spit on my grave
aber bitte Wein. Fünf Weine, sich die Apokalypse schönzutrinken.
15. Mai 25, Klimek. Die Welt ist ein Saustall! Und keiner mistet aus. Es brennt. Im Nahen Osten, in der Ukraine, in den USA, in den Medien. Das Klima ist ein Totalschaden, die Börse ein Glücksspiel, und in Berlin regiert bald eine Schuldenkoalition, die sich bemühen wird, das Richtige zu tun – Schwerpunkt auf Bemühen. Das Einzige, was uns dieser Tage bleibt, ist das Glas in der Hand.
DEUtschbahn
Den Spies dreht keiner um – die DB und ihr einzig schöner Moment!
16 Mai 25 Klimek. Ich bin mit dem Zug nach Rheinhessen gefahren. Vor Wein-Achten. Mit dem Zug nach Rheinhessen zu fahren heißt in 95% der Fälle mit der DB fahren zu müssen: jenem Konzern, der es seit 2003 ca schafft, mein Nervenkostüm zu zerschneiden, ohne daraus ein neues, besseres Nervenkleid schneidern zu können – ganz im Gegenteil.

Gehuldigt und verschmäht: die Supertuscan-Ikone Tignanello. Vier alte Flaschen. Und ein Urteil
(Claude Auguste / animated pic: runwayml) Als Piero Antinori (mehr noch sein Bruder Ludwig) und der noch weitgehend unbekannte Önologe Giacomo Tachis Anfang der 1970er-Jahre beschlossen, die starren Regeln des Chianti zu ignorieren, war das mehr als eine technisch-philosophische Entscheidung. Damals verlangte das Regelwerk noch weiße Trauben im Chianti. Antinori verzichtete darauf, setzte kompromisslos auf
(Claude Auguste / animated pic: runwayml)
Als Piero Antinori (mehr noch sein Bruder Ludwig) und der noch weitgehend unbekannte Önologe Giacomo Tachis Anfang der 1970er-Jahre beschlossen, die starren Regeln des Chianti zu ignorieren, war das mehr als eine technisch-philosophische Entscheidung. Damals verlangte das Regelwerk noch weiße Trauben im Chianti. Antinori verzichtete darauf, setzte kompromisslos auf Sangiovese, ergänzte Cabernet Sauvignon und später Cabernet Franc und ließ den Wein in kleinen Barriques reifen. Das Ergebnis war eine Kreszenz, die ihren DOC-Status verlor und nur noch als einfacher Tafelwein verkauft werden durfte. Ausgerechnet dieser vermeintliche Abstieg wurde zum Beginn einer Revolution. Die Super Tuscans waren geboren. Und mit ihnen die kurz darauf beginnende Revolution der Bolgheri-Boys, die die ganze Weinwelt neu formte.
Heute, ein halbes Jahrhundert später, wirkt vieles geradezu selbstverständlich, was früher umkämpft war: Cabernet in der Toskana erschüttert niemanden mehr, Barriques gehören (nun seltener) zum Handwerkszeug, die italienische Weinwelt hat sich neu erfunden. Geblieben ist der Disruptor Tignanello: er gehört inzwischen zu den großen Ikonen europäischer Rotweine und zählt zugleich zu den wenigen Kultweinen, die für engagierte Weintrinker preislich noch erreichbar geblieben sind. Die Preise sind hoch, aber sie bewegen sich noch in einer Welt, in der man eine Flasche tatsächlich öffnen und trinken möchte. Genau darin unterscheidet sich Tignanello von vielen anderen Legenden, die längst den Weg in Tresore und Auktionshäuser gefunden haben – ein Weg in den Irrtum.
Ich habe vier Jahrgänge wiedergetrunken: 1990 aus der Magnum, dazu 1998, 2001 und 2009. Vier Weine aus fast zwanzig Jahren. Vier Momentaufnahmen dieser oft verlachten und umstrittenen Ikone.
1990 gilt in der Toskana als warmer, sehr ausgewogener Jahrgang. Ein trockener Sommer und eine gleichmäßige Reife brachten konzentrierte, langlebige Weine hervor, die bis heute bemerkenswerte Frische bewahrt haben. Der Wein selbst ist nach jahrelanger, unbewegter Lagerung in einem stabilen Keller (das gilt für alle Weine hier) unglaublich jung: Tomate, viel Cassis, Kirsche, Hagebutte, feuchter Tabak, eine wenig Minze und Wiesenkräuter und ein irrer Genuss im Schluck. Einer der besten Rotweine seit langer, langer Zeit. Der 1990er in der Magnumflasche kostete übrigens 1995 bei Morandell in Tirol 840 Schillinge: also etwa 65 Euro.
1998 stand lange im Schatten des legendären 1997. Zu Unrecht. Ein milder Frühling, ein warmer Sommer und ideale Bedingungen während der Reife führten zu Weinen mit Ruhe, Balance und bemerkenswerter Eleganz. Gerade Tignanello profitierte davon erheblich – auch weil die Kellerleute damals ein total eingespieltes, gelassen und angemessen kelterndes Team waren – viele sagen, das beste Team ever vor Ort. Hier zu Beginn in der Nase viel rote Erde, Herzkirsche, ein kurzer Eisenhauch, dann Kräuter, danach erst, auch im Schluck, die üblichen Parameter: gemessene Frucht und Druck. Sollte aber in den nächsten fünf Jahren ausgetunken werden.
2001 gehört ohnehin zu den großen klassischen Jahrgängen der Toskana. Ein nahezu ideales Vegetationsjahr brachte Weine hervor, die bis heute zu den langlebigsten ihrer Generation zählen. Struktur, Frische und Reifepotenzial fanden nahezu ideal zusammen – und das merke ich an/in dieser Flasche: enorm jung mit einem Potential von sicher noch 20 Jahren. Und frisch in Nase und Schluck. Ich hätte ihn für einen Bordeaux aus den 2010er-Jahren gehalten.
2009 verlief deutlich wärmer. Die Vegetationsperiode brachte viel Sonne und hohe Temperaturen, gleichzeitig verhinderten ein paar kühlere Nächte den Verlust der Frische. Viele Weine zeigen bis heute eine reife Frucht und eine zugängliche Textur. Doch der 2009er war der schwächste Tignanello der Serie (und nicht wie erwartet der 1998er): ein Ppur laktisch, eine Spur tomatiger Überfrucht (kaum Kirsche), eine Spur Langeweile. Im Nachhall beim Ausatmen großartig – aber leider nur dort.
Doch bemerkenswert bleibt etwas anderes: Tignanello altert anders, als viele große Rotweine altern. Er verschwindet nicht langsam hinter Leder, Unterholz und tertiären Aromen. Die Sangiovese-Frucht bleibt gut erkennbar. Sie verändert ihre Gestalt, verliert ihre Jugend, aber nie die Kirsche und die Hagebutte. Gleichzeitig verschmelzen die Cabernet-Anteile immer stärker mit dem Wein, bis sie nicht mehr als Rebsorten wahrgenommen werden, sondern als Struktur – was auch den Geschmack des Tignanello immer ein Bisschen auch in das Bordelais führt.
Doch das erklärt auch, warum Tignanello niemals bloß Bordeaux aus der Toskana werden konnte (obwohl er in den 1980er-Jahren fast einer geworden wäre). Der Wein besitzt internationale Werkzeuge, bleibt aber durch und durch toskanisch. Seine Säure, seine Kräuterwürze, seine feinkörnigen Tannine und dieser unverwechselbare Zug zwischen Kirsche, Erde und mediterranen Kräutern verraten jederzeit seine Herkunft. Die vier Flaschen meines Kellers erzählen deshalb weniger von einzelnen Jahrgängen als von einer Idee, die seit über fünfzig Jahren die Weinwelt befruchtet. Und womöglich einer der wenigen Supertuscans bleiben wird, der die Rotweinkrise überlebt.

Entalkoholisieren? Wein? Wie geht das? Und was ist jetzt wichtig? Das I-Phone-Interview
(Manfred Klimek / animated pic: runwayml Lukas Herrmann hat mich kontaktiert. Er ist Experte in Sachen Wein-Entalkohalisierung. Und erklärt in 16 Minuten sehr genau worum es geht. Und was da noch kommt in Sachen Aromagewinnung bei entalkoholisiertem Wein. Hören! Und ich garantiere: der Moderator kommt kaum zum Dazwischenquatschen. Sehr gut.
(Manfred Klimek / animated pic: runwayml
Lukas Herrmann hat mich kontaktiert. Er ist Experte in Sachen Wein-Entalkohalisierung. Und erklärt in 16 Minuten sehr genau worum es geht. Und was da noch kommt in Sachen Aromagewinnung bei entalkoholisiertem Wein. Hören! Und ich garantiere: der Moderator kommt kaum zum Dazwischenquatschen. Sehr gut.

Auf Schwimmen zwei Weine. Altes Adige? Keineswegs. Ein Kurzbesuch
(Gerhard Retter / Redaktion / Foto: Manfred Klimek) Südtirol ist klein. Zumindest auf der Landkarte. Knapp 5.800 Hektar Rebfläche zwischen Alpen, Dolomiten, Apfelgärten, Steilhängen und Terrassen. Ein Weinland, das sich in wenigen Zahlen beschreiben lässt – und dennoch jeder einfachen Beschreibung entzieht. Denn Südtirol ist kein Weinbaugebiet, das man über Hektar, Liter oder Rebsorten versteht.
(Gerhard Retter / Redaktion / Foto: Manfred Klimek)
Südtirol ist klein. Zumindest auf der Landkarte. Knapp 5.800 Hektar Rebfläche zwischen Alpen, Dolomiten, Apfelgärten, Steilhängen und Terrassen. Ein Weinland, das sich in wenigen Zahlen beschreiben lässt – und dennoch jeder einfachen Beschreibung entzieht. Denn Südtirol ist kein Weinbaugebiet, das man über Hektar, Liter oder Rebsorten versteht. Südtirol lebt von Gegensätzen. Alpin und mediterran. Deutschsprachig und italienisch. Bauernland und Designregion. Genossenschaftsland und Kleinstwinzerlabor. Traditionsbewusst und gleichzeitig erstaunlich beweglich. Südtirol ist so “much much”.
Die eigentliche Juvelinität Südtirols hat wenig mit dem Alter seiner oft sehr jungen Winzer zu tun. Sie zeigt sich im Denken. Im Umgang mit Herkunft. Im Umgang mit Tradition. Im Umgang mit Veränderung. So entstehen hier Weine mit Frische, Präzision und Herkunft. Weine, die selten gefällig wirken und dennoch großen Trinkfluss besitzen. Weine, die ihre Umgebung widerspiegeln: kühl und klar in der Struktur, zugleich von jener Wärme geprägt, die das Leben südlich des Brennerpass eben auszeichnet.
Dabei lebt Südtirol keineswegs nur von romantischen Kleinbetrieben. Die Genossenschaften des Alto Adige gehören zu den leistungsfähigsten und qualitätsorientiertesten Europas. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, dass Südtirol heute international nicht nur als schöne Landschaft, sondern als verlässliche Weinherkunft wahrgenommen wird. Gerade darin liegt die Besonderheit der Region. Große, hochprofessionelle Kellereien existieren neben winzigen Familienbetrieben. Historische Klosterkellereien neben jungen Low-Intervention-Projekten. Genossenschaftslogik neben radikaler Parzellenarbeit. Die Reben wachsen zwischen 200 und 1.000 Metern Seehöhe. auf Kalk, Porphyr, Moräne, Dolomit, Schotter, Lehm, Quarz und Vulkangestein. Zwischen Tag und Nacht liegen oft Temperaturunterschiede, die anderswo ganze Jahreszeiten voneinander trennen.
Das Ergebnis sind Weine mit Spannung. Pinot Bianco mit bemerkenswerter Architektur. Sauvignon Blanc mit alpiner Frische statt exotischer Übertreibung. Chardonnay, der nicht Burgund kopieren muss. Kerner, der Höhenlage schmecken lässt. Pinot Noir mit mehr Nerv als Muskelspiel. Lagrein, der immer präziser wird. Und Vernatsch, jene kulturell vielleicht wichtigste Rebsorte Südtirols, die endlich wieder als das verstanden wird, was sie sein kann: Identität im Glas.
Auch Südtirol kämpft mit Klimawandel, Hagel, Spätfrost, steigenden Kosten und verändertem Konsumverhalten. Die Region startet allerdings aus einer ungewöhnlich starken Position. Herkunft, Handwerk und Premiumisierung sind hier keine nachträglichen Marketingideen, sondern seit Jahrzehnten Teil der Realität. Hohe Lagen sind keine romantische Kulisse, sondern ein strategischer Vorteil. Gleichzeitig wächst eine Generation von Winzerinnen und Winzern heran, die nicht mehr beweisen muss, dass Südtirol große Weine erzeugen kann. Sie interessiert sich stärker für Präzision als für Effekte. Für Herkunft statt Stilistik. Für Eigenständigkeit statt Wiedererkennbarkeit internationaler Vorbilder. Hier zwei Betriebe und zwei Weine, die ich vorstellen will
Haderburg – Südtirols große Schaumweintradition
Beginnen wir mit Haderburg in Salurn: Die Familie Ochsenreiter arbeitet am Hausmannhof in Buchholz oberhalb von Salurn, auf Höhenlagen zwischen 350 und 550 Metern. Haderburg gehört zu jenen Betrieben, die im internationalen Schaumweindiskurs weit häufiger genannt werden müssten. Die Voraussetzungen sind ideal: kühle Nächte, kalkhaltige und sandige Verwitterungsböden, traditionelle Flaschengärung und lange Hefelagerung. Vor allem aber Geduld. Haderburg produziert keine Schaumweine für schnelle Effekte, sondern für Entwicklung und Tiefe.
Der Pas Dosé 2019 steht exemplarisch für diesen Stil. Chardonnay und Pinot Noir treffen auf Präzision, Frische und Struktur. Die fehlende Dosage wirkt hier nicht asketisch, sondern selbstverständlich. Nichts wird kaschiert. Und nichts muss verborgen werden. Das Ergebnis ist kein Schaumwein für den Empfang vor dem Essen. Es ist ein Wein, der ein Essen begleiten kann. Austern, Crudo, Schalentiere, Geflügel, Pilze oder Trüffel finden hier einen Sekt (nach der Schampusmethode gekeltert) auf Augenhöhe.
Kloster Neustift / Abbazia di Novacella – Geschichte als so richtig Vorteil
Alt, aber jung im Denken: das Augustiner-Chorherrenstift wurde bereits 1142 gegründet. Die Stiftskellerei Neustift zählt zu den ältesten aktiven Weingütern der Welt. Geschichte wird hier nicht museal verwaltet, sondern produktiv genutzt. Sie liefert Erfahrung, Wissen und Kontinuität. Und viele alte Kellerbücher, die viel Geschichten vom Keltern erzählen. Das Eisacktal besitzt innerhalb Südtirols eine eigene Sprache. Die Höhenlagen sorgen für Frische und Säurespannung, die Weine wirken präzise, geradlinig und aromatisch klar. Kaum eine Rebsorte profitiert davon stärker als Kerner.
Der Kerner Praepositus 2024 zeigt, warum diese Sorte im Eisacktal ihre vielleicht überzeugendste Heimat gefunden hat. Kerner kann schnell zu viel werden: zu aromatisch, zu exotisch, zu gefällig. Hier passiert das Gegenteil. Die Frucht bleibt präsent, wird aber von Mineralität, Trockenheit und Struktur getragen. Die Weinberge liegen zwischen 650 und 750 Metern Seehöhe. Moränenböden, Glimmerschiefer, Paragneis und Quarzit prägen den Charakter. Die kühlen Nächte bewahren Frische und Spannung.
Der Praepositus wirkt deshalb nicht modisch, sondern zeitlos. Er passt zu Terrinen, asiatisch geprägten Gerichten, Geflügel, würziger Gemüseküche oder gereiftem Bergkäse. Bei solchen Weinen wird deutlich, dass Aromatik niemals das Problem ist. Das Problem beginnt dort, wo sie keine Struktur mehr besitzt.

In eigener Sache – was wir nach bald zwei Jahren sagen wollen
(Redaktion) Zwei Jahre Wineparty. Zwei Jahre journalistsche Verantwortung gegen jene Gleichförmigkeit, die große Teile des heutigen Weinjournalismus längst befallen hat. Zwei Jahre Texte ohne Rücksicht auf PR-Sprech, Punktediplomatie oder jenes sterile Wohlverhalten, das inzwischen in der Genusswelt um sich greift wie in allen gesellschaftlichen Bereichen. Ein In-Deckung-Gehen und nur nicht anecken wollen. Wir wollen das
(Redaktion)
Zwei Jahre Wineparty. Zwei Jahre journalistsche Verantwortung gegen jene Gleichförmigkeit, die große Teile des heutigen Weinjournalismus längst befallen hat. Zwei Jahre Texte ohne Rücksicht auf PR-Sprech, Punktediplomatie oder jenes sterile Wohlverhalten, das inzwischen in der Genusswelt um sich greift wie in allen gesellschaftlichen Bereichen. Ein In-Deckung-Gehen und nur nicht anecken wollen. Wir wollen das nicht. Wir wollen anecken, wollen unbequem sein. Wir wollen echten, freien Journalismus leisten. Weil wir alle nie nur Weinjournalisten waren und sind – und nie nur Weinjournalisten alleine sein wollen. Das wäre Wein und Winzern unangemessen.
Die Wineparty war von Beginn an als Gegenmodell gedacht. Als Plattform für freien, objektiven, auch subjektiven, manchmal polemischen, manchmal euphorischen, aber immer unabhängigen Weinjournalismus. Für Texte, die nicht zuerst an SEO, Affiliate, Algorithmen oder Werbekunden denken. Sondern an Sprache, Haltung, Streit, Genuss, Kultur und Freiheit.
Das Problem dabei ist freilich: Freiheit bezahlt sich nicht von selbst.
Noch existiert die Wineparty als “Anhängsel”, als begleitetes Projekt einer auch mit anderen Themen beschäftigten Strategie- und Marktagentur, die, außer der Wineparty, sonst nichts mit Wein am Hut hat. Noch wird dieses Projekt von dort her neutral beobachtet quersubventioniert. Noch können wir uns den Luxus leisten, alle Inhalte gratis anzubieten, weil wir daran glauben, dass unabhängiger Wein- und Genussjournalismus eine Öffentlichkeit braucht. Eine echte Öffentlichkeit, nicht bloß oft anonyme Reichweite.
Aber wir nähern uns nun dem Ende des zweiten Gratisjahres. Und langsam muss sich entscheiden, ob die Wineparty alleine stehen kann. Die Stunde der ökonomischen Wirklichkeit ist gekommen. Es geht um die eigenständige Finanzierung der Wineparty, die ihre Fixkosten selber tragen soll. Zu den Fixkosten sei erwähnt, dass Chefredaktion und Geschäftsführung auch weiterhin pro bono arbeiten – also mit null Honorar – und folglich auch nicht Teil der Fixkosten sind.
Guter Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Texte kosten Zeit. Recherche kostet Zeit. Reisen kosten Geld. Gespräche, Verkostungen, Fotografie, technische Infrastruktur, Redaktion, Gestaltung – all das existiert nicht einfach magisch im digitalen Raum, nur weil die Leser sich an Gratiscontent gewöhnt haben.
Darin dämmert eines der Grundprobleme unserer Gegenwart: Freier Journalismus scheint vielen Menschen nichts mehr wert zu sein, solange er gratis verfügbar bleibt. Erst hinter einer Paywall entsteht plötzlich das Bewusstsein, dass hier Arbeit stattfindet. Dass Texte nicht vom Himmel fallen wie algorithmischer Contentmüll auf Social Media.
Wir wollen diesen Weg eigentlich vermeiden.
Wineparty sollte bewusst offen bleiben. Zugänglich. Lesbar. Teilbar. Eine Plattform, die ihre Leser nicht zuerst mit Bezahlschranken begrüßt. Doch völlig ohne eigene wirtschaftliche Basis, ohne Quersubventionierung wie jetzt der Fall, lässt sich ein unabhängiges Medium nicht dauerhaft führen – schon gar nicht eines, das sich bewusst außerhalb klassischer PR- und Anzeigenlogik bewegt.
Darum sagen wir das jetzt offen und ohne falsche Bescheidenheit:
Wenn Sie es begrüßen, dass Wineparty bleibt, was sie ist, dann unterstützen Sie dieses Projekt. Nicht aus Mitgefühl. Nicht aus Wohltätigkeit. Sondern weil Sie möchten, dass es weiterhin eine publizistische Stimme gibt, die sich nicht glätten lässt. Eine Stimme, die nicht geschniegelt klingen will, nicht auf Pressetextniveau herunterschreibt und auch nicht jeden Trend der Gegenwart brav mitapplaudiert.
Denn genau das verschwindet gerade vielerorts.
Die Medienwelt wird zunehmend vorsichtig, glatt und berechenbar. Weinjournalismus wird oft zu Produktverwaltung oder Lifestyledekoration degradiert. Konflikte werden vermieden, Sprache weichgespült, Kritik diplomatisiert. Genau dagegen ist Wineparty entstanden.
Deshalb wäre es schade, dieses Projekt irgendwann hinter eine harte Bezahlschranke stellen zu müssen.
Wenn genügend Leserinnen und Leser bereit sind, Wineparty freiwillig zu unterstützen und dafür eines der hier im Link beigestellten Angebote zu nutzen (wir werten die Unterstützerinnen und Unterstützer, wenn sie Winzer oder Weinhändler sind, sicher nicht nach der Höhe ihrer Unterstützung), kann dieses Projekt unabhängig weiterwachsen – vielleicht sogar größer werden, mit mehr Reportagen, mehr Reisen, mehr Essays, mehr investigativen Geschichten und mehr jener Texte, die anderswo längst keinen Platz mehr finden. Bitte klicken Sie im Bedarfsfall hier: https://wineparty.wine/subscription/. Wir danken jeder Unterstützerin, jedem Unterstützer.

Vorwärts Genossen! Der WELT am SONNTAG Text vom Sonntag
(Manfred Klimek / Foto: Gergo Pejko / animated pic: runwayml) Bevor ich einige Wochen im südwestdeutschen Weinbaugebiet Markgräflerland Quartier beziehe – eine Region, die unbedingt mehr in den Fokus rücken muss – mache ich einen Zwischenstopp in der Wachau. Bei einer Genossenschaft, die nicht nur in Österreich ihresgleichen sucht, die Domäne Wachau, einer der erstaunlichsten
(Manfred Klimek / Foto: Gergo Pejko / animated pic: runwayml)
Bevor ich einige Wochen im südwestdeutschen Weinbaugebiet Markgräflerland Quartier beziehe – eine Region, die unbedingt mehr in den Fokus rücken muss – mache ich einen Zwischenstopp in der Wachau. Bei einer Genossenschaft, die nicht nur in Österreich ihresgleichen sucht, die Domäne Wachau, einer der erstaunlichsten Weinbaubetriebe Mitteleuropas. Nicht nur, weil dort inzwischen einige der präzisesten Rieslinge und Grünen Veltliner Donaueuropas entstehen, sondern weil diese Weine ausgerechnet aus einer Genossenschaft kommen – also aus jenem Modell, das im Weinbau jahrzehntelang fast automatisch mit Mittelmaß und Masse verbunden wurde.
Genau dieses Bild, das auch in Österreich vorherrschte, hat die Domäne Wachau in den vergangenen zwanzig Jahren radikal zerstört. Heute bewirtschaften rund 200 Winzerfamilien etwa ein Drittel der gesamten Wachau. International bekannte Terrassenlagen wie Achleiten, Kellerberg oder Singerriedel gehören längst nicht mehr nur den großen Einzelweingütern der Region, sondern auch zur Domäne. Das eigentlich Bemerkenswerte dabei: Die Genossenschaft versucht nicht, Unterschiede zu glätten, sondern Herkunft selbst von kleinen Parzellen präzise herauszuarbeiten. Unter der Leitung von Roman Horvath und Kellermeister Heinz Frischengruber entstand daraus eine der modernsten Qualitätsgenossenschaften Europas – ein ultimativer, auch touristisch wertvoller Vorzeigebetrieb.
Die Weine wurden nicht nur schlanker, präziser und moderner: gleichzeitig investierte die Domäne massiv in biologischen Weinbau, nachhaltige Bewirtschaftung und moderne Kellertechnik, die auch spannende önologische Experimente möglich macht – und ein junges Publikum in das Gebäude holt. Vor allem aber entstand dort etwas, das Genossenschaften normalerweise selten schaffen: eine klare stilistische Handschrift – etwas Unverwechselbares.
Interessant ist allerdings die größere Frage dahinter: Warum funktionieren ausgerechnet niederösterreichische, auch burgenländische und Südtiroler Genossenschaften national und international so gut – während deutsche Genossenschaften bis heute meist im Billigsegment festhängen?
Denn in Südtirol beweist sich ein ähnliches Genossenschaftsphänomen: Kellereien wie Girlan, Tramin, Kurtatsch, Kaltern, Nals-Margreid oder St. Michael-Eppan gehören längst zu den renommiertesten Betrieben Italiens. Auch dort arbeiten hunderte kleine Weinbauern zusammen. Auch dort entstehen international gefragte Spitzenweine. Niemand würde zum Beispiel die weltweit hoch renommierte Genossenschaft Terlan heute als „typische Genossenschaft“ wahrnehmen.
In Deutschland dagegen klebt vielen Genossenschaften noch immer der Geruch der Nachkriegszeit an: süßliche Massenware, Rabattaktionen, das Festhalten an unerquicklichen Rebsorten und eine Qualitätsphilosophie, die oft eher auf Stabilität als auf Individualität ausgerichtet scheint.
Die Wachau, das Kremstal und Südtirol begriffen früh, dass kleine Winzer alleine am Weltmarkt meist keine Chance mehr haben. Die Genossenschaft wurde dort deshalb nicht als Auffangbecken verstanden, sondern als gemeinsame Qualitätsmaschine: Herkunft, Präzision und Markenbildung standen plötzlich über bloßer Menge. Gleichzeitig arbeiteten beide Regionen mit enormem Selbstbewusstsein an ihrem internationalen Image.
Deutsche Genossenschaften hingegen wirken bis heute verwaltet statt geführt. Oft fehlt die stilistische Vision. Der Mut zur Radikalität; die Bereitschaft, schwache Qualitäten konsequent auszusortieren. Stattdessen dominiert vielerorts noch immer die Idee, möglichst viele Mitglieder möglichst konfliktfrei mitzunehmen. Genau das funktioniert am heutigen Weltmarkt kaum noch. Und auch im Lande selbst nur mehr für eine zunehmend ältere Weintrinkergeneration.
In der nächsten Folge erzähle ich von jenen Weinen, die mir in der Domäne Wachau herausragend gefallen haben. Und danach geht es gleich weiter in die Gegend zwischen Freiburg und Basel.

Choose Your Fighter: Der Prinz des Muscat
(Gerhard Ziegler / animated pic: runwayml) Ein Telefonat mit Georgien, wieder mal: Mein Gegenüber Saba Kitiashvili sitzt irgendwo zwischen Feierabend und georgischer Weinmission. Er erzählt nicht in großen Schlagworten, sondern sehr konkret: über Studium, Forschung, Rebsorten, seinen eigenen kleinen Weingarten und einen Wein, den man inzwischen auch über 8000 Vintages in Berlin finden kann. Kitiashvili
(Gerhard Ziegler / animated pic: runwayml)
Ein Telefonat mit Georgien, wieder mal: Mein Gegenüber Saba Kitiashvili sitzt irgendwo zwischen Feierabend und georgischer Weinmission. Er erzählt nicht in großen Schlagworten, sondern sehr konkret: über Studium, Forschung, Rebsorten, seinen eigenen kleinen Weingarten und einen Wein, den man inzwischen auch über 8000 Vintages in Berlin finden kann. Kitiashvili ist nicht nur Winzer. Er arbeitet auch als Sommelier, Ausbilder und Weinfachmann. Öffentlich bekannt wurde er als Chief Winemaker der CIU Winery „Ethno Okami“ und als Lecturer an der Caucasus International University. 2024 wurde er außerdem zum Best Sommelier of Georgia gewählt. Das passt gut zu seiner Geschichte: Bei ihm kommen Weinbau, Ausbildung und Vermittlung zusammen. Er will nicht nur einen Wein machen, sondern auch erklären, warum diese Sorte, der Muscat, so wichtig ist.
Am Anfang steht bei ihm nicht Marketing, sondern eine Masterarbeit.
“This passion started since I started to do my master’s degree in International Caucasus University.”
Kitiashvilia Thema war Muscaturi Rkatsiteli, eine neu gezüchtete georgische Rebsorte. Sie entstand aus Muscat of Alexandria und Rkatsiteli. Rkatsiteli ist eine der wichtigsten weißen Rebsorten Georgiens. Muscat bringt Aromatik, Duft, florale Noten. Genau diese Verbindung interessiert Saba.
“My master’s theme […] was the newly breeded Georgian grape sort Muscaturi Rkatsiteli.”
Georgien hat eine enorme Vielfalt an alten Rebsorten. Saba spricht im Interview von 525 autochthonen Sorten. Was ihm dabei auffiel: Aromatische Sorten spielten in Georgien bisher keine große Rolle.
“Georgian indigenous grape varieties […] there is a huge number, 525 old autochthonic grape sorts, but we did not have any aromatic grapes before.”
Muscaturi Rkatsiteli ist also nicht einfach „ein Muskat“. Es ist eine georgische Antwort auf eine Frage, die bisher kaum gestellt wurde: Wie kann eine aromatische Sorte aussehen, wenn sie aus georgischem Rebsortenmaterial kommt? Saba erzählt, dass in Georgien bereits in den 1970er-Jahren an neuen Rebsorten geforscht wurde. Muscaturi Rkatsiteli ist eines dieser Ergebnisse. Trotzdem ist die Sorte bis heute selten.
“Only a few hectares you will find the vineyards from Muscaturi Rkatsiteli.”
Für Saba blieb es nicht bei Forschung. 2019 gründete er seine eigene Firma Springfields. Er kommt aus Shida Kartli, einer Region in Zentralgeorgien mit moderatem Klima. Dort hatte seine Familie einen Pfirsichgarten. Die alten Bäume waren irgendwann am Ende. Also pflanzte er Muscaturi Rkatsiteli.
“We had the garden of the peaches […] we planted the Muscaturi Rkatsiteli in that garden. So now it becomes a vineyard.”
Ein schönes Bild: Aus einem Pfirsichgarten wird ein Muskat-Weingarten. Irgendwo in der Region um Gori. Kein großes Weingut, keine Industrie, sondern ein kleiner Ort, an dem eine seltene Sorte praktisch ausprobiert wird. Ein kleines Labor im besten Sinn. Saba arbeitet fast ausschließlich mit dieser einen Sorte. Aber er macht daraus verschiedene Weinstile: Schaumwein, trockenen Weißwein und einen süßen fortified wine.
“One grape sort can give you different types of wine.”
Seine Produktion ist sehr klein. Im Moment spricht er von ungefähr 2.000 Flaschen im Jahr. Die Sorte selbst beschreibt er als aromatisch, aber eher leicht.
“Muscaturi Rkatsiteli is a quite aromatic wine, but usually with a low sugar content and less body.”
Daraus ergibt sich sein Stil: keine schweren Weine, sondern frische, zugängliche, aromatische Weine. Muskat bedeutet für viele Menschen sofort Duft, Blüten, manchmal auch Süße. Bei Saba geht es aber nicht um einen einfachen süßen Muskatwein. Er sucht einen trockenen, frischen, floralen Stil, der gut in die Gastronomie passt. Wichtig ist ihm dabei die Vermittlung. Weil Muscaturi Rkatsiteli kaum bekannt ist, muss er die Sorte erklären. Er arbeitet mit Restaurants, Sommeliers und Köchen zusammen, damit sie verstehen, was sie im Glas haben.
“I’m always connected with the chefs and with the sommeliers to make them understand, truly understand what type of grape it is, because this is a new grape sort.”
Das ist ein zentraler Punkt: Saba ist Winzer, aber auch Vermittler. Er baut nicht nur Wein aus, sondern auch Wissen über eine Sorte, die kaum jemand kennt. Inzwischen, erzählt er, wächst das Interesse. Einige Menschen hätten begonnen, Muscaturi Rkatsiteli selbst zu pflanzen oder daraus Hauswein zu machen. Auch seine eigenen Reben kommen jetzt in die entscheidende Phase.
“This year I will have my own first crops.”
Im Keller arbeitet Saba bewusst zurückhaltend. Er verwendet Reinzuchthefen und Schwefel, sagt er offen. Gleichzeitig verzichtet er auf Filtration und Schönung. Stabilisiert wird mit Kälte. Seine Weine wurden laut Saba auch im Guide von Lisa Granik zu georgischen Weinen verkostet und in den letzten zwei Jahren mit Silber und Special Mention bewertet.
“It’s already two years that my wine is participating in the tastings, and now […] it’s taking the silver medal with a special mention.”
Saba Kitiashvili macht aus einer Masterarbeit ein Weinprojekt. Aus einem Pfirsichgarten wird ein kleiner Weingarten. Aus Muscaturi Rkatsiteli wird ein Versuch, georgische Aromatik neu zu erzählen. Muscaturi Rkatsiteli ist dabei nicht nur eine Rebsorte. Es ist der Fighter.
Und Saba? The Prince of Muscat.

Low & No: Die überraschende Innovationskraft im Weinbau
(Manfred Klimek / Redaktion / animated pic: runwayml Wer heute behauptet, die deutsche oder österreichische Gesellschaft sei erstarrt, bekommt ausgerechnet vom Weinbau Widerspruch. Nicht von Start-ups, nicht von Universitäten, nicht von Ministerien. Sondern von Kulturbauern, der Kulturbauernschaft Winzer, die das Wort Kultur auf Innovation ausweiten. Ich habe in dieser Woche an eine größere Recherche über
(Manfred Klimek / Redaktion / animated pic: runwayml
Wer heute behauptet, die deutsche oder österreichische Gesellschaft sei erstarrt, bekommt ausgerechnet vom Weinbau Widerspruch. Nicht von Start-ups, nicht von Universitäten, nicht von Ministerien. Sondern von Kulturbauern, der Kulturbauernschaft Winzer, die das Wort Kultur auf Innovation ausweiten.
Ich habe in dieser Woche an eine größere Recherche über alkoholfreie und alkoholreduzierte Weine gearbeitet, die demnächst als Text in der WELT am SONNTAG erscheinen wird. Erwartet hatte ich viel Marketing, einige halbgare Experimente und jede Menge schlechte Laune. Gefunden habe ich etwas völlig anderes: eine Branche, die sich schneller bewegt als ihr Ruf.
Das überrascht. Denn über Jahre galt Wein als Gegenbewegung zur Technisierung. Während andere Lebensmittelindustrien immer neue Verfahren entwickelten, feierte der Weinbau die Rückkehr des Ursprünglichen. Spontangärung statt Reinzuchthefe. Amphore statt Edelstahl. Pferd statt Traktor. Je weniger Technik sichtbar wurde, desto größer schien die Sehnsucht vieler Konsumenten.
Nun geschieht etwas Bemerkenswertes. Die Technik kehrt zurück. Und zwar nicht als Feindbild, sondern als Lösung.
Winzer wie Hannes Sabathi in der Südsteiermark, Johannes Leitz im Rheingau, Christoph Hammel in der Pfalz, Gregory Emmel mit Haardt Hills oder sogar das eher klassisch ausgerichtete Weingut Richter an der Mosel beschäftigen sich inzwischen intensiv auch mit alkoholfreien Weinen. Nicht mit den oft etwas ratlosen Proxies, die Wein lediglich ersetzen wollen, sondern mit tatsächlichem Wein, dem der Alkohol nach der Gärung wieder entzogen wird. Noch vor wenigen Jahren war das Ergebnis häufig unerquicklich. Die Weine wirkten dünn, leer, unfertig. Man verstand, warum viele Weintrinker die Kategorie belächelten.
Inzwischen ist aber etwas passiert. Die Verfahren wurden besser. Die Kellertechnik präziser. Die sensorischen Ergebnisse überzeugender. Vor allem aber entstand eine neue Kategorie zwischen den Welten: teilalkoholisierte Weine. Häufig ergänzt durch Verjus, also den Saft unreifer Trauben. Die besten Vertreter besitzen weiterhin die Herkunft, die Frucht und die Struktur eines Weins, verzichten aber auf einen Teil jener alkoholischen Wucht, die viele junge Konsumenten heute zunehmend skeptisch betrachten.
Genau hier beginnt das gesellschaftliche Paradox. Denn dieselbe Generation, die Technik in vielen Lebensbereichen kritisch betrachtet, fordert sie plötzlich beim Wein ein. Sie hinterfragt industrielle Prozesse, möchte regional, nachhaltig und bewusst konsumieren – verlangt aber gleichzeitig nach Getränken mit weniger Alkohol, mehr Kontrolle und größerer Alltagstauglichkeit. Ohne Technik wäre das unmöglich.
Der Weinbau reagiert darauf bemerkenswert pragmatisch. Während große Teile der Gesellschaft in Debatten erstarren, experimentieren Winzer. Sie probieren aus, verwerfen, verbessern und beginnen erneut. Genau das hat der Weinbau immer getan. Auch die heute als traditionell verehrten Methoden waren irgendwann einmal Innovationen. Das Wichtige aber: mit diesen Experimenten verwerfen die Winzer keineswegs bereits eingeschlagene bio- oder biodynamische Wege im Weingarten. Die chemische Keule wird dort keine Wiederkehr erfahren.
Die Diskussion über alkoholfreien Wein wird dabei oft unnötig ideologisch geführt. Für die einen ist er Verrat an einer jahrtausendealten Kulturtechnik. Für die anderen die einzig moralisch akzeptable Zukunft. Beides überzeugt wenig. Denn die spannendsten Produzenten verfolgen längst einen anderen Ansatz. Sie wollen den klassischen Wein nicht ersetzen. Sie wollen ihn ergänzen. Das Glas 12,5% Riesling verschwindet nicht. Der 13,5% Blaufränkische ebenfalls nicht. Aber zwischen Mineralwasser und Spätburgunder entsteht gerade ein neuer Raum. Ein Raum für Menschen, die weniger Alkohol trinken wollen, ohne auf Wein zu verzichten.
Der Weinbau war über Jahrzehnte gezwungen, sich gegen Vorwürfe der Rückständigkeit zu verteidigen. Heute zeigt ausgerechnet diese Branche, wie Anpassung funktionieren kann, ohne die eigene Identität aufzugeben. Und vielleicht endet damit auch die kurze Karriere der Proxies. Denn warum sollte jemand ein Getränk trinken, das Wein lediglich imitiert, wenn Winzer inzwischen lernen, alkoholfreien Wein selbst überzeugend zu erzeugen? Die Zukunft des alkoholfreien Genusses könnte deshalb ausgerechnet dort entstehen, wo sie viele am wenigsten erwartet hätten: im Weinkeller.
Der Weinbau hat sich längst auf den Weg gemacht.

Trimbach untrimmbar: Fünf Weine der Elsasslegende revisited
(Manfred Klimek / Claude Auguste – Weine / animated pic: runwayml) Die Geschichte des Elsass beginnt mit einem Missverständnis. Oder genauer: mit vielen Missverständnissen. Jahrhunderte lang stritten Deutsche und Franzosen um dieses schmale Band zwischen Vogesen und Rhein. Mal war es deutsch, mal französisch, mal wieder deutsch und schließlich wieder französisch. Wer heute durch Ribeauvillé,
(Manfred Klimek / Claude Auguste – Weine / animated pic: runwayml)
Die Geschichte des Elsass beginnt mit einem Missverständnis. Oder genauer: mit vielen Missverständnissen. Jahrhunderte lang stritten Deutsche und Franzosen um dieses schmale Band zwischen Vogesen und Rhein. Mal war es deutsch, mal französisch, mal wieder deutsch und schließlich wieder französisch. Wer heute durch Ribeauvillé, Riquewihr oder Colmar fährt, versteht sofort, warum beide Seiten glaubten, Anspruch auf diese Landschaft zu haben. Fachwerkhäuser wie am Oberrhein, französische Lebenskunst, deutsche Ortsnamen, französische Straßencafés, deutsche Rebsorten, französische Küche. Das Elsass war nie ganz das eine. Und nie ganz das andere. Heute gehört es zu Frankreich. Und seit Europa seine Grenzen geöffnet hat, scheint erstmals niemand mehr ein Problem damit zu haben.
Der Weinbau hier ist älter als alle Nationalstaaten Europas: die Römer, wer sonst, pflanzten Reben entlang der Vogesen. Später kamen Klöster, Adelsfamilien und Kaufleute. Riesling, Gewürztraminer, Pinot Gris und Pinot Blanc prägen das Gebiet bis heute, dazu ein kleiner Anteil Pinot-Noir – dieselben Sorten, die wenige Kilometer weiter östlich in Baden oder der Pfalz wachsen. Und doch schmecken sie anders. Das Elsass besitzt eine eigene Tonlage. Mehr Druck, mehr Würze, mehr Textur. Weniger Fruchtshow, mehr Herkunft.
Mitten in dieser Geschichte steht die Domaine Trimbach.
Kaum ein Name ist international so eng mit dem Elsass verbunden wie Trimbach. Seit 1626 wird hier Wein erzeugt. Generation um Generation. In einer Weinwelt, die sich ständig neu erfindet, hat Trimbach etwas Bemerkenswertes geschafft: Das Gut blieb erkennbar. Während andere Betriebe ihre Etiketten modernisierten, Logos neu zeichneten und Markenstrategien erfanden, blieben die klassischen Trimbach-Etiketten nahezu unverändert. Wer heute eine Flasche sieht, erkennt sie sofort. Erst die jüngeren Grand-Cru-Abfüllungen tragen inzwischen etwas modernere Gestaltungen. Der Rest wirkt erfreulich immun gegen Moden.
Dabei darf man diesen Traditionssinn nicht mit Rückständigkeit verwechseln.
Im Keller gehörte Trimbach stets zu den Betrieben, die technische Entwicklungen rasch verstanden und sinnvoll integrierten. Präzision statt Romantik. Sauberkeit statt Dogma. Das Resultat sind Weine, die nie altmodisch wirken, obwohl sie tief in der Tradition verwurzelt sind. Besonders eindrucksvoll zeigen das die drei Réserve-Weine.
Riesling Réserve, Pinot Gris Réserve und Gewürztraminer Réserve gehören zu den gelungensten Einstiegen in die Welt des Elsass überhaupt. Das Wort Reserve weckt in vielen Regionen Erwartungen an Schwere, Konzentration und lange Kellerreife. Im Elsass bedeutete es oft genug auch Weine, die sich zunächst hinter ihrer eigenen Struktur verstecken. Trimbach geht bei den Reserve-Weinen einen anderen Weg, denn diese Weine besitzen Herkunft und Substanz, gleichzeitig aber eine Zugänglichkeit, die heute für junge Weintrinker notwendig ist. Der Riesling Réserve verbindet jene trockene Präzision, für die Trimbach berühmt ist, mit bemerkenswertem Trinkfluss. Der Gewürztraminer Réserve zeigt Würze als Eleganz und Exotik, ohne in Parfüm oder Banalität abzurutschen. Und der Pinot Gris Réserve demonstriert eindrucksvoll, wie viel Spannung diese Sorte entwickeln kann, wenn man sie nicht bloß auf Körper reduziert. Für die aufgerufenen Preise bewegen sich diese Weine längst auf einem Niveau, das man in Deutschland problemlos mit vielen Ersten Lagen vergleichen könnte. Genau darin liegt ihre Stärke. Sie kosten nicht die Welt. Sie schmecken aber oft weltklasse.
Noch beeindruckender wird es bei der Réserve Personnelle Pinot Gris. Grauburgunder ist eine Rebsorte, die weltweit ein erstaunliches Talent entwickelt hat, Mittelmaß hervorzubringen. Kaum eine andere Sorte wird so häufig auf Belanglosigkeit gekeltert. Ein bisschen Frucht, etwas Schmelz, wenig Erinnerung.
Trimbach gelingt das Gegenteil.
Die Réserve Personnelle besitzt Druck, Länge und Nachhall. Nicht Harmlosigkeit, sondern Energie. Der Wein zieht sich minutenlang über den Gaumen, entwickelt Würze, Struktur und eine fast salzige Spannung neben der Restsüße, die diesen Wein seit Jahrzehnten begleitet. Alles wirkt präzise gebaut. Für mich ist das einer der größten Pinot Gris der Welt – und gleichzeitig einer der günstigsten großen restsüßen Weißweine überhaupt. Ein Wein, der eindrucksvoll beweist, welches Potenzial in dieser oft unterschätzten Sorte steckt. Wenn eine Winzerfamilie die Sorte der Betriebskultur unterwirft.
Und dann gibt es noch die Cuvée Frédéric Emile. Im Elsass genügt es meist, den Namen auszusprechen. Mehr Erklärung braucht es kaum. Seit Jahrzehnten gilt sie als die Ikone des Hauses. Gewachsen auf den historischen Lagen Geisberg und Osterberg in Ribeauvillé, entsteht hier ein Riesling von beeindruckender Tiefe und Lagerfähigkeit. Während viele Spitzenrieslinge heute auf unmittelbare Wirkung zielen, entwickelt Frédéric Emile ihre Größe langsam. Mit Geduld. Mit Reife. Mit jener inneren Spannung, die große Rieslinge über Jahrzehnte tragen kann.
Man mag darüber streiten, welcher Riesling Frankreichs der größte ist. Für mich endet diese Diskussion meist bei Frédéric Emile.

Der (oder die) weltgroßartigste Buschenschank des Universums
(Manfred Klimek: Text & Foto) Auf dem Foto da oben sitzt ein Mann an einem grünen Tisch und schaut so ang’fressen aus der Wäsch’, wie man in Wien eben aus der Wäsch’ schaut, wenn man eigentlich bestens gelaunt ist. Neben ihm eine Frau, die gerade Gläser und Stühle zurechtrückt. Hinter ihnen Reben, Bäume, ein früher
(Manfred Klimek: Text & Foto)
Auf dem Foto da oben sitzt ein Mann an einem grünen Tisch und schaut so ang’fressen aus der Wäsch’, wie man in Wien eben aus der Wäsch’ schaut, wenn man eigentlich bestens gelaunt ist. Neben ihm eine Frau, die gerade Gläser und Stühle zurechtrückt. Hinter ihnen Reben, Bäume, ein früher Sommer. Der Mann sieht dabei verblüffend aus wie Jarvis Cocker von Pulp, hätte dieser irgendwann beschlossen, statt Britpop lieber Gemischten Satz zu produzieren. Die Frau ist Jutta Ambrositsch. Der Mann Marco Kalchbrenner. Gemeinsam betreiben sie in Grinzing die Buschenschank in Residence. Weil Superlative meistens Unsinn sind, verwende ich sie sparsam. Hier mache ich eine Ausnahme: Das ist der (die) großartigste Buschenschank der Welt.
Nicht der schönste. Nicht der luxuriöseste. Nicht der berühmteste. Schlicht die großartigste.
Schon deshalb, weil hier nichts geschniegelt wirkt. Die Tische sind einfach. Die Bänke auch. Der Garten, ziemlich viel Beton, macht keine Anstalten, sich für einen Architekturpreis zu bewerben. Man sitzt vor Reben und Bäumen und zwischen Menschen, die tatsächlich wegen Wein & Speis gekommen sind. Nicht wegen Instagram. Nicht wegen Wien-Klischees. Nicht wegen einer touristischen Vorstellung vom Heurigen. Die Buschenschank in Residence ist das Gegenteil jener Heurigenhölle, die vielerorts aus Wien-Kitsch, Fertigaufstrichen und Reisebuspublikum besteht. Hier arbeiten Menschen, die Wein und Essen ernst nehmen, aber sich selbst erfreulich wenig.
Schon das Personal ist eine kleine Sensation. Bundesdeutscher Postpunk statt Wiener Kellnerfolklore. Schankhilfe Jakob Schönberger, selbst hervorragender Winzer, bewegt sich durch den Abend mit jener Mischung aus Kompetenz und teils entrückt wirkender Gleichgültigkeit, die nur Menschen besitzen, die wirklich etwas können. Niemand erklärt hier ungefragt die Welt. Niemand hält Vorträge über Mineralität. Niemand will beeindrucken. Genau deshalb beeindruckt alles.
Und dann das Essen. Die marinierte Kalbszunge von Thum gehört zu jenen Gerichten, die man eigentlich verbieten müsste, weil danach andere Kalbszungen kaum noch Sinn ergeben. Zart, saftig, geschmacklich auf den Punkt. Der Gurkensalat wirkt zunächst wie eine Nebensache und entpuppt sich als saftiges Meisterstück jener österreichischen Küche, die aus wenigen Zutaten mehr macht als andere aus zwanzig – etwas mehr Pfeffer drauf, oder Kreuzkümmel, wäre noch fein. Der zerissene Kalbskopf wiederum kommt mit einer Schärfe daher, die jedem Wellnessgedanken den Schädel einschlägt. Brutal. Großartig. Präzise. Kein Gericht für Feiglinge. Dazu eine Käseauswahl, die nicht zusammengestellt wurde, um irgendeine Kalkulation zu erfüllen, sondern weil da jemand offenbar Käse liebt.
Was allerdings alles zusammenhält, sind die Weine. Jutta Ambrositsch gehört seit Jahren zu den interessantesten Winzerinnen Österreichs. Ihre Weine besitzen jene seltene Fähigkeit, gleichzeitig massiv ernsthaft und überwältigend trinkfreudig zu sein. Kein Gramm Übergewicht. Kein Gramm Eitelkeit. Der Riesling Utopie aus der Lage Rosengartl ist von einer schon strapazösen Kelterklarheit ohne jemals die Sorte und diese Wiener Ausprägung der Sorte, die so undeutsch nur geht ist, infrage zu stellen. Der Blaufränkisch Hoellwaerts sitzt exakt dort, wo Blaufränkisch sitzen sollte: saftig, kühl, würzig, ohne jene Überextraktion, mit der manche Winzer manchmal ihre Unsicherheit kaschieren. Und dann die beiden Gemischten Sätze. In der Schlegelflasche (Fürchtegott) wirken sie fast westungarisch in ihrer Selbstverständlichkeit. In der Literflasche (Ein Liter Wien) wiederum erinnern sie daran, dass Wein vor allem getrunken werden möchte und schmecken soll, ohne dass wir über das Schmecken sinnieren wollen. Beides funktioniert. Beides gehört hierher. Neu auch der Chardonnay Himmelwaerts, der, gerade gefüllt, Luft und Zeit braucht, um sein großes Nordburgund-Zitat korrekt aussprechen zu dürfen.
Nichts muss hier etwas anderes sein, als es ist. Der Gemischte Satz darf Gemischter Satz sein. Die Kalbszunge Kalbszunge. Der Garten Garten. Der Wirt Jarvis Cocker aus Grinzing. Und genau daraus entsteht etwas, das selten geworden ist: Authentizität ohne Marketingabteilung. Die brauchen die beiden auch nicht, denn Jarvis Cocker aus Grinzing war ein begnadeter Werbetexter und Frau Jutta eine vortreffliche Werbegrafikerin – die Etiketten sind selbstredend von ihr
Wir verlassen diesen Buschenschank mit dem Gefühl, dass die Welt vielleicht doch noch nicht vollständig von Konzepten, Zielgruppenanalysen und Erlebnisinszenierungen übernommen wurde. Es gibt noch Orte, die einfach funktionieren. Die Buschenschank in Residence ist so ein Ort.
Denn sie ist die/der großartigste Buschenschank der Welt.
