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Die MOSEL ist nicht tot! BULLSHIT! Sie HAT vielleicht nur ihre ZUKUNFT verwechselt.

Das amerikanische Magazin Wine Enthusiast beschreibt die Mosel als Weinregion am Rande des Untergangs. Unsinn! Tatsächlich verschwinden Weinberge, und die wirtschaftliche Lage vieler Betriebe ist dramatisch. Aber die großen Rieslinge von Mosel, Saar und Ruwer gehören weiterhin zu den bedeutendsten Weißweinen der Welt. Das eigentliche Problem könnte ein anderes sein: Eine Region hat sich jahrzehntelang auf trockene Weine als Zukunftsmodell konzentriert. Nun entdeckt eine neue Generation ausgerechnet den Kabinett.

(Claude Auguste / Assistenz: Manfred Klimek)

Man (der Wine Enthusiast) muss sich schon ein wenig anstrengen, um eine der berühmtesten Weinregionen der Welt für beinahe erledigt zu erklären. Das amerikanische Magazin Wine Enthusiast hat sich dieser Aufgabe bemächtigt. Am 23. Oktober erschien ein Artikel der Journalistin Clara Dalzell mit der Überschrift „An Iconic Wine Region Is in Trouble. These Families Are Fighting to Save It“. Eine legendäre Weinregion steckt in Schwierigkeiten, diese Familien kämpfen um ihre Rettung. Darunter lesen wir Geschichten von aufgegebenen Weinbergen, unbezahlbarer Handarbeit und jungen Winzern, die gegen jede wirtschaftliche Vernunft an ihren Rebstöcken festhalten. Die Mosel erscheint als wunderschöne Patientin auf der Intensivstation. Die Angehörigen haben sich bereits am Krankenbett versammelt. Jetzt fehlt nur noch jemand, der den Pfarrer verständigt.

Die wirtschaftlichen Tatsachen sind tatsächlich ernst. Die Rebfläche des Anbaugebiets Mosel, zu dem auch Saar und Ruwer gehören, sank 2025 auf 8.287 Hektar. Allein gegenüber dem Vorjahr gingen im rheinland-pfälzischen Teil 158 Hektar verloren. Steillagen sind teuer zu bewirtschaften, Arbeitskräfte schwer zu finden, und vielen kleinen Betrieben fehlen Kapital und Nachfolger. Besonders gefährdet sind historische Terrassen, deren Mauern und Rebstöcke über Generationen erhalten wurden. Werden sie aufgegeben, verschwindet europäische Kulturlandschaft. Winzer Matthias Knebel aus Winningen beziffert im Artikel seine durchschnittlichen Bewirtschaftungskosten in den Terrassen auf 14,32 Dollar pro Liter. Dem stellt Dalzell einen durchschnittlichen amerikanischen Importpreis für deutschen Wein von 3,81 Dollar je Flasche gegenüber. Die Größen sind wirtschaftlich nicht unmittelbar vergleichbar, verdeutlichen aber den enormen Aufwand. Wer an der Terrassenmosel Wein erzeugt, kann mit industriell produzierten Weinen aus mechanisierbaren Weinbergen nicht konkurrieren. Das müsste eigentlich niemandem erklärt werden. Offenbar muss man es trotzdem immer wieder tun.

Dalzell porträtiert Andreas und Barbara Adam, Julian und Nadine Haart sowie Philip und Rosalie Lardot. Menschen, die alte Weinberge retten, aufgegebene Parzellen übernehmen und dort arbeiten, wo andere längst aufgegeben haben. Besonders eindrucksvoll ist die Geschichte der Haarts, die ihre schwer zu bewirtschaftenden Flächen in der Schubertslay schließlich gegen Weinberge in Rheinhessen tauschten. Auch Klaus Peter Keller will die dortige Pacht nach ihrem Ende nicht fortsetzen. Solche Entscheidungen sind schmerzhaft. Sie zeigen, dass bestimmte Weinberge unter den gegenwärtigen Bedingungen wirtschaftlich kaum zu erhalten sind. Daraus aber den bevorstehenden Untergang der Mosel abzuleiten, ist ungefähr so sinnvoll, wie aus der Schließung eines traditionsreichen Pariser Bistros auf das Ende der französischen Küche zu schließen.

Denn die Mosel besitzt eine Dichte international bedeutender Weingüter, um die sie andere Regionen beneiden. Markus Molitor, Nik Weis mit St. Urbans-Hof, Immich-Batterieberg, Joh. Jos. Prüm, Günther Steinmetz, Fritz Haag, Schloss Lieser, Clemens Busch, Dr. Loosen und zahlreiche andere haben internationale Märkte erschlossen, eigenständige Stilistiken entwickelt und ein Renommee aufgebaut, das weit über Deutschland hinausreicht. An der Saar stehen Namen wie Egon Müller, von Othegraven und viele andere mehr für eine ebenso unverwechselbare Weinkultur. Auch diese Betriebe sind gegen wirtschaftliche Veränderungen nicht immun. Aber wer ihre Zukunft allein aus den Schwierigkeiten des regionalen Durchschnitts ableitet, verwechselt eine Weinregion mit ihrer Absatzstatistik.

Das gilt besonders für Matthias Knebel. Der Mann aus Winningen gehört zu den großen Individualisten des deutschen Weinbaus. Seine Terrassenmosel ist eine andere Welt als die sanfteren Hänge der Mittelmosel. Hier türmen sich Schieferfelsen über dem Fluss, die Weinberge sind teilweise nur über schmale Wege und steile Treppen erreichbar. Knebel bewirtschaftet gemeinsam mit seiner Mutter Beate knapp acht Hektar. Seine wichtigsten Lagen heißen Röttgen und Uhlen, wobei der Uhlen mit seinen unterschiedlichen geologischen Formationen eine bemerkenswerte Vielfalt besitzt. Knebel hat daraus eine sehr persönliche Vorstellung von Riesling entwickelt. Spontane Gärung, langes Hefelager, wenige Eingriffe im Keller und die Bereitschaft, Unterschiede zwischen Jahrgängen und Parzellen stehen zu lassen, prägen seine Arbeit. Seine großen trockenen Rieslinge besitzen eine Tiefe und einen eigenwilligen Charakter, die sich mit den üblichen Beschreibungen von Mineralität und Eleganz nur unzureichend erfassen lassen. Das sind Weine, die ihre Herkunft geradezu verkörpern. Knebel wurde vom Vinum Weinguide Deutschland 2026 zum Weingut des Jahres an der Mosel gekürt. Ihn als letzten Verteidiger einer untergehenden Kultur zu betrachten, übersieht, dass er zu den Menschen gehört, die dieser Kultur eine zeitgemäße und international respektierte Form gegeben haben.

Interessanterweise erzeugt Knebel neben seinen großen trockenen Rieslingen auch bemerkenswerte Kabinette, Spätlesen und Auslesen. Er muss sich nicht entscheiden, ob die Zukunft trocken oder restsüß schmeckt. Und damit sind wir bei einer Frage, die der Wine Enthusiast in seiner Untergangserzählung kaum stellt: Was möchte die nächste Generation eigentlich trinken?

Vor fünfzehn oder zwanzig Jahren schien die Antwort klar. Die Zukunft des deutschen Qualitätsweins müsse trocken sein. Riesling sollte endlich aus jener internationalen Schublade herauskommen, in der deutsche Weißweine jahrzehntelang als süß, leicht und ein wenig altmodisch galten. Die großen trockenen Gewächse wurden zum neuen Maßstab. Sie sollten zeigen, dass Deutschland Weißweine erzeugen konnte, die sich mit großen weißen Burgundern messen ließen. An der Mosel war das eine anspruchsvolle Aufgabe. Ihre historische Reputation beruhte gerade auf feinfruchtigen, restsüßen Rieslingen mit niedrigem Alkoholgehalt, lebendiger Säure und außergewöhnlicher Alterungsfähigkeit.

Der Aufstieg des trockenen Moselrieslings war ein gewaltiger qualitativer Erfolg. Das muss gerade jemand wie ich anerkennen, der große trockene Rieslinge zu seinen liebsten Weinen zählt. Ein gereifter trockener Riesling der Mosel kann zu den faszinierendsten Weißweinerlebnissen überhaupt gehören. Ich würde jederzeit eine große Flasche trockenen Moselriesling einem Kabinett vorziehen. Aber ich bin auch alt genug, um zu wissen, dass mein Geschmack nicht automatisch die Zukunft einer ganzen Branche beschreibt.

Um 2010 galt der trockene Riesling vielen als endgültige Antwort auf die Frage nach der Zukunft der Mosel. Im Jahr 2026 ist diese Antwort weniger eindeutig. Denn ausgerechnet jener Weinstil, den die moderne deutsche Weinbewegung lange als angestaubtes Erbe behandelte, erlebt eine bemerkenswerte Renaissance, auch hier in Italien: der Kabinett.

Der Kabi, wie ihn seine Anhänger nennen, besitzt Eigenschaften, die erstaunlich gut zu den gegenwärtigen Veränderungen des Getränkemarktes passen. Er ist leicht, häufig mit sieben bis neun Prozent Alkohol, besitzt eine animierende Säure und eine Fruchtsüße, die bei guten Exemplaren weniger als Süße wahrgenommen wird denn als geschmackliche Balance. Er lässt sich ohne gastronomisches Zeremoniell trinken, funktioniert zu vielen Speisen und kann ebenso gut ganz ohne Essen geöffnet werden. Vor allem besitzt er etwas, das vielen modernen Prestigeweinen abhandengekommen ist: Er macht Lust auf das nächste Glas.

Dabei gehört der Kabinett zum historischen Selbstverständnis der Mosel. Die besten Exemplare von Joh. Jos. Prüm zeigen seit Generationen, weshalb diese Stilistik weltweit bewundert wird. Ein Wehlener Sonnenuhr Kabinett aus diesem Haus kann eine solche Verbindung aus Leichtigkeit, Präzision, Frucht und Reifepotenzial besitzen, dass man sich fragt, weshalb die Weinwelt überhaupt so lange damit beschäftigt war, diese Art von Wein als überholt zu betrachten. Er ist ein großer Wein, der nicht schwer sein muss, um bedeutend zu sein. Während anderswo über immer höhere Konzentration, längeren Ausbau und größere Bedeutung diskutiert wird, kommt er mit acht Prozent Alkohol daher und hat trotzdem alles, was man braucht.

Die neue Nachfrage nach solchen Weinen lässt sich bereits beobachten. Die britische Wine Scholar Guild veröffentlichte im Januar 2026 eine Analyse von Matt Walls über die Renaissance des Mosel-Kabinetts. Darin berichten Winzer wie Dorothee Zilliken und Johannes Selbach von wachsendem internationalem Interesse an Weinen mit niedrigem Alkoholgehalt. Thomas Haag von Schloss Lieser formuliert es besonders deutlich: Kabinett sei gerade bei jungen Menschen ausgesprochen gefragt. Auch deutsche Branchenbeobachter registrieren die Entwicklung. Allerdings belegen die bisherigen Verkaufszahlen noch keinen flächendeckenden Boom. Ein Trend ist erkennbar. Eine neue wirtschaftliche Heilslehre wäre verfrüht.

Die kulturelle Pointe ist trotzdem bemerkenswert. Eine Weinregion, die jahrzehntelang daran gearbeitet hat, ihre historische Süße abzulegen und sich als Heimat großer trockener Rieslinge zu etablieren, könnte nun feststellen, dass ausgerechnet ihre ursprüngliche Stilistik die jüngere Kundschaft besonders anspricht. Der Kabinett bietet weniger Alkohol, Frische, unkomplizierten Genuss und eine gewisse Verspieltheit. Er kann ein hervorragender Partywein sein, ohne deshalb auf Qualität verzichten zu müssen.

Freilich macht der Klimawandel die Erzeugung wirklich leichter Kabinette anspruchsvoller. Wärmere Jahrgänge führen zu höheren Mostgewichten, und niedrige Alkoholwerte lassen sich nicht beliebig mit dem Wunsch nach vollständiger physiologischer Reife vereinbaren. Die besten Winzer müssen deshalb immer genauer entscheiden, wann sie lesen und welche Parzellen sich für diesen Stil eignen. Auch wirtschaftlich ist Kabinett keine automatische Lösung. Wer in einer extremen Steillage hohe Produktionskosten hat, kann seine Zukunft nicht allein dadurch sichern, dass er einen Wein mit acht Prozent Alkohol abfüllt. Der Markt muss bereit sein, dafür angemessen zu bezahlen.

Aber die Frage bleibt: Haben wir möglicherweise zu viel von dem produziert, was wir selbst für die Zukunft hielten? Haben wir die geschmacklichen Vorlieben eines vergleichsweise kleinen, fachkundigen Publikums auf einen Markt übertragen, dessen Mehrheit andere Erwartungen besitzt? Der trockene Moselriesling hat der Region neue internationale Anerkennung verschafft. Doch wenn immer mehr Betriebe ähnliche trockene Rieslinge erzeugen, wächst der Wettbewerb. Und wenn gleichzeitig die Nachfrage nach Wein insgesamt zurückgeht, geraten jene unter Druck, die weder die Bekanntheit noch die Preisgestaltungsmöglichkeiten der großen Namen besitzen. Und noch dazu: die Zeiten und die Vorlieben der in diesen Zeiten lebenden Generationen ändern sich oft dramatisch schnell.

Die Mosel könnte gut daran tun, ihre Vielfalt wieder stärker als wirtschaftlichen Vorteil zu begreifen. Saar und Ruwer gehören historisch und weinrechtlich zu diesem Kulturraum, besitzen aber diskret eigene Stilistiken und Marktpositionen. Die entscheidende Grenze verläuft heute ohnehin weniger zwischen Mosel, Saar und Ruwer als zwischen Weinen mit einem erkennbaren Publikum und solchen, die in einem überfüllten Markt um Aufmerksamkeit kämpfen. Ein großer Name hilft. Eine unverwechselbare Herkunft hilft ebenfalls. Am meisten hilft ein Wein, den Menschen tatsächlich trinken möchten.

Deshalb widerspreche ich dem Untergangston des Wine Enthusiast. Die Autorin beschreibt eine reale Krise, aber ihre Dramaturgie macht aus einem tiefgreifenden Strukturwandel beinahe eine kulturelle Beerdigung. Die Mosel hat in ihrer langen Geschichte Kriege, wirtschaftliche Zusammenbrüche, veränderte Handelswege, Reblauskatastrophen und zahlreiche Geschmacksmoden überstanden. Ihre großen Weinberge garantieren keinen wirtschaftlichen Erfolg. Ihre Weine besitzen jedoch eine kulturelle und qualitative Eigenständigkeit, die sich durch sinkende Rebflächen nicht aus der Welt schaffen lässt.