Mit 62 Jahren machen erfolgreiche Menschen normalerweise keine Bewerbungsrunden mehr. Schon gar nicht, wenn sie Andrea Wirsching heißen und eines der bekanntesten deutschen Familienweingüter geführt haben. Das Weingut Hans Wirsching in Iphofen gehört zu den großen Namen Frankens, seine Geschichte reicht bis 1630 zurück. Andrea Wirsching war seit 2016 Geschäftsführerin. Nun übernimmt ihre 24 Jahre jüngere Halbschwester Lena von Gemmingen. Und Andrea Wirsching zieht aus. „Ich habe meine Wohnung im Weingut schon geräumt. Da soll der neue Weingutsverwalter wohnen.“
Am 1. Oktober übernahm sie die Geschäftsführung des Karthäuserhofs an der Ruwer: 28 Hektar, fast ausschließlich Riesling, rund 120.000 Flaschen im Jahr. 1335 von Kartäusermönchen gegründet, gehört das Gut zu den historischen Monumenten des deutschen Weinbaus. Seit 1811 befindet es sich in Familienbesitz, heute gehört es Albert Behler. Ein ziemlich großer neuer Arbeitsplatz für eine Frau, die in einem Alter, in dem andere über den Ruhestand nachdenken, Bewerbungsschreiben verschickte.
Ganz neu ist die Gegend für Wirsching nicht. Vor 16 Jahren kam sie nach der Trennung von ihrem damaligen Mann vom Schloss Saarstein an der Saar zurück nach Iphofen. Drei Kinder hatte sie dort großgezogen. In Franken erwartete sie ein Familienbetrieb mit klaren Hierarchien. „Es gab irrsinnig viele Chefs. Mein Vater war der Patriarch, damals 77, heute ist er 93. Er sagte zu mir: Du machst PR und Marketing. Und Lena schicken wir nach Geisenheim zum Studium.“
Die Halbschwestern beschlossen früh, daraus keinen Familienkrieg zu machen. 2011 gründeten sie ihr gemeinsames Weinprojekt Sister.Act. „Damit wollten wir zeigen, dass die alte und die neue Familie zusammengehören.“ Andrea übernahm immer mehr Verantwortung, wurde Präsidentin des Netzwerks Vinissima und lernte international eine Weinwelt kennen, in der Frauen längst nicht mehr nur Verwaltungsarbeit erledigten. „Irgendwann war ich in New York mit großartigen Winzerinnen unterwegs und dachte: Boah, jetzt bin ich angekommen. Jetzt können mir die Vorbehalte der Männerwelt auch egal sein.“
Eine Feministin sei sie damals nicht besonders gewesen. „Im Tun aber wahrscheinlich schon.“ Die alte Ordnung blieb trotzdem lange sichtbar: „Bis zu seinem 90. Geburtstag hat mein Vater wichtige Entscheidungen unterschrieben. Das war nicht immer leicht zu kommunizieren.“ Nun wechselt sie wieder in ein Weingut mit männlichem Eigentümer. Wieder ein Patriarch? „Vielleicht. Aber diesmal komme ich emanzipiert von außen. Die halten mich für fähig. Ich bin nicht die Tochter, die das Familienweingut managt, sondern eine ganz normale Angestellte.“
Vor allem kehrt Wirsching in eine Weinkultur zurück, die sie geprägt hat. „An der Saar habe ich gelernt, Boden und Region zu schmecken. Egal, wer der Winzer ist – solange er es nicht völlig vergeigt.“ Und Respekt: „Ich war plötzlich nicht mehr die Prinzessin aus dem Weingut meines Vaters.“ Abende mit Egon Müller, internationale Gäste, steile Weinberge. „Man lernt ziemlich schnell, dass man nicht besoffen sein darf, wenn man dort herumsteigt.“
Besonders der Riesling Kabinett soll am Karthäuserhof zu ihrer Sache werden. Wirsching denkt bereits über eine „Kabi-Connection“ mehrerer Güter nach. „Kabinett passt perfekt in die Zeit. Sieben bis zehn Prozent Alkohol, Frucht und Säure, dieses immense Prickeln – das gibt es so nirgendwo auf der Welt. Das ist singulär.“ Millennials und Generation Z suchten leichtere Weine mit weniger Alkohol. Ihr Programm dafür lässt sich bemerkenswert kurz zusammenfassen: „Party ist Kabi.“
Dahinter steckt eine ernstere Kritik an der deutschen Weingeschichte. Für Wirsching beginnt der große Fehler mit dem Weingesetz der Siebzigerjahre, Neuzüchtungen und einer Weinwirtschaft, die lange auf Menge setzte. „Damit wurde der deutsche Stil beschädigt. Wir hatten etwas international Einzigartiges und haben es selbst aus dem Blick verloren.“
