(Manfred Klimek / Claude Auguste – Weine / animated pic: runwayml)
Die Geschichte des Elsass beginnt mit einem Missverständnis. Oder genauer: mit vielen Missverständnissen. Jahrhunderte lang stritten Deutsche und Franzosen um dieses schmale Band zwischen Vogesen und Rhein. Mal war es deutsch, mal französisch, mal wieder deutsch und schließlich wieder französisch. Wer heute durch Ribeauvillé, Riquewihr oder Colmar fährt, versteht sofort, warum beide Seiten glaubten, Anspruch auf diese Landschaft zu haben. Fachwerkhäuser wie am Oberrhein, französische Lebenskunst, deutsche Ortsnamen, französische Straßencafés, deutsche Rebsorten, französische Küche. Das Elsass war nie ganz das eine. Und nie ganz das andere. Heute gehört es zu Frankreich. Und seit Europa seine Grenzen geöffnet hat, scheint erstmals niemand mehr ein Problem damit zu haben.
Der Weinbau hier ist älter als alle Nationalstaaten Europas: die Römer, wer sonst, pflanzten Reben entlang der Vogesen. Später kamen Klöster, Adelsfamilien und Kaufleute. Riesling, Gewürztraminer, Pinot Gris und Pinot Blanc prägen das Gebiet bis heute, dazu ein kleiner Anteil Pinot-Noir – dieselben Sorten, die wenige Kilometer weiter östlich in Baden oder der Pfalz wachsen. Und doch schmecken sie anders. Das Elsass besitzt eine eigene Tonlage. Mehr Druck, mehr Würze, mehr Textur. Weniger Fruchtshow, mehr Herkunft.
Mitten in dieser Geschichte steht die Domaine Trimbach.
Kaum ein Name ist international so eng mit dem Elsass verbunden wie Trimbach. Seit 1626 wird hier Wein erzeugt. Generation um Generation. In einer Weinwelt, die sich ständig neu erfindet, hat Trimbach etwas Bemerkenswertes geschafft: Das Gut blieb erkennbar. Während andere Betriebe ihre Etiketten modernisierten, Logos neu zeichneten und Markenstrategien erfanden, blieben die klassischen Trimbach-Etiketten nahezu unverändert. Wer heute eine Flasche sieht, erkennt sie sofort. Erst die jüngeren Grand-Cru-Abfüllungen tragen inzwischen etwas modernere Gestaltungen. Der Rest wirkt erfreulich immun gegen Moden.
Dabei darf man diesen Traditionssinn nicht mit Rückständigkeit verwechseln.
Im Keller gehörte Trimbach stets zu den Betrieben, die technische Entwicklungen rasch verstanden und sinnvoll integrierten. Präzision statt Romantik. Sauberkeit statt Dogma. Das Resultat sind Weine, die nie altmodisch wirken, obwohl sie tief in der Tradition verwurzelt sind. Besonders eindrucksvoll zeigen das die drei Réserve-Weine.
Riesling Réserve, Pinot Gris Réserve und Gewürztraminer Réserve gehören zu den gelungensten Einstiegen in die Welt des Elsass überhaupt. Das Wort Reserve weckt in vielen Regionen Erwartungen an Schwere, Konzentration und lange Kellerreife. Im Elsass bedeutete es oft genug auch Weine, die sich zunächst hinter ihrer eigenen Struktur verstecken. Trimbach geht bei den Reserve-Weinen einen anderen Weg, denn diese Weine besitzen Herkunft und Substanz, gleichzeitig aber eine Zugänglichkeit, die heute für junge Weintrinker notwendig ist. Der Riesling Réserve verbindet jene trockene Präzision, für die Trimbach berühmt ist, mit bemerkenswertem Trinkfluss. Der Gewürztraminer Réserve zeigt Würze als Eleganz und Exotik, ohne in Parfüm oder Banalität abzurutschen. Und der Pinot Gris Réserve demonstriert eindrucksvoll, wie viel Spannung diese Sorte entwickeln kann, wenn man sie nicht bloß auf Körper reduziert. Für die aufgerufenen Preise bewegen sich diese Weine längst auf einem Niveau, das man in Deutschland problemlos mit vielen Ersten Lagen vergleichen könnte. Genau darin liegt ihre Stärke. Sie kosten nicht die Welt. Sie schmecken aber oft weltklasse.
Noch beeindruckender wird es bei der Réserve Personnelle Pinot Gris. Grauburgunder ist eine Rebsorte, die weltweit ein erstaunliches Talent entwickelt hat, Mittelmaß hervorzubringen. Kaum eine andere Sorte wird so häufig auf Belanglosigkeit gekeltert. Ein bisschen Frucht, etwas Schmelz, wenig Erinnerung.
Trimbach gelingt das Gegenteil.
Die Réserve Personnelle besitzt Druck, Länge und Nachhall. Nicht Harmlosigkeit, sondern Energie. Der Wein zieht sich minutenlang über den Gaumen, entwickelt Würze, Struktur und eine fast salzige Spannung neben der Restsüße, die diesen Wein seit Jahrzehnten begleitet. Alles wirkt präzise gebaut. Für mich ist das einer der größten Pinot Gris der Welt – und gleichzeitig einer der günstigsten großen restsüßen Weißweine überhaupt. Ein Wein, der eindrucksvoll beweist, welches Potenzial in dieser oft unterschätzten Sorte steckt. Wenn eine Winzerfamilie die Sorte der Betriebskultur unterwirft.
Und dann gibt es noch die Cuvée Frédéric Emile. Im Elsass genügt es meist, den Namen auszusprechen. Mehr Erklärung braucht es kaum. Seit Jahrzehnten gilt sie als die Ikone des Hauses. Gewachsen auf den historischen Lagen Geisberg und Osterberg in Ribeauvillé, entsteht hier ein Riesling von beeindruckender Tiefe und Lagerfähigkeit. Während viele Spitzenrieslinge heute auf unmittelbare Wirkung zielen, entwickelt Frédéric Emile ihre Größe langsam. Mit Geduld. Mit Reife. Mit jener inneren Spannung, die große Rieslinge über Jahrzehnte tragen kann.
Man mag darüber streiten, welcher Riesling Frankreichs der größte ist. Für mich endet diese Diskussion meist bei Frédéric Emile.

