Wer heute ernsthaft über die Zukunft des Weinbaus diskutiert, redet über kühlere Lagen, größere Höhen, spätreifende Sorten und die Frage, wohin die Rebe ausweichen kann, wenn es in ihren klassischen Regionen immer wärmer wird. Wir könnten dafür nach England fahren. Oder nach Skandinavien. Wir können aber auch nach Bolivien reisen, auf 2400 Meter Höhe, zu einem Weinberg, der dort schon existierte, als über Klimawandel noch niemand nachdachte. La Encantada heißt er, der verzauberte Weinberg, gelegen nahe Villa Abecia im Süden Boliviens. Und verzaubert ist hier tatsächlich einiges: uralte Rebsorten, Obstbäume zwischen den Reben, eine Familiengeschichte mit Unterbrechungen und ein Weinbau, dessen Ursprünge bis in die spanische Kolonialzeit zurückreichen.
Die Geschichte beginnt in Potosí. Die Stadt war nach der Entdeckung gewaltiger Silbervorkommen am Cerro Rico im 16. Jahrhundert zu einem der großen urbanen Zentren der spanischen Kolonialwelt geworden. Viele Europäer kamen, und mit ihnen ein Problem, das man aus europäischer Sicht offenbar für dringend hielt: Es gab nicht genügend Wein. Ihn über enorme Entfernungen heranzuschaffen war teuer und mühsam. Also sollte Wein dort wachsen, wo er gebraucht wurde – nach Vorbild des Römischen Reichs. Fachleute für Reben und Böden wurden geholt, Weinberge entstanden, und in diese frühe Geschichte des bolivianischen Weinbaus reichen auch die Ursprünge von La Encantada zurück. Einige der dort erhaltenen Reben haben sich über Generationen an die Bedingungen in 2400 Metern Höhe angepasst. Darunter finden sich Sorten, von denen selbst ziemlich gut informierte europäische Weintrinker selten gehört haben dürften. Vischoqueña etwa, eine natürliche Kreuzung aus Listán Prieto und Muscat of Alexandria. Dazu eine alte Form des Moscatel de Alejandría, die Besitzer Jorge Daroca Magdalena nennt. Und schließlich jene historische Rebe, die auf dem amerikanischen Kontinent beinahe mehr Namen als Beeren besitzt: Mission in Kalifornien, País in Chile, Criolla Chica in Argentinien.
Die jüngere Geschichte von La Encantada beginnt Ende des 19. Jahrhunderts. Darocas Urgroßvater übernahm das Land von den Jesuiten und erzeugte dort Wein. Sein Großvater Tomás Daroca führte die Tradition von den 1940er- bis in die 1990er-Jahre fort, danach geriet das Gut zunehmend in Vergessenheit. Niemand wollte weitermachen. Bis Jorge Daroca den Ort und damit auch die Geschichte seiner Familie wiederentdeckte. Zunächst tat er etwas durchaus Vernünftiges: Er engagierte Önologen, die ihm Wein machten. Irgendwann stellte er fest, dass deren Vorstellungen zwar zu ordentlichen Weinen führten, aber nicht unbedingt zu La Encantada. Also begann er rückwärts zu denken. Er beschäftigte sich mit den alten Methoden, vor allem aber mit dem Weinberg. Denn der funktioniert fundamental anders als jene klinisch sauberen Rebflächen, die wir aus vielen europäischen Regionen kennen. La Encantada ist keine Monokultur. Zwischen den Reben stehen Apfel-, Quitten-, Oliven- und Birnbäume, dazu Blumen und andere Früchte. Die Bäume liefern Nahrung, manchmal bleiben ihre Früchte liegen und werden zu Kompost. Vor allem aber helfen sie den Reben. Diese klettern teilweise an ihnen hoch, die Baumkronen bieten Schutz vor brutaler Sonne und Hagel, und die Früchte ziehen Schädlinge an, die sich sonst möglicherweise an den Trauben bedienen würden. Biodiversität ist hier kein hübsches Zertifikat am Hoftor, sondern eine jahrhundertealte Form landwirtschaftlicher Zweckmäßigkeit.
Im Keller wird es entsprechend unspektakulär. Daroca bezeichnet seine Weine als „makeup free“. Kein Holz, das ihnen eine zusätzliche Persönlichkeit verpassen soll, spontane Gärung mit den vorhandenen Hefen und möglichst wenig Eingriffe. Das klingt inzwischen nach dem üblichen Vokabular der Naturweinszene, bekommt hier aber einen anderen Sinn. Wer einen solchen Weinberg besitzt, muss ihm nicht mit aller Gewalt eine önologische Handschrift aufdrücken. Besonders schön zeigt das Magdalena, der alte Moscatel de Alejandría: floral, Pfirsich, Aprikose, Ananas, etwas Honig, dabei weit entfernt von jener parfümierten Schwere, die Muskat manchmal anstrengend macht. Vischoqueña Cabra Roja ist der Exot der kleinen Kollektion, mit wilden Beeren, Kirsche, Eukalyptus, Quitte und einer würzigen, schwer einzuordnenden Aromatik. Und dann Negra Criolla Cabra Roja, aus Criolla Chica. Der stillste der drei Weine, weniger aromatisch, dafür mit roter Frucht, schwarzem Pfeffer und einer bemerkenswert unaufdringlichen Komplexität. Drei Weine, die nicht versuchen, Bordeaux, Burgund oder irgendeine andere europäische Referenz nachzuspielen. Das ist vermutlich ihr größter Vorteil.
La Encantada ist deshalb mehr als eine hübsche Geschichte über Naturwein aus einem exotischen Land. Dieser Weinberg erinnert daran, wie eng unser Bild von Wein noch immer an Europa und dessen klimatische Koordinaten gebunden ist. Lange galt die Zone zwischen dem 30. und 50. Breitengrad als natürliche Heimat des Qualitätsweinbaus. Bolivien hält sich nicht sonderlich zuverlässig an solche Lehrbuchregeln. Die enorme Höhe verändert Temperatur, Sonneneinstrahlung und Tages-Nacht-Unterschiede und schafft Bedingungen, unter denen Reben an Orten funktionieren, an denen sie nach klassischer europäischer Vorstellung wenig verloren hätten. Dazu kommen alte genetische Anpassungen, traditionelle Sorten und ein landwirtschaftliches System, das nicht erst erfunden werden musste, weil es nie vollständig verschwunden war. Vielleicht liegt ein Teil der Zukunft des Weins deshalb ausgerechnet in seiner Vergangenheit. Und möglicherweise müssen wir uns daran gewöhnen, dass die interessantesten neuen Weinregionen der Welt manchmal sehr alte sind.
