spit on my grave
aber bitte Wein. Fünf Weine, sich die Apokalypse schönzutrinken.
15. Mai 25, Klimek. Die Welt ist ein Saustall! Und keiner mistet aus. Es brennt. Im Nahen Osten, in der Ukraine, in den USA, in den Medien. Das Klima ist ein Totalschaden, die Börse ein Glücksspiel, und in Berlin regiert bald eine Schuldenkoalition, die sich bemühen wird, das Richtige zu tun – Schwerpunkt auf Bemühen. Das Einzige, was uns dieser Tage bleibt, ist das Glas in der Hand.
DEUtschbahn
Den Spies dreht keiner um – die DB und ihr einzig schöner Moment!
16 Mai 25 Klimek. Ich bin mit dem Zug nach Rheinhessen gefahren. Vor Wein-Achten. Mit dem Zug nach Rheinhessen zu fahren heißt in 95% der Fälle mit der DB fahren zu müssen: jenem Konzern, der es seit 2003 ca schafft, mein Nervenkostüm zu zerschneiden, ohne daraus ein neues, besseres Nervenkleid schneidern zu können – ganz im Gegenteil.

Revisited: Jochen & Christian Dreissigacker, keine Master of Desaster, sondern deutsche Meister bei Pinot Blanc
(Manfred Klimek, Redaktion, animated pic: runwayml) Es gibt eingie Karrieren, aber nicht viele, im deutschen Weinbau, die man im Rückblick fast zu glatt erzählen kann: Aufstieg, klare Linie, Erfolg – wie es in den letzten zwanzig Jahren einigen erging; vor allem in Rheinhessen. Bei Jochen Dreissigacker, der gemeinsam mit seinem kongeniale Bruder Christian das Weingut
(Manfred Klimek, Redaktion, animated pic: runwayml) Es gibt eingie Karrieren, aber nicht viele, im deutschen Weinbau, die man im Rückblick fast zu glatt erzählen kann: Aufstieg, klare Linie, Erfolg – wie es in den letzten zwanzig Jahren einigen erging; vor allem in Rheinhessen. Bei Jochen Dreissigacker, der gemeinsam mit seinem kongeniale Bruder Christian das Weingut führt, wäre das zu einfach. Ich habe ihn vor bald zwanzig Jahren kennengelernt, damals noch sehr jung, mit diesem leicht ungeduldigen Charme, der mehr will, als die Umgebung gerade hergab. Rheinhessen war zu dieser Zeit vieles, aber sicher nicht der Ort, an dem man sofort an moderne, international anschlussfähige Weine dachte. Genau das hat ihn, und Weinpersonen wie Wechsler, Keller, Wittmann oder Spanier-Gillot, gereizt.
Was dann folgte, gehört zu den präzisesten Modernisierungen, die der deutsche Weinbau in den letzten zwei Jahrzehnten gesehen hat. Parallel zu Markus Schneider in der Pfalz entstand hier ein Gegenentwurf zum Altväterlichen: klare Etiketten, klare Ansprache, eine Stilistik, die nicht belehren wollte, die zu keinen endlosen Diskursen einlud, sondern schlicht schnell funktioniere. Das war kein Zufall, sondern Kalkül. Beide, Schneider und Dreissigacker, haben verstanden, dass Wein so schmecken muss, dass die Konsumenten nach einem zweiten Glas, nach einer zweiten Flasche, verlangen. Und dass da eine Generation folgt, die auch keine Geduld mehr für komplizierte Erzählungen hat. Doch komplizierte Erzählungen kamen deswegen nicht aus der Mode.
Dass Dreissigacker dabei auch optisch gut in diese Erzählung passt, hat sicher nicht geschadet. Aber ihn darauf zu reduzieren, wäre zu billig. Entscheidend war die Strategie: Wachstum, ja – aber nicht blind. Sondern gezielt dorthin, wo Sichtbarkeit entsteht: Berlin, Luxusszenegastronomie, Orte wie Grill Royal, Tim Raue, China Club. Das sind keine Zufallsstationen. Das sind Bühnen. Und Dreissigacker wusste früh, dass man dort präsent sein muss, wenn man nicht nur mitspielen, sondern mitbestimmen will.
Und dann ist da der Weißburgunder. Eine Rebsorte, die ich lange Zeit mit einem höflichen Nicken abgehandelt hatte. Nett, sauber, unauffällig. Ein Wein für die zweite Reihe. Dreissigacker hat genau darin seine Chance gesehen. Nicht, weil die Sorte spektakulär wäre, sondern weil sie es nicht ist. Man kann hier nichts verstecken. Kein großes Aromenspektakel, keine laute Geste, kein Terroirgetue. Wenn man Weißburgunder ernst nimmt, muss man präzise arbeiten. Und mit Holz. Und genau das tut er.
Die extrem süffige Weißburgunder-Chardonnay-Cuvée für fast lächerliche 15 Euro ist dafür ein gutes Beispiel. Kein großer Anspruch, keine philosophische Überhöhung. Einfach ein Wein, der prima funktioniert. Klar, unkopliziert, mt einem gewissen Druck jedoch, mit genau dem Maß an Struktur, das man braucht, um ihn nicht sofort wieder zu vergessen. Ein Saufwein im besten Sinne.
Dann der Weißburgunder aus dem Tonneau. 600 Liter Holz, sauber gearbeitet, mit einem Toasting, das nicht übertreibt aber perfekt sitzt. Hier wird es ernst. Die Struktur zieht an, die Textur wird dichter, ohne schwer zu werden. Man merkt, dass hier jemand genau weiß, wie viel Holz er sich erlauben kann – und wie viel nicht. Das ist kein Zufall, das ist Erfahrung. Und Jugend, auch wenn Dreissigacker auch schon in der Mitte des Lebens steht.
Und schließlich der Einzigacker: ein Weißburgunder für fast hundert Euro. Das muss sich einer erst einmal trauen: eine Rebsorte, die viele immer noch für freundlich belanglos halten, in diese Preisregion zu führen. Der Wein kann das tragen, keine Frage. Er ist präzise, tief, gut gebaut. Aber er bewegt sich an einer Grenze, an der man anfangen darf zu fragen, ob Preis und Leistung noch im Gleichgewicht stehen. Diese Frage gehört dazu. Und Dreissigacker weiß das. Er weiß aber auch, dass sich selbst dieser Wein gut verkauft, derzeit ausverkauft ist. Er weiß von sich, ein guter Verkäufer zu sein.
Darin liegt seine Stärke: dass er es in jedem Niveau allen recht macht. Dass er bereit ist, eine Sorte wie Weißburgunder so ernst zu nehmen, dass sie plötzlich im Zentrum steht. King of Pinot Blanc, wenn man so will. Ein Titel, der mit einem leichten Augenzwinkern daherkommt – und gleichzeitig erstaunlich gut passt.
Denn am Ende geht es nicht darum, ob Weißburgunder die spannendste Rebsorte der Welt ist. Ist er nicht. Es geht darum, was eine oder mehrere Personen aus ihr machen. Und Dreissigacker macht daraus etwas, das wir nicht übersehen können.

Bring Liter, Winzer! Die vergessene Flaschengröße und 10 Saufweine für den Sommer
(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG) Sie ist die eierlegende Wollmilchsau der Weinkonsumenten – und zwar jener, die auf ihr tägliches gutes Glas Wein nicht verzichten wollen: die Literflasche anständigen Weins, die um verglichen sehr wenig Geld sehr anständige deutsche Weine in sich trägt. Gekeltert von durchaus namhaften Winzern, erfolgreichen Winzern, die sich von diesem
(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG)
Sie ist die eierlegende Wollmilchsau der Weinkonsumenten – und zwar jener, die auf ihr tägliches gutes Glas Wein nicht verzichten wollen: die Literflasche anständigen Weins, die um verglichen sehr wenig Geld sehr anständige deutsche Weine in sich trägt. Gekeltert von durchaus namhaften Winzern, erfolgreichen Winzern, die sich von diesem Format aber auch ohne große finanzielle Einbußen trennen könnten. Aber das wollen sie nicht. Noch nicht.
Ein Flaschenformat zudem, das im internationalen Vergleich fast aus der Zeit gefallen wirkt und doch etwas bewahrt, das anderswo längst verschwunden ist: die Idee, dass guter Wein nicht zwangsläufig teuer sein muss. Während sich der globale Weinmarkt zunehmend in Prestigelagen, Einzelflaschen und narrative Überhöhung aufspaltet, existiert in Deutschland eine Parallelwelt, in der Spitzenweingüter ganz selbstverständlich Weine im Liter abfüllen. Keine Zweitverwertung, sondern sauber gemachte, oft erstaunlich präzise Weine, die aus der gleichen Kelterkultur stammen wie die ebenso preisgünstigen, aber dann doch teureren Gutsweine – fast immer abgefüllt in den etablierten 0,75-Liter-Gebinden.
Und doch, trotz aller für alle ersichtlichen Vorteile für die Konsumenten, geraten diese Flaschen zunehmend in Vergessenheit. Denn der Handel liebt das Erzählbare, das Steigerbare; liebt das, was sich in Preis und Herkunft immer weiter zuspitzen lässt. Die Literflasche hingegen entzieht sich dieser Logik. Sie ist zu einfach, zu klar in ihrer Idee als Schankwein, zu wenig spektakulär. Gleichzeitig verschwindet auch jene Klientel, für die sie einst gemacht war: Menschen, die sich ein gutes Glas Wein leisten wollen, ohne daraus ein Ereignis zu machen. Ein Glas zum Essen, im Alltag, am Abend zum Entspannen auf Balkon, Terrasse oder im Garten – denn Literweine sind vor allem Weißweine, Sommerweine.
Die Weingüter selbst stehen dabei in einem nicht nach Außen kommunizierten Konflikt. Denn jeder gute Literwein stellt die Frage, warum der Gutswein des gleichen Weinguts mehr kosten soll. Also bleibt die Literflasche oft unterpromotet – ein Produkt, das existiert, aber selten in den Vordergrund rückt.
Dabei ist sie, nüchtern betrachtet, eine deutsche Singularität. In Frankreich etwa existiert zwar die Idee des „vin de soif“, des einfachen, trinkigen Weins, und große Häuser wie Domaines Barons de Rothschild erzeugen durchaus zugängliche Qualitäten um auch geringes Geld. Doch das Format des Liters, diese bewusste Entscheidung für mehr Wein bei gleichbleibender Qualität, findet sich dort kaum.
In Deutschland hingegen hat die Literflasche ihre Wurzeln in der Gastronomie, im Schankwein, im offenen Ausschank. Sie ist kein Statement, sondern eine kulturelle Dauerinstallation. Ein Liter Wein, der geteilt werden will, der nicht auf den Moment der Verkostung zielt, sondern einfach auf die Trinklust. Die abnehmende Trinklust jüngerer Generationen nach 2000 ist ihr Problem – und zugleich ihre Chance. Denn sie steht für etwas, das dem Wein zunehmend verloren geht und das auch die jüngere Generation gar nicht mehr im Verborgenen sucht: Selbstverständlichkeit.
Fraglos stammt das Lesematerial dieser Weine aus der ersten Lese, der Vorlese, in welcher alle Trauben aussortiert werden, die das Weingut nicht mehr länger reifen lassen will. Und fraglos kommen Teile des Lesematerials auch aus qualifiziertem Zukauf vertrauenswürdiger Traubenlieferanten. Trotz dieser gefühlt als qualitative Einschränkung verstandenen Nivellierungen kann sich kein Weinbaubetrieb von Rang und Namen leisten, auch nur eine Flasche Wein vom Hof zu lassen, die nicht auch die Qualitätskriterien des teuersten Weins des Weinguts in sich trägt. Denn ein lediglich durchschnittlicher Wein eines für Qualität bekannten Weinguts wäre – vor allem in Zeiten von Social-Media – eine Katastrophe.
Es ist also an der Zeit, diese Flaschen ernst zu nehmen. Nicht als Kuriosum, sondern als das, was sie sind: eine der letzten wirklich demokratischen Formen des Weinangebots.
Der Silvaner in der Literflasche vom auch in der Sternegastronomie vertretenen Winzerhof Stahl (ab € 6,50, die etwas höherwertige Flaschenfüllung namens „Kilo“ für € 9,50) aus Simmershofen in Franken zeigt, wie klar und frisch diese Kategorie sein kann, wenn sie so richtig ernst genommen wird. Kein dekorativer Überbau, sondern ein präziser, geradliniger Wein, der die Rebsorte auf ihre auch kräftige Essenz reduziert. Frische, ein kühler Zug, dazu diese typische, leicht herbe Kräutrigkeit, die den Gaumen wach hält.
Das Juliusspital in Würzburg interpretiert den Liter-Silvaner (ab € 8,50) etwas klassischer. Hier ist mehr Rundung, mehr fränkisch-önologische Selbstverständlichkeit im Spiel. Die Frucht wirkt reifer, der Wein insgesamt etwas weicher, ohne seine Kontur zu verlieren. Ein Silvaner, der weniger auf Spannung setzt wie jener von Stahl, sondern auf Balance – und genau dort seine Stärke findet.
Beim Zehnthof Luckert in Sulzfeld am Main, ein richtig großer fränkischer Winzer mit Weinen von Weltgeltung, wird der Liter Silvaner (ab € 11,50) zum Understatement eines großen Könnens. Der Wein ist karg, präzise, beinahe streng in seiner Anlage. Weniger Frucht, mehr Struktur, mehr Salze der Böden, eine klare Handschrift, die sich nicht anbiedert. Dass ein solcher Stil in der Literflasche auftaucht, ist fast ein Statement für sich.
Das Weingut Schenk in Randesacker schließlich bringt eine Silvaner-Literversion (ab € 8,50) mit ins Spiel, die etwas offener, zugänglicher wirkt, ohne je ins Banale zu kippen. Der Silvaner zeigt Frucht, aber kontrolliert, bleibt trocken, sauber und klar. Ein Wein, der genau das erfüllt, was man sich von dieser Kategorie erhofft: Verlässlichkeit ohne Langeweile.
Der Liter Rivaner (Müller-Thurgau) vom Weingut Uli Metzger aus Grünstadt in der Pfalz (ab € 5,40) ist vielleicht die unterschätzteste Position in dieser Auswahl. Eine Rebsorte, die lange nicht zu unrecht als belanglos galt, hier jedoch mit erstaunlicher Präzision in Qualitätswein verwandelt wird. Leicht, frisch, mit klarer Frucht, ohne einer störend-banalen Süße. Und fern von den vielen belanglosen Weinen, für die Müller-Thurgau in Deutschland immer noch herhalten muss.
Das Pfälzer Weingut Hammel bringt mit seinen zwei prominentesten Liter-Flaschen eine fast schon spielerische Erweiterung des Gedankens ins Spiel. Der Riesling „Literweise“ (ab € 6,36) zeigt sich saftig, direkt, mit klarer Säure und unkomplizierter Frucht. Kein großer Tiefgang, aber eine erstaunliche Trinkigkeit, die genau in das Format einzahlt. Der Rosé „Literweise“ (Dornfelder & Pinot Noir, ab € 5,79) wiederum setzt stärker auf Frucht und auch Wucht, bleibt aber immer frisch, animierend – fast beiläufig gut.
Der Riesling vom Deisesheimer Weingut Von Winning im Literformat (ab € 7,10) wirkt wie ein kontrollierter Spagat. Das Haus, bekannt für ambitionierte, oft holzgeprägte Weine, zeigt hier, dass auch in der einfachsten Kategorie Reduktion möglich ist. Klar, präzise, mit sauberer Säure und einer Frucht, die nie dominiert und den Bodensalzen ihren Platz lässt. Ein Literwein mit Herkunft, ohne sie auszustellen.
David Spies, Winzer in Rheinhessen und der Kellermeister des bekanntesten Rieslings in den Speisewägen der DB, liefert einen Liter Riesling ab, der vielleicht am nächsten an das Ideal dieser Kategorie herankommt. Ein Riesling, der nichts will außer gut sein. Frisch, geradlinig, mit genau der richtigen Balance aus Frucht und Säure. Kein Statement, kein Konzept – sondern einfach ein Wein, der da ist, wenn man ihn braucht.

Kleine grüne Männchen: Über den überraschenden Boom neuer Weinkleinflaschen in Berlin
(Redaktion) Kleine Verschiebungen im Alltag, an denen man große Krisen erkennt. Nicht an Leitartikeln, nicht an Zahlenkolonnen, nicht an den immergleichen Klagen der Branche. Sondern an Orten, an welchen wir sie nicht vermuten würde. In Berlin zum Beispiel, im Späti. Zwischen Mate, Bier und Zigaretten. Dort stehen sie jetzt. 250 Milliliter Wein. Schraubverschluss. Sehr oft
(Redaktion)
Kleine Verschiebungen im Alltag, an denen man große Krisen erkennt. Nicht an Leitartikeln, nicht an Zahlenkolonnen, nicht an den immergleichen Klagen der Branche. Sondern an Orten, an welchen wir sie nicht vermuten würde. In Berlin zum Beispiel, im Späti. Zwischen Mate, Bier und Zigaretten. Dort stehen sie jetzt. 250 Milliliter Wein. Schraubverschluss. Sehr oft Bio-Siegel. Weißburgunder, Riesling, Pinot Grigio. Rheinhessen. Abgefüllt in Ürzig an der Mosel. Flaschen, die man schon tausendmal gesehen hat, jetzt aber in einer Form, die man bislang eher aus dem Flugzeug oder der Minibar kannte. Und plötzlich ergibt das alles Sinn. Denn diese kleinen Flaschen sind keine Spielerei. Sie sind ein Symptom.
Die Tanks sind voll. In Deutschland, in Italien, in Frankreich. Zu viel Wein, zu wenig Durst. Die letzten Jahre haben eine Welle produziert, die jetzt langsam zurückläuft und dabei alles freilegt, was zu lange überdeckt war: Überproduktion, Überschätzung, Überangebot. Und irgendwo müssen diese Hektoliter hin. Also gehen sie dahin, wo noch Bewegung ist. In die Stadt. In den Späti. In den Moment. Der Späti ist ja ohnehin ein Phänomen für sich. Ein Ort ohne Pathos, ohne Inszenierung. Kein Verkostungstisch, kein Sommelier, kein Diskurs. Dafür Licht, das nie ganz ausgeht, und ein Publikum, das nicht fragt, sondern nimmt. Hier wird nicht gesammelt, hier wird konsumiert. Sofort. Direkt. Ohne Umweg. Und genau dafür sind diese 250-Milliliter-Flaschen gemacht.
Ein Glas Wein, vielleicht zwei. Kein Commitment. Keine Flasche, die man „aufmachen muss“. Kein Rest, der am nächsten Tag in der Küche rumsteht und verkocht werden will. Sondern ein Produkt, das sich dem Leben anpasst, nicht umgekehrt. Das eigentlich Interessante dabei: Es sind zu rund 80% Bio-Weine. Vor vier, fünf Jahren wäre das noch ein Selbstläufer gewesen. Bio, biodynamisch, nachhaltig – das war die Eintrittskarte in eine zahlungskräftige, überzeugte Käuferschicht. Heute stehen genau diese Weine im Späti. Nicht als Statement, sondern als Lösungsversuch in einer für den Weinbau problematischen Zeit. Das ist kein Zufall. Bio hat seine moralische Aufladung nicht verloren, aber seine ökonomische Selbstverständlichkeit. Die Nachfrage ist selektiver geworden, vorsichtiger, auch müder. Und plötzlich reicht das Label nicht mehr, um die Flaschen zu drehen. Also muss sie sich bewegen. Raus aus dem Fachhandel, rein in die Nacht.
Und dort funktioniert sie erstaunlich gut. Denn die Kalkulation ist klar: Späti-Preise liegen 50 bis 70 Prozent über dem Discounter. Das weiß jeder, das akzeptiert jeder. Man zahlt für Verfügbarkeit, für Bequemlichkeit, für den Moment. Und genau hier wird aus einem Überangebot plötzlich ein Geschäftsmodell. Die Weine selbst? Anständig. Sauber gemacht. Technisch korrekt, ohne Ambition zur Größe. Keine Fehler, aber auch keine Geschichten. Weine, die nicht anecken, nicht hängenbleiben, nicht diskutiert werden wollen. Man nimmt die Flasche aus dem Kühlschrank, dreht sie kurz, liest „Bio“, liest „Riesling“, zahlt, öffnet. Der erste Schluck passiert auf der Straße. Und wenn er passt, ist alles gut. Mehr verlangt hier niemand.
Es ist eine neue Form von Weintrinken. Entkoppelt vom Ritual, entkoppelt vom Anlass. Fast schon beiläufig. Und gleichzeitig hoch funktional. Dass diese Entwicklung aus einer Krise heraus entsteht, ist kein Widerspruch. Im Gegenteil. Der Wein war immer dann am interessantesten, wenn er sich bewegen musste. Wenn er gezwungen war, neue Wege zu gehen, neue Formen zu finden, neue Kontexte zu besetzen. Die 250-Milliliter-Flasche im Berliner Späti ist so ein Kontext. Kein schöner vielleicht. Kein romantischer. Aber ein ehrlicher. Und wenn man genau hinschaut, dann ist sie mehr als nur ein Abverkaufsvehikel. Sie ist ein Testfeld. Für neue Konsumgewohnheiten, für eine Generation, die weniger trinkt, aber bewusster auswählt, für Situationen, in denen Wein nicht mehr Mittelpunkt ist, sondern banaler Begleiter sein will. Für eine Branche, die gerade lernt, dass sie nicht mehr automatisch gebraucht wird, sondern sich erklären, anpassen, manchmal sogar neu erfinden muss. Der Wein steht jetzt zwischen Energydrink und Mineralwasser. Und muss sich behaupten. Das ist neu. Und ziemlich aufschlussreich.

Kein Maul voll Wein! Ist das System der Weinbörsen und Großverkostungen zu allen Weinen gerecht?
(Manfred Klimek / animated pic: runwayml) Alle Jahre wieder, alle Jahre Tradition: Große Verkostungen, organisiert von Verbänden, Regionen oder Vereinigungen wie dem VDP, finden in festlichen Sälen statt, perfekt ausgeleuchtet, präzise durchgetaktet, getragen von einer immer durchgehend freundlichen Atmosphäre. Winzer, Händler, Journalisten – alle sind da, alle gut gelaunt, alle bereit, sich durch eine beeindruckende
(Manfred Klimek / animated pic: runwayml)
Alle Jahre wieder, alle Jahre Tradition: Große Verkostungen, organisiert von Verbänden, Regionen oder Vereinigungen wie dem VDP, finden in festlichen Sälen statt, perfekt ausgeleuchtet, präzise durchgetaktet, getragen von einer immer durchgehend freundlichen Atmosphäre. Winzer, Händler, Journalisten – alle sind da, alle gut gelaunt, alle bereit, sich durch eine beeindruckende Zahl von Weinen zu arbeiten. Es sind wichtige Termine, zweifellos. Und doch gehe ich seit Jahren nicht mehr hin.
Das hat nichts mit Arroganz zu tun und noch weniger mit Geringschätzung. Im Gegenteil: Ich bewundere die Organisation dieser Veranstaltungen, die Disziplin der Winzer, die Geduld der Einschenkenden und die Ausdauer vieler Kolleginnen und Kollegen, die sich konzentriert durch Reihen von Gläsern arbeiten. Aber genau darin liegt für mich das Problem. Ich kann nicht hundert Rieslinge hintereinander so verkosten, dass ich mir am Ende sicher bin, jedem einzelnen gerecht geworden zu sein.
Die ersten zwanzig, vielleicht dreißig Weine – ja, da funktioniert das noch. Ich bin wach, die Sinne sind frisch, die Unterschiede klar. Man riecht, man schmeckt, man vergleicht. Doch dann beginnt sich etwas zu verschieben. Die Aromatik verdichtet sich zu Mustern, die sich wiederholen. Die Unterschiede werden feiner, aber auch schwerer greifbar. Natürlich erkennt man noch Qualität, man spürt Struktur, Säure, Herkunft. Aber die Sicherheit, die Präzision im Urteil – sie wird brüchiger.
Nach dem vierzigsten Glas, manchmal früher, manchmal später, stellt sich eine leise Ermüdung ein, die nicht körperlich ist, sondern sensorisch. Der Gaumen wird gleichgültiger, die Nase beginnt zu sortieren statt zu entdecken. Und genau in diesem Moment beginnt die eigentliche Herausforderung dieser Verkostungen: nicht mehr zu verlieren, was man zu Beginn hatte – die Aufmerksamkeit für jeden einzelnen Wein.
Hinzu kommt ein zweiter Punkt, der für mich entscheidend ist. Auf diesen Veranstaltungen wird gespuckt. Es geht gar nicht anders, will man halbwegs konzentriert bleiben. Und natürlich ist das professionell, selbstverständlich sogar. Jeder, der ernsthaft verkostet, beherrscht das. Auch ich. Das sogenannte retronasale Verkosten, das Zurückholen der Aromen über den Rachenraum, funktioniert zuverlässig und erlaubt eine erstaunlich differenzierte Wahrnehmung.
Aber es ist, bei aller sensorischen Perfektion, nicht das Ganze. Ein Wein zeigt sich nicht nur im Antrunk, nicht nur in der Aromatik, sondern auch in seinem Verlauf, in seiner Textur, in dem, was nach dem Schlucken bleibt. Der Moment, in dem der Wein den Körper erreicht, ist kein beiläufiger. Er gehört zur Erfahrung dazu. Ohne ihn fehlt etwas – nicht alles, aber genug, um vorsichtig zu werden mit abschließenden Urteilen.
Ich habe großen Respekt vor Kolleginnen und Kollegen, die unter diesen Bedingungen zu klaren Bewertungen kommen. Viele können das besser als ich, routinierter, disziplinierter. Vielleicht ist es auch eine Frage der Übung. Aber ich habe für mich entschieden, dass ich Weine anders kennenlernen möchte. In kleineren Gruppen, mit mehr Zeit, mit der Möglichkeit, zurückzugehen, ein Glas stehen zu lassen, wiederzukommen. Und ja, auch mit dem Schluck.
Das bedeutet nicht, dass große Verkostungen ihren Wert verlieren. Sie sind wichtig als Überblick, als Standortbestimmung, als Möglichkeit, viele Weine nebeneinander zu erleben. Sie schaffen Vergleichbarkeit, sie bringen Menschen zusammen, sie setzen Impulse. Aber sie haben Grenzen. Und diese Grenzen sollte man kennen, auch wenn man sie professionell überspielt.
Der Punkt ist, nicht gegen diese Veranstaltungen zu argumentieren, sondern für ein Bewusstsein ihrer Bedingungen. Denn am Ende geht es um etwas sehr Einfaches und sehr Schwieriges zugleich – einem Wein gerecht zu werden. Und das gelingt, zumindest mir, nicht im Takt von hundert Gläsern.

Revisited: Ornellaia. Hält diese Marke, was sie verspricht?
(Manfred Klimek / animated pic: runwayml) Weine, die wir regelmäßig trinken und prüfen. Ornellaia ist für mich so ein Fall. Ein Wein, zu dem ich nie ein wirklich entspanntes Verhältnis hatte. Zu teuer, zu sehr vom Markt getragen, zu sehr auch ein Symbol jener Jahre, in denen die sogenannten Supertuscans mehr waren als nur große
(Manfred Klimek / animated pic: runwayml)
Weine, die wir regelmäßig trinken und prüfen. Ornellaia ist für mich so ein Fall. Ein Wein, zu dem ich nie ein wirklich entspanntes Verhältnis hatte. Zu teuer, zu sehr vom Markt getragen, zu sehr auch ein Symbol jener Jahre, in denen die sogenannten Supertuscans mehr waren als nur große Weine – sie waren Versprechen, Projektionsfläche, manchmal, manchmal oft, auch Spekulationsobjekt. Während ich beim Sassicaia immer eine gewisse Selbstverständlichkeit spüre, ein ruhiges Wissen um die eigene Größe, hatte ich bei Ornellaia lange das Gefühl: Hier wird zu viel Prestige erzählt, nicht nur Wein.
Und doch sitze ich dann wieder davor, habe zwei Jahrgänge im Glas, 2012 und 2018, und merke schon: Ganz so einfach ist es nicht.
Der 2012er, inzwischen gut gereift, zeigt sich in einer Form, die man diesem Wein vielleicht gar nicht zugetraut hätte, wenn man ihn jung getrunken hat. Die Frucht ist zurückgenommen, dunkle Kirsche, ein wenig Pflaume, dazu Tabak, Leder, ein Hauch von getrockneten Kräutern. Nichts schreit, nichts drängt. Am Gaumen fällt mir sofort und erneut dieses Säurespiel auf, das Ornellaia von vielen anderen Supertuscans unterscheidet. Der ist kein breiter, kein opulenter Wein, sondern einer, der sich über Spannung definiert. Die Tannine sind abgeschliffen, aber noch präsent, der Wein wirkt in sich geschlossen, ohne schwer zu sein. Und doch bleibt ein leiser Zweifel: Ist das schon alles? Oder fehlt da jene letzte Tiefe, jene dramatische Entwicklung, die man von wirklich großen, langlebigen Weinen erwartet?
Der 2018er hingegen steht noch am Anfang. Und doch zeigt er bereits sehr klar, wohin die Reise geht. Die Frucht ist präzise, kühl gehalten, überraschend viel schwarze Johannisbeere, etwas Ribisl, dazu ein sehr sauber eingebundenes Holz, das eher Struktur gibt als Aroma. Auch hier wieder diese fast irritierende Frische, diese Säure, die den Wein trägt und ihm eine Schlankheit verleiht, die man in dieser Preisklasse selten findet. Kein Muskelspiel, kein Überdruck, sondern Kontrolle. Eleganz als Konzept. Man versteht schon, warum dieser Wein so viele Anhänger hat.
Und genau hier beginnt das Dilemma. Denn wenn man Ornellaia mit anderen großen Namen vergleicht – etwa mit Antinoris Solaia, der für mich der kompletteste, dramatischste unter den Supertuscans ist – dann fehlt dem Ornellaia etwas von dieser epischen Anlage. Solaia baut sich über Jahrzehnte auf, gewinnt an Tiefe, an Komplexität, an Gravitas. Ornellaia hingegen scheint früher auf seinem Höhepunkt zu sein. Er verführt schneller, ist zugänglicher, vielleicht auch moderner in seiner Anlage. Aber er bleibt, so mein Eindruck nach vielen Jahren, in seiner Entwicklung begrenzter.
Tue ich ihm damit unrecht? Vielleicht. Denn man darf nicht erwarten, dass jeder große Wein die gleiche Art von Größe besitzt. Ornellaia ist kein Langstreckenläufer im klassischen Sinne, kein Monument, das sich über fünfzig Jahre entfaltet. Er ist ein Wein der präzisen Balance, der kalkulierten Eleganz, des perfekten Moments. Und in diesem Moment kann er nahezu unwiderstehlich sein.
Gerade dieses Säurespiel, diese kühle Linie, die sich durch alle Jahrgänge zieht, gehört zum Besten, was man im Rotweinbereich finden kann. Es ist eine Qualität, die oft unterschätzt wird, weil sie weniger spektakulär ist als Kraft oder Konzentration. Aber sie ist es, die den Wein trägt, die ihn lebendig hält, die ihn vom ersten bis zum letzten Schluck interessant macht.
Bleibt die Frage nach dem Preis. Und hier bleibe ich skeptisch. Wenn man Ornellaia als das versteht, was er ist – ein großer, eleganter, früh zugänglicher Kultwein mit einer Lebensdauer von vielleicht dreißig Jahren in sehr guten Jahrgängen – dann ist er auf dem Niveau bepreist, auf dem man eigentlich mehr erwarten dürfte. Mehr Tiefe, mehr Entwicklung, mehr Unendlichkeit.
Der Markt hat das anders entschieden. Und der Markt hat Ornellaia recht gegeben. Über Jahre, über Jahrzehnte hinweg. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Dass sich hier ein Wein durchgesetzt hat, der nicht maximal, sondern präzise ist. Nicht monumental, sondern kontrolliert. Nicht unendlich, sondern im besten Sinne endlich.

Die WHO lügt! Ein ungewöhlich harter Artikel über die Empfehlungen der Gesundheitsorganisation.
(Redaktion) Es ist ein Moment, den man im Weinjournalismus, im Journalismus generell, selten erlebt. Ein Moment, in dem ein Presserzeugnis in Sachen Wein nicht verkostet, nicht empfiehlt, nicht schwärmt – sondern attackiert. Und zwar frontal. Das Magazin Cicero hat am 14. April genau das getan. In einem Beitrag über die Anti-Alkohol-Strategie der WHO fällt ein
(Redaktion)
Es ist ein Moment, den man im Weinjournalismus, im Journalismus generell, selten erlebt. Ein Moment, in dem ein Presserzeugnis in Sachen Wein nicht verkostet, nicht empfiehlt, nicht schwärmt – sondern attackiert. Und zwar frontal. Das Magazin Cicero hat am 14. April genau das getan. In einem Beitrag über die Anti-Alkohol-Strategie der WHO fällt ein Wort, das im Weinjournalismus bislang selten bis nie vorkam: „Lüge“.
Man muss sich das klarmachen. Über die letzten drei hinweg war der Ton in der Auseinandersetzung zwischen Weinwelt und der Weltgesundheutsorganisation asymmetrisch. Hier die WHO mit ihren Papieren (die nie Studien waren), ihren globalen Kampagnen, ihrer moralischen Autorität. Dort eine Branche, die bestenfalls leise widersprach, oft aber gar nicht reagierte. Und nun schreibt ein Autor in einem seriösen, bürgerlich verorteten Medium, die WHO habe „wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse systematisch ausgeblendet“.
Der Text selbst ist kein wissenschaftlicher Aufsatz. Er ist ein Gastbeitrag des Weinhändlers Phillip Schwandner – und damit per se Position und selbstredend sofort anfechtbar. Aber er ist präzise genug, um nicht als bloße Polemik durchzugehen. Der Autor verweist – wie es auch die Wineparty seit Januar 2025 tut – auf neuere Studien, die das lange dominierende Narrativ – jeder Tropfen Alkohol sei schädlich – zumindest relativiert, wenn nicht in die Tonne tritt. Er erinnert an die sogenannte J-Kurve, jene statistische Beobachtung, dass moderater Konsum in bestimmten Altersgruppen mit geringeren Risiken einhergehen kann als völlige Abstinenz. Und er stellt die Frage, warum genau diese Differenzierungen in der öffentlichen Kommunikation kaum noch vorkommen. Eine Frage, die wir ebenfalls ständig stellen – und nur seltsame, ausweichende, dumme, unjournalistische Antworten bekommen.
„Vision Zero“ nennt er die Strategie der WHO. Ein Begriff, der aus der Verkehrspolitik stammt und dort für die vollständige Eliminierung von Todesfällen steht. Übertragen auf Alkohol bedeutet das: kein sicherer Konsum, keine Grauzonen, keine kulturelle Einbettung – nur Risiko. Dass ein solches Modell auf Widerstand stößt, überrascht nicht. Dass dieser Widerstand nun endlich aber in dieser Schärfe formuliert wird, schon.
Interessant ist dabei weniger die Frage, ob der Autor recht hat. Die wird die Wissenschaft – wenn überhaupt – nur langsam und widersprüchlich beantworten. Interessant ist, dass sich der Ton verschiebt. Dass ein Medium wie Cicero bereit ist, die Deutungshoheit einer globalen Institution öffentlich anzuzweifeln. Und zwar nicht mit der üblichen journalistischen Vorsicht, sondern mit dem Begriff Lüge, der bewusst provoziert. Dass dieser Text von der Chefredaktion freigegeben wurde bedeutet auch, dass diese sich im Klagsfall hinter ihren Autor stellt.
Natürlich mpüssen wir den Text auch kritisch lesen. Er ist selektiv, wie viele Beiträge in dieser Debatte selektiv sind. Er stellt Studien nebeneinander, ohne ihre methodischen Unterschiede vollständig auszuleuchten – was auch der so genannte seriöse Journalismus in dieser Sache seit 2023 tut. Er argumentiert aus einer Perspektive, die dem moderaten Weinkonsum grundsätzlich wohlgesonnen ist. Aber genau darin liegt auch seine Bedeutung: Er macht sichtbar, dass es diese Perspektive gibt – und dass sie bislang kaum Raum hatte.
Denn das eigentlich Bemerkenswerte ist nicht die Kritik an der WHO. Es ist die Tatsache, dass diese immens harte Kritik überhaupt veröffentlicht wird. Dass ein etabliertes Medium bereit ist, eine dominante Erzählung zu hinterfragen, die in den vergangenen Jahren nahezu widerspruchsfrei durch Politik, Medien und Öffentlichkeit getragen wurde. Und dass es dabei ein Risiko eingeht – das Risiko, missverstanden zu werden, angegriffen zu werden, in den sozialen Netzwerken zerrieben zu werden.
Eventuell ein entscheidender Wendepunkt im Kampf gegen/für Wein. Nicht die eine Studie gegen die andere. Nicht die Frage, ob ein Glas Wein schadet oder nicht. Sondern die Rückkehr zu einer offenen Debatte, in der Widerspruch wieder möglich ist. In der nicht jede Differenz sofort als Verharmlosung gilt – als Provokation einer alten Kultur, die nach Meinung vieler junger Redakteurinnen (Männer mitgemeint) so schnell wie möglich aus dem Alltag verschwinden sollte.
Der Schaden der vergangenen Jahre bleibt. Die Verkürzungen, die Überzeichnungen, die moralische Aufladung eines komplexen Themas – all das wird nicht einfach verschwinden. Aber mit Texten wie diesem beginnt etwas anderes: eine harte Korrektur. Kein Gegennarrativ, keine neue Gewissheit. Sondern ein Zweifel. Und Zweifel ist, im besten Sinne, der Anfang von Erkenntnis.

Best of Bodensee: die WELT am SONNTAG Kolumne von letztem Sonntag
(Manfed Klimek / animated pic: runwayml) Die Region Bodensee ist kein klassisches deutsches Weinbaugebiet, sondern ein geologisch-klimatisches Zukunftsversprechen, das jetzt von sich zu erzählen beginnt – Grund: der Klimawandel. Geformt von Gletschern, die sich zurückzogen und eine Landschaft aus Moränen und schweren, oft fetten Böden hinterließen, wirkt diese in Deutschland als Weinbaugebiet weithin leider unbekannte
(Manfed Klimek / animated pic: runwayml)
Die Region Bodensee ist kein klassisches deutsches Weinbaugebiet, sondern ein geologisch-klimatisches Zukunftsversprechen, das jetzt von sich zu erzählen beginnt – Grund: der Klimawandel. Geformt von Gletschern, die sich zurückzogen und eine Landschaft aus Moränen und schweren, oft fetten Böden hinterließen, wirkt diese in Deutschland als Weinbaugebiet weithin leider unbekannte Region als Anbaugebiet des Aufbruchs – und Aufbruch ist das, was dem deutschen Wein gerade fehlt. Die Weine, die ich getrunken habe, sind kühl, fast kristallin in ihrer Aromatik, obwohl sie auf üppigen Böden wachsen. Rebsorten treten einen Schritt zurück, das Aroma wird gezügelt, die Lagen sollen Bände sprechen. Zwölf Weingüter formieren sich derzeit zu einer Art Gebietsunion – ein erster und gelungener Versuch, dem Bodensee eine klarere Identität zu geben.
Schon beim Sekt wird deutlich, wohin die Reise geht. Der Sprudeldicke Dirn vom Weingut Deufel (€ 17,50) zeigt eine beeindruckende Nase: Nuss, reife Stachelbeere, ein Hauch Ananas und eine leicht morbide Note, die an große Champagner erinnert. Am Gaumen kann er dieses Versprechen nicht ganz halten, bleibt aber dicht dran – getragen vom Hefelager der Johanniter-Traube. Der Lindauer Sekt vom Weingut Haug (Souvignier Gris, € 22,00) setzt einen anderen Akzent: barocker, mit mehr Apfel und Birne, etwas rauer, weniger präzise, aber mit eigenem Charakter.
Der Müller-Thurgau Drumlin 2024 vom Weingut Schmidt (€ 25,00) überrascht mit Kühle und mineralischer Strenge. Die Aromatik ist eigenwillig, fast traminerhaft, mit einer leicht süßlichen Note, die an Werthers Echte erinnert, im Mund dann mittlerer Druck und klare Kontur. Ähnlich kühl zeigt sich der Sauvignon Blanc 2024 (€ 16,90) vom Weingut Hendriks, der mit einer leicht irritierenden, urbanen Note spielt – wie der erste Schritt in einen Berliner Club, noch bevor sich die Sinne sortieren.
Bei den Cuvées aus pilzwiderstandsfähigen Sorten zeigt sich die Zukunft der Region. Das Weingut Lanz in Nonnenhorn verbindet Johanniter und Souvignier Gris (Bayrischer Bodensee weiß 2023, € 15,50) zu einem Wein, der mit Walnussschalen, Quitte und einem Hauch exotischer Frucht spielt. Fleischig, aber nicht schwer, eher eine kontrollierte Opulenz.
Der Chardonnay Nonnenhorner Seehalde 2023 vom Weingut Kurek (€ 35,00) ist ein erster echter Höhepunkt. Straff, mit elegantem Holzeinsatz, erinnert er an große internationale Vorbilder der 1990er-Jahre, ohne deren Schwere zu übernehmen. Ganz anders der Solaris Soho 2023 von Deufel (€ 28,00): eine expressive Nase, exotisch, fast überbordend, das Holz perfekt gesetzt, doch im Detail mit dem Gefühl, dass diese Rebsorte hier noch mehr zeigen kann.
Die klassischen Burgundersorten liefern schließlich die überzeugendsten Argumente für die Region. Der Weißburgunder Ortslage 2023 vom Weingut Schmidt (€ 19,00) brilliert mit einem präzisen Barriqueeinsatz und Karamellnoten, bleibt dabei aber kühl, steinig und klar. Auch die Chardonnays vom Seehaldenhof zeigen diese Balance: Die Seehalde 2021 (€ 44,90) mit spürbarem Gerbstoff aus der Fläche, der Sonnenbichl 2022 (€ 47,00) etwas runder, mit schöner Holznote und einem Anflug von Popcorn, ohne ins Breite zu kippen.
Bei den Spätburgundern wird die kühle, geschmacklich bekömmliche Handschrift des Bodensees erneut sichtbar. Hendriks’ Seehalde 2022 (noch nicht am Markt) überzeugt mit einer nahezu perfekten Nase, leicht buttrig-laktisch, dabei kühl, fruchtig und durch das Holz präzise geführt – ein schlanker, sehr deutscher Pinot mit subtiler Campari-Bitterkeit. Der Jahrgang 2021 (€ 23,00) geht noch einen Schritt weiter: Sauerkirsche, Pilz, Waldboden, feuchte Tiefe. Haug bringt mit dem Ringoldsberg 2022 (€ 30,00) einen knorrigeren, fast archaischen Spätburgunder ins Spiel, geprägt von Maische, Trebern und feinem Holz, während Gierer in der Seehalde 2022 (€ 30,00) eine verführerische Karamellnase zeigt, die im Mund jedoch nicht ganz die gleiche Dichte erreicht.

Summa summarum: Wer ist eigentlich dieser Alois Lageder?
(Manfred Klimek / animated pic: runwayml) Alois Lageder ist ein Mann, den man in Südtirol auch außerhalb der Weinwelt als eine jahrelang gesellschaftpoltische Person kennt. Südtirol, ohnehin eine Region zwischen den Ethnien und Situationen, hat in Lageder früh jemand Wichtigen gefunden, der diese Zwischenräume nicht als Problem verstand, sondern als Möglichkeit. Ich habe Alois Lageder
(Manfred Klimek / animated pic: runwayml)
Alois Lageder ist ein Mann, den man in Südtirol auch außerhalb der Weinwelt als eine jahrelang gesellschaftpoltische Person kennt. Südtirol, ohnehin eine Region zwischen den Ethnien und Situationen, hat in Lageder früh jemand Wichtigen gefunden, der diese Zwischenräume nicht als Problem verstand, sondern als Möglichkeit.
Ich habe Alois Lageder Ende der 1980er-Jahre nicht wegen seiner Weine kennengelernt. Ich war damals für eine Politreportage in Südtirol, es ging um das Wiedererstarken ultrarechter, deutschnationaler Kräfte im Schatten der ersten Erfolge der österreichischen FPÖ. Zwanzig Jahre nach den letzten Bombenattentaten der Tiroler Freiheitsbewegung war die Stimmung im Lande wieder angespannt, das Verhältnis zwischen den Sprachgruppen erneut sehr fragil. Vieles wirkte wie auf Wiedervorlage des Ethnienkonflikts gelegt.
Und dann, mitten in dieser Reportage, dieser Besuch bei Lageder. Kein Gespräch über Politik, zumindest nicht im engeren Sinn. Sondern ein Rundgang durch einen gerade erworbenen, halb verfallenen Tiroler Ansitz. Und dort, fast beiläufig, die Präsentation einer Idee: Löwengang. Damals mal nur den Rotwein (den ich seit Jahren wegen dieses Erlebens treu bleibe). International gedacht. Aber nicht als Abkehr, sondern als Erweiterung. Lageder war sich sicher, dass sich in Südirol etwas verschiebt. Dass wirtschaftliches Zusammenwachsen im Land auch gesellschaftliche Spannungen befriedet. Eine Zuversicht, die in dieser Zeit alles andere als selbstverständlich war. Und Alois Lageder hatte recht.
Heute wirkt vieles davon eingelöst. Südtirol ist wirtschaftlich stabil, mehrsprachig selbstverständlich geworden, international vernetzt. Lageder hat diesen Weg nicht nur begleitet, sondern in seiner Branche, über die Branche hinaus, geprägt. Der Betrieb in Margreid (mit der Osteria und Vinothek “Paradeis” – ein echtes Paradies) gehört zu den ersten in dieser önologisch spannend gewordenen Region, der konsequent biodynamisch arbeiten. Nicht als greenwashing freilich, sondern als System. Weinbau als Kreislauf, als landwirtschaftliche Gesamtheit, in der Reben, Tiere und Böden zusammen gedacht werden.
Die Weine tragen diese Arbeitsweise, ohne sie vor sich herzutragen. Der Löwengang ist geblieben, mittlerweile in mehreren Varianten. Der Chardonnay gehört zu den bekanntesten Interpretationen der Sorte in Italien, mit Substanz, aber ohne Übertreibung. Der Cabernet Löwengang zeigt, wie diese internationale Rebsorte hier eine eigene Form finden können, ohne ihre Herkunft als Qualitätsrebe für Massen zu verleugnen.
Daneben stehen Weine, die stärker aus der Region heraus gedacht sind. Der Terra Alpina Pinot Grigio, oft unterschätzt, weil er zugänglich ist, dabei präzise und klar. Der Porer Pinot Grigio, der zeigt, was diese Sorte jenseits von Beliebigkeit leisten kann. Und schließlich der Casòn Bianco (Rebsorten; Viognier, Petit Marsanne, Rousanne, Marsanne, Semillon und Assyrtiko), eine Cuvée, die sich jeder schnellen Einordnung entzieht und genau darin so extrem spannend bleibt.
Heute wird das Weingut von Alois Lageders Sohn, Alois Clemens Lageder, geführt. Der Übergang verlief ohne Bruch, was bei dem umsichtig gefühten Betrieb auch kein Wunder ist. Die Richtung bleibt, die Entscheidungen werden weiterentwickelt. Man merkt, dass hier kein abgeschlossenes Modell verwaltet wird, sondern ein offenes System weiterläuft.
Einmal im Jahr wird dieses System auch nach außen geöffnet. SUMMA heißt die kleine Weinmesse, die Lageder organisiert, zeitlich parallel zur Vinitaly in Verona, aber in einer völlig anderen Dimension. Keine Großveranstaltung, kein Messetrubel, sondern ein konzentriertes Treffen von Winzern, die ein ähnliches Verständnis von Wein teilen. Hier stehen Flaschen, die man sonst selten nebeneinander findet. Hier wird probiert, diskutiert, verglichen. Hier wird Wein gedacht, wie es der philosophisch talentierte Alois Lageder einst andachte.
SUMMA ist damit mehr als nur eine eine weitere Weinmsse-Veranstaltung. Es ist eine Verdichtung dessen, was Lageder über Jahrzehnte aufgebaut hat: ein Netzwerk, eine Idee von Weinbau, eine Art, miteinander umzugehen. Man trifft dort Winzer aus Frankreich, Österreich, Deutschland, Italien, die sich nicht über Marktanteile definieren, sondern über ihre Arbeit.
Wenn man heute auf Lageder schaut, sieht man keinen einzelnen Wein, kein einzelnes Projekt, sondern ein Gefüge. Ein Weingut, das sich über Jahre hinweg verändert hat, ohne sich neu erfinden zu müssen, indem es sich immer neu erfindet. Giovanni di Lampedusa lässt grüßen. Eine Region, einst so richtig gespalten in seine Ethnien und Täler wuchs zusammen und stellt ein internationales Beispiel für den Erfolg auch poltisch schwieriger Regionen dar. Das wäre heute, in Zeiten des Social-Media-Hass nicht mehr möglich.

Vier Weißweine, die vor 50 Jahren angesagt waren. Was wurde aus den Top-Weißen der 1970er?
(Claude Auguste / animated pic: runwayml) Es gab einmal eine Zeit, da wusste Europa, eigentlich die ganze Welt, ziemlich genau, was es, was sie, trinken wollte. Und zwar nicht im Sinne von „Entdeckung“ oder „Terroir-Diskurs“, sondern ganz praktisch: Was steht auf der Karte, was kennt man, was bestellt man ohne nachzudenken. Weißwein war damals kein
(Claude Auguste / animated pic: runwayml)
Es gab einmal eine Zeit, da wusste Europa, eigentlich die ganze Welt, ziemlich genau, was es, was sie, trinken wollte. Und zwar nicht im Sinne von „Entdeckung“ oder „Terroir-Diskurs“, sondern ganz praktisch: Was steht auf der Karte, was kennt man, was bestellt man ohne nachzudenken. Weißwein war damals kein önologisches Abenteuer von Naturweinwinzern, sondern blanke Gewohnheit. Und diese Gewohnheit hatte Namen.
Einer davon: Edelzwicker. Elsass. Klingt heute wie ein Witz, war aber einmal ein ernst gemeintes Angebot. Edelzwicker war der Wein für alle, die sich nicht entscheiden wollten – oder konnten. Ein bisschen Riesling, ein bisschen Gewürztraminer, vielleicht noch etwas Pinot Blanc, meistens aber Gutedel und Silvaner, alles zusammen, fertig ist die Cuvée. Der Name selbst schon eine Mischung aus Anspruch und Augenzwinkern. Edel, aber eben auch gezwickt, zusammengezogen. In den 70ern und 80ern stand Edelzwicker überall auf den Karten, von der Dorfwirtschaft bis zum besseren Restaurant. Heute? Verschwunden. Fast. Nur ein paar Unverbesserliche halten ihn noch am Leben. Und eine Version hat überlebt: „Gentil“ von Hugel. Der Edelzwicker, der sich geschniegelt hat; geschniegelt genug und umbenannt, um in der Gegenwart nicht ausgelacht zu werden.
Dann: Entre-Deux-Mers. Bordeaux, aber bitte weiß. Eine ganze Region, die einmal dafür stand, dass man auch im Land der großen Roten ganz passabel Weißwein machen kann. Frisch, leicht, ein bisschen grasig, Sauvignon, Semillion und Muscadelle, ein bisschen Zitrus, immer korrekt, nie aufregend. Entre-Deux-Mers war der Weißwein der Vernunft. Man bestellte ihn, wenn man Bordeaux, aber keinen Bordeaux trinken wollte. Eine Zwischenlösung – der Name sagt es schon. Zwischen den Meeren, zwischen den Ideen. Heute ist diese Zwischenlösung bei uns weitgehend verschwunden. Der Markt hat sich entschieden: Wenn Bordeaux, dann rot. Und wenn weiß, dann bitte national.
Und dann wäre da Gavi. Gavi di Gavi, wenn man es ganz genau nehmen wollte. Piemont, Cortese-Traube, ein Wein, der einmal als Inbegriff italienischer Eleganz galt. Schlank, frisch, mit einem Hauch Bitterkeit im Abgang, der damals als sophisticated durchging. Gavi war der Weißwein der besseren Trattoria, der Begleiter zu Fisch, zu Antipasti, zu Gesprächen, die spät im Abend ein wenig zu laut geführt wurden. In den 80ern und 90ern lange noch ein Fixpunkt. Heute? Noch da, aber irgendwie still geworden. Verdrängt von allem, was aromatischer, lauter, internationaler und mehr ökologisch ist. Gavi ist geblieben, aber niemand redet mehr darüber.
Und schließlich: Lacryma Christi del Vesuvio. Schon der Name ein Ereignis. Die Tränen Christi – da musste mal drauf kommen. Ein Wein mit Geschichte, mit Mythos, mit einer Flasche, die aussah, als hätte man sie direkt aus einer Sakristei entwendet. Schlank, hochgezogen, oft ein wenig zu dekorativ für das, was drin war. Der Wein selbst: eigen, manchmal gut, oft mittelmäßig, aber immer mit der großen Erzählung im Rücken. Man trank ihn nicht nur, man glaubte ein bisschen an ihn. Heute ist auch das vorbei. Der Vesuv steht noch, die Tränen sind versiegt.
Was all diese Weine verband, war ihre Funktion. Sie waren da. Sie waren verfügbar. Sie waren Teil eines Systems, in dem Wein nicht erklärt, sondern einfach nur bestellt oder verkauft wurde. Man wusste, was man bekam, und das reichte.
Heute ist alles anders. Wein muss etwas erzählen, muss Herkunft zeigen, muss sich rechtfertigen. Die alten Kategorien, diese pragmatischen Lösungen, haben es schwer. Sie sind zu einfach für eine Zeit, die Komplexität fordert – oder zumindest behauptet, sie zu brauchen.
Und doch fehlt etwas. Diese Selbstverständlichkeit. Dieses „Mach mir einen Edelzwicker“, ohne weitere Fragen. Dieses „Bring uns einen Gavi“, ohne dass jemand die Lage kennt. Diese Weine waren vielleicht nicht groß, nie groß. Aber sie waren Teil eines Alltags, den es so nicht mehr gibt. Den Alltag namens Selbstverständlichkeit.
