(Manfred Klimek)
Noch bevor hier die erste Flasche geöffnet wird, verrät das Weingut Rieger schon so gut wie alles über sich. Wie das? Die Menschen machen’s. Wir sind im Markgräflerland, im tiefsten Südwesten Deutschlands.
Im Gastraum der Weingutsschank bedienen Josepha und Bernhard Rieger ihre Gäste. Sie wirken dabei nicht wie die Seniorchefs, die sie sind, sondern wie Winzerpersonen, die sich über jeden Besucher ernsthaft freuen; und Besucher hier kommen nicht gering aus der benachbarten Schweiz, wo sie für gleiche Qualität von Wein und Flammkuchen mindestens ein Drittel mehr zahlen.
Ihr Sohn Philipp führt heute das Weingut. Er besitzt jene angenehme Melancholie, die Menschen entwickeln, deren Leben schon früh und unerwartet Brüche ertragen musste. Brüche machen Biografien selten einfacher, aber fast immer interessanter. Vielleicht begegnet er deshalb seinen Kreszenzen komplett ohne Pathos. In einer Branche, in der manche Winzer schon beim ersten Satz ihre Größe erklären möchten, ist das eine wohltuende Eigenschaft.
Dann gibt es Markus Brauchle, Kellermeister und verantwortlich für den internationalen Vertrieb. Mitten zwischen Fässern und Tanks entwickelt sich plötzlich ein Gespräch über Literatur. Völlig unerwartet zieht er Harald Irnbergers Wiener Kultbuch „Geil” aus einer Tasche, spricht darüber mit derselben Begeisterung wie über Wein und drückt es mir zum Abschied zum Lesen in die Hand. Auch das gehört zu einem guten Weingut: Es unterhält Menschen, deren Interessen weit über Rebsorten und Gärtemperaturen hinausreichen.
Und schließlich sitzt neben mir im Lieferwagen Nina, eine junge Mitarbeiterin der Riegers, die mich durch die Weinberge kutschiert (ich habe ja nie den Führerschein gemacht), gute Musik vom Spotify-Account holt und sich als eine Art intellektuelles Weingroupie entpuppt: einer jener Menschen, die Wein nicht bloß als gegeben betrachten, sondern neugierig darauf sind, was dahintersteckt. Während draußen die Reben vorbeiziehen, reden wir über Gott und die Welt – und eher wenig über Wein. Solche Gespräche lassen sich nicht planen. Sie passieren einfach.
Erst danach beginne ich, mich für das Weingut selbst zu interessieren. Seit 2005 wird biologisch, seit 2010 nach den Demeter-Richtlinien gearbeitet – und das ohne großes Öko-Trara. Heute bewirtschaftet die Familie mehr als 25 Hektar Rebfläche, zählt zu den größten biodynamischen Weingütern Baden-Württembergs und verbindet, so sehe ich das, breitentauglich konsequentes Keltern mit einer bemerkenswert ruhigen Moderne – gelassen gut.
Nun zu zwei Weinen, die mir das Team Rieger-Brauchle auf den Tisch stellt. Zuerst zu dem für mich interessantesten Wein der Riegers, der keiner ihrer weltläufig guten Spitzenweine ist, sondern der noch als einfach geltenden Pinot Noir vom Löss (Jahrgang 2023, € 12,00). In einer Zeit, in der sich Rotweine zunehmend schlechter verkaufen (warum eigentlich?) ist dieser Rotwein das, was die Briten einen „Burner“ nennen – ein Konsumprodukt, das wir sofort verstehen und mögen. Dieser Pinot ist weit mehr wert als er kostet: Herzkirsche, nicht gering reife, auch gering bittere Hagebutte, fast kaum Pflaume, dafür der Tick Blaubeere und auch etwas Cassis wie bei großen Ortsweinen aus dem rund 200km entfernten Burgund. Im Mund brutal süffig. Und das Beste: wir können diesen Wein auch gut noch zehn Jahre im Keller vergessen. Er wird dann, dank seines Säuregerüsts, einer der besten reifen Rotweine der Region sein. Und echt kein Geld.
Danach der Gewürztraminer Hitzbuck aus 2022 (€ 22,00): einer der interessantesten und besten Gewürztraminer Deutschlands: In der Nase etwas Marzipan, gelbe Blüten, Kirsche, Nashi-Birne, etwas Zypresse, dann Meeresbrise, Rose & Rosine, Wachs. Im Schluck eine kleine frische Süße, Honigmelone, jedoch extrem viel trockener als in der Nase. Der kleine Campari Bitter in der finalen Kehle macht diesen Gewürztraminer, eigentlich eine banale Aromasorte, zum Erlebnis. Weinbau auf Weltniveau.
