spit on my grave
aber bitte Wein. Fünf Weine, sich die Apokalypse schönzutrinken.
15. Mai 25, Klimek. Die Welt ist ein Saustall! Und keiner mistet aus. Es brennt. Im Nahen Osten, in der Ukraine, in den USA, in den Medien. Das Klima ist ein Totalschaden, die Börse ein Glücksspiel, und in Berlin regiert bald eine Schuldenkoalition, die sich bemühen wird, das Richtige zu tun – Schwerpunkt auf Bemühen. Das Einzige, was uns dieser Tage bleibt, ist das Glas in der Hand.
DEUtschbahn
Den Spies dreht keiner um – die DB und ihr einzig schöner Moment!
16 Mai 25 Klimek. Ich bin mit dem Zug nach Rheinhessen gefahren. Vor Wein-Achten. Mit dem Zug nach Rheinhessen zu fahren heißt in 95% der Fälle mit der DB fahren zu müssen: jenem Konzern, der es seit 2003 ca schafft, mein Nervenkostüm zu zerschneiden, ohne daraus ein neues, besseres Nervenkleid schneidern zu können – ganz im Gegenteil.

Best of Bodensee: die WELT am SONNTAG Kolumne von letztem Sonntag
(Manfed Klimek / animated pic: runwayml) Die Region Bodensee ist kein klassisches deutsches Weinbaugebiet, sondern ein geologisch-klimatisches Zukunftsversprechen, das jetzt von sich zu erzählen beginnt – Grund: der Klimawandel. Geformt von Gletschern, die sich zurückzogen und eine Landschaft aus Moränen und schweren, oft fetten Böden hinterließen, wirkt diese in Deutschland als Weinbaugebiet weithin leider unbekannte
(Manfed Klimek / animated pic: runwayml)
Die Region Bodensee ist kein klassisches deutsches Weinbaugebiet, sondern ein geologisch-klimatisches Zukunftsversprechen, das jetzt von sich zu erzählen beginnt – Grund: der Klimawandel. Geformt von Gletschern, die sich zurückzogen und eine Landschaft aus Moränen und schweren, oft fetten Böden hinterließen, wirkt diese in Deutschland als Weinbaugebiet weithin leider unbekannte Region als Anbaugebiet des Aufbruchs – und Aufbruch ist das, was dem deutschen Wein gerade fehlt. Die Weine, die ich getrunken habe, sind kühl, fast kristallin in ihrer Aromatik, obwohl sie auf üppigen Böden wachsen. Rebsorten treten einen Schritt zurück, das Aroma wird gezügelt, die Lagen sollen Bände sprechen. Zwölf Weingüter formieren sich derzeit zu einer Art Gebietsunion – ein erster und gelungener Versuch, dem Bodensee eine klarere Identität zu geben.
Schon beim Sekt wird deutlich, wohin die Reise geht. Der Sprudeldicke Dirn vom Weingut Deufel (€ 17,50) zeigt eine beeindruckende Nase: Nuss, reife Stachelbeere, ein Hauch Ananas und eine leicht morbide Note, die an große Champagner erinnert. Am Gaumen kann er dieses Versprechen nicht ganz halten, bleibt aber dicht dran – getragen vom Hefelager der Johanniter-Traube. Der Lindauer Sekt vom Weingut Haug (Souvignier Gris, € 22,00) setzt einen anderen Akzent: barocker, mit mehr Apfel und Birne, etwas rauer, weniger präzise, aber mit eigenem Charakter.
Der Müller-Thurgau Drumlin 2024 vom Weingut Schmidt (€ 25,00) überrascht mit Kühle und mineralischer Strenge. Die Aromatik ist eigenwillig, fast traminerhaft, mit einer leicht süßlichen Note, die an Werthers Echte erinnert, im Mund dann mittlerer Druck und klare Kontur. Ähnlich kühl zeigt sich der Sauvignon Blanc 2024 (€ 16,90) vom Weingut Hendriks, der mit einer leicht irritierenden, urbanen Note spielt – wie der erste Schritt in einen Berliner Club, noch bevor sich die Sinne sortieren.
Bei den Cuvées aus pilzwiderstandsfähigen Sorten zeigt sich die Zukunft der Region. Das Weingut Lanz in Nonnenhorn verbindet Johanniter und Souvignier Gris (Bayrischer Bodensee weiß 2023, € 15,50) zu einem Wein, der mit Walnussschalen, Quitte und einem Hauch exotischer Frucht spielt. Fleischig, aber nicht schwer, eher eine kontrollierte Opulenz.
Der Chardonnay Nonnenhorner Seehalde 2023 vom Weingut Kurek (€ 35,00) ist ein erster echter Höhepunkt. Straff, mit elegantem Holzeinsatz, erinnert er an große internationale Vorbilder der 1990er-Jahre, ohne deren Schwere zu übernehmen. Ganz anders der Solaris Soho 2023 von Deufel (€ 28,00): eine expressive Nase, exotisch, fast überbordend, das Holz perfekt gesetzt, doch im Detail mit dem Gefühl, dass diese Rebsorte hier noch mehr zeigen kann.
Die klassischen Burgundersorten liefern schließlich die überzeugendsten Argumente für die Region. Der Weißburgunder Ortslage 2023 vom Weingut Schmidt (€ 19,00) brilliert mit einem präzisen Barriqueeinsatz und Karamellnoten, bleibt dabei aber kühl, steinig und klar. Auch die Chardonnays vom Seehaldenhof zeigen diese Balance: Die Seehalde 2021 (€ 44,90) mit spürbarem Gerbstoff aus der Fläche, der Sonnenbichl 2022 (€ 47,00) etwas runder, mit schöner Holznote und einem Anflug von Popcorn, ohne ins Breite zu kippen.
Bei den Spätburgundern wird die kühle, geschmacklich bekömmliche Handschrift des Bodensees erneut sichtbar. Hendriks’ Seehalde 2022 (noch nicht am Markt) überzeugt mit einer nahezu perfekten Nase, leicht buttrig-laktisch, dabei kühl, fruchtig und durch das Holz präzise geführt – ein schlanker, sehr deutscher Pinot mit subtiler Campari-Bitterkeit. Der Jahrgang 2021 (€ 23,00) geht noch einen Schritt weiter: Sauerkirsche, Pilz, Waldboden, feuchte Tiefe. Haug bringt mit dem Ringoldsberg 2022 (€ 30,00) einen knorrigeren, fast archaischen Spätburgunder ins Spiel, geprägt von Maische, Trebern und feinem Holz, während Gierer in der Seehalde 2022 (€ 30,00) eine verführerische Karamellnase zeigt, die im Mund jedoch nicht ganz die gleiche Dichte erreicht.

Summa summarum: Wer ist eigentlich dieser Alois Lageder?
(Manfred Klimek / animated pic: runwayml) Alois Lageder ist ein Mann, den man in Südtirol auch außerhalb der Weinwelt als eine jahrelang gesellschaftpoltische Person kennt. Südtirol, ohnehin eine Region zwischen den Ethnien und Situationen, hat in Lageder früh jemand Wichtigen gefunden, der diese Zwischenräume nicht als Problem verstand, sondern als Möglichkeit. Ich habe Alois Lageder
(Manfred Klimek / animated pic: runwayml)
Alois Lageder ist ein Mann, den man in Südtirol auch außerhalb der Weinwelt als eine jahrelang gesellschaftpoltische Person kennt. Südtirol, ohnehin eine Region zwischen den Ethnien und Situationen, hat in Lageder früh jemand Wichtigen gefunden, der diese Zwischenräume nicht als Problem verstand, sondern als Möglichkeit.
Ich habe Alois Lageder Ende der 1980er-Jahre nicht wegen seiner Weine kennengelernt. Ich war damals für eine Politreportage in Südtirol, es ging um das Wiedererstarken ultrarechter, deutschnationaler Kräfte im Schatten der ersten Erfolge der österreichischen FPÖ. Zwanzig Jahre nach den letzten Bombenattentaten der Tiroler Freiheitsbewegung war die Stimmung im Lande wieder angespannt, das Verhältnis zwischen den Sprachgruppen erneut sehr fragil. Vieles wirkte wie auf Wiedervorlage des Ethnienkonflikts gelegt.
Und dann, mitten in dieser Reportage, dieser Besuch bei Lageder. Kein Gespräch über Politik, zumindest nicht im engeren Sinn. Sondern ein Rundgang durch einen gerade erworbenen, halb verfallenen Tiroler Ansitz. Und dort, fast beiläufig, die Präsentation einer Idee: Löwengang. Damals mal nur den Rotwein (den ich seit Jahren wegen dieses Erlebens treu bleibe). International gedacht. Aber nicht als Abkehr, sondern als Erweiterung. Lageder war sich sicher, dass sich in Südirol etwas verschiebt. Dass wirtschaftliches Zusammenwachsen im Land auch gesellschaftliche Spannungen befriedet. Eine Zuversicht, die in dieser Zeit alles andere als selbstverständlich war. Und Alois Lageder hatte recht.
Heute wirkt vieles davon eingelöst. Südtirol ist wirtschaftlich stabil, mehrsprachig selbstverständlich geworden, international vernetzt. Lageder hat diesen Weg nicht nur begleitet, sondern in seiner Branche, über die Branche hinaus, geprägt. Der Betrieb in Margreid (mit der Osteria und Vinothek “Paradeis” – ein echtes Paradies) gehört zu den ersten in dieser önologisch spannend gewordenen Region, der konsequent biodynamisch arbeiten. Nicht als greenwashing freilich, sondern als System. Weinbau als Kreislauf, als landwirtschaftliche Gesamtheit, in der Reben, Tiere und Böden zusammen gedacht werden.
Die Weine tragen diese Arbeitsweise, ohne sie vor sich herzutragen. Der Löwengang ist geblieben, mittlerweile in mehreren Varianten. Der Chardonnay gehört zu den bekanntesten Interpretationen der Sorte in Italien, mit Substanz, aber ohne Übertreibung. Der Cabernet Löwengang zeigt, wie diese internationale Rebsorte hier eine eigene Form finden können, ohne ihre Herkunft als Qualitätsrebe für Massen zu verleugnen.
Daneben stehen Weine, die stärker aus der Region heraus gedacht sind. Der Terra Alpina Pinot Grigio, oft unterschätzt, weil er zugänglich ist, dabei präzise und klar. Der Porer Pinot Grigio, der zeigt, was diese Sorte jenseits von Beliebigkeit leisten kann. Und schließlich der Casòn Bianco (Rebsorten; Viognier, Petit Marsanne, Rousanne, Marsanne, Semillon und Assyrtiko), eine Cuvée, die sich jeder schnellen Einordnung entzieht und genau darin so extrem spannend bleibt.
Heute wird das Weingut von Alois Lageders Sohn, Alois Clemens Lageder, geführt. Der Übergang verlief ohne Bruch, was bei dem umsichtig gefühten Betrieb auch kein Wunder ist. Die Richtung bleibt, die Entscheidungen werden weiterentwickelt. Man merkt, dass hier kein abgeschlossenes Modell verwaltet wird, sondern ein offenes System weiterläuft.
Einmal im Jahr wird dieses System auch nach außen geöffnet. SUMMA heißt die kleine Weinmesse, die Lageder organisiert, zeitlich parallel zur Vinitaly in Verona, aber in einer völlig anderen Dimension. Keine Großveranstaltung, kein Messetrubel, sondern ein konzentriertes Treffen von Winzern, die ein ähnliches Verständnis von Wein teilen. Hier stehen Flaschen, die man sonst selten nebeneinander findet. Hier wird probiert, diskutiert, verglichen. Hier wird Wein gedacht, wie es der philosophisch talentierte Alois Lageder einst andachte.
SUMMA ist damit mehr als nur eine eine weitere Weinmsse-Veranstaltung. Es ist eine Verdichtung dessen, was Lageder über Jahrzehnte aufgebaut hat: ein Netzwerk, eine Idee von Weinbau, eine Art, miteinander umzugehen. Man trifft dort Winzer aus Frankreich, Österreich, Deutschland, Italien, die sich nicht über Marktanteile definieren, sondern über ihre Arbeit.
Wenn man heute auf Lageder schaut, sieht man keinen einzelnen Wein, kein einzelnes Projekt, sondern ein Gefüge. Ein Weingut, das sich über Jahre hinweg verändert hat, ohne sich neu erfinden zu müssen, indem es sich immer neu erfindet. Giovanni di Lampedusa lässt grüßen. Eine Region, einst so richtig gespalten in seine Ethnien und Täler wuchs zusammen und stellt ein internationales Beispiel für den Erfolg auch poltisch schwieriger Regionen dar. Das wäre heute, in Zeiten des Social-Media-Hass nicht mehr möglich.

Vier Weißweine, die vor 50 Jahren angesagt waren. Was wurde aus den Top-Weißen der 1970er?
(Claude Auguste / animated pic: runwayml) Es gab einmal eine Zeit, da wusste Europa, eigentlich die ganze Welt, ziemlich genau, was es, was sie, trinken wollte. Und zwar nicht im Sinne von „Entdeckung“ oder „Terroir-Diskurs“, sondern ganz praktisch: Was steht auf der Karte, was kennt man, was bestellt man ohne nachzudenken. Weißwein war damals kein
(Claude Auguste / animated pic: runwayml)
Es gab einmal eine Zeit, da wusste Europa, eigentlich die ganze Welt, ziemlich genau, was es, was sie, trinken wollte. Und zwar nicht im Sinne von „Entdeckung“ oder „Terroir-Diskurs“, sondern ganz praktisch: Was steht auf der Karte, was kennt man, was bestellt man ohne nachzudenken. Weißwein war damals kein önologisches Abenteuer von Naturweinwinzern, sondern blanke Gewohnheit. Und diese Gewohnheit hatte Namen.
Einer davon: Edelzwicker. Elsass. Klingt heute wie ein Witz, war aber einmal ein ernst gemeintes Angebot. Edelzwicker war der Wein für alle, die sich nicht entscheiden wollten – oder konnten. Ein bisschen Riesling, ein bisschen Gewürztraminer, vielleicht noch etwas Pinot Blanc, meistens aber Gutedel und Silvaner, alles zusammen, fertig ist die Cuvée. Der Name selbst schon eine Mischung aus Anspruch und Augenzwinkern. Edel, aber eben auch gezwickt, zusammengezogen. In den 70ern und 80ern stand Edelzwicker überall auf den Karten, von der Dorfwirtschaft bis zum besseren Restaurant. Heute? Verschwunden. Fast. Nur ein paar Unverbesserliche halten ihn noch am Leben. Und eine Version hat überlebt: „Gentil“ von Hugel. Der Edelzwicker, der sich geschniegelt hat; geschniegelt genug und umbenannt, um in der Gegenwart nicht ausgelacht zu werden.
Dann: Entre-Deux-Mers. Bordeaux, aber bitte weiß. Eine ganze Region, die einmal dafür stand, dass man auch im Land der großen Roten ganz passabel Weißwein machen kann. Frisch, leicht, ein bisschen grasig, Sauvignon, Semillion und Muscadelle, ein bisschen Zitrus, immer korrekt, nie aufregend. Entre-Deux-Mers war der Weißwein der Vernunft. Man bestellte ihn, wenn man Bordeaux, aber keinen Bordeaux trinken wollte. Eine Zwischenlösung – der Name sagt es schon. Zwischen den Meeren, zwischen den Ideen. Heute ist diese Zwischenlösung bei uns weitgehend verschwunden. Der Markt hat sich entschieden: Wenn Bordeaux, dann rot. Und wenn weiß, dann bitte national.
Und dann wäre da Gavi. Gavi di Gavi, wenn man es ganz genau nehmen wollte. Piemont, Cortese-Traube, ein Wein, der einmal als Inbegriff italienischer Eleganz galt. Schlank, frisch, mit einem Hauch Bitterkeit im Abgang, der damals als sophisticated durchging. Gavi war der Weißwein der besseren Trattoria, der Begleiter zu Fisch, zu Antipasti, zu Gesprächen, die spät im Abend ein wenig zu laut geführt wurden. In den 80ern und 90ern lange noch ein Fixpunkt. Heute? Noch da, aber irgendwie still geworden. Verdrängt von allem, was aromatischer, lauter, internationaler und mehr ökologisch ist. Gavi ist geblieben, aber niemand redet mehr darüber.
Und schließlich: Lacryma Christi del Vesuvio. Schon der Name ein Ereignis. Die Tränen Christi – da musste mal drauf kommen. Ein Wein mit Geschichte, mit Mythos, mit einer Flasche, die aussah, als hätte man sie direkt aus einer Sakristei entwendet. Schlank, hochgezogen, oft ein wenig zu dekorativ für das, was drin war. Der Wein selbst: eigen, manchmal gut, oft mittelmäßig, aber immer mit der großen Erzählung im Rücken. Man trank ihn nicht nur, man glaubte ein bisschen an ihn. Heute ist auch das vorbei. Der Vesuv steht noch, die Tränen sind versiegt.
Was all diese Weine verband, war ihre Funktion. Sie waren da. Sie waren verfügbar. Sie waren Teil eines Systems, in dem Wein nicht erklärt, sondern einfach nur bestellt oder verkauft wurde. Man wusste, was man bekam, und das reichte.
Heute ist alles anders. Wein muss etwas erzählen, muss Herkunft zeigen, muss sich rechtfertigen. Die alten Kategorien, diese pragmatischen Lösungen, haben es schwer. Sie sind zu einfach für eine Zeit, die Komplexität fordert – oder zumindest behauptet, sie zu brauchen.
Und doch fehlt etwas. Diese Selbstverständlichkeit. Dieses „Mach mir einen Edelzwicker“, ohne weitere Fragen. Dieses „Bring uns einen Gavi“, ohne dass jemand die Lage kennt. Diese Weine waren vielleicht nicht groß, nie groß. Aber sie waren Teil eines Alltags, den es so nicht mehr gibt. Den Alltag namens Selbstverständlichkeit.

Ungarn? Was läuft jetzt nach Orban? Das I-Phone-Interview mit dem in Tokaj tätigen Weinexperten Lenz Moser V
(Manfred Klimek / animated pic: runwayml) Podcasts: das ist was für Reiche. Die arme, chronisch unterfinanzierte Wineparty kann sich nur schlecht klingende IPhone-Interviews leisten. Dafür haben die aber Inhalt, statt Geschwätz. Lenz Moser V, im Tokaj in etliche Projekte involviert, erzählt uns in 20 spannenden Minuten, wie es beim ungarischen Staatsbetrieb Grand Tokaj zugeht, warum
(Manfred Klimek / animated pic: runwayml)
Podcasts: das ist was für Reiche. Die arme, chronisch unterfinanzierte Wineparty kann sich nur schlecht klingende IPhone-Interviews leisten. Dafür haben die aber Inhalt, statt Geschwätz. Lenz Moser V, im Tokaj in etliche Projekte involviert, erzählt uns in 20 spannenden Minuten, wie es beim ungarischen Staatsbetrieb Grand Tokaj zugeht, warum dort gleich drei Ministerien involviert sind, warum das 25 Jahre alte Trockene-Furmint-Projekt immer noch Schübe braucht, um es bekannter zu machen und warum die Ungarn ihre eigene Weinvergangenheit als einst eines der drei wichtigsten Weinländer der Welt nicht kennen.

Eine Studie. Keine Weinstudie. Aber eine Studie, die Argumente für Wein liefert. Aus einer ganz anderen Ecke
(Redaktion / animated pic: runwayml / Studie: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Zusammenarbeit mit ausländischen Instituten gleicher Art, 2025/26) Karten wie jene hier oberhalb erzählen mitunter mehr als ganze Studien. Auf den ersten Blick reduziert sie Europa auf Farben – rot, blau, dazwischen ein paar unentschlossene Übergänge. Doch hinter diesen Farben liegt eine der
(Redaktion / animated pic: runwayml / Studie: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Zusammenarbeit mit ausländischen Instituten gleicher Art, 2025/26)
Karten wie jene hier oberhalb erzählen mitunter mehr als ganze Studien. Auf den ersten Blick reduziert sie Europa auf Farben – rot, blau, dazwischen ein paar unentschlossene Übergänge. Doch hinter diesen Farben liegt eine der härtesten Kennzahlen überhaupt: Sterblichkeit vor der Zeit. Gemeint ist das frühe Erkranken und Sterben, meist vor dem 75. Lebensjahr, und zwar nicht schicksalhaft, sondern durch vermeidbare Risiken. Lebensführung, Ernährung, soziale Umstände – all das schreibt sich in diese Karte ein. Auch der Alkoholkonsum. Und welcher Alkohol konsumiert wird.
Die roten und dunkelroten Zonen zeigen, wo diese Vorsterblichkeit besonders hoch ist. Auffällig ist dabei die geografische Verdichtung: große Teile Osteuropas, aber auch der Osten Deutschlands. Regionen, in denen Männer und Frauen (letztere geringer) überproportional früh sterben, in denen Risiken nicht abgefedert, sondern verstärkt werden. Dem gegenüber stehen die blauen Zonen – Südfrankreich, Spanien, Italien, große Teile des Mittelmeerraums. Hier ist die Vorsterblichkeit deutlich geringer, teilweise dramatisch geringer.
Und genau hier beginnt die eigentliche Beobachtung, die für uns interessant ist. Denn diese Karte ist keine Alkoholstudie. Sie sagt nichts direkt über Wein, Konsum oder Abstinenz. Und doch zeigt sie ein Muster, das sich nicht ignorieren lässt: Dort, wo Wein Teil des Alltags ist, wo er nicht als Ausnahme, sondern als Begleiter zum Essen verstanden wird, tritt diese Form der Vorsterblichkeit seltener auf. Nicht gar nicht – aber signifikant weniger.
Das heißt nicht, dass Wein gesund macht. Diese Verkürzung wäre nicht nur falsch, sondern genau jene Art von Vereinfachung, die wir in anderen Debatten gerade kritisch sehen. Was diese Karte vielmehr nahelegt, ist ein Zusammenhang von Lebensstil. Wein ist hier weniger Ursache als Indikator. Ein Zeichen für etwas Größeres: regelmäßige Mahlzeiten, soziale Einbindung, ein anderes Verhältnis zu Genuss und Maß.
Interessant wird es dort, wo dieses Muster bricht. Ostösterreich und Ungarn etwa – beides Regionen mit ausgeprägter Weinkultur – liegen dennoch in den roten Bereichen. Ein Hinweis darauf, dass Wein allein nichts kompensiert. Wenn Ernährung einseitig ist, wenn Rauchen eine größere Rolle spielt, wenn soziale oder ökonomische Faktoren dominieren, dann greifen die potenziellen Vorteile eines moderaten Weinkonsums nicht. Dann wird aus einem kulturellen Element kein Schutz, sondern bestenfalls ein Nebengeräusch.
Noch deutlicher zeigt sich das im Osten Deutschlands. Hier ist nicht Wein das prägende Getränk, sondern traditionell stärkerer Alkohol – Korn, Schnaps, Hochprozentiges. In Kombination mit Ernährungsgewohnheiten, die weniger auf Frische und Vielfalt setzen, ergibt sich ein anderes Bild. Eines, das sich in der Karte fast brutal klar abzeichnet. Dunkelrot ist hier keine abstrakte Kategorie, sondern Ausdruck realer Lebensverläufe.
Gleichzeitig wäre es zu einfach, daraus eine moralische Hierarchie zu bauen. Auch in den blauen Regionen gibt es Menschen, die keinen Wein trinken – und dennoch sehr alt werden. Und umgekehrt gibt es in roten Regionen genügend Weintrinker, die von diesen Risiken betroffen sind. Die Karte ist kein Beweis, sondern ein Hinweis. Ein Muster, das sich wiederholt, aber nicht alles erklärt. Nicht alles erklären kann.
Was sie jedoch sehr deutlich macht: Kultur und Alltag spielen eine größere Rolle, als es viele aktuelle Debatten vermuten lassen. Der Unterschied liegt nicht allein im Glas, sondern im Kontext, in dem es steht. Wird getrunken, um zu begleiten – oder um zu kompensieren? Gehört Alkohol zu einer Mahlzeit – oder ersetzt er sie? Ist Genuss eingebettet – oder isoliert?
Das ist der Punkt: Nicht, dass der Süden „alles richtig“ macht und der Osten „alles falsch“, sondern dass Lebensweisen sich langfristig einschreiben – in Körper, in Statistiken, in Farben auf einer Landkarte. Wein ist darin ein Teil, aber eben nur ein Teil.

Ungarn vor der Schicksalswahl (1): Frauenpower im Tokaj
(Manfred Klimek / animated pic: runwayml) Am Sonntag wählt Ungarn ein neues Parlament. Erstmals seit Jahren trauen Meinungsforscher und Politologen der Opposition zu, die Fidez-Regierung Victor Orbans abzulösen. Bevor ich morgen einen Blick auf die – selbst auch miterlebten – politischen Einflussnahmen von Fidez im Weinbau werfe, gehen wir heute in das Jahr 2023 zurück,
(Manfred Klimek / animated pic: runwayml)
Am Sonntag wählt Ungarn ein neues Parlament. Erstmals seit Jahren trauen Meinungsforscher und Politologen der Opposition zu, die Fidez-Regierung Victor Orbans abzulösen. Bevor ich morgen einen Blick auf die – selbst auch miterlebten – politischen Einflussnahmen von Fidez im Weinbau werfe, gehen wir heute in das Jahr 2023 zurück, in dem ich zwei Winzerinnen im Tokaj besuchte. Dieser Text erschien in einer anderen Form auch in der WELT am SONNTAG, die der Auftraggeber der Reportage vor Ort war.
Es gibt eine alte Erzählung. Sie hielt mehrere Jahrhunderte lang und lautete bis 1945: Die beste Weine der Welt werden in Frankreich, Deutschland und Ungarn gekeltert. Dann aber kamen das zwanzigste Jahrhundert und die mordenden Ideologien. Von den drei Weltweinländern dieser Erzählung blieb nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nur Frankreich über. Und neue Weltweinnationen – Italien, Spanien, Neue Welt – kamen hinzu.
Nach dem Niedergang der Ideologie-Regimes wurde nichts mehr wie es war. Die Plätze am Weinbuffet der Welt sind spätestens nach 1990 neu besetzt. Und das bleibt so. Also mussten sich auch die Winzer und Weinhändler in Ungarns bekanntester Weinregion, dem Tokaj, neu erfinden. In den letzten zehn Jahren wird dieses neu Erfinden – und das in einem Land, wo Machismo vor allem in den ländlichen Regionen zum Alltag gehört – mehr und mehr in die Hände von Winzerinnen und Weinmanagerinnen gelegt, die, sehr still und leise, die Weine des Tokaj neu aufstellen: eleganter, präziser, leiser, europäischer und vor allem trinkfreudiger; eine Entwicklung, die auch manch westlichem Weinbaugebiet gut tun würde.
Judith Bott kennt sich bei Kühen gut aus. Die heute 47jährige Agrarwissenschafterin wollte Kühe züchten, eine Kuhfarm schwebte ihr vor, glückliche Wiederkäuer auf naturbelassenen Weiden in der östlichen Slowakei, woher Judith und ihr Mann Jozef herstammen – aus dem kleinen, vergessenen Teil des grenzübergreifenden Anbaugebietes gleichen Namens.
Doch dann kam der Weinbau, dieses „übergeordnete Interesse“, wie Bott sagt, wohl um den strapazierten Wort Leidenschaft auszuweichen. Judith Botts übergeordnetes Interesse gilt vor allem und fast ausschließlich der Region Tokaj und den Rebsorten Furmint und Lindenblättriger und dem dem Aspekt, was diese autochthonen Rebsorten auch trocken ausgebaut der Weinwelt erzählen können. Klar kann Bott auch Süßweine, jeder hier kann Süßweine. Doch die Königinnendisziplin im Tokaj heißt seit gut zehn Jahren: trockene Furmint und Lindenblättrige – heute gibt es mehr trockene Tokajer, als die Jahrhunderte lang gerühmten fruchtsüßen. Kann man sagen, dass sich das Tokaj neu erfunden hat? „Kann man sagen“, sagt Bott, die heute auch die ungarische Staatsbürgerschaft besitzt, „denn ohne die trockenen Weine würde das Tokaj heute wohl kaum mehr Bedeutung haben.”
Judith Bott und ihr Mann Jozef wohnen seit sechs Jahren in ihrem Weingut, ihrer Bott-Pince in Bodrogkeresztúr – früher waren Wohn- und Arbeitsort aus finanzieller Not heraus getrennt. Das Haus war ein einst ein Kulturtreffpunkt, daran angeschlossen eine ehemalige Keramikfabrik; ein großes, teils ungenütztes Gelände, das die Botts günstig erwerben konnten. Wer wissen will, wie man mit wenig Geld ein auch international bekanntes Weingut ins Leben ruft, der kann bei den Botts in Lehre gehen. Die einst wortwörtlich armen Schlucker, haben sich in den letzten zwanzig Jahren ein stabiles Unternehmen hingestellt, das aber auch heute noch die Trauben mehrheitlich aus gepachteten Weingärten holt – wenig Besitz, viel Reputation. Ist der Weinbau im Tokaj weiblicher geworden? „Ich weiß nicht, ob man das generell so sagen kann“, antwortet Bott, „aber ich kann ihnen so ungefähr fünfzehn Winzerinnen in der Region nennen. Für Ungarn ist das eine sehr hohe Zahl.“ Nicht nur für Ungarn.
Winzerinnen? Die gab es bis vor vierzig Jahren kaum im Weinbau. Und wenn es sie gab, dann gab es sie, weil kein männlicher Erbe da war, der von den Eltern, also vom Vater, bestimmt, das Weingut weiterführen konnte. Der Blick der Winzer auf Wein war ein rein männlicher Blick, denn die Arbeit in Garten und Keller ist harte, körperliche Arbeit, die über Jahre in die Knochen geht. Winzer, das waren Männer, die mit sechzig oft nicht mehr aufrecht stehen konnten – wenn sie überhaupt sechzig wurden.
Als der Weinbau, die einzige Kulturlandwirtschaft der Welt, aber mehr und mehr Geld einbrachte, da konnten auch kleine Weingüter schwere Arbeiten delegieren. Und als dieser neue Weinbau, der, der Geld verdiente, zusätzlich intellektuelles Potential begehrte, also ein Nachdenken über Lage, Kleinklima, Kellertechniken und die Verkaufspolitik der Betriebe, da sahen sich weltweit auch Winzertöchter aufgerufen, im Betrieb partizipierend oder alleine das Sagen zu haben. Das hat zu anderen, viel, viel besseren und bekömmlicheren Weinen geführt. Und auch dazu, dass viele Winzer begriffen haben, dass sie auch für Frauen keltern; nun vor allem für Frauen, die ihre Weine selber bestellen, kaufen und trinken.
Eine weitere Geschichte von In-die-Welt-Hinausgehen und wieder nach Ungarn zurückzukommen erzählt auch die Winzern Vivien Ujvary, doch steckt sehr viel Singuläres in diese Biogarafie, die man in der Weinwelt sonst nicht gleich oder ähnlich erzählt bekommt, denn die 39jährige Ujvary verantwortet nicht nur die Weine der Barta-Pince in Mad, sondern auch die Weine ihres alten Familienweinguts am Balaton. Dieses Famlienweingut hat aber nur 0,65 Hektar Welschriesling und Weißburgunder, was sozusagen nichts ist, denn von diesen paar Rebzeilen kann man jährlich nur Trauben für rund 2000 Flaschen generieren. Weil Ujavaris Balaton-Kreszenzen aber in den ungarischen Top-Sternrestaurants Winekitchen und Textura ausgeschenkt und in ungarischen Vinotheken als Geheimtipp gehandelt werden, gilt sie im Lande als Ausnahmewinzerin. Das, und ihre internationale Karriere, begonnen als Winzerlehrling in Kalifornien und in Neuseeland, haben die Besitzer der Barta-Pince dazu aufgerufen, ihrem Betrieb einer Winzerin zu überantworten, die nicht nur gleich eine gewinnende Persönlichkeit an den Tag legt, sondern auch extrem reflektiert über die Region, die Böden und das Klima berichten kann. Und sie setzt in den Barta-Weinen konsequent jene Kelterkultur um, die man sehr wohl als weiblich verschlagworten kann und die heute als Teil der Moderne im Weinbau verankert ist. Also elegantes, vielschichtiges, das Holz der Fässer absolut dezent aber wirksam einsetzendes Handwerk, das die brüllenden Weine des Gestern weit in den Schatten stellt. Gibt es so etwas wie eine weibliche Revolution im Tokaj? „Was ich sagen kann“, atwortet Ujvary, „ist, dass hier im Tokaj Winzerinnen wohl weniger Skepsis entgegenschlägt als anderswo in Ungarn. Und, mir zumindest, keine Steine in den Weg gelegt wurden, das zu tun, was ich für richtig halte.“

Es ist vorbei. Warum die Anti-Wein-Kampagne in den Medien vor ihrem Ende steht
(Manfred Klimek) Manchen Bewegungen beginnen als Korrektiv und enden als Kampagne. Und es gibt Kampagnen, die so lange an ihrer eigenen Zuspitzung arbeiten, bis sie irgendwann implodieren. Die Sober- und Dry-Bewegung, die seit Januar 2023 mit bemerkenswerter Vehemenz gegen den Weinkonsum argumentierte, scheint genau an diesem Punkt angekommen zu sein. Was als gesundheitspolitischer Impuls begann,
(Manfred Klimek)
Manchen Bewegungen beginnen als Korrektiv und enden als Kampagne. Und es gibt Kampagnen, die so lange an ihrer eigenen Zuspitzung arbeiten, bis sie irgendwann implodieren. Die Sober- und Dry-Bewegung, die seit Januar 2023 mit bemerkenswerter Vehemenz gegen den Weinkonsum argumentierte, scheint genau an diesem Punkt angekommen zu sein. Was als gesundheitspolitischer Impuls begann, entwickelte sich rasch zu einem moralisch aufgeladenen Diskurs, in dem Differenzierungen kaum noch stattfanden. Ein Glas Wein war plötzlich kein kulturelles Gut mehr, sondern ein Risiko. Und Risiko bedeutete: Verzicht.
Der Dry January 2026 hat nun erstmals gezeigt, dass diese Erzählung an Zugkraft verliert. Weniger Beteiligung, geringere mediale Resonanz, vor allem aber eine auffällige Zurückhaltung in jenen. meist linksliberalen Redaktionen, die in den vergangenen Jahren als Multiplikatoren dieser Botschaft fungierten. In Deutschland, Großbritannien und den USA ist eine Müdigkeit spürbar geworden – nicht gegenüber dem Thema Gesundheit, sondern gegenüber der Art, wie darüber gesprochen wurde und wird.
Der entscheidende Bruch kam jedoch von einer Seite, die lange ignoriert wurde: der Forschung. Gleich mehrere neue Studien widersprechen der pauschalen Setzung, bereits geringe Mengen Alkohol seien grundsätzlich schädlich. Entscheidend ist dabei weniger die Existenz dieser Studien – die gab es auch zuvor –, sondern die Tatsache, dass sie diesmal gelesen wurden. Und mehr noch: dass sie Eingang in redaktionelle Entscheidungsprozesse fanden. Plötzlich stand wieder zur Debatte, was eigentlich journalistischer Standard sein sollte: Abwägung, Kontext, Gegenprüfung.
Damit verschiebt sich der Fokus. Weg von der simplen Botschaft, hin zu einer komplexeren Betrachtung, die Lebensrealität, Konsumkultur und individuelle Verantwortung wieder zusammendenkt. Und genau hier zeigt sich ein zweiter, vielleicht noch wichtigerer Faktor: die Redaktionen selbst. In vielen Häusern scheint die Bereitschaft zu schwinden, eine Argumentationslinie weiterzutragen, die sich zunehmend weniger als Journalismus, sondern eher als gesellschaftspolitische Intervention verstand. Die lautesten Stimmen der vergangenen Jahre – oft jüngere Kolleginnen und Kollegen mit klarer Haltung und hoher Reichweite – verlieren an Einfluss. Nicht, weil ihre Positionen widerlegt wären, sondern weil ihre Tonlage nicht mehr trägt.
Hinzu kommt ein Aspekt, der bislang kaum offen diskutiert wurde: die biografische Nähe mancher Protagonisten zum Thema. In mehreren Fällen wurde deutlich, dass besonders aggressive Positionierungen gegenüber Alkohol nicht selten aus eigenen, frühen Erfahrungen gespeist waren. Das ist menschlich nachvollziehbar, journalistisch jedoch problematisch, wenn persönliche Geschichte zur allgemeinen Norm erhoben wird.
Ein deutliches Zeichen für diese Verschiebung ist ein jüngst prominent platzierter Beitrag auf ZEIT ONLINE, der das System der Anti-Alkohol-Kommunikation grundlegend infrage stellt. Noch vor einem Jahr wäre ein solcher Text kaum denkbar gewesen. Heute markiert er eine Art Kipppunkt: Die Kritik kommt nicht mehr von außen, sondern aus dem Inneren der Medien selbst.
All das deutet darauf hin, dass wir 2027 keine Fortsetzung der bisherigen Kampagnenlogik erleben werden. Weder in Deutschland noch in den angelsächsischen Leitmedien ist derzeit die Energie erkennbar, die notwendig wäre, um den Diskurs in seiner bisherigen Schärfe fortzuführen. Die Bewegung verliert nicht abrupt, sondern leise an Kraft – durch Differenzierung, durch Ermüdung, durch das Wiederaufleben journalistischer Standards.
Und doch bleibt ein ambivalentes Fazit. Denn der Schaden ist angerichtet. Über Jahre hinweg wurde ein Bild gezeichnet, das Wein nicht mehr als Teil einer kulturellen Praxis verstand, sondern als Problem. Dieses Bild verschwindet nicht einfach mit dem Abflauen der Kampagne. Es bleibt im Hintergrund bestehen, als Referenz, als Unsicherheit, als latente Skepsis.
Gleichzeitig wird es keine Aufarbeitung geben. Keine Korrekturen, keine selbstkritischen Rückblicke, keine rechtlichen Auseinandersetzungen über unterlassene Gegenrecherche. Nicht, weil es keinen Anlass gäbe, sondern weil der Preis dafür zu hoch erscheint. Die Angst vor öffentlicher Gegenreaktion, vor digitalen Empörungswellen, vor dem Urteil eines entgrenzten Publikums ist größer als das Bedürfnis nach Klärung.
Was bleibt, ist ein Scherbenhaufen aus überzogenen Thesen, unterkomplexen Narrativen und einer Debatte, die ihre eigene Glaubwürdigkeit beschädigt hat. Der Wein wird das überstehen. Die Frage ist eher, wie lange es dauert, bis auch der Diskurs wieder zu sich findet.

Friede, Freude, Eiersuchen. Post-Oster-Suche nach Eiern im Weinbau
(Claude Auguste / Foto: Weingut Meinklang / animated pic: runwayml) Es gibt kaum ein Symbol, das im frühen Frühjahr so aufgeladen ist wie das Ei. Zu Ostern wird es bemalt, versteckt, gesucht – als seltames Metapher-Versprechen von Leben, Neubeginn – vielleicht auch ein wenig als Trost dafür, dass alles wieder von vorne beginnt; auch das
(Claude Auguste / Foto: Weingut Meinklang / animated pic: runwayml)
Es gibt kaum ein Symbol, das im frühen Frühjahr so aufgeladen ist wie das Ei. Zu Ostern wird es bemalt, versteckt, gesucht – als seltames Metapher-Versprechen von Leben, Neubeginn – vielleicht auch ein wenig als Trost dafür, dass alles wieder von vorne beginnt; auch das Ei. Im Weinbau, wo es die Frage, was zuerst war, Henne oder Ei, nicht gibt, taucht das Ei in zwei sehr unterschiedlichen Gestalten auf. Einmal als unscheinbarer Helfer, der im Wein aufgeht. Und einmal als beinahe monumentales Objekt, das ein paar Jahre bleibt und den Wein formt. Beide verbindet mehr, als man zunächst denkt: Es geht um Verfeinerung, um Übergänge, um die Frage, wie viel Eingriff ein Wein verträgt.
Eine mim Eiklar
Die erste Begegnung mit dem Ei im Weinbau hatte ich nicht im Glas, sondern im Keller. Rioja, ein kühler Frühjahrsnachmittag bei Murrietta (vor etwa 30 Jahren). Der Kellermeister trennt Eigelb und Eiweiß, schlägt letzteres vorsichtig auf und gießt es in ein Fass. Keine Show, kein Ritual – eher eine beiläufige Geste. Und doch ist/war sie zentral für den Stil ganzer Regionen. Die sogenannte Eiklarschönung gehört zu den ältesten Techniken des Weinmachens. Eiweiß, genauer gesagt Albumin, trägt eine positive Ladung und bindet im Wein jene Stoffe, die als zu hart, zu bitter, zu kantig empfunden werden – vor allem Tannine und phenolische Verbindungen. Was sich verbindet, sinkt zu Boden, wird später abgezogen. Zurück bleibt ein Wein, der weicher ist, geschmeidiger, oft zugänglicher, ohne seine Struktur zu verlieren.
Gerade in klassischen Regionen wie Bordeaux oder Rioja war diese Praxis lange Standard, gewissermaßen der letzte Schliff vor der Abfüllung. Und doch ist sie heute seltener geworden, nahezu ausgestorben. Nicht, weil sie nicht funktioniert – im Gegenteil, sie gilt als besonders schonend und selektiv –, sondern weil sie nicht mehr in eine Zeit passt, die zunehmend nach Reinheit im moralischen, nicht nur im sensorischen Sinn verlangt. Tierische Schönungsmittel, ob Ei, Milch oder Fischblase, stehen im Widerspruch zur veganen Erwartungshaltung. Also ersetzt man sie durch Bentonit, Aktivkohle oder synthetische Polymere. Technisch funktioniert das. Aber etwas geht verloren: diese unscheinbare, kleine, kaum sichtbare Intervention, die eher moderiert als verändert.
Ei, Ei: Beton
Das zweite Ei ist das Gegenteil: sichtbar, schwer, fast trotzig in seiner Präsenz. Das Betonei, Anfang der 2000er-Jahre unter anderem von Michel Chapoutier populär gemacht, ist Werkzeug des Haltungsweinbau. Ich bin dem Betonei eher zufällig begegnet, als ich vor 18 Jahren im burgenländischen Seewinkel war. Beim Bioweigut Meinklang – die Weine konnte ich damals schon in Verona kaufen. Bei Meinklang standen diese Skulpturen im Keller. Und der Winzer erklärte mir, was es mit jenen auf sich hätte. Als damals noch junger Traditionalist vermisste ich das schöne Holz – die Eier waren mir zu kalt und technisch. Nur bin in kein Winzer, sondern bloß Romantiker.
Das Betonei: ein Gär- und Ausbaugefäß, das sich bewusst zwischen Edelstahl und Holz positioniert. Beton ist porös genug, um dem Wein minimale Mengen Sauerstoff zuzuführen – eine Mikrooxidation, die langsamer und kontrollierter verläuft als im Holzfass, aber dennoch strukturell wirkt. Gleichzeitig bringt das Material selbst keinen Geschmack ein. Kein Vanilleton, keine Röstnote, keine aromatische Handschrift von außen. Teurer zwar als weingrüne Fässer, aber eben für drei, vier, mehr Jahrzehnte.
Die eigentliche Raffinesse liegt jedoch in der Form. Das Ei kennt keine Ecken, keine toten Winkel. Während der Gärung entsteht eine natürliche Zirkulation: Die Flüssigkeit bewegt sich von selbst, die Hefen bleiben länger in Schwebe, geben Textur und Tiefe ab, ohne dass mechanisch eingegriffen werden muss. Es ist ein System, das weniger macht – und gerade dadurch mehr zulässt. Winzer sprechen hier gern von „Neutralität“, meinen aber etwas anderes: die Möglichkeit, Herkunft präziser abzubilden, weil nichts darübergelegt wird.
Die zwei Eier, nicht nur fürn Meier
So unterschiedlich diese beiden Eier auch erscheinen – das flüchtige Eiweiß im Fass und das massive Betonei im Keller –, sie teilen einen Gedanken. Beide arbeiten mit Reduktion. Das eine nimmt weg, was stört, ohne den Kern anzutasten. Das andere verzichtet bewusst auf alles, was hinzufügen könnte. In beiden Fällen geht es um das gleiche Ziel: den Wein in einen Zustand zu bringen, der ihn besser und bekömmlicher macht.
Das Ei, Symbol des Anfangs, steht im Weinbau ausgerechnet für den Übergang. Für den Moment, in dem aus Rohheit Form wird. Nicht durch spektakuläre Eingriffe, sondern durch präzise, fast unsichtbare Entscheidungen. Das die Lehre, die sich auch jenseits des Kellers anwenden lässt: Reife entsteht nicht durch mehr, sondern durch weniger.

“Eigentlich Ungarn” – Roland Velich in der WELT am SONNTAG über die Geopolitik des Weins und seine “Hidden Treasures”
(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG / Foto: Klimek / animated pic: runwayml) Roland Velich spricht über Wein, als ginge es um Geopolitik. Das irritiert. Aber Velich, 63 Jahre alt und Winzer in Großhöflein, einer Gemeinde gleich südlich von Eisenstadt, der Hauptstadt des österreichischen Burgenlandes – und durch die prächtigen Blaufränkischen seines Weinguts Moric in
(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG / Foto: Klimek / animated pic: runwayml)
Roland Velich spricht über Wein, als ginge es um Geopolitik. Das irritiert. Aber Velich, 63 Jahre alt und Winzer in Großhöflein, einer Gemeinde gleich südlich von Eisenstadt, der Hauptstadt des österreichischen Burgenlandes – und durch die prächtigen Blaufränkischen seines Weinguts Moric in der Weinwelt tatsächlich weltbekannt – ist keiner, der sich beim Denken über Wein und Weinbau mit nationalen Grenzen oder Herkunftsbezeichnungen zufriedengibt. Für ihn beginnt die eigentliche Arbeit bei der Frage, was Herkunft überhaupt bedeutet und ob sie mit heutigen Staatsgrenzen noch vereinbar ist. „Unser historischer Kontext ist nicht Österreich, sondern Ungarn“, sagt Velich. Da spricht er Richtiges aus, macht sich damit in der Alpenrepublik allerdings nicht unbedingt beliebt.
Das Burgenland, aus dem Velich stammt, ist ein junges Gebilde: erst seit 1921 Teil Österreichs, davor jahrhundertelang Westungarn. Eine Region ohne gewachsene Identität unter ihrem heutigen Namen. Ein Raum, der stets neu von sich erzählen muss. Velich tut genau das. Und er tut es mit freundlicher Radikalität und einer leisen Stimme, die Ruhe im Raum verlangt.
Sein Begriff für dieses Weinbaugebiet lautet Pannonien. Eine Großregion, die sich über Grenzen hinwegzieht: vom Burgenland über Ungarn bis in Teile der Slowakei und Sloweniens. Verbunden nicht durch nationale Politik heute sehr unterschiedlicher Länder, sondern durch Klima, Geologie und Kulturgeschichte. „Wenn du in den Hängen von Tokaj stehst oder am Leithagebirge oder am Spitzerberg in der Region Carnuntum“, sagt Velich, „dann spürst du: Das ist dieselbe Landschaft.“
Das ist mehr als eine poetische Behauptung. Es ist ein Arbeitsprogramm. Denn aus dieser Denkweise heraus entstehen Velichs Projekte in Ungarn – allen voran „Hidden Treasures“. Ein bewusst englisch gesetzter Name für einen komplexen Ansatz. Gemeinsam mit ungarischen Winzern in Tokaj, Somló und am Balaton versucht Velich, das freizulegen, was er als Kern von Herkunft versteht: Rebsorte, Boden, Klima – ohne stilistische Überbordung. Die Methode ist ebenso einfach wie immer noch radikal: präzise Arbeit im Weinberg, minimale Eingriffe im Keller, Spontangärung, wenig Schwefel. „Wir wollen verstehen, was da ist. Und das geht nur, wenn man es zulässt.“
Hidden Treasures ist kein Projekt wie Projektleiter Projekte verstehen. Es ist ein Prozess. Velich bringt Erfahrung und ein klares Sensorium für Herkunft ein, die Partner vor Ort ihre Lagenkenntnis. Dass sich daraus neue Stilistiken entwickeln, ist Teil der Idee. Im Zentrum steht dabei Furmint – für Velich eine der großen europäischen Rebsorten. Zusammen mit Blaufränkisch bildet sie für ihn das Fundament einer pannonischen Identität: zwei Sorten, die Herkunft nicht bloß illustrieren, sondern seit gefühlten Ewigkeiten in sich tragen.
Velichs Denken richtet sich gegen eine Weinwelt, die sich über Jahrzehnte an regionsfernen Vorbildern orientiert hat: Bordeaux, Burgund, internationale Stilnormen. „Wir haben hundert Jahre lang kopiert“, sagt er: „Oft gut, manchmal sehr gut – aber selten eigenständig.“ Der Preis: ein Verlust an Selbstverständnis. Velich versucht, diesen Prozess umzukehren. Nicht durch neue Moden oder mithilfe neuer Medien, sondern durch Rückgriff auf das, was längst da ist – die Präzision beim Keltern.
Dass dieser Zugang zum Weinbau Wirkung zeigt, ist vor allem bei jüngeren Winzern sichtbar. Eine Generation, die weniger nach populärer Anerkennung sucht als nach Substanz. „Das größte Kompliment ist, wenn sie das aufnehmen“, sagt Velich. „Dann weißt du, dass es weitergeht.“
Am Ende, so Velich, ist seine Arbeit ein Versuch, eine große mitteleuropäische Region wieder lesbar zu machen. Nicht als Narrativ im marketingüblichen Sinn, sondern als kulturellen Raum. Das ist für manche, nicht nur im Weinbau, übergriffig. Aber sich Freunde zu machen war nie Velichs Anliegen. Und das ist, tatsächlich, sehr unösterreichisch.
