknallten Weinpunks lieber, als die verquasten Weinschreiber, die uns den Terrassenwein und den Kaminwein eingebrockt haben. Denn die Weinpunks wollen den Umgang mit Wein ja normalisieren, wollen Wein in das Alltägliche und Unkomplizierte überführen. Aus Gründen der Auffälligkeit und des gelebt Unkonventionellen brauchen sie dafür das Abgerockte, weil das Geschwätz um Wein immer noch der Hort eines letztlich banausenhaften und stinklangweiligen Bürgertums ist.
Warum kann man in Deutschland nicht einfach Wein trinken? So wie man es in Italien tut. Ohne viel nachzudenken. Warum versucht man um günstige Weine eine Aura der Ehrlichkeit aufzubauen? Und um teure Weine den Verdacht des Betrugs? Und warum muss in einer Weinkolumne immer eine Weinempfehlung vorkommen? Nun gut, hier ist eine. Ich empfehle einen Alltagswein, einen Bordeaux, der wenig kostet und den man immer trinken kann, den 2009er Chateau du Retout. Der schmeckt leicht gekühlt auch auf der Terrasse. Und vor dem Kamin. Und auch mit einer durch die Wange gestochenen Sicherheitsnadel. Das soll Beschreibung genug sein.
