Klimek: "Was hast Du in Gottesnamen auf den Ionischen Inseln verloren? Du hast gesagt, Du machst endlich die neue, geheime Funktion im Redaktionssystem fertig. Die wollten wir testen. Erinnerst Du Dich? Arbeiten? Geld verdienen? Solche Sachen? Alter, wos is mit Dir?
Ziegler: "Ja, ich weiß eh. Aber es war eine nette Einladung. Und ich hatte schon länger zugesagt."
Klimek: "Eine nette Einladung! Wunderbar. Unsere wirtschaftliche Zukunft hängt an neuen Redaktonssystemfunktionen, und der Herr Herausgeber fährt auf eine griechische Insel, weil ihn jemand nett eingeladen hat. Geld hat das sicher auch wieder gekostet. Was soll nur aus uns werden? Bitte, was soll aus uns werden?"
Ziegler: "Beruhig Dich. Es war gar nicht teuer. Willst Du überhaupt wissen, was auf Zakynthos los war?"
Klimek: "Ich dachte, die Geschichte wäre längst geschrieben. Bitte sag jetzt nicht, dass Du noch gar nichts geschrieben hast."
Ziegler: "Das letzte Mal hast Du mich gerügt, weil mein Reisebericht wie der Aufsatz eines Schülers nach der Projektwoche geklungen hat. Also hab ich mir gedacht, wir reden einfach miteinander. Das schreiben wir dann mit."
Klimek: "Du lagerst also die redaktionelle Arbeit an mich aus, nachdem Du den Urlaub bereits absolviert hast? Ein interessantes Geschäftsmodell. Na gut. Erzähl."
Ziegler (als würde er von einem Blatt ablesen): "Zakynthos gehört zu den Ionischen Inseln, die über Jahrhunderte venezianisch geprägt waren. Dadurch haben sich dort viele alte Rebsorten erhalten. Das klingt zunächst sehr romantisch. Mein erster Eindruck war allerdings, dass es gar nicht so einfach ist, aus diesem historischen Traubenmaterial einen guten Wein zu machen. Am ersten Tag waren wir, mehr oder weniger außerplanmäßig ..."
Klimek: "Stopp! Welche Rebsorten gibt es dort überhaupt? Ich war zuletzt 1989 in der Gegend. Damals war ich noch jung, und Griechenland hatte andere Prioritäten für mich, ich war mit meiner damals zukünftigen Frau auf quasi Vor-Hochzeitsreise."
Ziegler: "Der wichtigste Wein heißt Verdea. Das ist allerdings keine Rebsorte, sondern eine Weißwein-Cuvée. Der Name kommt vom italienischen verde, also grün. Da sind wir wieder beim venezianischen Einfluss.
Mindestens 50 Prozent müssen aus Skiadopoulo bestehen. Den Rest können die Winzer aus den zugelassenen weißen Sorten zusammenstellen, beispielsweise Pavlos, der ziemlich kräutrig sein kann. Im Grunde hat jede Winzerfamilie ihr eigenes Rezept.
Wir sind gleich zu Beginn ungeplant in eine Verkostung geraten, die wir uns hätten sparen können. Den Betrieb nennen wir lieber nicht. Schon das Weingut wirkte ungeordnet. Die Weine waren dann leider genauso. Verdea, Skiadopoulo, wenig Säure, kaum Mineralik, ein bisschen Kräuter. Alles ziemlich langweilig. Schwer zu trinken und noch schwerer, dafür Geld ausgeben zu wollen."
Klimek: "Du bist also nach Griechenland gefahren, um schlechten Wein zu trinken. Dafür hätte ich Dir in Berlin ein paar Adressen geben können."
Ziegler: "Es war ja nur der Anfang. Aber ich hatte schon den Eindruck, dass dieses Traubenmaterial anspruchsvoll ist. Man muss sich mit den Sorten wirklich beschäftigen, damit etwas daraus wird. Manche Weingärten liegen nur auf knapp 300 Metern Seehöhe. Und wenn Trauben zugekauft werden, muss natürlich auch deren Qualität stimmen."
Klimek: "Das klingt jetzt noch nicht nach einer touristischen Erfolgsmeldung. Was kam danach?"
Ziegler: "Am selben Tag waren wir bei Grampsas. Die muss man unbedingt erwähnen. Deutlich bessere Weine. Immer noch eher wenig Säure, aber jetzt Kräuter, Steinobst, Zitronenzeste, mehr Struktur. Wir haben dort auch Goustolidi und Pavlos verkostet.
Interessant war, dass sich die grundsätzliche Charakteristik der Sorten nicht völlig änderte. Aber man merkte plötzlich, dass sich jemand ernsthaft damit beschäftigt hatte. Da war Arbeit im Glas.
Du kommst zuerst zu einem Betrieb, wo einiges durcheinandergeht, und trinkst einen langweiligen Wein. Dann besuchst Du einen gut geführten Betrieb, dessen Leute wissen, was sie tun. Und plötzlich ist da mehr Säure, mehr Mineralik, mehr Präzision. Die Sorgfalt, die Du im Weingut wahrnimmst, findest Du im Wein wieder."
Klimek: "Eine sensationelle Erkenntnis: Gute Winzer machen bessere Weine als schlechte Winzer. Dafür brauchen wir dringend eine Forschungsförderung der Europäischen Union."
Ziegler: "Mach Dich nur lustig. Mir hat dieser Kontrast tatsächlich geholfen. Alte Rebsorten sind ja nicht automatisch großartig, bloß weil sie alt sind. Manchmal sind sie einfach nur alt. Die Geschichte einer Traube macht noch keinen guten Wein."
Klimek: "Immerhin ein Satz, für den sich Deine Reise langsam zu lohnen beginnt."
Ziegler: "Und bei Grampsas kam noch die Reife dazu. Wir haben gelagerte weiße Verdea getrunken. Ein, zwei Jahre mehr machten einen deutlichen Unterschied. Plötzlich hatten einige Weine auch die Säure und Balance, die ich vorher vermisst hatte.
Nur ist das ein ziemlicher Aufwand. Im Vergleich zu anderen Rebsorten und Regionen entsteht hier ein guter Wein offenbar nicht besonders einfach oder preiswert. Eine gelagertere Flasche Verdea kann großartig sein. Aber geschenkt bekommt man vom Winzer dieses Ergebnis nicht."
Klimek: "Also doch ein bisschen wie unser Redaktionssystem: alt und teuer."
Ziegler: "Wenn Du mich jetzt nicht dauernd unterbrichst, komme ich zum schönsten Besuch. Am nächsten Tag waren wir bei Solomos Winery. Dort arbeitet Konstantina Solomou, die Tochter von Anastasios Solomos, in der Weinbereitung. Eine unglaublich smarte Frau. Sie erklärt ihre Weine mit einer Begeisterung, die jede Verkostung in ein kleines Sensorikseminar verwandelt. Sie gestikuliert, schaut einen direkt an, lacht. In die muss man sich verlieben. Und in ihre Weine auch."
Klimek:" Ich hoffe, wir kommen noch rechtzeitig zum Wein, bevor diese Geschichte in My-Big-Fat-Greek-Wedding endet."
Ziegler: "Wir haben zwischendurch auch Olivenöl verkostet. In kleinen runden Gläsern. Die mussten wir zwischen den Händen erwärmen und reiben, als würden wir gemeinsam den olfaktorischen Flaschengeist beschwören."
Klimek: "Das klingt nach einer Veranstaltung, bei der ich nach zehn Minuten vor die Tür gegangen wäre, um eine Zigarette zu rauchen. Obwohl ich gar nicht mehr rauche."
Ziegler: "Der Verdea dort, ich glaube Jahrgang 2025, hatte jedenfalls richtig schöne Säure. Ein ausgezeichneter Wein. Wir haben ein paar Flaschen gekauft und gleich nach der Verkostung eine auf der Terrasse aufgemacht."
Klimek: "Glauben heißt nichts wissen" Doch endlich eine Flasche, die nicht nach einer pädagogischen Erklärung verlangt. Und die Roten?"
Ziegler: "Da gibt es vor allem Avgoustiatis. Gewissermaßen den roten Blockbuster der Insel. Rate einmal, in welchem Monat die Trauben reif werden."
Klimek: "Im Monat Depp?"
Ziegler: "Haha. Tatsächlich bezieht sich der Name auf die Reife im August. Den wahrscheinlich besten Avgoustiatis haben wir bei Grampsas getrunken. Ein schöner, international absolut konkurrenzfähiger Rotwein. Die Sorte hat aus meiner Sicht keine besonders ausgeprägte, unverwechselbar griechische Aromatik. Aber sie kann sehr gut reifen.
Wir haben unterschiedliche Jahrgänge probiert, drei und fünf Jahre alte Weine, mit einer sehr angenehmen, feinen oxidativen Entwicklung. Besonders beeindruckend war ein gereifter Avgoustiatis aus einem wurzelechten, 120 Jahre alten Weingarten. Der hatte noch reichlich Potenzial."
Klimek: "Ich wette, wenn es mit dem Klima so weitergeht, wird aus dem Avgoustiatis sehr bald ein Julioustiatis. Doch 120 Jahre alte Reben? Jetzt wird es interessant. Du hättest die Geschichte gleich damit anfangen sollen, statt mir von Deiner oralen Olivenölmassage zu erzählen."
Ziegler: "Wir haben dann sogar noch im Lager herumgekramt. Einer meiner Begleiter war besonders hartnäckig und hat sich bis zum Jahrgang 2017 zurückgetrunken. Dafür haben wir auch schon einmal mehr als 50 Euro pro Flasche bezahlt. Ab Hof, wohlgemerkt."
Klimek: "Moment?! Vorhin hast Du mir erklärt, die Reise wäre nicht teuer gewesen. Jetzt kauft Ihr auf einer griechischen Insel Rotwein für über 50 Euro ab Hof, nachdem Ihr Euch durch den halben Keller getrunken habt?"
Ziegler: "Wir haben die Flasche nach dem Essen gleich vor Ort gekillt."
Klimek: "Ach so. Dann war es natürlich eine Investition in die journalistische Qualitätssicherung. Ich nehme alles zurück."
Ziegler: "Bei Solomos war der Avgoustiatis ebenfalls gut, aber dort haben wir keine gereiften Jahrgänge probiert.
Etwas enttäuscht haben mich die Rosés. Bei Solomos hatten wir den Rosé Sec. Ein paar Beeren, etwas Obst in der Nase, aber dahinter fehlte mir die Spannung. Wenig Säure, kaum Mineralik. Zweifellos ein ordentlicher Rosé, nur für meinen österreichischen, säuresabbernden Gaumen etwas zu brav."
Klimek: "Ein Wiener Gaumen auf einer griechischen Insel. Das musste irgendwann zu diplomatischen Verwicklungen führen."
Ziegler: "Insgesamt war Zakynthos jedenfalls sehr interessant. Gerade weil nicht alles großartig war. Die historischen Rebsorten haben Potenzial, aber sie verlangen den Winzern viel ab. Und die besten Betriebe zeigen, was möglich ist. Das ist doch eigentlich eine schöne Geschichte."
Klimek: "Ja, irgendwie schon. Vor allem, weil sie beweist, dass sich die Weinwelt nicht allein durch alte Rebstöcke, schöne Landschaften und venezianische Geschichte retten lässt. Am Ende muss der Wein schmecken. Eine erstaunlich unromantische Erkenntnis für eine Reise auf eine griechische Insel."
Ziegler: "Na also. Soll ich Dir jetzt noch von Kefalonia erzählen?"
Klimek: "Mah, bitte ned!"
Die Weingüter
Ein besonderer Dank gilt Marinos Demetriou von Novinophobia, Önologe, Kava-Shop-Besitzer und wahrscheinlich eine der umtriebigsten Weinpersönlichkeiten Zyperns. Er hat diese Reise organisiert. Über ihn werden wir demnächst ausführlicher sprechen – vorausgesetzt, die Redaktion hat bis dahin ihre wirtschaftliche Zukunft gesichert.
