(Manfred Klimek)
Es gibt im Weinbau Katastrophen, die stattfinden, weil Klima, Wetter, Ungezifer und Politik sie verursachen: Frost, Hagel, Reblaus, Krieg. Und dann gibt es Niedergänge, die fast geräuschlos verlaufen. Niemand demonstriert dagegen, niemand schreibt Manifeste, niemand klebt sich an Weinfässer. Die Flaschen bleiben einfach liegen. Jahr für Jahr ein wenig länger. Bis irgendwann klar wird, dass hier nicht bloß ein Markt schrumpft, sondern eine ganze Kulturtechnik verschwindet.
Genau das geschieht derzeit mit den großen Süßweinen aus Sauternes.
Jenen Weinen also, die gemeinsam mit Tokaj über Jahrhunderte zum Kostbarsten gehörten, das der europäische Weinbau hervorbringen konnte. Flüssiges Gold, von Königen verehrt, von Zaren gesammelt, von Schriftstellern beschrieben und von reichen Bürgern wie liturgische Objekte behandelt. Heute bekommt man gereifte Flaschen dieser Weine teilweise zu Preisen, die im Verhältnis zu ihrer Qualität beinahe absurd wirken – wie ein Witz. Und Château Yquem konnte vom Price-Race der letzten dreißig Jahre kaum profitieren. Die Kunden sterben weg, neue Klientel interessiert sich genau null für Weine aus dem Sauternes. Wer etwa beim Händler Alpina stöbert, findet alte Jahrgänge großer Sauternes oft günstiger als mittelmäßige Jungweine aus modischen Naturweinregionen.
Und trotzdem kauft sie kaum jemand.
Besonders tragisch ist das bei Gütern wie Château Suduiraut oder Château Doisy-Daëne. Suduiraut zählt seit Jahrzehnten zu den größten Süßweinadressen der Welt: monumental, komplex, beinahe unsterblich. Ein Wein, der easy über fünfzig Jahre altern kann, ohne auch nur den Hauch von Müdigkeit zu zeigen. Doisy-Daëne wiederum besitzt jene aristokratische Eleganz, die man früher „Upper Class“ nannte, ohne Ironie und ohne Scham. Weniger wuchtig als Suduiraut, aber oft berührender. Weine voller Safran, kandierter Zitrusfrüchte, Marille, Honig, Rauch und jenes kaum beschreibbaren Schimmers, den nur die Edelfäule Botrytis hervorbringen kann.
Denn die Wahrheit ist brutal: Diese großen Süßweine verkaufen sich nur noch in Mengen, die für die wirtschaftliche Realität moderner Spitzenweingüter kaum ausreichen. Die Folgen sieht man längst. Immer mehr Châteaux in Sauternes reduzieren ihre Süßweinproduktion massiv oder keltern zusätzlich trockene Weißweine. Manche davon sind hervorragend. Suduiraut etwa macht inzwischen bemerkenswert präzise trockene Bordeaux blancs. Doch die strategische Richtung dahinter ist offensichtlich: Man versucht zu überleben.
Denn die Süßweine bleiben liegen wie Blei.
Die Gründe dafür sind erstaunlich schwer exakt zu benennen. Sicher: Die Welt isst und trinkt heute anders. Weniger schwere Menüs, weniger große Tafeln, weniger opulente Desserts. Das Ritual des Süßweins nach dem Essen verschwand fast vollständig. Dazu kommt die neue Alkoholvorsicht der Gegenwart, in der schon ein Glas Wein moralisch diskutiert wird, ein konzentrierter Sauternes, oft mit 14% Alkohol, erst recht.
Aber das erklärt den Niedergang nur teilweise.
Denn parallel dazu boomt Zucker in fast allen anderen Bereichen des Konsums weiterhin brutal. Softdrinks, Patisserie, Eiscreme, Bubble Tea oder Energy Drinks kämpfen nicht ums Überleben. Das Problem scheint also weniger der Zucker selbst zu sein als die kulturelle Codierung dieser Weine. Sauternes wirkt für viele junge Konsumenten wie ein Getränk aus einer verschwundenen Welt. Aus einer Welt der Silberlöffel, Jagdgesellschaften und schweren Vorhänge.
Doch diese Weine waren nie bloß süß. Große Sauternes balancieren ihre Süße mit Säure, Bitterkeit, Gewürz und einer fast schneidenden Frische. Sie gehören technisch zu den kompliziertesten Weinen überhaupt. Die Erzeugung ist hochriskant. Botrytis funktioniert nur unter ganz bestimmten klimatischen Bedingungen. Die Trauben werden oft in mehreren Lesedurchgängen von Hand gelesen, Beere für Beere selektioniert. Der Ertrag ist minimal, die Gefahr des Totalverlustes enorm.
Auch im Tokaj sieht es inzwischen düster aus. Dort versuchte man über Jahre, trockene Weine als Zukunftsmodell zu etablieren, weil die klassischen Aszú-Weine immer schwieriger verkäuflich wurden. Teilweise mit Erfolg. Doch auch dort zeigt sich inzwischen: Die jahrhundertealte Kultur der großen Süßweine trägt ökonomisch nicht mehr zuverlässig.
Was wir derzeit erleben, ist daher womöglich mehr als ein bloßer Geschmackswandel. Es ist die langsame Verabschiedung einer europäischen Luxusidee, die über Jahrhunderte selbstverständlich war: dass Geduld, Komplexität, Alterungsfähigkeit und Überfluss eigene kulturelle Werte darstellen.
Die Süßweine aus Sauternes oder Tokaj passen nicht mehr recht in eine Zeit permanenter Beschleunigung. Sie verlangen Ruhe. Aufmerksamkeit. Langsamkeit. Wahrscheinlich werden diese Weine nie ganz verschwinden. Zu groß ist ihre Geschichte, zu einzigartig ihre Stilistik. Aber sie könnten zu etwas werden, das noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbar schien: zu einer kleinen, beinahe archäologischen Randkultur innerhalb des großen Weinbaus.
Und das wäre ein Verlust, weit über Bordeaux und Ungarn hinaus.

