(Gerhard Retter / Redaktion / animated pic: © Manfred Klimek – runwayml)
Da kommt sie hereingeflattert, die Mail eines bekannten Kochs, der nach vier Jahrzehnten in den Ruhestand geht. Großes Haus, großer Name, großes Leben. Im Anhang: eine fein säuberlich geführte Excel-Liste seines Weinkellers. Viel Bordeaux. Viel Burgund. Alte Jahrgänge. Große Namen. Und sofort dieselbe Frage, die irgendwann fast jeder ernsthafte Weinmensch stellt: Wohin damit?
Und noch wichtiger: Was ist das Zeug eigentlich wirklich wert?
Denn zwischen Kellerfantasie und Marktrealität liegen beim Wein oft ganze Kontinente. Sehr viele Menschen halten ihre Flaschen automatisch für kleine Vermögen. Der Markt sieht das meistens deutlich nüchterner. Wirklich teuer, wirklich liquide und wirklich gesucht bleibt nur die absolute Weltspitze: eine kleine Elite von Kultweinen, jene drei oder vier Handvoll Güter, die längst wie Blue Chips gehandelt werden. DRC, Lafleur, Leroy, Roumier, vielleicht noch ein paar andere Namen. Dort stimmen Nachfrage, Mythos und Preisfantasie noch überein. Und das wird auch so bleiben – egal wohin Krisen steuern.
Der Rest? Die anderen Weine? Wird schwieriger.
Denn Wein besitzt eine perfide Eigenschaft: Er vermehrt sich ständig. Kaum glaubt man, genug zu haben, kommt schon der nächste Jahrhundertjahrgang um die Ecke. Und natürlich darf man den nicht verpassen. Niemals. Also kauft man weiter. Oft auch deshalb, weil man sich über Jahre „hochkaufen“ musste, um überhaupt an die begehrten Allokationen heranzukommen. Zwei Kisten solider Premier Crus, damit man vielleicht irgendwann eine Flasche der Ikone zugeteilt bekommt.
So wächst der Keller. Und wächst. Und wächst.
Irgendwann steht man dann zwischen Regalen voller großartiger Absichten und beginnt zu rechnen. Hochgerechnet auf durchschnittliche Lebenserwartung, Leberwerte und Trinkfrequenz wird rasch klar: Das kann niemals alles konsumiert werden. Zumal die meisten Keller gar nicht aus Legenden bestehen, sondern aus „nur“ guten Weinen. Sehr guten vielleicht sogar. Aber eben nicht aus jenen Flaschen, die weltweit Auktionshäuser in Wallung versetzen. Der Markt dafür ist brutal ehrlich. Viele gereifte Weine interessieren außerhalb kleiner Liebhaberkreise kaum jemanden. Besonders dann nicht, wenn Herkunft, Lagerung oder Jahrgang nicht absolut perfekt dokumentiert sind.
Das klingt ernüchternd. Ist es auch.
Denn eigentlich sammeln die meisten Menschen Wein nicht aus Investmentgründen. Sondern aus Sehnsucht. Aus Vorfreude. Aus Liebe zu einem Geschmack, einem Jahrgang, einem Erlebnis. Der Keller wird irgendwann zur Biografie aus Flaschen. Jede Reihe erzählt eine Phase des Lebens. Genau deshalb fällt das Öffnen oft so schwer.
Die berühmte „besondere Gelegenheit“ verschiebt sich permanent nach hinten. Geburtstage. Jubiläen. Weihnachten. Irgendwann hebt man die Flasche so lange auf, bis sie langsam beginnt, sich gegen einen zu wenden. Totgelagert. Oxidiert. Müde. Einst große Weine enden dann als traurige Küchenphilosophie zwischen Kalter Ente und Feuerzangenbowle.
Besonders gnadenlos sieht man das bei Süßweinen. Vermutlich führen sie weltweit die Statistik der ungetrunkenen Spitzenweine an. Sauternes, Tokajer, Trockenbeerenauslesen – legendäre Gewächse mit enormer Haltbarkeit, die oft jahrzehntelang unangetastet herumliegen wie museale Reliquien. Dabei sind gerade viele junge Süßweine sensationell: vibrierend, frisch, voller Frucht und Energie. Doch stattdessen warten sie im Dunkeln auf einen Kaminabend, der nie stattfindet.
Genau hier liegt einer der großen Denkfehler vieler Sammler. Wein ist kein Gemälde. Er will sterben. Genau dafür wurde er gemacht.
Natürlich gibt es technische Diskussionen über optimale Reife, Trinkfenster und Entwicklungskurven. Jede Keller-App der Welt erzählt einem inzwischen panisch, welche Flasche „ready to drink“ sei und welche kurz vor dem Untergang stehe. Meistens übertreibt sie dabei maßlos. Gute Kellerbedingungen schenken vielen Weinen problemlos zusätzliche zehn oder fünfzehn Jahre. Und trotzdem bleibt eine Wahrheit bestehen: Die Aufgabe des Sommeliers war immer, den Wein möglichst nahe an seinem Höhepunkt ins Glas zu bringen. Nicht ihn zu mumifizieren.
Darum ist es völlig legitim, große Weine manchmal zu jung zu trinken. Gute Karaffierung hilft. Luft hilft. Geduld im Glas hilft. Und vor allem hilft das Verständnis, dass Wein keine fixe Perfektion besitzt, sondern verschiedene Lebensphasen. Manche berühren jung, andere gereift, manche beides. Im Restaurant versteht man das oft besser als privat. Dort bewegt sich der Keller permanent. Weine finden ihre Gerichte, ihre Gäste, ihre Momente. Selbst leicht müde Flaschen können plötzlich noch einmal aufblühen, wenn Essen, Stimmung und Gesellschaft stimmen.
Zu Hause dagegen wird der Keller oft zum Mausoleum der eigenen Ansprüche.
Darum vielleicht die wichtigste Erkenntnis überhaupt: Kaufen Sie Wein nicht für Ihr eigenes Totenmahl. Öffnen Sie die Flaschen. Teilen Sie sie. Trinken Sie sie mit Freunden, Kindern, Liebhabern, Kollegen, Nachbarn. Der größte Irrtum vieler Sammler besteht darin, den perfekten Moment zu erwarten. Der perfekte Moment entsteht fast immer erst durch das Öffnen selbst.
Und noch etwas: Wer Wein ernsthaft liebt, sollte beginnen, die nächste Generation mitzutrinken zu lassen. Nicht missionarisch. Nicht belehrend. Sondern selbstverständlich. Gute Flaschen gehören nicht nur in klimatisierte Keller, sondern auf Tische. Denn dort werden sie lebendig. Oder um es etwas philosophischer zu formulieren: Sapere aude, wie Kant schrieb. Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.
Das gilt auch für den kontrollierten Auf- und Abbau des eigenen Weinkellers.
(Dieser Text erschien in einer anderen Version auch im Magazin “Feinschmecker”)

