spit on my grave
aber bitte Wein. Fünf Weine, sich die Apokalypse schönzutrinken.
15. Mai 25, Klimek. Die Welt ist ein Saustall! Und keiner mistet aus. Es brennt. Im Nahen Osten, in der Ukraine, in den USA, in den Medien. Das Klima ist ein Totalschaden, die Börse ein Glücksspiel, und in Berlin regiert bald eine Schuldenkoalition, die sich bemühen wird, das Richtige zu tun – Schwerpunkt auf Bemühen. Das Einzige, was uns dieser Tage bleibt, ist das Glas in der Hand.
DEUtschbahn
Den Spies dreht keiner um – die DB und ihr einzig schöner Moment!
16 Mai 25 Klimek. Ich bin mit dem Zug nach Rheinhessen gefahren. Vor Wein-Achten. Mit dem Zug nach Rheinhessen zu fahren heißt in 95% der Fälle mit der DB fahren zu müssen: jenem Konzern, der es seit 2003 ca schafft, mein Nervenkostüm zu zerschneiden, ohne daraus ein neues, besseres Nervenkleid schneidern zu können – ganz im Gegenteil.

Rekordhitze. Und dennoch Winzer, die sagen: alles ganz normal. Wie das?
(Manfred Klimek / Redaktion / animated pic: runwayml) Es gibt kaum eine Berufsgruppe, die den Klimawandel unmittelbarer erlebt als die Winzer. Sie sehen die Vegetation nicht in Statistiken, sondern im Weinberg. Der Austrieb erfolgt früher als noch vor wenigen Jahrzehnten. Die Lese beginnt immer öfter bereits im August. Hitzewellen verändern Säurewerte, Wasserhaushalt und Aromatik. Hagel,
(Manfred Klimek / Redaktion / animated pic: runwayml)
Es gibt kaum eine Berufsgruppe, die den Klimawandel unmittelbarer erlebt als die Winzer. Sie sehen die Vegetation nicht in Statistiken, sondern im Weinberg. Der Austrieb erfolgt früher als noch vor wenigen Jahrzehnten. Die Lese beginnt immer öfter bereits im August. Hitzewellen verändern Säurewerte, Wasserhaushalt und Aromatik. Hagel, Starkregen und Trockenperioden treten häufiger auf. Wer Wein erzeugt, arbeitet seit Jahren in einem Freilandlabor, dessen Bedingungen sich sichtbar verändern. Und das schnell.
Umso erstaunlicher ist eine Beobachtung, die mir in den vergangenen Monaten, vor allem aber in den letzten fünf Hitzetagen häufiger begegnet ist. Es gibt Winzer, die den Klimawandel bestreiten. Freilich nicht viele. Nicht mal zwei Dutzend in Social-Media-Foren. Aber doch so viele, auch in Deutschland, dass wir sie wahrnehmen sollten. Denn sie agieren.
Selbstredend dürfen sie das. In unseren Ländern herrscht, seltsam, das betonen zu müssen, Meinungsfreiheit. Und dazu gehört eben auch, dass die Mehrheit den absoluten Bullshit einer Minderheit aushalten muss (und sollte), die sich als Mehrheit erkennt (was ja alle Schwurbler tun), obwohl sie es nicht ist. Es ist dieser Anspruch, für eine Mehrheit zu sprechen, der vor allem nervt. Und aufregt. Egal!
Die meisten dieser Winzer erklären eine natürliche Klimaschwankung. Andere erklären die gegenwärtige Erwärmung zur bloßen Übertreibung der Medien. Wieder andere, leider aus der Naturweinszene, bewegen sich längst in einem Milieu, in dem Begriffe wie Geoengineering, Wettermanipulation oder geheime Eingriffe in das Klima völlig selbstverständlich verwendet werden.
Das wirkt zunächst wie edgy aus Absurdistan. Bei näherem Hinsehen ist es vor allem menschlich. Der Klimawandel ist keine abstrakte politische Debatte. Er bedeutet für Winzer zunächst wirtschaftliche Unsicherheit. Jahrzehntelang funktionierende Erfahrungen verlieren ihre Verlässlichkeit. Rebsorten geraten an Grenzen. Wasser wird zum Thema. Versicherungen werden teurer. Erträge schwanken stärker. Wer sein gesamtes Berufsleben auf Erfahrung aufgebaut hat, erlebt plötzlich, dass Erfahrung allein nicht mehr genügt.
Gerade deshalb suchen manche nach anderen Erklärungen. Nicht aus Bosheit. Nicht einmal zwingend aus Ideologie. Sondern weil Verschwörungserzählungen etwas anbieten, was die Wirklichkeit oft nicht liefert: Eindeutigkeit. Plötzlich gibt es Verantwortliche. Plötzlich existiert ein Plan. Plötzlich wird aus einer komplexen Entwicklung eine einfache Geschichte.
Das Problem beginnt dort, wo diese Geschichte mit der eigenen Arbeit kollidiert. Denn dieselben Winzer, die den Klimawandel gelegentlich in sozialen Netzwerken relativieren, investieren, ich habe nachgesehen, gleichzeitig in Bewässerung, pflanzen hitzeresistentere Unterlagsreben, verändern die Laubarbeit oder experimentieren mit neuen Rebsorten. Sie reagieren also längst auf genau jene Veränderungen, deren Existenz sie öffentlich infrage stellen.
Noch bemerkenswerter wird diese Beobachtung im politischen Bereich. Wir finden konservativ oder rechts eingestellte Winzer, die das Promblem, die Probleme, sehr wohl richtig erkennen – und folglich die Klimaideologie einer sehr rechten Partei, die sie gerne wählen würden, als Hindernis für ihre Stimme erkennen – und das sind nicht wenige. Ihre tägliche Arbeit widerspricht damit oft den politischen Erzählungen, denen sie sich verbunden fühlen. Es geht dabei weder um links noch rechts. Weder um grün noch konservativ. Es geht um die Fähigkeit, die eigene Wirklichkeit anzuerkennen. Und zu handeln. Nichts an diesem Handeln gegen die Auswirkungen des Klimawandels ist politisch!
Der Weinbau war immer dann erfolgreich, wenn er Veränderungen akzeptierte. Reblaus, Pilzkrankheiten, neue Kellertechnik, andere Rebsorten oder der biologische Weinbau wurden anfangs fast immer skeptisch betrachtet. Am Ende setzte sich nicht die Ideologie durch, sondern die Praxis. Beim Klimawandel wird es sich ähnlich verhalten. Wir können über Ursachen, Geschwindigkeit oder geeignete Maßnahmen streiten. Der Weinberg selbst interessiert sich dafür nicht. Er reagiert ausschließlich auf Wasser, Sonne und auf die Arbeit der Winzer.

40 Grad und 5 Weinschorlen, die Hitze zu überleben – eine Satire
(Klimek / Redaktion / animated pic: runwayml) 41 Grad? Da vergeht selbst dem versierten Weintrinker die Lust auf Wein. Spätestens jetzt verlieren selbst die dogmatischsten Weineinthusiasten ihre Würde: Menschen, die sonst stundenlang über Maischestandzeiten, Kalkböden und Burgunderklone diskutieren, stehen plötzlich vor dem Kühlschrank und denken einen Gedanken, den sie sich nie zu denken getraut hätten:
(Klimek / Redaktion / animated pic: runwayml)
41 Grad? Da vergeht selbst dem versierten Weintrinker die Lust auf Wein. Spätestens jetzt verlieren selbst die dogmatischsten Weineinthusiasten ihre Würde: Menschen, die sonst stundenlang über Maischestandzeiten, Kalkböden und Burgunderklone diskutieren, stehen plötzlich vor dem Kühlschrank und denken einen Gedanken, den sie sich nie zu denken getraut hätten: Vielleicht doch ein G’spritzter.
In Österreich heißt er G’spritzter. In Deutschland Weinschorle. Beide Begriffe lösen ungefähr dieselben Reflexe aus. Die einen sehen darin den Untergang der europäischen Weinkultur. Die anderen die einzige Möglichkeit, einen Nachmittag unter einer Platane zu überleben. Ich gestehe: Im Hochsommer gehöre ich zur zweiten Gruppe. Es gibt Tage, an denen ein Smaragd schlicht keinen Sinn ergibt. Man bewundert ihn. Man liebt ihn. Man lässt ihn im Keller. Der Körper verlangt nicht nach 14 Volumenprozent, sondern nach Flüssigkeit. Möglichst kalt. Möglichst viel davon.
Der G’spritzte war deshalb nie ein Sakrileg. Er war immer Überlebensstrategie. Das eigentliche Sakrileg beginnt erst jetzt. Denn wenn schon sämtliche Hitzerekorde Europas fallen, warum sollte ausgerechnet der Wein jenes Kulturgut bleiben, das er ist? Die klassische Mischung aus Weißwein und Soda genügt den Bedingungen des Klimawandels längst nicht mehr. Zeit also für die neue Generation der Weinschorle.
Mein erster Vorschlag trägt den schönen Namen Dorn Zero. Man nehme eiskalte Cola Zero und füge einen respektvollen Schuss Dornfelder hinzu. Niemand wird behaupten können, der Dornfelder hätte dadurch an Charakter verloren.
Nummer zwei richtet sich an Süßweinliebhaber. Ein Glas eisgekühlter Riesling-Eiswein trifft auf ebenso kalten Pfefferminztee. Das Ergebnis schmeckt ungefähr so, als hätte ein Rheingauer Winzer einen Wellnessurlaub gebucht.
Für Esoterik-Traditionalisten empfiehlt sich die Steinfeder Total. Grüner Veltliner Steinfeder, auf vier Grad heruntergekühlt, mit Granderwasser verlängert. Das Granderwasser verändert zwar nachweislich nichts, aber der Glaube war im Weinbau ohnehin immer eine wichtige Kategorie.
Die vierte Variante ist nur etwas für Mutige. Kefir direkt aus dem Kühlschrank, dazu ein kleiner Schuss Sauternes. Der Edelfäule begegnet der Milchsäure. Frankreich trifft den Kaukasus. Wahrscheinlich verbietet das irgendwann eine UNESCO-Konvention.
Noch eleganter wirkt die Asia-Schorle. Eiskalte Zitronengrasessenz, großzügig mit Verjus verlängert. Kaum Alkohol, aber der feste Wille, trotzdem an Wein zu denken.
Man könnte die Liste beliebig fortsetzen. Fino-Sherry mit Tonic. Lambrusco mit geeistem Espresso. Grüner Veltliner mit Gurkenwasser. Champagner auf kaltem Kokoswasser. Doch Irgendwo endet auch meine Toleranz.
Das Schöne an diesen Gedankenexperimenten ist ohnehin etwas anderes. Sie machen deutlich, wie unerquicklich manche Wein-Debatten geworden sind. Seit Jahren wird erbittert darüber gestritten, welche Rebsorte wichtiger ist, welche Maische länger liegen muss, welches Holzfass moralisch vertretbar erscheint und ob man Eiswürfel in Wein werfen darf. Natürlich darf man. Man darf auch Mineralwasser hineingießen. Man darf den Wein sogar einfach trinken, ohne vorher zehn Minuten über ihn zu sprechen.
Wein besitzt nämlich eine Eigenschaft, die in der Weinwelt gelegentlich vergessen wird. Er ist ein Getränk. Und Getränke haben seit jeher eine Aufgabe. Sie sollen Durst löschen. Nicht jedes Glas muss eine Offenbarung sein. Nicht jeder Schluck verändert das Leben. Manchmal reicht es völlig aus, wenn einem nach dem ersten G’spritzten nicht mehr heiß ist.
Die große Kultur des Weins geht daran nicht zugrunde. Sie überlebt sogar Cola Zero mit Dornfelder. Knapp zwar. Aber sie überlebt.

Einmal noch Wachau bitte. Und dann ab ins Markgräflerland. Die WELT am SONNTAG Kolumne
(Manfred Klimek) Bevor der Zug im badischen Freiburg ankommt, muss ich meine Kolumne von vor vierzehn Tagen mit ein paar Weinen der in der Kolumne besprochenen Domäne Wachau komplettieren. Obwohl die Domäne mehr Sorten ganz famos keltert – darunter auch sehr seltene Weißweintrauben wie Neuburger oder Roter Veltliner – , bleibe ich bei der bekanntesten österreichischen
(Manfred Klimek)
Bevor der Zug im badischen Freiburg ankommt, muss ich meine Kolumne von vor vierzehn Tagen mit ein paar Weinen der in der Kolumne besprochenen Domäne Wachau komplettieren. Obwohl die Domäne mehr Sorten ganz famos keltert – darunter auch sehr seltene Weißweintrauben wie Neuburger oder Roter Veltliner – , bleibe ich bei der bekanntesten österreichischen Rebsorte: dem Grünen Veltliner. Der Veltliner Federspiel Ried Kollmütz 2024 in der Magnumflasche (1,5 Liter, € 25,00) ist für mich der beste Partywein mit Lagencharakter dieses Sommers: frisch, würzig, Biss, Anspruch – eine easy-going eierlegende Wollmilchsau. Für € 28,00 ist der Veltliner Smaragd 2024 aus der Ried Axpoint eine sichere Bank für einen nicht zu pfeffrig-würzigen, sonder auch elegant-burgundischen Veltliner – der dann im Glas mit etwas Luft sein Veltlinerleben alle Stücke spielen lässt. Die Smaragdveltiner aus den weinweltbekannten Top-Rieden Achleiten und Kellerberg (beide € 46,00) sind präzise, auf eindrucksvollen Schluck gekelterte, großen Handwerksveltliner: ohne Chichi, modischer Intervention und mit viel Wumms, die mehr Aufmerksamkeit bekommen sollten. Vor allem, weil wir sie Jahre im Keller reifen lassen können.
Mit diesem Eindrücken am Gaumen verlasse ich Österreich Richtung Westen. Die Donau verschwindet, die Landschaft wird enger, öffnet sich nach Tirol, die Berge treten zurück. Irgendwann tauchen am Zugfenster Basel, der Rhein und die Vogesen auf – und der Schwarzwald. Ich erreiche das Markgräflerland, jenes total südwestliche Stück Deutschland an der Grenze zu Frankreich und der Schweiz, das deutschen Weinkonsumenten erstaunlich wenig bekannt ist. Dabei ist das Markgräflerland ein Wirtshaus- und Weintrinkerparadies par excellence, dessen unbeschwerte Lebenslust der hier ansässigen Bewohner ein völlig anderes Bild der oft als Spaßbremsen verschrienen Deutschen abgibt. Hier lässt es sich gut und wohlfeil leben.
Zum Verständnis des Markgräflerlands gehört eine Rebsorte, die wir bis heute meist Gutedel nennen. Genau darin liegt allerdings das einzige Probleme der Sorte und seiner Vermarktung, denn Gutedel klingt nach Pauschalreise, Vereinsausflug und jener deutschen Weinkultur, die seit Jahrzehnten mühsam überwunden wird. International heißt die Sorte Chasselas. Und sie ist eine der gegenwärtig interessantesten weißen Rebsorten Europas.
Chasselas ist eigentlich die große weiße Rebsorte der französischsprachigen Schweiz. Deshalb gilt sie in der Schweiz als eine der besten Terroir-Sorten des Kontinents. Und dennoch: deutsche Chasselas sind teils deutlich besser als jene der Schweiz. Auch darüber werden sich die Winzer des Markgräflerland zunehmend bewusst.
Aromatisch verweigert sich Chasselas jeder Form von Effekthascherei: keine exotischen Fruchtkörbe, keine aufdringliche Primärfrucht. Stattdessen Birne, weiße Blüten, rosa Grapefruit, gering Mandarine, manchmal Lindenblüte, manchmal Akazie. Mit zunehmender Reife treten jene feinen Noten von Haselnuss und auch Walnuss auf, die große Chasselas zu großen Weißweinen machen.
Gerade diese kontrollierte Neutralität des Chasselas macht die Sorte so wertvoll. Selbst bei konzentrierterem Ausbau behält der Wein eine bemerkenswerte Gelassenheit. Er drängt sich nicht vor das Essen, sondern begleitet es: Fisch aller Art, Austern, Muscheln, asiatische Gerichte, Kräuterküche, Ziegenkäse oder helles Fleisch profitieren von genau dieser Eigenschaft – Chasselas verstärkt Aromen, statt sie zu überdecken.
Hinzu kommt etwas, das im Weinbau der kommenden Jahrzehnte noch wichtiger werden dürfte: breites Gefallen, noble Textur und Trinkfluss bei wenig Alkohol. Während andere Regionen derzeit fieberhaft nach Antworten auf den Wunsch vieler Konsumenten nach leichteren Weinen suchen, bringt Chasselas diese Eigenschaften seit Jahrhunderten mit. Davon und vom Markgräflerland werde ich nun einige Folgen lang berichten.

Ein Glas Weiß bitte. Über das Glück mit stino (stinknormalem) Schankwein
(Klimek & Auguste) Es beginnt mit einem Satz, den viele Weinenthusiasten verlernt haben: „Ein Glas Weißwein, bitte.“ Nicht welcher Jahrgang. Nicht welche Lage. Nicht welcher Winzer. Kein Blick in die Weinkarte. Keine Diskussion über Ausbau, Säure, Hefelager oder Punkte. Einfach ein Glas Weißwein. Ein Glas Sommer. Eine Woche lang habe ich genau das in Wien
(Klimek & Auguste)
Es beginnt mit einem Satz, den viele Weinenthusiasten verlernt haben: „Ein Glas Weißwein, bitte.“ Nicht welcher Jahrgang. Nicht welche Lage. Nicht welcher Winzer. Kein Blick in die Weinkarte. Keine Diskussion über Ausbau, Säure, Hefelager oder Punkte. Einfach ein Glas Weißwein. Ein Glas Sommer.
Eine Woche lang habe ich genau das in Wien getan. Gleichzeitig machte Claude Auguste dasselbe in Verona. Wir hatten uns vorgenommen, den Wein für ein paar Tage aus seiner eigenen Bedeutung zu befreien. Kein Verkosten. Kein Analysieren. Kein Posten. Nur trinken.
Das Erstaunliche begann bereits beim ersten Glas. Es war gut. Nicht groß. Nicht spektakulär. Nicht erinnerungswürdig. Aber gut. Das zweite ebenso. Das dritte auch. In Wien standen meist Grüner Veltliner oder gelegentlich ein steirischer Sauvignon im Glas. In Verona wechselten sich Garganega, Pinot Grigio oder andere regionale Weißweine ab. Keiner dieser Weine verlangte Aufmerksamkeit. Und genau darin lag das Glück dieser Tage.
Wer beruflich über Wein schreibt verliert leicht den Blick für das Selbstverständliche. Jede Flasche wird analysiert, eingeordnet, bewertet. Man spricht über Herkunft, Erträge, Ganztraubenvergärung, Amphoren oder Biodynamie. Irgendwann existiert Wein fast nur noch als Gegenstand des Nachdenkens. Dabei war Wein über Jahrtausende etwas völlig anderes. Ein Getränk bloß. Nicht mehr. Und nicht weniger. Bloß ein Getränk.
Gerade die Haus- und Schankweine erzählen davon. Sie werden kaum besprochen, selten bewertet und fast nie gesammelt. Trotzdem sind sie heute besser als jemals zuvor. Vor vierzig Jahren konnte man in vielen Gasthäusern durchaus Pech haben. Oxidierte Literweine, belanglose Massenware oder schlichte Säure bestimmten nicht selten das Bild. Heute findet das so gut wie nie statt. Der technische Fortschritt im Keller, bessere Ausbildung der Winzer und ein insgesamt gestiegener Qualitätsanspruch haben den Durchschnitt deutlich angehoben. Das verändert den Wein mehr, als viele Prestige-Cuvées es je könnten. Denn die eigentliche Kultur eines Landes erkennt man nicht an seinen Ikonen. Man erkennt sie an dem, was selbstverständlich geworden ist. Der Hauswein ist der eigentliche Alltag eines Weinlandes.
Genau deshalb war diese Woche so entspannend. Plötzlich musste kein Wein mehr etwas beweisen. Kein Glas war ein Ereignis. Es ging nicht um große Entdeckungen. Nicht um Bewertungen. Nicht einmal um Erinnerung. Man bestellte einfach nach. Ein leichter Schwips stellte sich ein. Gespräche wurden länger. Das Essen rückte wieder in den Mittelpunkt. Der Wein tat genau das, was Wein über Jahrhunderte getan hat: Er begleitete das Leben, anstatt selbst zum Mittelpunkt zu werden.
Das ist für jemanden, der täglich über Wein schreibt, beinahe eine therapeutische Erfahrung. Denn irgendwann beginnt man zu glauben, jeder Schluck müsse analysiert werden. Jede Flasche müsse eine Geschichte erzählen. Jede Verkostung müsse Erkenntnis produzieren.
Muss sie nicht.
Manchmal genügt ein ordentlich gekühlter Grüner Veltliner in einem Wiener Wirtshaus. Oder ein einfacher Weißwein in einer Trattoria in Verona. Sie erinnern daran, dass Genuss nicht zwingend Aufmerksamkeit verlangt. Dass Qualität nicht immer nach Erklärungen ruft. Dass Wein auch dann funktioniert, wenn niemand über ihn spricht. Der Wein verliert nichts von seiner Würde, wenn wir ihn einmal in Ruhe lassen. Im Gegenteil. Er gewinnt jene Selbstverständlichkeit zurück, die ihn überhaupt erst zu einem Kulturgetränk gemacht hat.
Nicht jede Flasche muss große Gefühle auslösen. Nicht jedes Glas verlangt ein Verkostungsprotokoll. Manchmal genügt es, wenn der Wirt fragt: „Noch eines?“
Und man einfach nickt.

Gehuldigt und verschmäht: die Supertuscan-Ikone Tignanello. Vier alte Flaschen. Und ein Urteil
(Claude Auguste / animated pic: runwayml) Als Piero Antinori (mehr noch sein Bruder Ludwig) und der noch weitgehend unbekannte Önologe Giacomo Tachis Anfang der 1970er-Jahre beschlossen, die starren Regeln des Chianti zu ignorieren, war das mehr als eine technisch-philosophische Entscheidung. Damals verlangte das Regelwerk noch weiße Trauben im Chianti. Antinori verzichtete darauf, setzte kompromisslos auf
(Claude Auguste / animated pic: runwayml)
Als Piero Antinori (mehr noch sein Bruder Ludwig) und der noch weitgehend unbekannte Önologe Giacomo Tachis Anfang der 1970er-Jahre beschlossen, die starren Regeln des Chianti zu ignorieren, war das mehr als eine technisch-philosophische Entscheidung. Damals verlangte das Regelwerk noch weiße Trauben im Chianti. Antinori verzichtete darauf, setzte kompromisslos auf Sangiovese, ergänzte Cabernet Sauvignon und später Cabernet Franc und ließ den Wein in kleinen Barriques reifen. Das Ergebnis war eine Kreszenz, die ihren DOC-Status verlor und nur noch als einfacher Tafelwein verkauft werden durfte. Ausgerechnet dieser vermeintliche Abstieg wurde zum Beginn einer Revolution. Die Super Tuscans waren geboren. Und mit ihnen die kurz darauf beginnende Revolution der Bolgheri-Boys, die die ganze Weinwelt neu formte.
Heute, ein halbes Jahrhundert später, wirkt vieles geradezu selbstverständlich, was früher umkämpft war: Cabernet in der Toskana erschüttert niemanden mehr, Barriques gehören (nun seltener) zum Handwerkszeug, die italienische Weinwelt hat sich neu erfunden. Geblieben ist der Disruptor Tignanello: er gehört inzwischen zu den großen Ikonen europäischer Rotweine und zählt zugleich zu den wenigen Kultweinen, die für engagierte Weintrinker preislich noch erreichbar geblieben sind. Die Preise sind hoch, aber sie bewegen sich noch in einer Welt, in der man eine Flasche tatsächlich öffnen und trinken möchte. Genau darin unterscheidet sich Tignanello von vielen anderen Legenden, die längst den Weg in Tresore und Auktionshäuser gefunden haben – ein Weg in den Irrtum.
Ich habe vier Jahrgänge wiedergetrunken: 1990 aus der Magnum, dazu 1998, 2001 und 2009. Vier Weine aus fast zwanzig Jahren. Vier Momentaufnahmen dieser oft verlachten und umstrittenen Ikone.
1990 gilt in der Toskana als warmer, sehr ausgewogener Jahrgang. Ein trockener Sommer und eine gleichmäßige Reife brachten konzentrierte, langlebige Weine hervor, die bis heute bemerkenswerte Frische bewahrt haben. Der Wein selbst ist nach jahrelanger, unbewegter Lagerung in einem stabilen Keller (das gilt für alle Weine hier) unglaublich jung: Tomate, viel Cassis, Kirsche, Hagebutte, feuchter Tabak, eine wenig Minze und Wiesenkräuter und ein irrer Genuss im Schluck. Einer der besten Rotweine seit langer, langer Zeit. Der 1990er in der Magnumflasche kostete übrigens 1995 bei Morandell in Tirol 840 Schillinge: also etwa 65 Euro.
1998 stand lange im Schatten des legendären 1997. Zu Unrecht. Ein milder Frühling, ein warmer Sommer und ideale Bedingungen während der Reife führten zu Weinen mit Ruhe, Balance und bemerkenswerter Eleganz. Gerade Tignanello profitierte davon erheblich – auch weil die Kellerleute damals ein total eingespieltes, gelassen und angemessen kelterndes Team waren – viele sagen, das beste Team ever vor Ort. Hier zu Beginn in der Nase viel rote Erde, Herzkirsche, ein kurzer Eisenhauch, dann Kräuter, danach erst, auch im Schluck, die üblichen Parameter: gemessene Frucht und Druck. Sollte aber in den nächsten fünf Jahren ausgetunken werden.
2001 gehört ohnehin zu den großen klassischen Jahrgängen der Toskana. Ein nahezu ideales Vegetationsjahr brachte Weine hervor, die bis heute zu den langlebigsten ihrer Generation zählen. Struktur, Frische und Reifepotenzial fanden nahezu ideal zusammen – und das merke ich an/in dieser Flasche: enorm jung mit einem Potential von sicher noch 20 Jahren. Und frisch in Nase und Schluck. Ich hätte ihn für einen Bordeaux aus den 2010er-Jahren gehalten.
2009 verlief deutlich wärmer. Die Vegetationsperiode brachte viel Sonne und hohe Temperaturen, gleichzeitig verhinderten ein paar kühlere Nächte den Verlust der Frische. Viele Weine zeigen bis heute eine reife Frucht und eine zugängliche Textur. Doch der 2009er war der schwächste Tignanello der Serie (und nicht wie erwartet der 1998er): ein Ppur laktisch, eine Spur tomatiger Überfrucht (kaum Kirsche), eine Spur Langeweile. Im Nachhall beim Ausatmen großartig – aber leider nur dort.
Doch bemerkenswert bleibt etwas anderes: Tignanello altert anders, als viele große Rotweine altern. Er verschwindet nicht langsam hinter Leder, Unterholz und tertiären Aromen. Die Sangiovese-Frucht bleibt gut erkennbar. Sie verändert ihre Gestalt, verliert ihre Jugend, aber nie die Kirsche und die Hagebutte. Gleichzeitig verschmelzen die Cabernet-Anteile immer stärker mit dem Wein, bis sie nicht mehr als Rebsorten wahrgenommen werden, sondern als Struktur – was auch den Geschmack des Tignanello immer ein Bisschen auch in das Bordelais führt.
Doch das erklärt auch, warum Tignanello niemals bloß Bordeaux aus der Toskana werden konnte (obwohl er in den 1980er-Jahren fast einer geworden wäre). Der Wein besitzt internationale Werkzeuge, bleibt aber durch und durch toskanisch. Seine Säure, seine Kräuterwürze, seine feinkörnigen Tannine und dieser unverwechselbare Zug zwischen Kirsche, Erde und mediterranen Kräutern verraten jederzeit seine Herkunft. Die vier Flaschen meines Kellers erzählen deshalb weniger von einzelnen Jahrgängen als von einer Idee, die seit über fünfzig Jahren die Weinwelt befruchtet. Und womöglich einer der wenigen Supertuscans bleiben wird, der die Rotweinkrise überlebt.

Entalkoholisieren? Wein? Wie geht das? Und was ist jetzt wichtig? Das I-Phone-Interview
(Manfred Klimek / animated pic: runwayml Lukas Herrmann hat mich kontaktiert. Er ist Experte in Sachen Wein-Entalkohalisierung. Und erklärt in 16 Minuten sehr genau worum es geht. Und was da noch kommt in Sachen Aromagewinnung bei entalkoholisiertem Wein. Hören! Und ich garantiere: der Moderator kommt kaum zum Dazwischenquatschen. Sehr gut.
(Manfred Klimek / animated pic: runwayml
Lukas Herrmann hat mich kontaktiert. Er ist Experte in Sachen Wein-Entalkohalisierung. Und erklärt in 16 Minuten sehr genau worum es geht. Und was da noch kommt in Sachen Aromagewinnung bei entalkoholisiertem Wein. Hören! Und ich garantiere: der Moderator kommt kaum zum Dazwischenquatschen. Sehr gut.

Auf Schwimmen zwei Weine. Altes Adige? Keineswegs. Ein Kurzbesuch
(Gerhard Retter / Redaktion / Foto: Manfred Klimek) Südtirol ist klein. Zumindest auf der Landkarte. Knapp 5.800 Hektar Rebfläche zwischen Alpen, Dolomiten, Apfelgärten, Steilhängen und Terrassen. Ein Weinland, das sich in wenigen Zahlen beschreiben lässt – und dennoch jeder einfachen Beschreibung entzieht. Denn Südtirol ist kein Weinbaugebiet, das man über Hektar, Liter oder Rebsorten versteht.
(Gerhard Retter / Redaktion / Foto: Manfred Klimek)
Südtirol ist klein. Zumindest auf der Landkarte. Knapp 5.800 Hektar Rebfläche zwischen Alpen, Dolomiten, Apfelgärten, Steilhängen und Terrassen. Ein Weinland, das sich in wenigen Zahlen beschreiben lässt – und dennoch jeder einfachen Beschreibung entzieht. Denn Südtirol ist kein Weinbaugebiet, das man über Hektar, Liter oder Rebsorten versteht. Südtirol lebt von Gegensätzen. Alpin und mediterran. Deutschsprachig und italienisch. Bauernland und Designregion. Genossenschaftsland und Kleinstwinzerlabor. Traditionsbewusst und gleichzeitig erstaunlich beweglich. Südtirol ist so “much much”.
Die eigentliche Juvelinität Südtirols hat wenig mit dem Alter seiner oft sehr jungen Winzer zu tun. Sie zeigt sich im Denken. Im Umgang mit Herkunft. Im Umgang mit Tradition. Im Umgang mit Veränderung. So entstehen hier Weine mit Frische, Präzision und Herkunft. Weine, die selten gefällig wirken und dennoch großen Trinkfluss besitzen. Weine, die ihre Umgebung widerspiegeln: kühl und klar in der Struktur, zugleich von jener Wärme geprägt, die das Leben südlich des Brennerpass eben auszeichnet.
Dabei lebt Südtirol keineswegs nur von romantischen Kleinbetrieben. Die Genossenschaften des Alto Adige gehören zu den leistungsfähigsten und qualitätsorientiertesten Europas. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, dass Südtirol heute international nicht nur als schöne Landschaft, sondern als verlässliche Weinherkunft wahrgenommen wird. Gerade darin liegt die Besonderheit der Region. Große, hochprofessionelle Kellereien existieren neben winzigen Familienbetrieben. Historische Klosterkellereien neben jungen Low-Intervention-Projekten. Genossenschaftslogik neben radikaler Parzellenarbeit. Die Reben wachsen zwischen 200 und 1.000 Metern Seehöhe. auf Kalk, Porphyr, Moräne, Dolomit, Schotter, Lehm, Quarz und Vulkangestein. Zwischen Tag und Nacht liegen oft Temperaturunterschiede, die anderswo ganze Jahreszeiten voneinander trennen.
Das Ergebnis sind Weine mit Spannung. Pinot Bianco mit bemerkenswerter Architektur. Sauvignon Blanc mit alpiner Frische statt exotischer Übertreibung. Chardonnay, der nicht Burgund kopieren muss. Kerner, der Höhenlage schmecken lässt. Pinot Noir mit mehr Nerv als Muskelspiel. Lagrein, der immer präziser wird. Und Vernatsch, jene kulturell vielleicht wichtigste Rebsorte Südtirols, die endlich wieder als das verstanden wird, was sie sein kann: Identität im Glas.
Auch Südtirol kämpft mit Klimawandel, Hagel, Spätfrost, steigenden Kosten und verändertem Konsumverhalten. Die Region startet allerdings aus einer ungewöhnlich starken Position. Herkunft, Handwerk und Premiumisierung sind hier keine nachträglichen Marketingideen, sondern seit Jahrzehnten Teil der Realität. Hohe Lagen sind keine romantische Kulisse, sondern ein strategischer Vorteil. Gleichzeitig wächst eine Generation von Winzerinnen und Winzern heran, die nicht mehr beweisen muss, dass Südtirol große Weine erzeugen kann. Sie interessiert sich stärker für Präzision als für Effekte. Für Herkunft statt Stilistik. Für Eigenständigkeit statt Wiedererkennbarkeit internationaler Vorbilder. Hier zwei Betriebe und zwei Weine, die ich vorstellen will
Haderburg – Südtirols große Schaumweintradition
Beginnen wir mit Haderburg in Salurn: Die Familie Ochsenreiter arbeitet am Hausmannhof in Buchholz oberhalb von Salurn, auf Höhenlagen zwischen 350 und 550 Metern. Haderburg gehört zu jenen Betrieben, die im internationalen Schaumweindiskurs weit häufiger genannt werden müssten. Die Voraussetzungen sind ideal: kühle Nächte, kalkhaltige und sandige Verwitterungsböden, traditionelle Flaschengärung und lange Hefelagerung. Vor allem aber Geduld. Haderburg produziert keine Schaumweine für schnelle Effekte, sondern für Entwicklung und Tiefe.
Der Pas Dosé 2019 steht exemplarisch für diesen Stil. Chardonnay und Pinot Noir treffen auf Präzision, Frische und Struktur. Die fehlende Dosage wirkt hier nicht asketisch, sondern selbstverständlich. Nichts wird kaschiert. Und nichts muss verborgen werden. Das Ergebnis ist kein Schaumwein für den Empfang vor dem Essen. Es ist ein Wein, der ein Essen begleiten kann. Austern, Crudo, Schalentiere, Geflügel, Pilze oder Trüffel finden hier einen Sekt (nach der Schampusmethode gekeltert) auf Augenhöhe.
Kloster Neustift / Abbazia di Novacella – Geschichte als so richtig Vorteil
Alt, aber jung im Denken: das Augustiner-Chorherrenstift wurde bereits 1142 gegründet. Die Stiftskellerei Neustift zählt zu den ältesten aktiven Weingütern der Welt. Geschichte wird hier nicht museal verwaltet, sondern produktiv genutzt. Sie liefert Erfahrung, Wissen und Kontinuität. Und viele alte Kellerbücher, die viel Geschichten vom Keltern erzählen. Das Eisacktal besitzt innerhalb Südtirols eine eigene Sprache. Die Höhenlagen sorgen für Frische und Säurespannung, die Weine wirken präzise, geradlinig und aromatisch klar. Kaum eine Rebsorte profitiert davon stärker als Kerner.
Der Kerner Praepositus 2024 zeigt, warum diese Sorte im Eisacktal ihre vielleicht überzeugendste Heimat gefunden hat. Kerner kann schnell zu viel werden: zu aromatisch, zu exotisch, zu gefällig. Hier passiert das Gegenteil. Die Frucht bleibt präsent, wird aber von Mineralität, Trockenheit und Struktur getragen. Die Weinberge liegen zwischen 650 und 750 Metern Seehöhe. Moränenböden, Glimmerschiefer, Paragneis und Quarzit prägen den Charakter. Die kühlen Nächte bewahren Frische und Spannung.
Der Praepositus wirkt deshalb nicht modisch, sondern zeitlos. Er passt zu Terrinen, asiatisch geprägten Gerichten, Geflügel, würziger Gemüseküche oder gereiftem Bergkäse. Bei solchen Weinen wird deutlich, dass Aromatik niemals das Problem ist. Das Problem beginnt dort, wo sie keine Struktur mehr besitzt.

In eigener Sache – was wir nach bald zwei Jahren sagen wollen
(Redaktion) Zwei Jahre Wineparty. Zwei Jahre journalistsche Verantwortung gegen jene Gleichförmigkeit, die große Teile des heutigen Weinjournalismus längst befallen hat. Zwei Jahre Texte ohne Rücksicht auf PR-Sprech, Punktediplomatie oder jenes sterile Wohlverhalten, das inzwischen in der Genusswelt um sich greift wie in allen gesellschaftlichen Bereichen. Ein In-Deckung-Gehen und nur nicht anecken wollen. Wir wollen das
(Redaktion)
Zwei Jahre Wineparty. Zwei Jahre journalistsche Verantwortung gegen jene Gleichförmigkeit, die große Teile des heutigen Weinjournalismus längst befallen hat. Zwei Jahre Texte ohne Rücksicht auf PR-Sprech, Punktediplomatie oder jenes sterile Wohlverhalten, das inzwischen in der Genusswelt um sich greift wie in allen gesellschaftlichen Bereichen. Ein In-Deckung-Gehen und nur nicht anecken wollen. Wir wollen das nicht. Wir wollen anecken, wollen unbequem sein. Wir wollen echten, freien Journalismus leisten. Weil wir alle nie nur Weinjournalisten waren und sind – und nie nur Weinjournalisten alleine sein wollen. Das wäre Wein und Winzern unangemessen.
Die Wineparty war von Beginn an als Gegenmodell gedacht. Als Plattform für freien, objektiven, auch subjektiven, manchmal polemischen, manchmal euphorischen, aber immer unabhängigen Weinjournalismus. Für Texte, die nicht zuerst an SEO, Affiliate, Algorithmen oder Werbekunden denken. Sondern an Sprache, Haltung, Streit, Genuss, Kultur und Freiheit.
Das Problem dabei ist freilich: Freiheit bezahlt sich nicht von selbst.
Noch existiert die Wineparty als “Anhängsel”, als begleitetes Projekt einer auch mit anderen Themen beschäftigten Strategie- und Marktagentur, die, außer der Wineparty, sonst nichts mit Wein am Hut hat. Noch wird dieses Projekt von dort her neutral beobachtet quersubventioniert. Noch können wir uns den Luxus leisten, alle Inhalte gratis anzubieten, weil wir daran glauben, dass unabhängiger Wein- und Genussjournalismus eine Öffentlichkeit braucht. Eine echte Öffentlichkeit, nicht bloß oft anonyme Reichweite.
Aber wir nähern uns nun dem Ende des zweiten Gratisjahres. Und langsam muss sich entscheiden, ob die Wineparty alleine stehen kann. Die Stunde der ökonomischen Wirklichkeit ist gekommen. Es geht um die eigenständige Finanzierung der Wineparty, die ihre Fixkosten selber tragen soll. Zu den Fixkosten sei erwähnt, dass Chefredaktion und Geschäftsführung auch weiterhin pro bono arbeiten – also mit null Honorar – und folglich auch nicht Teil der Fixkosten sind.
Guter Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Texte kosten Zeit. Recherche kostet Zeit. Reisen kosten Geld. Gespräche, Verkostungen, Fotografie, technische Infrastruktur, Redaktion, Gestaltung – all das existiert nicht einfach magisch im digitalen Raum, nur weil die Leser sich an Gratiscontent gewöhnt haben.
Darin dämmert eines der Grundprobleme unserer Gegenwart: Freier Journalismus scheint vielen Menschen nichts mehr wert zu sein, solange er gratis verfügbar bleibt. Erst hinter einer Paywall entsteht plötzlich das Bewusstsein, dass hier Arbeit stattfindet. Dass Texte nicht vom Himmel fallen wie algorithmischer Contentmüll auf Social Media.
Wir wollen diesen Weg eigentlich vermeiden.
Wineparty sollte bewusst offen bleiben. Zugänglich. Lesbar. Teilbar. Eine Plattform, die ihre Leser nicht zuerst mit Bezahlschranken begrüßt. Doch völlig ohne eigene wirtschaftliche Basis, ohne Quersubventionierung wie jetzt der Fall, lässt sich ein unabhängiges Medium nicht dauerhaft führen – schon gar nicht eines, das sich bewusst außerhalb klassischer PR- und Anzeigenlogik bewegt.
Darum sagen wir das jetzt offen und ohne falsche Bescheidenheit:
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Denn genau das verschwindet gerade vielerorts.
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Vorwärts Genossen! Der WELT am SONNTAG Text vom Sonntag
(Manfred Klimek / Foto: Gergo Pejko / animated pic: runwayml) Bevor ich einige Wochen im südwestdeutschen Weinbaugebiet Markgräflerland Quartier beziehe – eine Region, die unbedingt mehr in den Fokus rücken muss – mache ich einen Zwischenstopp in der Wachau. Bei einer Genossenschaft, die nicht nur in Österreich ihresgleichen sucht, die Domäne Wachau, einer der erstaunlichsten
(Manfred Klimek / Foto: Gergo Pejko / animated pic: runwayml)
Bevor ich einige Wochen im südwestdeutschen Weinbaugebiet Markgräflerland Quartier beziehe – eine Region, die unbedingt mehr in den Fokus rücken muss – mache ich einen Zwischenstopp in der Wachau. Bei einer Genossenschaft, die nicht nur in Österreich ihresgleichen sucht, die Domäne Wachau, einer der erstaunlichsten Weinbaubetriebe Mitteleuropas. Nicht nur, weil dort inzwischen einige der präzisesten Rieslinge und Grünen Veltliner Donaueuropas entstehen, sondern weil diese Weine ausgerechnet aus einer Genossenschaft kommen – also aus jenem Modell, das im Weinbau jahrzehntelang fast automatisch mit Mittelmaß und Masse verbunden wurde.
Genau dieses Bild, das auch in Österreich vorherrschte, hat die Domäne Wachau in den vergangenen zwanzig Jahren radikal zerstört. Heute bewirtschaften rund 200 Winzerfamilien etwa ein Drittel der gesamten Wachau. International bekannte Terrassenlagen wie Achleiten, Kellerberg oder Singerriedel gehören längst nicht mehr nur den großen Einzelweingütern der Region, sondern auch zur Domäne. Das eigentlich Bemerkenswerte dabei: Die Genossenschaft versucht nicht, Unterschiede zu glätten, sondern Herkunft selbst von kleinen Parzellen präzise herauszuarbeiten. Unter der Leitung von Roman Horvath und Kellermeister Heinz Frischengruber entstand daraus eine der modernsten Qualitätsgenossenschaften Europas – ein ultimativer, auch touristisch wertvoller Vorzeigebetrieb.
Die Weine wurden nicht nur schlanker, präziser und moderner: gleichzeitig investierte die Domäne massiv in biologischen Weinbau, nachhaltige Bewirtschaftung und moderne Kellertechnik, die auch spannende önologische Experimente möglich macht – und ein junges Publikum in das Gebäude holt. Vor allem aber entstand dort etwas, das Genossenschaften normalerweise selten schaffen: eine klare stilistische Handschrift – etwas Unverwechselbares.
Interessant ist allerdings die größere Frage dahinter: Warum funktionieren ausgerechnet niederösterreichische, auch burgenländische und Südtiroler Genossenschaften national und international so gut – während deutsche Genossenschaften bis heute meist im Billigsegment festhängen?
Denn in Südtirol beweist sich ein ähnliches Genossenschaftsphänomen: Kellereien wie Girlan, Tramin, Kurtatsch, Kaltern, Nals-Margreid oder St. Michael-Eppan gehören längst zu den renommiertesten Betrieben Italiens. Auch dort arbeiten hunderte kleine Weinbauern zusammen. Auch dort entstehen international gefragte Spitzenweine. Niemand würde zum Beispiel die weltweit hoch renommierte Genossenschaft Terlan heute als „typische Genossenschaft“ wahrnehmen.
In Deutschland dagegen klebt vielen Genossenschaften noch immer der Geruch der Nachkriegszeit an: süßliche Massenware, Rabattaktionen, das Festhalten an unerquicklichen Rebsorten und eine Qualitätsphilosophie, die oft eher auf Stabilität als auf Individualität ausgerichtet scheint.
Die Wachau, das Kremstal und Südtirol begriffen früh, dass kleine Winzer alleine am Weltmarkt meist keine Chance mehr haben. Die Genossenschaft wurde dort deshalb nicht als Auffangbecken verstanden, sondern als gemeinsame Qualitätsmaschine: Herkunft, Präzision und Markenbildung standen plötzlich über bloßer Menge. Gleichzeitig arbeiteten beide Regionen mit enormem Selbstbewusstsein an ihrem internationalen Image.
