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Das PARFUM von....Warum ein 16 Jahre alter ARTIKEL auch von der veränderten WEINWELT erzählt

Den Text habe ich vor 16 Jahren für DIE ZEIT geschrieben. Und er wurde vier Jahre später im Wiener Burgtheater vorgelesen - von einem berühmten Schauspieler, dessen Name ich peinlicherweise vergessen habe. Was erzählt uns der Text heute? Wie weit Wein damals im Mittelpunkt des Diskurses stand. Diesen Verlust muss ein neuer Diskurs über Wein wieder rückgängig machen: die auch in der Politik eingeforderte "positive Erzählung".

Ein Abend im Restaurant. Am Tisch auch ein "Weinkenner". Ich, stets eitel und wichtigtuerisch, lasse ihm den Vortritt: Er darf die sechs Weine aussuchen, die wir an diesem Berliner Spätsommerabend unter verhangenen Himmel trinken werden. Alle sind neugierig.

Und der "Weinkenner" wählt gut aus. Zuerst einen Kerner aus Sachsen und einen Sauvignon aus der Pfalz. Dann einen Weißburgunder aus Württemberg und einen Chassagne Montrachet aus der Burgund. Auch mit den Jahren liegt er richtig, lässt bei den Aromasorten (Kerner und Sauvignon) das umstrittene Jahr 2008 beiseite und favorisiert anstelle die fruchtigen 2009er. Bei Weißburgunder und Chardonnay greift er zu den älteren Jahrgängen 2005 und 2001. Man sieht: Hier hat einer schon viel getrunken. Und Ahnung, was schmeckt.

Bei den Rotweinen die gleiche Freude: Ein Spätburgunder aus der Pfalz (dazu als Überraschung ein Merlot von ebenda). Und einen 2005er Bordeaux. Der Abend ist für mich gerettet. Nun noch gute Gespräche, eine leichte Alkoholisierung und danach eine harte Matratze in einem gut belüfteten und ruhigen Raum.

Keine Angst, es folgt kein "aber". Der Abend war wirklich gelungen. Mir ist nur aufgefallen, mit welchem Vokabular der zweifelsfreie Kenner der Materie seine ausgesuchten Weine beschrieb. Mit Vokabeln, die man schon hunderte Male gehört hat; mit Vokabeln der geheimnisumwitterten und blumigen Weinsprache, die eine Eintrittsschwelle darstellt. Eine Eintrittsschwelle in die legendenumrankte Welt der "echten" Weinkenner, jener Clique, die einem das Weintrinken stets verleidet.

Dazu gehören Ausdrücke wie "nasser Kater", oder "Pferdesattel". Beschreibungen wie: "Ein Bouquet aus dem Kräutergarten". Oder: "Eine Komposition aus reifen Pfirsichen mit einem Anklang gebrannter Mandeln". Manchmal versteigen sich die Weinkenner zu gewagten und verunglückten Konstruktionen wie: "Ein Wein, wie die alternde Jeanne Moreau". Dann wird es lächerlich.

Es ist mitnichten so, dass diese Beschreibungen nicht richtig wären. Pferdesattel, Achselschweiß, Kräutergarten, Steinobstnase oder Frühlingswiese lassen sich samt und sonders nachvollziehen. Doch nur ein paar Begriffe mehr und die Sprache der Weinkenner (und damit sind vor allem Vinothekare und Sommeliers gemeint) ist an ihren Grenzen angelangt. Dabei gibt es viel mehr zu riechen und schmecken, es lässt sich aber schlecht mit Wein und Kultur kombinieren. Zumindest glauben das die Gralshüter der Weinverkostung.

Ein sehr mineralischer Riesling kann zum Beispiel nach "kaltem Aschenbecher" riechen. Und wie das stählerne Eisenbahngleis schmecken, wenn man sich noch erinnern kann, wie man als Kind daran geleckt hat. Wie ich zum Beispiel. Dieser Geschmack kommt in manchen Rieslingen aus Rheinhessen vor. Im Kreise der Weinexperten heißt das dann: "Eisencharakter". Wie langweilig.

Ich rate, den Assoziationen einfach freien Lauf zu lassen. Jeder kann, jeder soll sagen, was er denkt, wenn seine Geruchssinne den Duft des Weines erfassen. Nichts ist peinlich, der geltende Begriffskanon kann verwendet, aber auch gänzlich ausgeblendet werden. Nur so kommen neue Begriffe ins Spiel, die den Horizont der Ausdrücke erweitern.

Denn die Weinsprache leidet unter den immer gleichen Worten, die alle Weine beschreiben sollen; Worte zudem, die, obwohl sie richtig scheinen, vom "gewöhnlichen" Weintrinker nur bedingt nachvollzogen werden. Mit ihrem Vokabular bleiben die "Weinkenner" unter sich. Eine Sekte, die ihre Begriffe von der Öffentlichkeit abschottet. Und dafür Bewunderung erntet.

So lasse ich die Runde antworten. Wie riecht der Wein? Wie schmeckt er? Und? "Der Wein riecht nach nassen Haaren, wenn sie mit Nivea-Shampoo gewaschen sind". Und? "Der Wein riecht nach dem Rücken dieser Brockhaus-Bände, die bei uns stehen". Ein anderer stimmt zu. "Ja, das kann ich auch riechen."

"Der Wein riecht nach Baumrinde". Oder nach einem Rattanstuhl am Strand. Nach Nässeschutzspray in einem Lederschuh. "Nach Birne aber auch", wirft jemand am Tisch ein. Ja stimmt, nach Birne riecht er auch.

Und dann sagt einer, nämlich ich: "Der Wein riecht nach dem Parfum von Gabi Mayer. Das Parfum von Gaby Mayer mit Salz drauf." Und alle lachen. Das kann nun wirklich keiner mehr nachvollziehen. Aber das macht nichts. Ich kann es.

Hauptsache, die beschränkte und blumige Sprache der Koster, Tester und Experten wird ausgehebelt. Ingenieure und Chemiker, Raumfahrttechniker und Kraftfahrzeugskonstrukteure dürfen ihr begrenztes Vokabular verteidigen. Bei Wein (und Schnaps) ist mehr zu sagen, als stets die gleichen hohlen Phrasen. Schlagt einen Salto durch die Alphabete!