von Claude Auguste
Manchmal frage ich mich, ob die Deutschen überhaupt wissen, was sie am Wein haben. Ich schreibe das als Südtiroler, als jemand, der mit einem Fuß im italienischen Patriotismus steht und mit dem anderen im tirolerisch österreichischen, der zugegeben einem nicht mehr auf Österreich bauenden Autonomiepatriotismus gewichen ist. Bei uns gehört es zum guten Ton, die eigenen Weine mit Freude, Stolz und, ja, auch mit einem Schuss Lokalpatriotismus zu trinken, zu preisen und ggf. auch zu verteidigen. Bei den Schweizern ist es ähnlich: Wer im Wallis lebt, trinkt Walliser, wer am Genfersee wohnt, den Chasselas. Kein Grund zur Diskussion – auch wenn andere Weingegenden bessere Weine keltern mögen.
Und dann schaue ich nach Deutschland – und sehe eine Szene, die im Moment vor allem eines kultiviert: das Schlechtreden. Wo andere trotzig sagen würden: Jetzt erst recht, analysiert man hier mit düsterem Ernst, dass es eigentlich keinen Ausweg mehr gibt. Als ob die Krise nicht schon schlimm genug wäre, muss sie noch einmal durch das Brennglas einer selbstquälerischen Mentalität verstärkt werden.
Dabei ist Deutschland kein beliebiges Weinland. Historisch gesehen war es eines der wichtigsten Weinländer überhaupt. Wer sich die Weltkarten des Weinhandels vor 1939 ansieht, stößt überall auf die deutschen Rieslinge. Sie waren die teuersten Weißweine der Welt, höher bewertet als die meisten Bordeaux’. In London, in Petersburg, in New York standen die Flaschen aus der Mosel, aus dem Rheingau, von der Saar ganz oben auf den Karten. Die berühmten frucht- und edelsüßen Rieslinge waren ein internationales Kulturgut. Sie gaben Deutschland Glanz und Ansehen – noch ehe die Idee eines „Deutschland als Exportnation“ zur Staatsdoktrin wurde.
Diese historische Größe ist vergessen. Nicht von den Engländern, nicht von den Skandinaviern, nicht von den Japanern, die deutsche Rieslinge noch immer wie Reliquien behandeln. Vergessen ist sie in Deutschland selbst. Denn dort herrscht eine Mentalität, die den fröhlichen Patriotismus nicht kennt. Die Österreicher singen ihre Lieder über den Grünen Veltliner, die Italiener machen aus jeder Flasche ihre Nation, ihre Heimat. In Deutschland dagegen ist jede Art Heimat sofort verdächtig. Ein Reflex, geboren aus der Geschichte. Man versteht ihn, und doch ist er fatal für den Weinbau – und nicht nur für den Weinbau alleine.
Denn was bleibt, wenn man den eigenen Wein nicht mit einem gewissen patriotischen Stolz trinkt? Dann bleibt die ökonomische Kurve, die jedes Glas in einen Kostenfaktor verwandelt. Dann bleibt der Ton der Resignation, den man in deutschen Weinkellern derzeit so oft hört. Während die Franzosen ihre Appellationen verteidigen wie Heiligtümer und die Italiener ihre DOCs als kulturelle Waffen einsetzen, diskutieren die Deutschen, ob man den Weinbau überhaupt noch retten sollte.
Das Erstaunliche – und für mich als Außenstehenden kaum Begreifliche – ist, dass dieser Pessimismus von außen nicht geteilt wird. Wer mit Importeuren in London spricht, mit Sommeliers in Kopenhagen oder mit Sammlern in Tokio, hört eine andere Sprache: Begeisterung für Riesling, Neugier auf Silvaner, Respekt vor Spätburgunder. Deutschland wird im Ausland nicht als Problemfall gesehen, sondern als Schatzkammer. Nur im eigenen Land scheint man überzeugt, dass der Schatz längst tief und unbergbar vergraben ist.
Ich frage mich, ob das nicht die eigentliche Krise ist: nicht der Klimawandel, nicht die viel zu günstigen Preise der Weine, nicht die Strukturprobleme – sondern die Unfähigkeit, sich selbst als Weinland ernst zu nehmen. Patriotismus im Glas ist kein dumpfer Nationalismus. Er ist ein Bekenntnis zum eigenen Boden, zu den eigenen Reben, zur eigenen Geschichte. Wer ihn sich verbietet, schneidet die Wurzeln ab, noch ehe die Reben Blüten tragen.
Von Südtirol aus blickt man auf diese deutsche Selbstverneinung mit Staunen. Wir haben gelernt, dass man nur bestehen kann, wenn man sich selbst behauptet – gegen größere Nachbarn, gegen schwierige Märkte. Die Deutschen könnten das auch. Sie hätten allen Grund dazu. Sie müssten es nur wollen.

