spit on my grave
aber bitte Wein. Fünf Weine, sich die Apokalypse schönzutrinken.
15. Mai 25, Klimek. Die Welt ist ein Saustall! Und keiner mistet aus. Es brennt. Im Nahen Osten, in der Ukraine, in den USA, in den Medien. Das Klima ist ein Totalschaden, die Börse ein Glücksspiel, und in Berlin regiert bald eine Schuldenkoalition, die sich bemühen wird, das Richtige zu tun – Schwerpunkt auf Bemühen. Das Einzige, was uns dieser Tage bleibt, ist das Glas in der Hand.
DEUtschbahn
Den Spies dreht keiner um – die DB und ihr einzig schöner Moment!
16 Mai 25 Klimek. Ich bin mit dem Zug nach Rheinhessen gefahren. Vor Wein-Achten. Mit dem Zug nach Rheinhessen zu fahren heißt in 95% der Fälle mit der DB fahren zu müssen: jenem Konzern, der es seit 2003 ca schafft, mein Nervenkostüm zu zerschneiden, ohne daraus ein neues, besseres Nervenkleid schneidern zu können – ganz im Gegenteil.

Friedhof der Kuschelweine. Mit Gerhard Retter im tiefen Keller
(Gerhard Retter / Redaktion / animated pic: © Manfred Klimek – runwayml) Da kommt sie hereingeflattert, die Mail eines bekannten Kochs, der nach vier Jahrzehnten in den Ruhestand geht. Großes Haus, großer Name, großes Leben. Im Anhang: eine fein säuberlich geführte Excel-Liste seines Weinkellers. Viel Bordeaux. Viel Burgund. Alte Jahrgänge. Große Namen. Und sofort dieselbe
(Gerhard Retter / Redaktion / animated pic: © Manfred Klimek – runwayml)
Da kommt sie hereingeflattert, die Mail eines bekannten Kochs, der nach vier Jahrzehnten in den Ruhestand geht. Großes Haus, großer Name, großes Leben. Im Anhang: eine fein säuberlich geführte Excel-Liste seines Weinkellers. Viel Bordeaux. Viel Burgund. Alte Jahrgänge. Große Namen. Und sofort dieselbe Frage, die irgendwann fast jeder ernsthafte Weinmensch stellt: Wohin damit?
Und noch wichtiger: Was ist das Zeug eigentlich wirklich wert?
Denn zwischen Kellerfantasie und Marktrealität liegen beim Wein oft ganze Kontinente. Sehr viele Menschen halten ihre Flaschen automatisch für kleine Vermögen. Der Markt sieht das meistens deutlich nüchterner. Wirklich teuer, wirklich liquide und wirklich gesucht bleibt nur die absolute Weltspitze: eine kleine Elite von Kultweinen, jene drei oder vier Handvoll Güter, die längst wie Blue Chips gehandelt werden. DRC, Lafleur, Leroy, Roumier, vielleicht noch ein paar andere Namen. Dort stimmen Nachfrage, Mythos und Preisfantasie noch überein. Und das wird auch so bleiben – egal wohin Krisen steuern.
Der Rest? Die anderen Weine? Wird schwieriger.
Denn Wein besitzt eine perfide Eigenschaft: Er vermehrt sich ständig. Kaum glaubt man, genug zu haben, kommt schon der nächste Jahrhundertjahrgang um die Ecke. Und natürlich darf man den nicht verpassen. Niemals. Also kauft man weiter. Oft auch deshalb, weil man sich über Jahre „hochkaufen“ musste, um überhaupt an die begehrten Allokationen heranzukommen. Zwei Kisten solider Premier Crus, damit man vielleicht irgendwann eine Flasche der Ikone zugeteilt bekommt.
So wächst der Keller. Und wächst. Und wächst.
Irgendwann steht man dann zwischen Regalen voller großartiger Absichten und beginnt zu rechnen. Hochgerechnet auf durchschnittliche Lebenserwartung, Leberwerte und Trinkfrequenz wird rasch klar: Das kann niemals alles konsumiert werden. Zumal die meisten Keller gar nicht aus Legenden bestehen, sondern aus „nur“ guten Weinen. Sehr guten vielleicht sogar. Aber eben nicht aus jenen Flaschen, die weltweit Auktionshäuser in Wallung versetzen. Der Markt dafür ist brutal ehrlich. Viele gereifte Weine interessieren außerhalb kleiner Liebhaberkreise kaum jemanden. Besonders dann nicht, wenn Herkunft, Lagerung oder Jahrgang nicht absolut perfekt dokumentiert sind.
Das klingt ernüchternd. Ist es auch.
Denn eigentlich sammeln die meisten Menschen Wein nicht aus Investmentgründen. Sondern aus Sehnsucht. Aus Vorfreude. Aus Liebe zu einem Geschmack, einem Jahrgang, einem Erlebnis. Der Keller wird irgendwann zur Biografie aus Flaschen. Jede Reihe erzählt eine Phase des Lebens. Genau deshalb fällt das Öffnen oft so schwer.
Die berühmte „besondere Gelegenheit“ verschiebt sich permanent nach hinten. Geburtstage. Jubiläen. Weihnachten. Irgendwann hebt man die Flasche so lange auf, bis sie langsam beginnt, sich gegen einen zu wenden. Totgelagert. Oxidiert. Müde. Einst große Weine enden dann als traurige Küchenphilosophie zwischen Kalter Ente und Feuerzangenbowle.
Besonders gnadenlos sieht man das bei Süßweinen. Vermutlich führen sie weltweit die Statistik der ungetrunkenen Spitzenweine an. Sauternes, Tokajer, Trockenbeerenauslesen – legendäre Gewächse mit enormer Haltbarkeit, die oft jahrzehntelang unangetastet herumliegen wie museale Reliquien. Dabei sind gerade viele junge Süßweine sensationell: vibrierend, frisch, voller Frucht und Energie. Doch stattdessen warten sie im Dunkeln auf einen Kaminabend, der nie stattfindet.
Genau hier liegt einer der großen Denkfehler vieler Sammler. Wein ist kein Gemälde. Er will sterben. Genau dafür wurde er gemacht.
Natürlich gibt es technische Diskussionen über optimale Reife, Trinkfenster und Entwicklungskurven. Jede Keller-App der Welt erzählt einem inzwischen panisch, welche Flasche „ready to drink“ sei und welche kurz vor dem Untergang stehe. Meistens übertreibt sie dabei maßlos. Gute Kellerbedingungen schenken vielen Weinen problemlos zusätzliche zehn oder fünfzehn Jahre. Und trotzdem bleibt eine Wahrheit bestehen: Die Aufgabe des Sommeliers war immer, den Wein möglichst nahe an seinem Höhepunkt ins Glas zu bringen. Nicht ihn zu mumifizieren.
Darum ist es völlig legitim, große Weine manchmal zu jung zu trinken. Gute Karaffierung hilft. Luft hilft. Geduld im Glas hilft. Und vor allem hilft das Verständnis, dass Wein keine fixe Perfektion besitzt, sondern verschiedene Lebensphasen. Manche berühren jung, andere gereift, manche beides. Im Restaurant versteht man das oft besser als privat. Dort bewegt sich der Keller permanent. Weine finden ihre Gerichte, ihre Gäste, ihre Momente. Selbst leicht müde Flaschen können plötzlich noch einmal aufblühen, wenn Essen, Stimmung und Gesellschaft stimmen.
Zu Hause dagegen wird der Keller oft zum Mausoleum der eigenen Ansprüche.
Darum vielleicht die wichtigste Erkenntnis überhaupt: Kaufen Sie Wein nicht für Ihr eigenes Totenmahl. Öffnen Sie die Flaschen. Teilen Sie sie. Trinken Sie sie mit Freunden, Kindern, Liebhabern, Kollegen, Nachbarn. Der größte Irrtum vieler Sammler besteht darin, den perfekten Moment zu erwarten. Der perfekte Moment entsteht fast immer erst durch das Öffnen selbst.
Und noch etwas: Wer Wein ernsthaft liebt, sollte beginnen, die nächste Generation mitzutrinken zu lassen. Nicht missionarisch. Nicht belehrend. Sondern selbstverständlich. Gute Flaschen gehören nicht nur in klimatisierte Keller, sondern auf Tische. Denn dort werden sie lebendig. Oder um es etwas philosophischer zu formulieren: Sapere aude, wie Kant schrieb. Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.
Das gilt auch für den kontrollierten Auf- und Abbau des eigenen Weinkellers.
(Dieser Text erschien in einer anderen Version auch im Magazin “Feinschmecker”)

Fast to Slow: Zum Tode des Slow-Food-Gründers Carlo Petrini
(Claude Auguste / Manfred Klimek / Redaktion) Carlo Petrini ist tot. Und mit ihm verschwindet eine jener seltenen Figuren Europas, die nicht bloß eine Bewegung gegründet, sondern das kulinarische und kulinarpolitische Denken einer ganzen Epoche verändert haben. Petrini wurde 76 Jahre alt. Er starb in der Ortschaft Bra im Piemont, dort, wo auch seine Ideen
(Claude Auguste / Manfred Klimek / Redaktion)
Carlo Petrini ist tot. Und mit ihm verschwindet eine jener seltenen Figuren Europas, die nicht bloß eine Bewegung gegründet, sondern das kulinarische und kulinarpolitische Denken einer ganzen Epoche verändert haben. Petrini wurde 76 Jahre alt. Er starb in der Ortschaft Bra im Piemont, dort, wo auch seine Ideen entstanden: zwischen Bauern, Trattorien, Märkten, Weinbergen und jenem Italien, das Essen nie bloß als bloße und nebensächliche, vom Unglück Protestantismus geprägte Nahrungsaufnahme verstand, sondern als Teil des Lebens selbst.
Heute klingt vieles selbstverständlich, was vor vierzig Jahren beinahe subversiv wirkte: regionale Produkte, handwerkliche Landwirtschaft, Biodiversität, Herkunft, alte Sorten, Produzentenstolz, entschleunigte Gastronomie. Doch all das war einmal Gegenbewegung. Und Carlo Petrini war ihr bedeutendster Organisator.
Man darf nicht vergessen, aus welcher Welt Slow Food entstand. Die Nachkriegsjahrzehnte Europas waren von Industrialisierung, Vereinheitlichung und technokratischer Rationalisierung geprägt: Essen wurde zunehmend funktional gedacht: haltbar, billig, normiert, effizient. Die Landwirtschaft industrialisierte sich in einer Geschwindigkeit, die historische Kulturlandschaften binnen weniger Jahrzehnte radikal veränderte. Supermärkte verdrängten Märkte, industrielle Hefe verdrängte Sauerteig, standardisierte Rebsorten verdrängten alte Klone, globale Konzerne begannen Geschmack in Tabellenform zu denken. Petrini verstand früh, dass hier weit mehr verloren ging als bloß kulinarische Vielfalt. Es verschwand eine Form des Lebens.
Sein Widerstand dagegen begann nicht akademisch, sondern körperlich. Als 1986 nahe der Spanischen Treppe in Rom ein McDonald’s eröffnete, organisierte Petrini Proteste dagegen. Das wirkt heute fast harmlos. Damals war es ein kultureller Aufstand gegen die Vorstellung, dass Essen überall gleich werden müsse. Aus diesem Protest entstand Slow Food.
Plötzlich begann sich etwas zu verschieben. Denn Petrini sprach nicht wie ein Asket: er wollte Genuss nie abschaffen, nie moralisch disziplinieren. Genau darin lag seine enorme Attraktivität. Slow Food war keine Bewegung der Verbote, sondern der Wiederentdeckung. Essen sollte „gut, sauber und fair“ sein – gut im Geschmack, sauber in der Herstellung, fair gegenüber Produzenten und Natur. Das war keine nostalgische Bauernromantik. Petrini dachte politisch, ökologisch und kulturell zugleich. Er verstand, dass Landwirtschaft niemals bloß Wirtschaft ist. Sie formt Landschaften, Gemeinschaften, Traditionen, Dialekte, Familienstrukturen und Identitäten. Wer einen Käse industrialisiert, verändert nicht nur ein Produkt, sondern oft eine ganze Region. Besonders stark wirkte Petrinis Denken deshalb auch dort, wo Herkunft ohnehin tief verankert war: im Weinbau.
Ohne Slow Food wäre die heutige Naturwein- und biodynamische Weinszene kaum denkbar. Nicht technisch – aber geistig. Denn Petrini gab einer ganzen Generation von Winzern jene kulturelle Legitimation zurück, die industrielle Weinwirtschaft ihnen jahrzehntelang genommen hatte. In den 1980er- und 1990er-Jahren galt Weinbau vielerorts vor allem als Frage technischer Perfektion. Kellerhygiene, Reinzuchthefen, Temperatursteuerung, internationale Stilistik, Barriques, Punkte. Wein wurde zunehmend standardisiert. Große Teile der Weinwelt begannen, sich selbst wie Industrieprodukte zu optimieren. Slow Food stellte diesem Denken etwas entgegen, das damals fast revolutionär wirkte: Herkunft zählt mehr als Perfektion.
Plötzlich interessierten Winzer sich wieder für alte Rebsorten, spontane Vergärung, lokale Traditionen, kleine Familienbetriebe, Biodiversität im Weinberg und individuelle Handschriften. Nicht zufällig entstanden viele der später berühmten Naturweinbewegungen genau im Umfeld jener Regionen, in denen Slow Food stark war: Piemont, Loire, Jura, Teile des Burgenlands, Slowenien, die Steiermark oder auch das Penedes.
Natürlich entwickelte sich daraus später auch viel Ideologie. Die Naturweinszene brachte mitunter ihre eigenen Dogmen hervor, ihre eigenen Orthodoxien, ihre eigenen Eitelkeiten. Manche Weine wurden fehlerhaft, manche Bewegungen missionarisch. Doch der ursprüngliche Impuls kam aus einer tiefen Sehnsucht nach Echtheit. Genau diese Sehnsucht hatte Petrini früh verstanden: er begriff, dass moderne Menschen nicht nur Produkte suchen, sondern Beziehungen. Beziehungen zu Herkunft, Produzenten, Landschaften und Geschichten. Deshalb war Slow Food nie bloß Genussbewegung. Es war auch ein Versuch, Entfremdung rückgängig zu machen.
Gerade im Wein wurde das enorm sichtbar. Der biodynamische Weinbau etwa, über den viele klassische Önologen lange spöttisch sprachen, gewann durch Slow Food kulturellen Rückenwind. Kleine Winzer konnten plötzlich erklären, warum sie anders arbeiten wollten. Nicht aus technischer Rückständigkeit, sondern aus Überzeugung. Heute gehören viele biodynamisch arbeitende Betriebe zu den renommiertesten Weingütern der Welt.
Petrini selbst blieb bei allem erstaunlich unzynisch. Während große Teile der modernen Esskultur irgendwann in Lifestyle, Luxusmarketing und Instagram-Ästhetik kippten, hielt er an etwas fast Altmodischem fest: dem gemeinsamen Tisch. Essen bedeutete für ihn Zeit. Gespräch. Gemeinschaft. Langsamkeit. Aufmerksamkeit. Nicht Optimierung. Nicht Selbstinszenierung.
Und genau darin liegt seine größte Aktualität, denn die Welt, die Petrini kritisierte, hat sich inzwischen noch weiter beschleunigt. Essen wird heute fotografiert, bewertet, algorithmisiert und contentisiert. Restaurants kämpfen mit Online-Prangern, Köche werden zu Marken, Wein (jetzt seltener) zu Investmentobjekten und gastronomische Erfahrungen zu digital verwertbaren Statussignalen. Petrini dachte dagegen fast radikal analog. Ein gutes Essen war für ihn kein Content. Sondern ein Vorgang zwischen Menschen. Dass ein solcher Mensch nun verschwindet, fühlt sich an wie das Ende einer europäischen Nachkriegsgeschichte, in der Genuss noch als kulturelle Bildung verstanden wurde. Nicht elitär. Nicht asketisch. Sondern menschlich.
Carlo Petrini hinterlässt keine bloße Organisation. Er hinterlässt ein anderes Verständnis von Essen und Trinken. Eines, das bis heute durch Weinberge, Bauernmärkte, Käsekeller, kleine Restaurants und Familienbetriebe Europas wirkt. Wahrscheinlich werden wir erst in einigen Jahren ganz verstehen, wie stark dieser Einfluss tatsächlich war. Denn vieles, das heute selbstverständlich scheint, war einmal Widerstand.

Nachlese, Vorschau und Ankündigung einer WELT am SONNTAG Serie: das Markgräflerland – eine Region, die viel mehr Aufmerksamkeit verdient
(Manfred Klimek) Das Markgräflerland, ein Gasthausland sanfter Hügel hin zum Schwarzwald, ist eine Region, die im deutschen Weinbau lange geflissentlich übersehen wurde – auch und vor allem (shame on me) von mir. Vielleicht, weil sie keinen großen Mythos pflegt. Vielleicht auch, weil dort eine Rebsorte zuhause ist, deren Name ungefähr dieselbe erotische Wirkung hat wie
(Manfred Klimek)
Das Markgräflerland, ein Gasthausland sanfter Hügel hin zum Schwarzwald, ist eine Region, die im deutschen Weinbau lange geflissentlich übersehen wurde – auch und vor allem (shame on me) von mir. Vielleicht, weil sie keinen großen Mythos pflegt. Vielleicht auch, weil dort eine Rebsorte zuhause ist, deren Name ungefähr dieselbe erotische Wirkung hat wie eine Sparkassenfiliale kurz vor Dienstschluss: Gutedel. Schon das Wort klingt nach Rollator, nach Kurpark, nach einer Flasche im Seniorenhotel.
Doch genau in dieser Sorte liegt eine schon erkannte Moderne, die jetzt stupend werden kann – und muss.
Denn der Chasselas, wie der Gutedel in der französischsprachigen Welt heißt, und wie er von vielen Winzern hier auch richtig anstatt des Gutedels auf den Etiketten Platz greift, besitzt Eigenschaften, die plötzlich wieder hochinteressant wirken: wenig Alkohol, milde Säure, enorme Bekömmlichkeit und trotzdem Druck im Schluck. Kein banales Muskelpaket, keine aromatische Überforderung. Sondern ein Gewächs, das eher schreitet als marschiert. Gerade jüngere Konsumenten, die sich zunehmend vom erschöpfenden Überangebot alkoholschwerer, brutal holzbetonter oder hyperfruchtiger Weine abwenden, könnten darin plötzlich etwas entdecken, das der Weinwelt zuletzt oft fehlte: Selbstverständlichkeit der leisen Größe. Das Markgräflerland beginnt genau dort spannend zu werden, wo es seine vermeintliche Schwäche nicht länger versteckt. Denn Chasselas wird niemals Riesling sein. Nie Sauvignon Blanc. Und genau deshalb könnte daraus eine neue Identität aus alten Reben entstehen.
Interessant ist dabei der Blick an das andere Ende des deutschen Sprachraums: ins Burgenland, an die ungarische Grenze – und auf der erstaunlichen Parallelen. Auch dort arbeiten Winzer seit Jahren daran, regionaltypische Sorten aus ihrem provinziellen Schatten herauszuführen. Blaufränkisch etwa galt lange als rustikaler Osteuropäer mit Säureproblemen und bäuerlicher Härte. Heute entstehen daraus einige der spannendsten Rotweine Europas. Und selbst Grüner Veltliner, im Burgenland seltener angebaut, aber auch Usprungsland der Sorte, bekommt dort plötzlich wieder eine andere Bedeutung: weniger DAC-Bürokratie, weniger Pfefferlfolklore, mehr Substanz.
Beide Regionen verbindet dabei etwas Grundsätzliches: Sie liegen an den äußersten klimatischen (aber ähnlichen) und kulturellen Rändern des deutschen Sprachraums und mussten lange gegen das Vorurteil kämpfen, nicht ganz dazuzugehören. Das Markgräflerland mit seinem warmherzig burgundischen Einschlag und seiner Nähe zur Schweiz und zum Elsass. Das Burgenland mit seiner pannonischen Hitze und seiner jahrhundertelangen Bindung an Ungarn.
Gerade deshalb wirken beide Regionen heute erstaunlich modern.
Denn die Zukunft des Weinbaus wird vermutlich nicht dort entschieden, wo alles normiert und perfekt erscheint. Sondern dort, wo Eigenheiten bleiben durften. Das spürt man im Markgräflerland inzwischen deutlich. Vor allem bei einer jüngeren Generation von Winzern, die Chasselas nicht länger als Traditionsrest verwalten, sondern als Möglichkeit begreifen. Die Sorte verlangt dabei enorme Präzision. Zu viel Ertrag und sie wird belanglos. Zu viel Kellertechnik und sie verliert jede Spannung. Doch gelingt sie, entstehen Weine mit einer eigentümlichen Mischung aus Salzigkeit, Kräutrigkeit und erstaunlicher Energie.
Parallel dazu erlebt auch der Pinot Noir dieser Gegend eine bemerkenswerte Entwicklung. Überhaupt zieht sich Burgund derzeit wie eine unsichtbare Linie durch Baden. Nicht als Kopie, sondern als Idee von Feinheit, Freiheit und Herkunft.
Das zeigte sich auch am Kaiserstuhl, wo ich bei Franz Keller und Bernhard Huber Weine getrunken habe, die in ihrer Präzision und inneren Spannung weit über das hinausgehen, was viele internationale Konsumenten noch immer mit deutschem Wein verbinden. Friedrich Keller und Julian Huber gehören längst zu jener kleinen Gruppe deutscher Önologen, die verstanden haben, dass Größe nicht aus Überreife oder Extraktion entsteht, sondern aus Balance, Textur und Herkunft.
Vor allem die Pinot Noirs besitzen inzwischen ein Niveau, das vor zwanzig Jahren in Deutschland kaum vorstellbar gewesen wäre. Keine marmeladigen Kraftakte mehr, keine Holzmaskerade, keine süßliche Internationalität. Sondern kühle Tiefe, geschliffene Tannine und eine bemerkenswerte Präzision.
Und genau hier beginnt auch die eigentliche Geschichte dieser Reise.
Denn das Markgräflerland endet ja nicht an der Grenze. Es geht kulturell und klimatisch weiter ins Elsass. Dort, zwischen Kalk, Vogesen und Rheinebene, entstehen derzeit ebenfalls einige der interessantesten Weine Europas. Weine, die weniger auf Prestige und Geplärre setzen als auf Herkunft, Spannung und Trinkfluss.
In den kommenden Wochen, ab Mitte Juni, erscheint dazu in der WELT am SONNTAG eine vierteilige Printserie über außergewöhnliche Weine und Weingüter dieser Region – darunter Blankenhorn, Brenneisen, Leon Boesch, Rieger, Schlumberger-Bernardt und Ziereisen. Eine Reise entlang jener schmalen europäischen Zone zwischen Schwarzwald, Rhein und Vogesen, in der Wein derzeit enorm spannend wird. Und jung!

Bestrafe Bordeaux! Warum die Rotweinkrise vor allem im Bordelais so dramatisch ist wie keine Krise seit mehr als 100 Jahren
(Manfred Klimek / Redaktion / animated pic: runwayml) Frankreich trinkt erstmals mehr Bier als Wein. Zack! Ein Satz, der noch vor zwanzig Jahren wie eine steile, irrationale kulturpessimistische These geklungen hätte, steht nun plötzlich als nüchterne Statistik im Raum. Das eigentlich Erstaunliche daran ist aber nicht der Erfolg des Biers. Sondern der Niedergang des Alltagsweins.
(Manfred Klimek / Redaktion / animated pic: runwayml)
Frankreich trinkt erstmals mehr Bier als Wein. Zack! Ein Satz, der noch vor zwanzig Jahren wie eine steile, irrationale kulturpessimistische These geklungen hätte, steht nun plötzlich als nüchterne Statistik im Raum. Das eigentlich Erstaunliche daran ist aber nicht der Erfolg des Biers. Sondern der Niedergang des Alltagsweins.
Denn Frankreich bleibt emotional ein Weinland. Fast jeder Franzose betrachtet Wein weiterhin als Teil der nationalen Identität. Die großen Regionen besitzen nach wie vor Weltruhm, die Spitzenweine erzielen Höchstpreise, Burgund und Champagne wirken international teilweise begehrter denn je. Und trotzdem verschwindet der Wein aus dem täglichen Leben.
Vor allem der Rotwein.
Das Glas zum Mittagessen, die Karaffe am Abend, der einfache Tischwein zur Jause oder zum Stück Käse – genau diese Kultur stirbt gerade weg. Nicht abrupt, sondern langsam. Fast lautlos. Und damit verschwindet jene soziale Mitte des Weinbaus, auf der jahrhundertelang alles aufgebaut war.
Besonders brutal trifft diese Entwicklung Bordeaux.
Denn Bordelais hat einen Fehler gemacht, der sich nun rächt. Oder präziser: gleich zwei Fehler. Die Spitzenchâteaux, darunter auch lange erschwingliche kleinere Chateaux, wurden für normale Konsumenten zunehmend unerschwinglich. Große Bordeaux verwandelten sich über Jahrzehnte vom ambitionierten Bürgerwein zum globalen Luxusobjekt für Fondsmanager, Sammler und Spekulanten. Dagegen ist wirtschaftlich wenig einzuwenden – die Nachfrage war da, der Markt bezahlte, schuf Raum für Geld und Investitionen. Doch gleichzeitig verlor Bordeaux dadurch seine kulturelle Verankerung den Alltag. Die Region entfernte sich emotional von jener Mittelschicht, die sie einst groß gemacht hatte.
Und darunter blieb zu oft ein Meer belangloser, technisch überarbeiteter, industriell wirkender und industrieller Bordeaux zurück. Genau dort liegt das eigentliche Problem. Denn die Mehrheit der Bordelaiser Winzer produziert keine Premier Grand Crus, sondern einfache Weine. Viele davon verloren über die Jahre jede Form von Charme, Saftigkeit oder Trinkfluss. Überextraktion, zu viel Holz, grüne Tannine, ideenlose Kellertechnik und eine fast bürokratische Vorstellung von Qualität machten zahllose günstige Bordeaux zu Weinen, die zwar korrekt, aber unerquicklich wirkten.
Die französichen Konsumenten (und nicht nur diese) reagierten irgendwann mit Gleichgültigkeit.
Das die eigentliche Tragödie des Bordelais: Die Region wurde gleichzeitig zu teuer und zu langweilig. Der heutige Konsument akzeptiert hohe Preise durchaus – wenn er Emotion, Charakter oder Besonderheit erkennt. Was er immer weniger akzeptiert, sind austauschbare Weine mit großer historischer Geste und wenig unmittelbarer Freude im Glas. Genau deshalb funktionieren heute oft Regionen besser, die früher als Nebenschauplätze galten: Loire, Ätna, Teile Spaniens, ja selbst die neuen Weinregionen Osteuropas.
Interessant ist dabei, dass der Rotweinrückgang keineswegs überall gleich stark stattfindet – wenn überhaupt. In vielen osteuropäischen Ländern bleibt Wein – gerade Rotwein – weiterhin tief im Alltag verankert. Auch in Teilen Lateinamerikas sieht die Entwicklung völlig anders aus. Dort besitzt Wein oft noch mehrheitlich jene soziale Selbstverständlichkeit, die Westeuropa gerade verliert. Man trinkt ihn weniger ideologisch, weniger ritualisiert und häufig auch weniger schuldbeladen. Das spielt eine enorme Rolle, denn Westeuropa hat den Wein in den letzten Jahren mit Diskursen überfrachtet: Gesundheit, Moral, Alkoholpolitik, Identität, soziale Codes. Bier entkommt diesen Debatten bislang leichter. Es wirkt entspannter, unkomplizierter, unmittelbarer. Genau deshalb gewinnt es gerade bei jüngeren Konsumenten Terrain zurück.
Der Weinbau selbst trägt daran Mitschuld. Über Jahrzehnte versuchte man, Wein gleichzeitig luxuriöser, akademischer und regelintensiver zu machen. Verkostungsrituale, Punktesysteme, Fachsprache, Sammlerpreise, limitierte Allokationen – all das erhöhte zwar das Prestige, entfernte Wein aber zunehmend vom Alltag normaler Menschen.
Und genau dieser Alltag war jahrhundertelang seine eigentliche Stärke.
Denn die großen Weinländer Europas lebten nie primär von Ikonenflaschen. Sie lebten von Millionen einfacher, ehrlicher Tischweine. Von Rotwein in Glaskaraffen. Von Dorfwirtschaften. Von Mittagstischen. Von Arbeitern, Bauern, Handwerkern und kleinen Bürgern, die Wein nicht erklärten, sondern tranken. Diese Welt verschwindet gerade.
Das bedeutet allerdings nicht automatisch den Untergang des Weins. Wahrscheinlicher ist eine tiefgreifende Verwandlung. Wein wird seltener, bewusster, hochwertiger und zugleich stärker zum Kultur- und Luxusprodukt. Die riesigen Mengen einfacher Rotweine, die Europa jahrzehntelang prägten, werden dagegen weiter schrumpfen. Frankreich erlebt diesen Wandel nur früher und sichtbarer als andere. Vielleicht auch brutaler, weil kein anderes Land seine Identität derart eng mit Rotwein verknüpft hat.

What comes down must go up – un certain regard von Lenz Moser und mir auf das Tokaj – und auch auf Mosel und Rheingau
(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG / animated pic: rumwayml) Ich habe mit Lenz Moser V (fünf) telefoniert. Die Zahl steht für den fünften Lenz Moser dieser österreichischen Weindynastie, die im internationalen Weinbusiness deswegen bekannt ist, weil Mosers Großvater, also Lenz Moser der Dritte, die „Erziehung“ der Reben im Weingarten in den 1950er-Jahren revolutioniert hatte.
(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG / animated pic: rumwayml)
Ich habe mit Lenz Moser V (fünf) telefoniert. Die Zahl steht für den fünften Lenz Moser dieser österreichischen Weindynastie, die im internationalen Weinbusiness deswegen bekannt ist, weil Mosers Großvater, also Lenz Moser der Dritte, die „Erziehung“ der Reben im Weingarten in den 1950er-Jahren revolutioniert hatte. Die meisten der Weingärten, die wir heute durchwandern oder mit dem Rad durchqueren, sind in Deutschland und Österreich – und auch in vielen französischen und italienischen Weinregionen – nach Mosers „Hochkultur“ angepflanzt. Das bedeutet, dass anstatt 10000 Rebstöcken pro Hektar, wie früher üblich, nur rund 3000 Stöcke im Boden wurzeln, und dass die Reben sich einer Pfahl- und Drahtinstallation folgend ca. 120 bis 140 cm gen Himmel ranken. Das hat die Einzelstock- und Pergolakultur (Überdachung) im Weinbau abgelöst und die Arbeit der Winzer im Weingarten massiv erleichtert. Davor hatten alle im Weinarten Tätigen das, was wir heute als „Rücken“ titulieren – Kreuzschmerzen ohne Ende.
Moser hat mir über seinen neuen Wein erzählt, der demnächst auf den Markt kommt, rund 40 Euro kosten wird und eine Erweiterung seines Grüner-Veltliner-Projekts New Chapter ist: der New Chapter „Elevated“. Das Besondere dieses Bioweins, den Moser gemeinsam mit dem Traisentaler Winzer Markus Huber keltert, ist die Cuvetiierung, denn Moser darf laut dem sehr strengen österreichischem Weingesetz bis zu 15% einer anderen Rebsorte zumischen, ohne dass der Wein am Etikett als Cuvée tituliert werden muss. Manche Weinkritik-Fundamentalisten sehen in dieser Methode eine Verwässerung der Sorte, die den Wein trägt, andere, darunter ich, erkennen aber die Möglichkeiten, die dieses individuelle Keltern mit sich bringt. Moser und Huber haben ihren neuen Grünen Veltliner mit ein paar Fässern Riesling verfeinert – eine wahrlich nicht einfache Cuvée. Doch Moser sagt, dass gerade die im Traisental mit dominierenden Kalkböden, die es am anderen Ufer der Donau, also in den Regionen Wachau, Kremstal, Kamptal und Wagram eher selten gibt, hier den Rebsorten eine feinere, elegantere Basis gibt, sie zu cuvéetieren.
Und dann Ungarn!
Wir haben fast ein Stunde über Ungarn telefoniert, speziell über das Tokaj, wo Lenz Moser für mehre Projekte tätig war und tätig ist. Jenes Tokaj, an welchem auch der abgewählte ungarische Ministerpräsident Victor Orban, einen „Narren gefressen hatte“. Dieser Urwiener Ausdruck heißt übersetzt, dass Orban vernarrt in das Tokaj war. Und das hatte Folgen.
Ich war zwischen 2010 und 2024 vier Mal mit Lenz Moser im Tokaj und habe mit ihm fast alle bedeutenden und auch progressiven Weingüter besucht. Und ich habe mitbekommen, wie viel neue Infrastruktur das System Orban im Tokaj gebaut hat – viel mehr als in anderen Gegenden des Landes. Ich habe aber auch erlebt, dass der weltgewandte Geschäftsführer des mit irre viel Investitionen komplett erneuerten Staatsweinguts Grand Tokaj während unseres Besuchs gemeinsam mit seinem Board über Nacht entlassen und ausgewechselt wurde – am nächsten Morgen, beim nächsten Termin, war er einfach weg, war verschwunden, ging nicht mehr ans Telefon. Und die Personen, die nun das Ruder übernehmen würden, so sagte mir eine Mitarbeiterin, stünden mehr in der Gunst der Regierung in Budapest. Gut: ein Staatsweingut gehört dem Staat. Aber dass hier im Hintergrund auch Partei- und Regierungsinteressen außerhalb des Weinbaus eine Rolle spielten, war augenscheinlich. Staatsweingüter gibt es in Deutschland und Österreich ebenfalls – und sie machen meist eine sehr gute Arbeit. Doch sind auch Staatsweingüter in Deutschland nicht frei von politischen Interventionen. Ein derart krasses Auswechseln des Führungspersonal aber, ist bei uns eher unüblich. Und wenn, dann wird es von den Medien bemerkt und kritisch begleitet. Das war bei Grand Tokaj freilich nicht der Fall.
Lenz Moser engagiert seit ungefähr 2014 auch im Tokaj – er kennt die Region gut und im Detail. Und er ist einer der wenigen Ausländer dort, der der Region zwar mit Liebe, aber auch mit Nüchternheit begegnet. Er weiß ob ihrer Probleme. Und diese Probleme können wir mit jenem des deutschen Weinbaus vielleicht auch nicht gering vergleichen. Das Problem lässt sich in einer Frage zusammenfassen: War das Setzen auf rein trockene Weine ein Irrtum?
Diese Frage lässt sich selbstredend nicht einfach und umfassend beantworten. Aber ich will aus dem Gespräch mit Moser und anderen Winzern im Tokaj – und auch Winzern in Deutschland – eine Zusammenfassung wagen. Zuerst der historische Blick: Noch 1938 gab es in der internationalen Weinwelt – dort, wo Geld zu machen war und die nur aus der US-Ostküste und aus dem United Kingdom bestand – nur drei große Weinnationen. Frankreich (Bordeaux, Burgund und Loire). Deutschland (mit Mosel, Saar und Rheingau). Und Ungarn mit dem Tokajer und geringer auch süffigen Rotweinen aus Weinregion um die Stadt Eger (Eger Stierblut). Italien war weit davon entfernt am Weltweinmarkt mitzumischen. Auch Spanien, Chile, Australien oder das Napa Valley belieferten nur Region und Nation. Das änderte sich mit der Lücke im Weltweinmarkt, die der Mordbrand der Nationalsozialisten und die Planwirtschaft des verheerenden, osteuropäischen Kommunismus hinterließ. Die restsüßen Weine Deutschlands, von Kabinett bis hin zur Trockenbeerenauslese, verloren ihre Märkte. Und die restsüßen ungarischen Tokajer, mit ihrem Büttensystem ähnlich gestaltet wie deutsche Süßweine, wurden auf Masse statt Qualität getrimmt und vom Staat in Staatsweingüter gepresst, wo Qualität keine Bedeutung hatte. Erster Exportmarkt wurde die Sowjetunion, wo sie in der Nomenklatura schon seit der Zarenzeit traditionell dem Tokajer frönten.
Nach der Wende und dem Ende der Planwirtschaft vollzog sich im Weinbau des Tokaj genau jener Wandel, der auch im deutschen Weinbau aus Gründen des Weinskandals von 1985 Platz griff, als in fruchtsüßen Weinen der verbotene Konservierungsstoff Glykol nachgewiesen werden konnte: in den für ihre restsüßen Weine bekannten Regionen wurde der Weinbau, auch auf Verlangen damals junger Konsumenten, auf trockene Weine fokussiert. Und beide Leitreben, Riesling und Furmint, sind dafür prächtig geeignet, wie die trockenen Rieslinge Deutschlands seit etwa 1995 beweisen. Und die trockenen Furmints seit ca. 2005 ebenfalls. Nur: der internationale Absatz funktioniert nicht so, wie er funktionieren sollte. Und das erst recht, seit sich die Generation der Jahrtausendwende-Geborenen mehr und mehr vom Wein abwendet.
Lenz Moser hat dafür eine Erklärung für das Tokaj, die auch für die Mosel und das Rheingau eine gewisse Gültigkeit besitzt: es fehlt den Regionen und auch den Nationen das Bewusstsein der einstigen geschichtlichen Größe. Und auch der Stolz drauf. In Ungarn, so sagt Moser, sogar mehr als in Deutschland, wo der Patriotismus leider immer noch vom Nationalismus ideologisch falsch in die Zange genommen wird. Deswegen will Moser, mit fast 70 Jahren, eine Initiative starten, die dem Export von trockenen wie auch süßen Tokajern eine neue Stimme gibt. Und ich will im Schlusssatz die Behauptung wagen, dass man die junge Generation, zeitgeistig als Generation-Z abgekürzt, mit halbtrockenen Weinen, mit großartigen Kabinettweinen und ebenso halbtrockenen Furmints zurück in die Weinwelt holen könnte. Denn das intellektuelle Projekt rein trockener Weine in Regionen, die für fruchtsüße Weine bekannt waren, das können wir heute erkennen, funktioniert nicht so, wie Winzer und Weinbaupolitiker dachten.

Der Fall Lutzmannsburg. Und staatliche Tester, die im zwanzigsten Jahrhundert leben. Aber nicht im Hier und Heute
(Manfred Klimek) Der Streit um den österreichischen Spitzenwinzer Roland Velich und seinen Lutzmannsburg 2023, der von James Suckling mit 100 Punkten bewertet wurde und dennoch bei amtlichen Prüfern auf Widerstand stieß, wirkt auf den ersten Blick wie eine Randnotiz des Weinbaus. Tatsächlich aber erzählt dieser Fall etwas viel Größeres. Es geht um Macht. Um Deutungshoheit.
(Manfred Klimek)
Der Streit um den österreichischen Spitzenwinzer Roland Velich und seinen Lutzmannsburg 2023, der von James Suckling mit 100 Punkten bewertet wurde und dennoch bei amtlichen Prüfern auf Widerstand stieß, wirkt auf den ersten Blick wie eine Randnotiz des Weinbaus. Tatsächlich aber erzählt dieser Fall etwas viel Größeres. Es geht um Macht. Um Deutungshoheit. Und um jene eigentümliche Behördennomenklatura Mitteleuropas, die sich bis heute weigert zu akzeptieren, dass Qualität nicht mehr ausschließlich von Kommissionen mit jahrzehntealten Rastervorstellungen definiert wird.
Denn natürlich braucht Weinbau Regeln. Niemand will verdorbene oder fehlerhafte Weine unter staatlichen Gütesiegeln sehen. Aber genau hier beginnt das Problem: Wer entscheidet eigentlich, was ein Fehler ist? Und noch wichtiger: Nach welchen kulturellen Vorstellungen wird das entschieden?
Roland Velich gehört seit Jahren zu den international höchstbewerteten Winzern Österreichs. Seine Blaufränkisch-Weine aus Lutzmannsburg erhalten regelmäßig Spitzenbewertungen bei Parker und James Suckling und zählen weltweit zu den wichtigsten Aushängeschildern des österreichischen Weinbaus. Genau deshalb wirkt der aktuelle Konflikt so irritierend. Denn hier geht es nicht um irgendeinen Außenseiterbetrieb oder um dilettantischen Naturweinaktivismus. Hier gerät ein Produzent unter Druck, dessen Weine global längst zur Spitze zählen.
Die internationale Weinwelt hat sich in den letzten zwanzig Jahren radikal verändert. Säurebetonte Stilistiken, spontane Vergärung, reduktive Ausbauweisen, minimale Eingriffe, oxidative Nuancen oder bewusst kantige Aromatik gelten heute vielerorts nicht mehr als Mangel, sondern als Ausdruck von Herkunft und Handschrift. Gleichzeitig sitzen in manchen amtlichen Verkostungskommissionen weiterhin Personen, deren sensorische Sozialisation aus einer Zeit stammt, in der Wein vor allem „sauber“, gefällig und normiert zu sein hatte.
Das Resultat ist unerquicklich.
Weine, die in London, New York oder Kopenhagen gefeiert werden, scheitern plötzlich an nationalen Prüfstellen. Und zwar nicht selten deshalb, weil sie nicht in ein sensorisches Formular aus dem späten 20. Jahrhundert passen. Genau darüber sprechen inzwischen immer mehr Winzer offen – auch weil der wirtschaftliche Schaden erheblich sein kann. Ein international begehrter Wein ohne staatliches Prüfsiegel wirkt nicht nur im eigenen Land plötzlich wie ein Außenseiterprodukt.
Dabei ist dieses kultur- und geschäftsschädigende Problem keineswegs auf Österreich beschränkt. Deutschland kennt diese Konflikte ebenso seit Jahren – wenn auch in geringerer Zahl. Auch dort existiert ein tief verwurzelter Apparat aus Prüfnummern, Kommissionen und Verkostungsgremien, deren Selbstverständnis oft noch aus einer Zeit stammt, als Behörden glaubten, Geschmack administrieren zu können.
Der deutsche Weinbau leidet ohnehin unter einer fast chronischen Überbürokratisierung. Kaum ein anderes großes Weinland reguliert, klassifiziert, prüft, kontrolliert und normiert mit vergleichbarer Leidenschaft. Vieles davon entstand ursprünglich aus nachvollziehbaren Gründen: Verbraucherschutz, Herkunftssicherung, Qualitätsgarantie. Doch wie so oft in Deutschland entwickelte sich aus vernünftiger Ordnungsliebe ein eigener Verwaltungsorganismus, der irgendwann begann, sich selbst wichtiger zu nehmen als jene Menschen, für die er ursprünglich geschaffen wurde. Das Resultat ist ein Weinbau, der vielerorts gegen internationale Konkurrenz kämpft und zugleich permanent mit Formularen, Prüfrastern und Behördenmentalitäten beschäftigt ist.
Und genau deshalb ist die politische Ebene interessant.
In Österreich sitzt mit Sepp Schellhorn inzwischen ein Mann in Regierungsverantwortung, der Gastronomie und Kulinarik nicht bloß theoretisch kennt, sondern aus dem täglichen Betrieb versteht. Man muss nicht jede politische Position Schellhorns teilen, um anzuerkennen, dass hier zumindest jemand spricht, der die Realität von Restaurants, Produzenten und Gästen tatsächlich erlebt hat.
Deutschland dagegen leistet sich mit Bundestagspräsidentin Julia Klöckner ausgerechnet eine ehemalige Deutsche Weinkönigin als einst auch politische Figur rund um Landwirtschaft und Wein – ohne dass sich daraus jemals ein spürbarer kulturpolitischer Aufbruch für den Weinbau ergeben hätte. Das ist fast tragikomisch.
Gerade der Weinbau hätte aber heute politische Stimmen nötig, die verstehen, dass sich Qualität nicht mehr ausschließlich in amtlichen Verkostungsprotokollen erschöpft. Die Welt des Geschmacks ist offener, internationaler und pluralistischer geworden. Junge Konsumenten interessieren sich längst weniger für staatliche Prüfnummern als für Herkunft, Glaubwürdigkeit und Persönlichkeit.
Das bedeutet nicht, dass jede modische Fehlgärung plötzlich zum Kulturgut erklärt werden muss. Natürlich gibt es auch schlechte Weine, unsaubere Kellerarbeit und sensorischen Unsinn. Aber genau deshalb braucht es Prüfer mit Neugier statt bloß Routine. Menschen, die Entwicklungen verstehen wollen, statt sie reflexhaft abzulehnen.
Denn der eigentliche Skandal liegt nicht darin, dass ein Wein einmal durchfällt. Der eigentliche Skandal liegt darin, wenn staatliche Systeme beginnen, ästhetische Entwicklungen systematisch zu bremsen, weil ihre Institutionen geistig in einer anderen Epoche verharren.
Und anzunehmend zeigt sich gerade in der Weinkontrolle etwas sehr Mitteleuropäisches: die tiefe Angst vor Kontrollverlust. Große Weinländer wie Frankreich oder Italien leben oft chaotischer, widersprüchlicher, manchmal auch riskanter. Deutschland und Österreich hingegen vertrauen traditionell auf Kommissionen, Stempel und Genehmigungen.
Das funktioniert hervorragend, solange die Welt stillsteht.
Nur steht sie eben nicht mehr still.

Verlieren wir Sauternes? Über die ewig anhaltende Absatzkrise in der berühmtesten Süßweinregion der Welt
(Manfred Klimek) Es gibt im Weinbau Katastrophen, die stattfinden, weil Klima, Wetter, Ungezifer und Politik sie verursachen: Frost, Hagel, Reblaus, Krieg. Und dann gibt es Niedergänge, die fast geräuschlos verlaufen. Niemand demonstriert dagegen, niemand schreibt Manifeste, niemand klebt sich an Weinfässer. Die Flaschen bleiben einfach liegen. Jahr für Jahr ein wenig länger. Bis irgendwann klar
(Manfred Klimek)
Es gibt im Weinbau Katastrophen, die stattfinden, weil Klima, Wetter, Ungezifer und Politik sie verursachen: Frost, Hagel, Reblaus, Krieg. Und dann gibt es Niedergänge, die fast geräuschlos verlaufen. Niemand demonstriert dagegen, niemand schreibt Manifeste, niemand klebt sich an Weinfässer. Die Flaschen bleiben einfach liegen. Jahr für Jahr ein wenig länger. Bis irgendwann klar wird, dass hier nicht bloß ein Markt schrumpft, sondern eine ganze Kulturtechnik verschwindet.
Genau das geschieht derzeit mit den großen Süßweinen aus Sauternes.
Jenen Weinen also, die gemeinsam mit Tokaj über Jahrhunderte zum Kostbarsten gehörten, das der europäische Weinbau hervorbringen konnte. Flüssiges Gold, von Königen verehrt, von Zaren gesammelt, von Schriftstellern beschrieben und von reichen Bürgern wie liturgische Objekte behandelt. Heute bekommt man gereifte Flaschen dieser Weine teilweise zu Preisen, die im Verhältnis zu ihrer Qualität beinahe absurd wirken – wie ein Witz. Und Château Yquem konnte vom Price-Race der letzten dreißig Jahre kaum profitieren. Die Kunden sterben weg, neue Klientel interessiert sich genau null für Weine aus dem Sauternes. Wer etwa beim Händler Alpina stöbert, findet alte Jahrgänge großer Sauternes oft günstiger als mittelmäßige Jungweine aus modischen Naturweinregionen.
Und trotzdem kauft sie kaum jemand.
Besonders tragisch ist das bei Gütern wie Château Suduiraut oder Château Doisy-Daëne. Suduiraut zählt seit Jahrzehnten zu den größten Süßweinadressen der Welt: monumental, komplex, beinahe unsterblich. Ein Wein, der easy über fünfzig Jahre altern kann, ohne auch nur den Hauch von Müdigkeit zu zeigen. Doisy-Daëne wiederum besitzt jene aristokratische Eleganz, die man früher „Upper Class“ nannte, ohne Ironie und ohne Scham. Weniger wuchtig als Suduiraut, aber oft berührender. Weine voller Safran, kandierter Zitrusfrüchte, Marille, Honig, Rauch und jenes kaum beschreibbaren Schimmers, den nur die Edelfäule Botrytis hervorbringen kann.
Denn die Wahrheit ist brutal: Diese großen Süßweine verkaufen sich nur noch in Mengen, die für die wirtschaftliche Realität moderner Spitzenweingüter kaum ausreichen. Die Folgen sieht man längst. Immer mehr Châteaux in Sauternes reduzieren ihre Süßweinproduktion massiv oder keltern zusätzlich trockene Weißweine. Manche davon sind hervorragend. Suduiraut etwa macht inzwischen bemerkenswert präzise trockene Bordeaux blancs. Doch die strategische Richtung dahinter ist offensichtlich: Man versucht zu überleben.
Denn die Süßweine bleiben liegen wie Blei.
Die Gründe dafür sind erstaunlich schwer exakt zu benennen. Sicher: Die Welt isst und trinkt heute anders. Weniger schwere Menüs, weniger große Tafeln, weniger opulente Desserts. Das Ritual des Süßweins nach dem Essen verschwand fast vollständig. Dazu kommt die neue Alkoholvorsicht der Gegenwart, in der schon ein Glas Wein moralisch diskutiert wird, ein konzentrierter Sauternes, oft mit 14% Alkohol, erst recht.
Aber das erklärt den Niedergang nur teilweise.
Denn parallel dazu boomt Zucker in fast allen anderen Bereichen des Konsums weiterhin brutal. Softdrinks, Patisserie, Eiscreme, Bubble Tea oder Energy Drinks kämpfen nicht ums Überleben. Das Problem scheint also weniger der Zucker selbst zu sein als die kulturelle Codierung dieser Weine. Sauternes wirkt für viele junge Konsumenten wie ein Getränk aus einer verschwundenen Welt. Aus einer Welt der Silberlöffel, Jagdgesellschaften und schweren Vorhänge.
Doch diese Weine waren nie bloß süß. Große Sauternes balancieren ihre Süße mit Säure, Bitterkeit, Gewürz und einer fast schneidenden Frische. Sie gehören technisch zu den kompliziertesten Weinen überhaupt. Die Erzeugung ist hochriskant. Botrytis funktioniert nur unter ganz bestimmten klimatischen Bedingungen. Die Trauben werden oft in mehreren Lesedurchgängen von Hand gelesen, Beere für Beere selektioniert. Der Ertrag ist minimal, die Gefahr des Totalverlustes enorm.
Auch im Tokaj sieht es inzwischen düster aus. Dort versuchte man über Jahre, trockene Weine als Zukunftsmodell zu etablieren, weil die klassischen Aszú-Weine immer schwieriger verkäuflich wurden. Teilweise mit Erfolg. Doch auch dort zeigt sich inzwischen: Die jahrhundertealte Kultur der großen Süßweine trägt ökonomisch nicht mehr zuverlässig.
Was wir derzeit erleben, ist daher womöglich mehr als ein bloßer Geschmackswandel. Es ist die langsame Verabschiedung einer europäischen Luxusidee, die über Jahrhunderte selbstverständlich war: dass Geduld, Komplexität, Alterungsfähigkeit und Überfluss eigene kulturelle Werte darstellen.
Die Süßweine aus Sauternes oder Tokaj passen nicht mehr recht in eine Zeit permanenter Beschleunigung. Sie verlangen Ruhe. Aufmerksamkeit. Langsamkeit. Wahrscheinlich werden diese Weine nie ganz verschwinden. Zu groß ist ihre Geschichte, zu einzigartig ihre Stilistik. Aber sie könnten zu etwas werden, das noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbar schien: zu einer kleinen, beinahe archäologischen Randkultur innerhalb des großen Weinbaus.
Und das wäre ein Verlust, weit über Bordeaux und Ungarn hinaus.

Orbit ohne Obauers: Eines der legendärsten Restaurants des Alpenraums schließt. Nach 47 Jahren. Und für immer
(Manfred Kimek / Claude Auguste / Redaktion / animated pic: ORF, runwayml) Restaurants schließen, weil das Geld fehlt. Andere schließen, weil die Kinder nicht übernehmen wollen – oder es gar keine Kinder gibt. Wieder andere verschwinden, weil die Zeit über sie hinweggeht. Und dann gibt es die Obauers in Werfen. Ein Restaurant, das nach 47
(Manfred Kimek / Claude Auguste / Redaktion / animated pic: ORF, runwayml)
Restaurants schließen, weil das Geld fehlt. Andere schließen, weil die Kinder nicht übernehmen wollen – oder es gar keine Kinder gibt. Wieder andere verschwinden, weil die Zeit über sie hinweggeht. Und dann gibt es die Obauers in Werfen. Ein Restaurant, das nach 47 Jahren zusperrt, obwohl es wirtschaftlich funktioniert, obwohl die Gäste weiterhin kommen würden und obwohl sein Ruf weit über Österreich hinausreicht. Ein Schlussstrich – einfach nur, weil das Rentenalter erreicht ist. Sowas ist selten geworden, einen etablierten Brand einfach aufzugeben. Und gerade deshalb erzählt diese Schließung mehr über die Gegenwart der Spitzengastronomie als viele Branchenanalysen.
Denn die Obauers waren nie bloß ein Restaurant. Sie waren ein eigener Kosmos.
Wer über fast fünf Jahrzehnte in der österreichischen und süddeutschen Gastronomie unterwegs war, kannte diesen Ort. Nicht als modische Adresse, nicht als Zirkusspektakel, sondern als Fixpunkt. Während andere Häuser sich alle paar Jahre neu erfanden, blieb man in Werfen bei sich selbst. Und genau das machte die Größe des Hauses aus.
Karl und Rudi Obauer hielten dort fast ein halbes Jahrhundert lang einen Betrieb zusammen – als Geschwister. Schon das alleine grenzt an ein Wunder. In der Gastronomie zerbrechen Familien oft an weit weniger als an 47 Jahren Hochdruckbetrieb, Festspielgästen, internationalen Erwartungen, Personalsorgen, wirtschaftlichen Krisen und der täglichen Frage, ob am Abend wieder alles funktionieren wird.
Bei den Obauers funktionierte es.
Nicht immer geschniegelt; gschniegelt musste es dort auch nie sein. Aber präzise. Mit einem enormen Instinkt für Gastlichkeit und einem Selbstverständnis, das sich nie anbiedern musste. Man fuhr nicht nach Werfen, um Teil eines gastronomischen Hypes zu sein. Man fuhr dorthin, weil man wusste, dass dort gekocht wurde wie an kaum einem zweiten Ort im voralpinen Raum.
Und zwar erstaunlich früh modern.
Lange bevor alpine Küche zum internationalen Schlagwort wurde, arbeiteten die Obauers bereits mit jener Mischung aus regionaler Tiefe und asiatischer Präzision, die später viele kopierten. Wer heute in den Bergen fermentierte Gemüsejus, klare Säuren oder reduzierte Produktküche feiert, vergisst oft, dass die Obauers damit bereits arbeiteten, als anderswo noch schwere Rahmsaucen als Höhepunkt der Raffinesse galten. Vielleicht war nur Bouley in Ravensburg ähnlich früh in dieser Verbindung aus Alpenraum und asiatischer Klarheit.
Dazu kam die eigenartige soziale Mischung dieses Restaurants. Salzburger Festspielgäste saßen dort neben Unternehmern aus Bayern, Schauspieler neben Skiindustriellen, internationale Weintrinker neben diskreten Stammgästen aus Salzburg, München oder selbst Stuttgart. Gerard Mortier oder Theatergrößen jüngerer Generationen fühlten sich dort gleichermaßen wohl, weil das Haus nie diesen unangenehmen Luxusgestus entwickelte, der viele Spitzenrestaurants irgendwann befällt.
Und dann dieser Keller.
Nicht riesig. Nie protzig. Kein Spektakel des Etikettenwahnsinns. Sondern ein Keller mit Intelligenz. Einer jener seltenen Weinkeller, die nicht beeindrucken wollen, sondern funktionieren. Große Burgunder, gereifte Bordeaux, präzise Österreich-Auswahl, starke deutsche Rieslinge, dazu immer wieder Überraschungen aus Randzonen des Weinbaus. Vor allem aber war der Keller hervorragend geführt.
Die Sommeliers der Obauers gehörten über Jahrzehnte zu den besten des Landes, gerade weil sie keine Selbstdarsteller waren. Keine Weinprediger. Keine Flascheninfluencer avant la lettre. Sie verstanden etwas, das in vielen Spitzenrestaurants verloren ging: Der Wein dient dem Abend und nicht dem Ego des Sommeliers. Deshalb funktionierten dort auch große Flaschen oft so selbstverständlich. Man bekam sie ohne Theater. Ohne Bildungsbürgerzeremonie. Ohne dauernde Erklärung der eigenen Wichtigkeit. Das Haus hatte Stil, aber nie Stilbewusstsein im schlechten Sinn.
Und jetzt also Schluss.
Keine Nachfolger. Kein Verkauf an Investoren. Kein „kulinarisches Konzept für die Zukunft“. Einfach Ende. Das wirkt in einer Zeit permanenter Markenverlängerung fast radikal. Denn heute wird alles weitergeführt: Hotels, Labels, Namen, Küchen, selbst tote Köche existieren noch als Lizenzmodelle. Die Obauers hingegen hören einfach auf. Punkt.
Punkt!
Nicht jede Legende muss künstlich konserviert werden. Manche dürfen einfach enden. Diese Legende endet am 26. Oktober 2026.
Sharing is Caring: Warum fast alle deutschen Winzer Social Media so gar nicht verstehen
(Manfred Klimek / Redaktion) Die deutschen Winzer haben das Internet verstanden. Und genau das ist ihr Problem. Denn Social Media ist eben nicht das Internet der frühen 2000er-Jahre. Nicht mehr Homepage, Newsletter, PDF-Preisliste und sauber ausformulierte Betriebsphilosophie. Social Media ist kein digitaler Messestand. Kein verlängertes PR-Büro. Kein Weinführer in Bewegung. Social Media ist etwas viel
(Manfred Klimek / Redaktion)
Die deutschen Winzer haben das Internet verstanden. Und genau das ist ihr Problem.
Denn Social Media ist eben nicht das Internet der frühen 2000er-Jahre. Nicht mehr Homepage, Newsletter, PDF-Preisliste und sauber ausformulierte Betriebsphilosophie. Social Media ist kein digitaler Messestand. Kein verlängertes PR-Büro. Kein Weinführer in Bewegung. Social Media ist etwas viel Chaotischeres, Widersprüchlicheres, Emotionaleres. Und genau daran scheitern erstaunlich viele deutsche Weingüter bis heute.
Dabei sind inzwischen fünfundzwanzig Jahre vergangen, seit diese Kommunikationsform in die Welt krachte wie einst das Privatfernsehen. Und trotzdem wirkt ein großer Teil des deutschen Weinbaus dort noch immer wie ein sehr guter Steuerberater auf einer Studentenparty.
Das beginnt schon bei der Grundfrage: Was ist Social Media überhaupt?
Viele größere Betriebe glauben noch immer, es handle sich um eine Art technisch optimierbares Informationssystem. Also engagiert man Agenturen, Markenberater, Reichweitenexperten, KPI-Verwalter und Contentstrategen. Dann entstehen perfekt ausgeleuchtete Bilder mit perfekt drapierten Gläsern und perfekt formulierten Texten über „Vision“, „Nachhaltigkeit“, „Werte“ und „Authentizität“. Das Problem ist nur: Niemand interessiert sich dafür.
Ich beobachte seit einiger Zeit einen durchaus renommierten Betrieb an der Mosel, dessen Namen ich bewusst nicht nennen möchte. Dort wurde offenbar sehr viel Geld in ein modernes Social-Media-Konzept investiert. Zielgruppe: junge Menschen zwischen Lifestyle, Kulinarik und Urbanität, also genau jene Generation, die dem Wein zunehmend entgleitet. Alles wirkt auf den ersten Blick professionell. Die Bildsprache stimmt. Die Farbwelt stimmt. Die Texte wirken durchdacht. Wahrscheinlich existieren dort sogar Excel-Tabellen über Posting-Frequenzen und Reichweitenkorridore.
Und dann schaut man auf die Likes. Und merkt: Das Publikum reagiert kaum.
Warum? Weil Social Media keine Einbahnstraße ist. Und schon gar keine wissenschaftliche Disziplin. Social Media funktioniert nicht wie Markenführung im Jahr 1998. Die sozialen Netzwerke folgen nicht der Logik klassischer Werbung, sondern der Logik sozialer Dynamik. Das klingt banal, wird aber von erstaunlich vielen Weinbetrieben bis heute nicht verstanden.
Der zentrale Begriff lautet: Teilnahme. Und genau hier versagt die Branche oft spektakulär.
Viele Winzer verwenden Instagram oder Facebook ausschließlich zur Selbstsendung. Flasche. Keller. Sonnenuntergang. Traktor. Weinberg. Messefoto. Punkt. Was fast völlig fehlt, ist Interaktion. Und noch stärker fehlt etwas, das im angelsächsischen Raum längst selbstverständlich ist: „Sharing is Caring“.
Das bedeutet ganz simpel: Andere sichtbar machen. Andere Winzer liken. Sommeliers teilen. Händler erwähnen. Gäste reposten. Kleine Erfolge anderer feiern. Gute Flaschen anderer Betriebe zeigen. Ein Netzwerk erzeugen. Atmosphäre schaffen. Gemeinschaft simulieren oder tatsächlich leben.
Genau das passiert im deutschen Weinbau erstaunlich selten.
Vielleicht liegt das auch an einer kulturellen Eigenheit. Der deutsche Qualitätsweinbau war jahrzehntelang stark hierarchisch organisiert: Punkte, Führer, Ranglisten, Autoritäten. Man blickte eher nach oben als zur Seite. Kollegiale Öffentlichkeit entstand kaum. Viele Betriebe verstehen Social Media deshalb bis heute wie eine digitale Litfaßsäule: Man sendet. Die anderen sollen konsumieren. Doch Social Media belohnt nicht Kontrolle, sondern Energie. Nicht Ordnung, sondern Bewegung. Nicht Perfektion, sondern Anschlussfähigkeit.
Die erfolgreichsten Weinaccounts weltweit zeigen das längst. Dort wird improvisiert, kommentiert, gelacht, gestritten, gekocht, geöffnet, geteilt. Da tauchen Hunde auf, schiefe Videos, spontane Verkostungen, dumme Momente, Müdigkeit nach der Lese, kleine Euphorien, auch mal schlechte Laune. Kurz: Persönlichkeit.
Und genau daran fehlt es vielen deutschen Betrieben. Nicht wegen mangelnder Intelligenz. Sondern weil sie Social Media mit Unternehmenskommunikation verwechseln. Das ist übrigens kein rein deutsches Problem. Aber in Deutschland wirkt es besonders ausgeprägt, weil hier vieles sofort professionalisiert, organisiert und vermessen wird. Kaum entsteht eine neue Kommunikationsform, kommt jemand mit Statistik, Strategiepapier und Effizienzmodell. Das mag in der Industrie hervorragend funktionieren. In sozialen Netzwerken oft nicht. Denn Social Media bleibt trotz aller Algorithmen bis heute ein erstaunlich anarchischer Raum. Menschen reagieren dort nicht primär auf Perfektion, sondern auf Resonanz. Sie wollen keine sterile Markenwelt betreten. Sie wollen spüren, dass hinter einem Betrieb echte Menschen stehen.
Das ist das Missverständnis der Branche: Wein ist eines der emotionalsten Kulturprodukte überhaupt. Aber seine digitale Kommunikation gehört oft zum emotionsärmsten, kontrolliertesten und vorhersehbarsten Material der gesamten Genussindustrie. Dabei wäre gerade Wein ideal für soziale Netzwerke. Geschichten, Reisen, Menschen, Essen, Missgeschicke, Freundschaften, Jahrgänge, Streit, Euphorie, Erschöpfung, Wetter, Musik, Architektur, Nächte – all das steckt ja bereits im Produkt.
Sie müssten nur endlich aufhören, Social Media wie eine PowerPoint-Präsentation zu behandeln.
