(Manfred Klimek / Redaktion / animated pic: runwayml)
Frankreich trinkt erstmals mehr Bier als Wein. Zack! Ein Satz, der noch vor zwanzig Jahren wie eine steile, irrationale kulturpessimistische These geklungen hätte, steht nun plötzlich als nüchterne Statistik im Raum. Das eigentlich Erstaunliche daran ist aber nicht der Erfolg des Biers. Sondern der Niedergang des Alltagsweins.
Denn Frankreich bleibt emotional ein Weinland. Fast jeder Franzose betrachtet Wein weiterhin als Teil der nationalen Identität. Die großen Regionen besitzen nach wie vor Weltruhm, die Spitzenweine erzielen Höchstpreise, Burgund und Champagne wirken international teilweise begehrter denn je. Und trotzdem verschwindet der Wein aus dem täglichen Leben.
Vor allem der Rotwein.
Das Glas zum Mittagessen, die Karaffe am Abend, der einfache Tischwein zur Jause oder zum Stück Käse – genau diese Kultur stirbt gerade weg. Nicht abrupt, sondern langsam. Fast lautlos. Und damit verschwindet jene soziale Mitte des Weinbaus, auf der jahrhundertelang alles aufgebaut war.
Besonders brutal trifft diese Entwicklung Bordeaux.
Denn Bordelais hat einen Fehler gemacht, der sich nun rächt. Oder präziser: gleich zwei Fehler. Die Spitzenchâteaux, darunter auch lange erschwingliche kleinere Chateaux, wurden für normale Konsumenten zunehmend unerschwinglich. Große Bordeaux verwandelten sich über Jahrzehnte vom ambitionierten Bürgerwein zum globalen Luxusobjekt für Fondsmanager, Sammler und Spekulanten. Dagegen ist wirtschaftlich wenig einzuwenden – die Nachfrage war da, der Markt bezahlte, schuf Raum für Geld und Investitionen. Doch gleichzeitig verlor Bordeaux dadurch seine kulturelle Verankerung den Alltag. Die Region entfernte sich emotional von jener Mittelschicht, die sie einst groß gemacht hatte.
Und darunter blieb zu oft ein Meer belangloser, technisch überarbeiteter, industriell wirkender und industrieller Bordeaux zurück. Genau dort liegt das eigentliche Problem. Denn die Mehrheit der Bordelaiser Winzer produziert keine Premier Grand Crus, sondern einfache Weine. Viele davon verloren über die Jahre jede Form von Charme, Saftigkeit oder Trinkfluss. Überextraktion, zu viel Holz, grüne Tannine, ideenlose Kellertechnik und eine fast bürokratische Vorstellung von Qualität machten zahllose günstige Bordeaux zu Weinen, die zwar korrekt, aber unerquicklich wirkten.
Die französichen Konsumenten (und nicht nur diese) reagierten irgendwann mit Gleichgültigkeit.
Das die eigentliche Tragödie des Bordelais: Die Region wurde gleichzeitig zu teuer und zu langweilig. Der heutige Konsument akzeptiert hohe Preise durchaus – wenn er Emotion, Charakter oder Besonderheit erkennt. Was er immer weniger akzeptiert, sind austauschbare Weine mit großer historischer Geste und wenig unmittelbarer Freude im Glas. Genau deshalb funktionieren heute oft Regionen besser, die früher als Nebenschauplätze galten: Loire, Ätna, Teile Spaniens, ja selbst die neuen Weinregionen Osteuropas.
Interessant ist dabei, dass der Rotweinrückgang keineswegs überall gleich stark stattfindet – wenn überhaupt. In vielen osteuropäischen Ländern bleibt Wein – gerade Rotwein – weiterhin tief im Alltag verankert. Auch in Teilen Lateinamerikas sieht die Entwicklung völlig anders aus. Dort besitzt Wein oft noch mehrheitlich jene soziale Selbstverständlichkeit, die Westeuropa gerade verliert. Man trinkt ihn weniger ideologisch, weniger ritualisiert und häufig auch weniger schuldbeladen. Das spielt eine enorme Rolle, denn Westeuropa hat den Wein in den letzten Jahren mit Diskursen überfrachtet: Gesundheit, Moral, Alkoholpolitik, Identität, soziale Codes. Bier entkommt diesen Debatten bislang leichter. Es wirkt entspannter, unkomplizierter, unmittelbarer. Genau deshalb gewinnt es gerade bei jüngeren Konsumenten Terrain zurück.
Der Weinbau selbst trägt daran Mitschuld. Über Jahrzehnte versuchte man, Wein gleichzeitig luxuriöser, akademischer und regelintensiver zu machen. Verkostungsrituale, Punktesysteme, Fachsprache, Sammlerpreise, limitierte Allokationen – all das erhöhte zwar das Prestige, entfernte Wein aber zunehmend vom Alltag normaler Menschen.
Und genau dieser Alltag war jahrhundertelang seine eigentliche Stärke.
Denn die großen Weinländer Europas lebten nie primär von Ikonenflaschen. Sie lebten von Millionen einfacher, ehrlicher Tischweine. Von Rotwein in Glaskaraffen. Von Dorfwirtschaften. Von Mittagstischen. Von Arbeitern, Bauern, Handwerkern und kleinen Bürgern, die Wein nicht erklärten, sondern tranken. Diese Welt verschwindet gerade.
Das bedeutet allerdings nicht automatisch den Untergang des Weins. Wahrscheinlicher ist eine tiefgreifende Verwandlung. Wein wird seltener, bewusster, hochwertiger und zugleich stärker zum Kultur- und Luxusprodukt. Die riesigen Mengen einfacher Rotweine, die Europa jahrzehntelang prägten, werden dagegen weiter schrumpfen. Frankreich erlebt diesen Wandel nur früher und sichtbarer als andere. Vielleicht auch brutaler, weil kein anderes Land seine Identität derart eng mit Rotwein verknüpft hat.

