(Manfred Klimek)
Das Markgräflerland, ein Gasthausland sanfter Hügel hin zum Schwarzwald, ist eine Region, die im deutschen Weinbau lange geflissentlich übersehen wurde – auch und vor allem (shame on me) von mir. Vielleicht, weil sie keinen großen Mythos pflegt. Vielleicht auch, weil dort eine Rebsorte zuhause ist, deren Name ungefähr dieselbe erotische Wirkung hat wie eine Sparkassenfiliale kurz vor Dienstschluss: Gutedel. Schon das Wort klingt nach Rollator, nach Kurpark, nach einer Flasche im Seniorenhotel.
Doch genau in dieser Sorte liegt eine schon erkannte Moderne, die jetzt stupend werden kann – und muss.
Denn der Chasselas, wie der Gutedel in der französischsprachigen Welt heißt, und wie er von vielen Winzern hier auch richtig anstatt des Gutedels auf den Etiketten Platz greift, besitzt Eigenschaften, die plötzlich wieder hochinteressant wirken: wenig Alkohol, milde Säure, enorme Bekömmlichkeit und trotzdem Druck im Schluck. Kein banales Muskelpaket, keine aromatische Überforderung. Sondern ein Gewächs, das eher schreitet als marschiert. Gerade jüngere Konsumenten, die sich zunehmend vom erschöpfenden Überangebot alkoholschwerer, brutal holzbetonter oder hyperfruchtiger Weine abwenden, könnten darin plötzlich etwas entdecken, das der Weinwelt zuletzt oft fehlte: Selbstverständlichkeit der leisen Größe. Das Markgräflerland beginnt genau dort spannend zu werden, wo es seine vermeintliche Schwäche nicht länger versteckt. Denn Chasselas wird niemals Riesling sein. Nie Sauvignon Blanc. Und genau deshalb könnte daraus eine neue Identität aus alten Reben entstehen.
Interessant ist dabei der Blick an das andere Ende des deutschen Sprachraums: ins Burgenland, an die ungarische Grenze – und auf der erstaunlichen Parallelen. Auch dort arbeiten Winzer seit Jahren daran, regionaltypische Sorten aus ihrem provinziellen Schatten herauszuführen. Blaufränkisch etwa galt lange als rustikaler Osteuropäer mit Säureproblemen und bäuerlicher Härte. Heute entstehen daraus einige der spannendsten Rotweine Europas. Und selbst Grüner Veltliner, im Burgenland seltener angebaut, aber auch Usprungsland der Sorte, bekommt dort plötzlich wieder eine andere Bedeutung: weniger DAC-Bürokratie, weniger Pfefferlfolklore, mehr Substanz.
Beide Regionen verbindet dabei etwas Grundsätzliches: Sie liegen an den äußersten klimatischen (aber ähnlichen) und kulturellen Rändern des deutschen Sprachraums und mussten lange gegen das Vorurteil kämpfen, nicht ganz dazuzugehören. Das Markgräflerland mit seinem warmherzig burgundischen Einschlag und seiner Nähe zur Schweiz und zum Elsass. Das Burgenland mit seiner pannonischen Hitze und seiner jahrhundertelangen Bindung an Ungarn.
Gerade deshalb wirken beide Regionen heute erstaunlich modern.
Denn die Zukunft des Weinbaus wird vermutlich nicht dort entschieden, wo alles normiert und perfekt erscheint. Sondern dort, wo Eigenheiten bleiben durften. Das spürt man im Markgräflerland inzwischen deutlich. Vor allem bei einer jüngeren Generation von Winzern, die Chasselas nicht länger als Traditionsrest verwalten, sondern als Möglichkeit begreifen. Die Sorte verlangt dabei enorme Präzision. Zu viel Ertrag und sie wird belanglos. Zu viel Kellertechnik und sie verliert jede Spannung. Doch gelingt sie, entstehen Weine mit einer eigentümlichen Mischung aus Salzigkeit, Kräutrigkeit und erstaunlicher Energie.
Parallel dazu erlebt auch der Pinot Noir dieser Gegend eine bemerkenswerte Entwicklung. Überhaupt zieht sich Burgund derzeit wie eine unsichtbare Linie durch Baden. Nicht als Kopie, sondern als Idee von Feinheit, Freiheit und Herkunft.
Das zeigte sich auch am Kaiserstuhl, wo ich bei Franz Keller und Bernhard Huber Weine getrunken habe, die in ihrer Präzision und inneren Spannung weit über das hinausgehen, was viele internationale Konsumenten noch immer mit deutschem Wein verbinden. Friedrich Keller und Julian Huber gehören längst zu jener kleinen Gruppe deutscher Önologen, die verstanden haben, dass Größe nicht aus Überreife oder Extraktion entsteht, sondern aus Balance, Textur und Herkunft.
Vor allem die Pinot Noirs besitzen inzwischen ein Niveau, das vor zwanzig Jahren in Deutschland kaum vorstellbar gewesen wäre. Keine marmeladigen Kraftakte mehr, keine Holzmaskerade, keine süßliche Internationalität. Sondern kühle Tiefe, geschliffene Tannine und eine bemerkenswerte Präzision.
Und genau hier beginnt auch die eigentliche Geschichte dieser Reise.
Denn das Markgräflerland endet ja nicht an der Grenze. Es geht kulturell und klimatisch weiter ins Elsass. Dort, zwischen Kalk, Vogesen und Rheinebene, entstehen derzeit ebenfalls einige der interessantesten Weine Europas. Weine, die weniger auf Prestige und Geplärre setzen als auf Herkunft, Spannung und Trinkfluss.
In den kommenden Wochen, ab Mitte Juni, erscheint dazu in der WELT am SONNTAG eine vierteilige Printserie über außergewöhnliche Weine und Weingüter dieser Region – darunter Blankenhorn, Brenneisen, Leon Boesch, Rieger, Schlumberger-Bernardt und Ziereisen. Eine Reise entlang jener schmalen europäischen Zone zwischen Schwarzwald, Rhein und Vogesen, in der Wein derzeit enorm spannend wird. Und jung!

