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Das Jahrhundert, das nicht vergehen will. Aber vergehen muss!

(Pic: Reuters) von Claude Auguste Im Weinbau ist es seit jeher eine Frage der Lese: Wann ist der richtige Moment gekommen, zu schneiden, zu entscheiden, zu handeln? Zu früh geerntet bleibt der Wein grün. Zu spät geerntet, „oxidiert“ seine Zukunft. Seit 2020 (und davor) hat sich auch hier, in der alten, wetterfesten Welt der Reben, Read the full article…

(Pic: Reuters)

von Claude Auguste

Im Weinbau ist es seit jeher eine Frage der Lese: Wann ist der richtige Moment gekommen, zu schneiden, zu entscheiden, zu handeln? Zu früh geerntet bleibt der Wein grün. Zu spät geerntet, „oxidiert“ seine Zukunft. Seit 2020 (und davor) hat sich auch hier, in der alten, wetterfesten Welt der Reben, etwas verschoben. Die Vegetationszyklen entgleiten ihrem gewohnten Takt: Frost im Mai, Hitze im September, 16 Volumenprozent Alkohol im Bordelais und teils auch im Burgund, Mehltau in der Champagne. Nichts ist mehr selbstverständlich. Wer heute Wein macht, ist nicht mehr nur Winzer, sondern auch Alarmist, Improvisateur, manchmal Prophet.

Und genau da beginnt die Parallele zur Gesellschaft.

Denn auch wir leben, trinken, wirtschaften, sprechen – als stünden wir noch in der Spätlese des 20. Jahrhunderts. Als gäbe es kein Morgen, das anders wäre als gestern. Die westliche Welt – und mit ihr Russland, das ideologisch längst Teil jener Spätmoderne geworden ist, die es zu bekämpfen vorgibt – steckt mental in der Nachkriegsidylle zwischen 1968 und 2001 fest. Einer Zeit, die historisch betrachtet ein meteorologisches Zwischenhoch war: mild, wachstumsfreundlich, konsensorientiert.

Das 20. Jahrhundert hatte seine Schrecken früh verausgabt – Auschwitz, Hiroshima, Stalin, Mao – und sich dann für seine westliche Hälfte ein Jahrzehnt nach dem anderen in Richtung Wohlstand und Liberalismus hinausgearbeitet. Der Kalte Krieg war ein Theater, in dem beide Seiten ihre Rollen kannten. Die Ökonomie brummte, die Gesellschaften wurden bunter, offener, konsens- und konsumfreudiger. Und der Wein? Wurde ebenfalls internationaler, süffiger, stabiler, salonfähiger.

Aber das war ein Jahrhundert, in dem die Menschen gelernt hatten, mit klaren Gegnern, berechenbaren Währungen und analogen Medien umzugehen.

Spätestens seit 2020 zeigt sich, dass das 21. Jahrhundert nicht gewillt ist, nach diesem Skript weiterzuspielen.

Covid war der Vorbote: ein globales Ereignis, das nicht eingehegt werden konnte, das Wissen dekonstruiert hat, Vertrauen erschütterte, Realität segmentierte. Danach folgte die Inflation, die geopolitische Blasen platzen ließ. Dann die Kriege: Ukraine, Gaza – und die Ahnung, dass dies nur die Vorboten sind. Und schließlich die Künstliche Intelligenz – jene unsichtbare, flüchtige Macht, die nicht nur Texte schreibt, sondern Gewissheiten zerlegt.

Sie ist nicht Dämon, aber auch nicht bloß Werkzeug. Sie ist der Beweis, dass unsere Gegenwart schneller denkt, als unsere Vergangenheit folgen kann.

Kein Wunder, dass Angst herrscht. Angst vor Kontrollverlust. Vor Jobverlust. Vor einem Morgen, das keine menschliche Handschrift mehr trägt.

Aber KI ist auch Rettung. In der Medizin etwa wirkt sie heute schon dort, wo die ärztliche Kunst an ihre Grenzen stößt – bei Frühdiagnosen, bei personalisierter Therapie, bei der Entdeckung von Molekülen, die niemand je gesehen hat. Auch in der Klimaforschung, der Biologie, der Robotik hilft sie uns, ein zunehmend chaotisches Wirklichkeitsgefüge lesbar zu machen.

Und genau darin liegt der Unterschied:

Die Forschung lebt in der Gegenwart. Nicht in Erinnerungen. Nicht in historischen Komfortzonen. Sie ist ein verlässlicher Partner, weil sie kein romantisches Verhältnis zur Vergangenheit pflegt. Sondern eine radikale Beziehung zur Realität.

Wir hingegen – der Westen, Russland, ein Gutteil der saturierten Welt – halten uns noch immer an einem Jahrhundert fest, das vorüber ist.

Wir glauben immer noch, Demokratie sei ein Naturgesetz, obwohl sie längst ein zu verteidigendes Gut ist.
Wir glauben, Fortschritt sei linear, obwohl die Geschichte wieder Zickzack geht.
Wir glauben, Wohlstand sei ein Geburtsrecht, obwohl er längst neu verhandelt wird.

Und das Gefährlichste: Wir glauben, der Westen sei Zentrum der Welt.

In Wirklichkeit aber ist der Westen inzwischen ein Repertoire aus Abwehrhaltungen, PR-Rhetorik und verzögerter Einsicht. Russland, China, der globale Süden – sie alle schreiben bereits an einem neuen Kapitel. Es ist noch nicht ausgemacht, wie es heißt. Aber es beginnt mit der Einsicht, dass nichts bleibt, wie es war.

Der Weinbau, dieses geerdete Sensorium unserer Kulturen, spürt es längst. Die alten Appellationen verlieren ihre klimatische Zuverlässigkeit. Neue Lagen entstehen dort, wo früher nur Kühe grasten – in Südengland, in Polen, in Norwegen. Die Rebe passt sich an. Der Mensch zögert.

Vielleicht liegt darin das Drama:

Dass wir wissen, was kommt.
Aber nicht fühlen wollen, was vorbei ist.

Das 20. Jahrhundert war ein Glücksfall. Aber es war ein Jahrhundert. Kein Paradies. Kein Versprechen auf Ewigkeit.

Wer heute noch so lebt, denkt, spricht und wirtschaftet, als sei es 1995, der betreibt sentimentale Archäologie – mit dem Risiko, die Zukunft zu verlieren.