(Manfred Klimek)
Mit Michel Rolland ist keiner gestorben, der den Wein einfach nur besser machen wollte. Mit Rolland ist einer gegangen, der ihn verändern wollte. Und verändert hat.
Der Bordelaiser Önologe, der in der Nacht vom 19. auf den 20. März im Alter von 78 Jahren in Bordeaux verstarb, war eine jener Figuren, an denen sich eine ganze Branche abgearbeitet hat. Bewundert, kritisiert, kopiert – selten ignoriert. Rolland war nicht bloß Teil der modernen Weingeschichte. Er war einer ihrer Motoren.
Geboren 1947 in Libourne, aus einer Winzerfamilie stammend, begann alles vergleichsweise unspektakulär: ein Analyselabor, aufgebaut mit seiner Frau Dany. Doch aus dieser analytischen Präzision entwickelte sich etwas, das weit über das Bordelais hinausging. Rolland verstand früh, dass Wein nicht mehr nur Herkunft ist, sondern Entscheidung für Für oder Wider. Und dass sich diese Entscheidung lenken lässt.
In den 1980er Jahren wurde aus dem Önologen Rolland ein globaler Akteur. Rolland reiste – und mit ihm reiste eine Idee von Wein. Kalifornien, Argentinien, Chile: Er war überall dort, wo Wein nicht nur gewachsen, sondern gemacht werden wollte. Der Begriff des „flying winemaker“ ist ohne ihn kaum denkbar.
Seine Handschrift war klar. Reife Frucht, weiche Tannine, Dichte, Opulenz. Weine, die früh zugänglich waren, die sich erklärten, ohne lange Widerstände aufzubauen. Für viele war das ein Segen. Für andere der Anfang eines Problems, denn Rolland traf nicht nur den Geschmack seiner Zeit – er formte ihn mit.
Und das geschah nicht im luftleeren Raum.
Mit der wachsenden Bedeutung von Robert Parker entstand ein globaler Referenzpunkt für Qualität, der sich erstaunlich präzise mit Rollands Stil deckte. Es war eine Allianz ohne Vertrag, aber mit Wirkung: Weine wurden nicht mehr nur für Regionen gemacht, sondern für Märkte. Und Märkte verlangen Verständlichkeit. Was folgte, ist bekannt – und bis heute umstritten.
Rolland wurde zur Symbolfigur einer Entwicklung, die man später „Parkerisierung“ nannte. Der Vorwurf: zu viel Reife, zu viel Extraktion, zu viel Holz. Und vor allem: zu wenig Herkunft. Weine, die überall funktionieren – und damit irgendwann auch überall ähnlich schmecken. Das ist die einfache Lesart. Und sie greift zu kurz.
Denn Rolland hat nichts zerstört, was nicht schon im Wandel war. Er hat eine Bewegung sichtbar gemacht, die längst begonnen hatte: die Professionalisierung, die Internationalisierung, die bewusste Stilentscheidung im Weinbau. Dass daraus auch Exzesse entstanden, lag nicht allein an ihm – sondern an denen, die seine Methoden ohne sein Maß übernahmen.
Rolland selbst blieb dabei erstaunlich klar in seiner Haltung. Wein müsse gefallen, sagte er sinngemäß. Und er meinte damit nicht Beliebigkeit, sondern Präzision: die Fähigkeit, Qualität so zu formulieren, dass sie verstanden wird. Das machte ihn erfolgreich. Aber auch angreifbar.
Denn während viele Winzer ihre Identität in der Abgrenzung suchten, arbeitete Rolland an der Anschlussfähigkeit. Er dachte Wein vom Markt her – ohne ihn auf ihn zu reduzieren. Ein Balanceakt, der ihm gelang – aber nicht jedem, der ihm folgte.
Bei all dem blieb er, was man leicht vergisst: ein Mann aus dem Bordelais. Verwurzelt in jener Region, die selbst immer zwischen Tradition und Anpassung oszillierte. Seine globale Karriere hatte dort ihren Ursprung – und dort fand sie auch ihre Referenz. Mit seinem Tod verliert die Weinwelt eine Reibungsfläche.