(Manfred Klimek)
Der Streit um den österreichischen Spitzenwinzer Roland Velich und seinen Lutzmannsburg 2023, der von James Suckling mit 100 Punkten bewertet wurde und dennoch bei amtlichen Prüfern auf Widerstand stieß, wirkt auf den ersten Blick wie eine Randnotiz des Weinbaus. Tatsächlich aber erzählt dieser Fall etwas viel Größeres. Es geht um Macht. Um Deutungshoheit. Und um jene eigentümliche Behördennomenklatura Mitteleuropas, die sich bis heute weigert zu akzeptieren, dass Qualität nicht mehr ausschließlich von Kommissionen mit jahrzehntealten Rastervorstellungen definiert wird.
Denn natürlich braucht Weinbau Regeln. Niemand will verdorbene oder fehlerhafte Weine unter staatlichen Gütesiegeln sehen. Aber genau hier beginnt das Problem: Wer entscheidet eigentlich, was ein Fehler ist? Und noch wichtiger: Nach welchen kulturellen Vorstellungen wird das entschieden?
Roland Velich gehört seit Jahren zu den international höchstbewerteten Winzern Österreichs. Seine Blaufränkisch-Weine aus Lutzmannsburg erhalten regelmäßig Spitzenbewertungen bei Parker und James Suckling und zählen weltweit zu den wichtigsten Aushängeschildern des österreichischen Weinbaus. Genau deshalb wirkt der aktuelle Konflikt so irritierend. Denn hier geht es nicht um irgendeinen Außenseiterbetrieb oder um dilettantischen Naturweinaktivismus. Hier gerät ein Produzent unter Druck, dessen Weine global längst zur Spitze zählen.
Die internationale Weinwelt hat sich in den letzten zwanzig Jahren radikal verändert. Säurebetonte Stilistiken, spontane Vergärung, reduktive Ausbauweisen, minimale Eingriffe, oxidative Nuancen oder bewusst kantige Aromatik gelten heute vielerorts nicht mehr als Mangel, sondern als Ausdruck von Herkunft und Handschrift. Gleichzeitig sitzen in manchen amtlichen Verkostungskommissionen weiterhin Personen, deren sensorische Sozialisation aus einer Zeit stammt, in der Wein vor allem „sauber“, gefällig und normiert zu sein hatte.
Das Resultat ist unerquicklich.
Weine, die in London, New York oder Kopenhagen gefeiert werden, scheitern plötzlich an nationalen Prüfstellen. Und zwar nicht selten deshalb, weil sie nicht in ein sensorisches Formular aus dem späten 20. Jahrhundert passen. Genau darüber sprechen inzwischen immer mehr Winzer offen – auch weil der wirtschaftliche Schaden erheblich sein kann. Ein international begehrter Wein ohne staatliches Prüfsiegel wirkt nicht nur im eigenen Land plötzlich wie ein Außenseiterprodukt.
Dabei ist dieses kultur- und geschäftsschädigende Problem keineswegs auf Österreich beschränkt. Deutschland kennt diese Konflikte ebenso seit Jahren – wenn auch in geringerer Zahl. Auch dort existiert ein tief verwurzelter Apparat aus Prüfnummern, Kommissionen und Verkostungsgremien, deren Selbstverständnis oft noch aus einer Zeit stammt, als Behörden glaubten, Geschmack administrieren zu können.
Der deutsche Weinbau leidet ohnehin unter einer fast chronischen Überbürokratisierung. Kaum ein anderes großes Weinland reguliert, klassifiziert, prüft, kontrolliert und normiert mit vergleichbarer Leidenschaft. Vieles davon entstand ursprünglich aus nachvollziehbaren Gründen: Verbraucherschutz, Herkunftssicherung, Qualitätsgarantie. Doch wie so oft in Deutschland entwickelte sich aus vernünftiger Ordnungsliebe ein eigener Verwaltungsorganismus, der irgendwann begann, sich selbst wichtiger zu nehmen als jene Menschen, für die er ursprünglich geschaffen wurde. Das Resultat ist ein Weinbau, der vielerorts gegen internationale Konkurrenz kämpft und zugleich permanent mit Formularen, Prüfrastern und Behördenmentalitäten beschäftigt ist.
Und genau deshalb ist die politische Ebene interessant.
In Österreich sitzt mit Sepp Schellhorn inzwischen ein Mann in Regierungsverantwortung, der Gastronomie und Kulinarik nicht bloß theoretisch kennt, sondern aus dem täglichen Betrieb versteht. Man muss nicht jede politische Position Schellhorns teilen, um anzuerkennen, dass hier zumindest jemand spricht, der die Realität von Restaurants, Produzenten und Gästen tatsächlich erlebt hat.
Deutschland dagegen leistet sich mit Bundestagspräsidentin Julia Klöckner ausgerechnet eine ehemalige Deutsche Weinkönigin als einst auch politische Figur rund um Landwirtschaft und Wein – ohne dass sich daraus jemals ein spürbarer kulturpolitischer Aufbruch für den Weinbau ergeben hätte. Das ist fast tragikomisch.
Gerade der Weinbau hätte aber heute politische Stimmen nötig, die verstehen, dass sich Qualität nicht mehr ausschließlich in amtlichen Verkostungsprotokollen erschöpft. Die Welt des Geschmacks ist offener, internationaler und pluralistischer geworden. Junge Konsumenten interessieren sich längst weniger für staatliche Prüfnummern als für Herkunft, Glaubwürdigkeit und Persönlichkeit.
Das bedeutet nicht, dass jede modische Fehlgärung plötzlich zum Kulturgut erklärt werden muss. Natürlich gibt es auch schlechte Weine, unsaubere Kellerarbeit und sensorischen Unsinn. Aber genau deshalb braucht es Prüfer mit Neugier statt bloß Routine. Menschen, die Entwicklungen verstehen wollen, statt sie reflexhaft abzulehnen.
Denn der eigentliche Skandal liegt nicht darin, dass ein Wein einmal durchfällt. Der eigentliche Skandal liegt darin, wenn staatliche Systeme beginnen, ästhetische Entwicklungen systematisch zu bremsen, weil ihre Institutionen geistig in einer anderen Epoche verharren.
Und anzunehmend zeigt sich gerade in der Weinkontrolle etwas sehr Mitteleuropäisches: die tiefe Angst vor Kontrollverlust. Große Weinländer wie Frankreich oder Italien leben oft chaotischer, widersprüchlicher, manchmal auch riskanter. Deutschland und Österreich hingegen vertrauen traditionell auf Kommissionen, Stempel und Genehmigungen.
Das funktioniert hervorragend, solange die Welt stillsteht.
Nur steht sie eben nicht mehr still.

