(Sebastian Höpfner / Manfred Klimek – Redaktion / animated pic: Rutz & runwayml)
Ich habe lange überlegt, ob ich das überhaupt aufschreiben soll. Weil gerade so viel passiert. Weil sich die Weinwelt gerade so stark verändert wie lange nicht mehr. Und weil vieles davon nicht einfach zu greifen ist.
Das Trinkverhalten ändert sich. Junge Leute trinken weniger Wein, greifen zu anderen Dingen. Gleichzeitig wird alles teurer, auch Wein. Man überlegt sich genauer, wann und was man kauft. Dazu kommen politische Spannungen, wirtschaftlicher Druck, ein Markt, der sich neu sortiert. Das sind alles große Themen. Aber darum geht es mir hier nicht alleine. Was mich beschäftigt, ist etwas anderes. Was mich beschäftigt ist ein Detail.
Der Ton hat sich verändert.
Ich habe in den letzten Monaten immer öfter das Gefühl, dass sich der Ton in unserer Branche verschiebt. Dass wir nicht mehr miteinander reden, sondern fast nur übereinander. Dass es weniger darum geht, Dinge zu verstehen, sondern schneller darum, sie einzuordnen. Oder noch schlimmer: sie abzuwerten.
Es werden Thesen rausgehauen, die gut klingen, schnell funktionieren, viele Reaktionen bekommen. Aber oft fehlt die Tiefe. Oder der Wille, die Dinge wirklich zu durchdringen. Und das macht mir ehrlich gesagt Sorgen.
Über Wein sprechen – oder ihn klein machen
Nehmen wir jemanden wie Milton Sidney Curtis, einen Weinblogger und Weinfuturist, über den sogar ein Artikel in der Stuttgarter Zeitung veröffentlicht wurde, in dem der Werbetexter zu einer Art Stimme der jungen Weinwelt aufgebaut wurde. Ist er das?
Curtis stellt sich hin und sagt, Weinsprache sei nicht „lit“, in Restaurants dominiere alter weißer Männerdiskurs – und wird dafür gefeiert. Das lässt sich gut teilen, gut liken, gut weitertragen.
Aber was passiert da eigentlich? Da wird pauschaliert, da wird reduziert. Da wird nicht erklärt, da wird abgeräumt.
Natürlich war und ist Weinsprache oft schwierig. Und nicht selten auch richtig dämlich. Natürlich gibt es Dinge, die man kritisieren muss. Aber wenn die Antwort darauf ist, alles auf ein ironisches Level herunterzuziehen, dann bleibt am Ende nicht mehr viel übrig. Dieses Runterziehen auf ein nur ironisches Level macht es sich zu einfach – nicht nur in der Somm-Szene.
Und ja, das kann man machen. Aber dann sollte man zumindest ehrlich sagen, dass man sich bewusst gegen Tiefe entscheidet.
Kritik ist notwendig – aber nicht egal. Und billige Ironie ist und bleibt billig.
Doch es gibt auch Stimmen wie Eren Goemleksiz. Und seine Kritik am VDP. Auch da wird kritisiert, auch da wird zugespitzt. Aber man merkt, dass da eine Auseinandersetzung dahintersteht. Dass da jemand versucht, Dinge zu verstehen, einzuordnen, vielleicht auch zu verändern.
Das kann man gut finden oder nicht. Aber man muss sich damit beschäftigen.
Und genau das fehlt mir oft in der aktuellen Diskussion: dass wir unterscheiden zwischen Kritik, die etwas will – und Kritik, die einfach nur wirken will; Kritik, der Kritik wegen – und dem geilen Gefühl wegen, jemand auf die Zehen gestiegen zu sein.
Wir sitzen aber alle im selben Boot
Am Ende arbeiten wir alle mit demselben Produkt. Winzer, Händler, Sommeliers, Journalisten, Influencer – wir hängen alle an diesem Wein. Und daran, dass er verstanden wird. Dass er getrunken wird. Dass er relevant bleibt. Und genau deshalb verstehe ich nicht, warum wir so oft gegeneinander arbeiten. Warum wir uns in Lager aufteilen, uns gegenseitig klein machen, uns aneinander abarbeiten, statt miteinander an etwas zu arbeiten. Wir müssen nicht einer Meinung sein. Ganz im Gegenteil. Aber wir sollten wissen, warum wir etwas sagen.
Und für wen.
Weniger Pose, mehr Substanz
Mich stört nicht, dass gestritten wird. Mich stört, wie gestritten wird. Zu oft geht es nicht mehr um die Sache, sondern um Aufmerksamkeit. Um den schnellen Effekt. Um die eigene Position. Ein Kommentar, der gut funktioniert. Eine Zuspitzung, die Reichweite bringt. Aber was bringt es dem Wein?
Ich wünsche mir kein Zurück. Keine alte Weinwelt, keine geschlossene Sprache, keine elitären Räume.
Aber ich wünsche mir, dass wir wieder genauer werden. Dass wir uns mehr Zeit nehmen. Dass wir uns gegenseitig ernst nehmen. Und dass Kritik wieder dahin geht, wo sie hingehört: zu den Menschen, die etwas damit anfangen können.
Nicht ins Leere. Nicht ins Publikum. Nicht als Selbstzweck.
Am Ende geht es nur um den Wein
Wir haben ein unglaubliches Produkt zu vertreten. Und wir stehen gerade vor großen Herausforderungen – wirtschaftlich, gesellschaftlich, kulturell. Das Letzte, was wir jetzt brauchen, ist, dass wir uns selbst zerlegen. Wir brauchen ein Miteinander. Kein Gegeneinander.
Und wir brauchen eine Diskussion, die dem Wein gerecht wird.
Keine Diskussion über uns. Auch wenn dort die meiste Emotionalität zu holen ist.

