Es gibt bei der gegenwärtigen Weinkrise eine Entwicklung, über die erstaunlich wenig gesprochen wird. Wir müssen dafür nur die Kommentarspalten unter entsprechenden Artikeln lesen. Dort findet sich wenig Mitgefühl mit Winzern, die über dramatische Absatzrückgänge, volle Keller und wirtschaftliche Schwierigkeiten berichten. Stattdessen Gleichgültigkeit, Häme, gelegentlich offene Schadenfreude. Und das keineswegs nur in irgendwelchen finsteren Ecken des Internets. Auch unter Artikeln bürgerlicher und linksliberaler Medien ist der Tenor erstaunlich ähnlich: Dann sollen sie eben billiger werden. Haben doch lange genug verdient. Trinken wir halt etwas anderes.
Wer diese Kommentare länger liest, stößt ziemlich schnell auf den Grund der Wut. Es ist der Preis. Immer wieder erinnern sich Menschen daran, dass eine gute Flasche Wein zu D-Mark-Zeiten zehn oder fünfzehn Mark kostete (was stimmt, aber als Argument bullshit ist). Dann kommen die neuen Weingüter ins Spiel, die in den vergangenen dreißig Jahren entstanden sind: Naturstein, Glasfronten, Verkostungsräume, beeindruckende Keller. Dazu die Range Rover und andere große Autos, mit denen erfolgreiche Winzer angeblich herumfahren, die Urlaube, die Besuche in Sternerestaurants. Aus dem sympathischen Bauern ist in der Wahrnehmung eines Teils der Öffentlichkeit jemand geworden, der sich mit einem ursprünglich einfachen landwirtschaftlichen Produkt ziemlich komfortabel eingerichtet hat – eine Elite. Und jetzt, wo die Kunden fehlen, soll ausgerechnet der Kunde Mitleid haben.
Das ist bemerkenswert, denn noch vor zehn oder fünfzehn Jahren waren Winzer vermutlich die sympathischste Gruppe innerhalb der Landwirtschaft. Sie standen für Landschaft, Handwerk, Genuss und eine neue Form bäuerlichen Selbstbewusstseins. In Österreich kam hinzu, dass der moderne Qualitätsweinbau weitgehend unbelastet von jener Blut-und-Boden-Romantik auftrat, die dem Bauernbild anderswo historisch anhaftete. Junge Winzer reisten, studierten, diskutierten über Böden und Biodiversität, arbeiteten biologisch und biodynamisch, eröffneten ihre Höfe für Besucher. Der Winzer wurde beinahe zur kulturellen Figur. Man kannte Namen, sammelte Jahrgänge, fuhr zu Verkostungen. Heute liest man unter Krisenmeldungen Sätze von Städtern, die sie wohl auch anderen Landwirten in Schwierigkeiten hinterherrufen würden: selbst schuld. Der alte Riss Stadt-Land ist wieder da.
Dahinter steckt viel ökonomischer Unsinn. Besonders hartnäckig hält sich die Vorstellung, die Herstellung einer Flasche Wein koste höchstens fünf Euro und alles darüber wandere praktisch in die Tasche des Winzers. Dass zwischen Rebstock und Verkaufspreis Land, Gebäude, Maschinen, Personal, Handlese, Fässer, Flaschen, Energie, Lagerhaltung, Finanzierung, Vertrieb, Handel, Steuern und das Risiko eines kompletten Erntejahres liegen können, verschwindet in dieser Rechnung. Ein Wein für 30 Euro bedeutet keineswegs, dass der Winzer daran 25 Euro verdient. Gleichzeitig wäre es zu einfach, die Schuld nur beim angeblich ahnungslosen Konsumenten zu suchen. Denn dessen zweite Klage besitzt einen wahren Kern: „Ich habe mich früher für Wein interessiert. Irgendwann sind die Preise aber davongelaufen. Dann hat mich das Thema nicht mehr interessiert“ (Poster auf derstandard.at). Genau das ist passiert. Besonders an der Spitze wurden aus ambitionierten Preisen teilweise Fantasiepreise. Bordeaux ist das extremste Beispiel, doch auch in Deutschland, Österreich und Italien wurde ausprobiert, wie weit sich die Zahlungsbereitschaft einer euphorisierten Kundschaft treiben lässt. Der Markt erlaubte es. Also tat man es.
Und dann gibt es noch die große Legende vom Discounterwein, der in einer Blindverkostung Château Latour geschlagen habe. Solche Geschichten sind für die Weinverachtung ideal. Discounterweine sind tatsächlich erheblich besser geworden. Moderne Kellertechnik kann heute für wenig Geld saubere, fruchtige, vollkommen ordentliche Weine erzeugen. Daraus folgt nur nicht, dass Herkunft, Alterungsfähigkeit, handwerklicher Aufwand und geschmackliche Komplexität Einbildung sind. Blindverkostungen produzieren Überraschungen, manchmal spektakuläre. Aus einem einzelnen Ergebnis abzuleiten, ein Wein für sechs Euro sei grundsätzlich so gut wie ein großer Bordeaux, wäre ungefähr so seriös, wie nach einem gewonnenen Pokalspiel zu erklären, zwischen Amateur- und Profifußball gebe es keinen Qualitätsunterschied. Trotzdem passt die Geschichte perfekt zum Ressentiment: Die Experten haben keine Ahnung, die Weinjournalisten sowieso nicht, und wir Trottel sollten jahrzehntelang für etwas bezahlen, das – genauso gut – beim Discounter im Regal herumsteht.
Das eigentliche Problem liegt tiefer. Wein hat einen Teil seiner gesellschaftlichen Legitimation verloren. Seine Preise wurden in den Boomjahren nicht nur höher, sie wurden zum Symbol einer Welt, die inzwischen selbst alt aussieht. Der Weinkenner, der über Jahrgänge dozierte, Parker-Punkte zitierte und seinen Bordeauxkeller vorführte, war einmal eine Figur des gesellschaftlichen Aufstiegs. Heute wirkt er auf viele Jüngere eher wie jemand aus einem anderen Jahrhundert.
Wahrscheinlich ist Wein heute tatsächlich ein wenig das, was SPD und CDU gerade sind: eine große Institution des Gestern, die aus ihrer früheren Bedeutung ableitet, auch morgen noch selbstverständlich gebraucht zu werden. Nur funktioniert Kultur genauso wenig wie Politik nach Erbrecht. Die neuen politischen Radikalisierungen helfen dem Wein ebenfalls nicht. Dort entsteht Identität nicht über kulinarische Bildung oder eine Flasche, deren Herkunft neugierig macht. Der eigene Furor reicht häufig als Rauschmittel.
Für die Weinbranche ist die Häme in den Kommentarspalten deshalb unangenehmer als eine schlechte Halbjahresbilanz. Preise kann man korrigieren. Lager kann man abbauen. Rebflächen kann man reduzieren. Verlorene Sympathie zurückzugewinnen ist aber viel schwieriger. Dafür müsste die Branche zunächst akzeptieren, dass das Publikum nicht verpflichtet ist, Wein großartig zu finden.
Wahrscheinlich beginnt die nächste Weinrenaissance deshalb nicht mit einer besseren Ernte. Sondern mit etwas, das während des großen Hypes ein wenig verloren gegangen ist: dem Gefühl, dass eine gute Flasche nicht beweisen muss, wie viel wir von Wein verstehen. Sie muss uns nur verdammt viel Freude machen.
