(Klimek & Auguste)
Es beginnt mit einem Satz, den viele Weinenthusiasten verlernt haben: „Ein Glas Weißwein, bitte.“ Nicht welcher Jahrgang. Nicht welche Lage. Nicht welcher Winzer. Kein Blick in die Weinkarte. Keine Diskussion über Ausbau, Säure, Hefelager oder Punkte. Einfach ein Glas Weißwein. Ein Glas Sommer.
Eine Woche lang habe ich genau das in Wien getan. Gleichzeitig machte Claude Auguste dasselbe in Verona. Wir hatten uns vorgenommen, den Wein für ein paar Tage aus seiner eigenen Bedeutung zu befreien. Kein Verkosten. Kein Analysieren. Kein Posten. Nur trinken.
Das Erstaunliche begann bereits beim ersten Glas. Es war gut. Nicht groß. Nicht spektakulär. Nicht erinnerungswürdig. Aber gut. Das zweite ebenso. Das dritte auch. In Wien standen meist Grüner Veltliner oder gelegentlich ein steirischer Sauvignon im Glas. In Verona wechselten sich Garganega, Pinot Grigio oder andere regionale Weißweine ab. Keiner dieser Weine verlangte Aufmerksamkeit. Und genau darin lag das Glück dieser Tage.
Wer beruflich über Wein schreibt verliert leicht den Blick für das Selbstverständliche. Jede Flasche wird analysiert, eingeordnet, bewertet. Man spricht über Herkunft, Erträge, Ganztraubenvergärung, Amphoren oder Biodynamie. Irgendwann existiert Wein fast nur noch als Gegenstand des Nachdenkens. Dabei war Wein über Jahrtausende etwas völlig anderes. Ein Getränk bloß. Nicht mehr. Und nicht weniger. Bloß ein Getränk.
Gerade die Haus- und Schankweine erzählen davon. Sie werden kaum besprochen, selten bewertet und fast nie gesammelt. Trotzdem sind sie heute besser als jemals zuvor. Vor vierzig Jahren konnte man in vielen Gasthäusern durchaus Pech haben. Oxidierte Literweine, belanglose Massenware oder schlichte Säure bestimmten nicht selten das Bild. Heute findet das so gut wie nie statt. Der technische Fortschritt im Keller, bessere Ausbildung der Winzer und ein insgesamt gestiegener Qualitätsanspruch haben den Durchschnitt deutlich angehoben. Das verändert den Wein mehr, als viele Prestige-Cuvées es je könnten. Denn die eigentliche Kultur eines Landes erkennt man nicht an seinen Ikonen. Man erkennt sie an dem, was selbstverständlich geworden ist. Der Hauswein ist der eigentliche Alltag eines Weinlandes.
Genau deshalb war diese Woche so entspannend. Plötzlich musste kein Wein mehr etwas beweisen. Kein Glas war ein Ereignis. Es ging nicht um große Entdeckungen. Nicht um Bewertungen. Nicht einmal um Erinnerung. Man bestellte einfach nach. Ein leichter Schwips stellte sich ein. Gespräche wurden länger. Das Essen rückte wieder in den Mittelpunkt. Der Wein tat genau das, was Wein über Jahrhunderte getan hat: Er begleitete das Leben, anstatt selbst zum Mittelpunkt zu werden.
Das ist für jemanden, der täglich über Wein schreibt, beinahe eine therapeutische Erfahrung. Denn irgendwann beginnt man zu glauben, jeder Schluck müsse analysiert werden. Jede Flasche müsse eine Geschichte erzählen. Jede Verkostung müsse Erkenntnis produzieren.
Muss sie nicht.
Manchmal genügt ein ordentlich gekühlter Grüner Veltliner in einem Wiener Wirtshaus. Oder ein einfacher Weißwein in einer Trattoria in Verona. Sie erinnern daran, dass Genuss nicht zwingend Aufmerksamkeit verlangt. Dass Qualität nicht immer nach Erklärungen ruft. Dass Wein auch dann funktioniert, wenn niemand über ihn spricht. Der Wein verliert nichts von seiner Würde, wenn wir ihn einmal in Ruhe lassen. Im Gegenteil. Er gewinnt jene Selbstverständlichkeit zurück, die ihn überhaupt erst zu einem Kulturgetränk gemacht hat.
Nicht jede Flasche muss große Gefühle auslösen. Nicht jedes Glas verlangt ein Verkostungsprotokoll. Manchmal genügt es, wenn der Wirt fragt: „Noch eines?“
Und man einfach nickt.
