Als Jancis Robinson am 1. Dezember 1975 ihren ersten Arbeitstag bei der längst verschwundenen britischen Fachzeitschrift Wine & Spirit hatte, war der meistverkaufte Wein Großbritanniens Harveys Bristol Cream. Zwölf Millionen Flaschen süßer Sherry wurden jährlich verkauft. Babycham, ein Birnenperlwein, wurde als „champagne perry“ beworben, australische, südafrikanische und zypriotische Produzenten schrieben völlig ungeniert Sherry auf ihre Flaschen. Wir können an solchen Details erkennen, was fünfzig Jahre in der Rezeption von Wein veränderten.
Robinson hat jetzt für die Financial Times aufgeschrieben, was seitdem mit dem Wein passiert ist. Fünfzig Veränderungen für fünfzig Berufsjahre. Das klingt zunächst nach einer jener Jubiläumslisten, die Redaktionen lieben. Tatsächlich ist der Text etwas anderes: eine kleine Kulturgeschichte des modernen Weins. Und nebenbei die Bilanz einer Frau, die einen erheblichen Teil dieser Geschichte selbst begleitet hat.
Schon der erste World Atlas of Wine von Hugh Johnson aus dem Jahr 1971 erzählt von einer untergegangenen Ordnung. Frankreich bekam darin 74 Seiten, Deutschland 24, Italien 14. Südamerika musste mit zwei Seiten auskommen. Neuseeland mit sieben Wörtern. Robinson schreibt dazu einen der schönsten Sätze ihres Essays: „Wine is, after all, geography in a bottle.“ Wein ist Geografie in der Flasche. Das klingt heute beinahe selbstverständlich. Damals war es revolutionär. Wein wurde entweder als Getränk verkauft oder als Geheimwissenschaft betrieben. Die Fachgeschäfte waren, wie Robinson schreibt, von durchaus einschüchternden Experten bevölkert, denen Kunden zunächst einmal beweisen mussten, dass sie den französischen Namen des gewünschten Weins richtig aussprechen konnten. Dann kamen Supermärkte, Rebsorten auf Etiketten und eine neue Weinwelt. Chardonnay und Cabernet Sauvignon wurden zu globalen Marken. Kalifornien wollte Bordeaux und Burgund kopieren, Australien ebenfalls. Selbst dort, wo das Klima dafür eigentlich ungeeignet war, pflanzte man die beiden Rebsorten. Zeitweise war echter Chardonnay so knapp, dass entsprechend etikettierte Weine in Kalifornien und Australien mit Colombard oder Chenin Blanc aufgefüllt wurden.
Danach kamen Lambrusco, Beaujolais Nouveau, australischer Chardonnay, Shiraz, Pinot Noir und Prosecco, erzählt Robinson in ihrem Text. Moden entstanden, explodierten und verschwanden wieder. Manche hinterließen Kollateralschäden. Über Beaujolais Nouveau schreibt Robinson wunderbar trocken, Georges Duboeuf sei dafür weitgehend verantwortlich gewesen – „I say blame“ –, weil die oft miserable Qualität des schnell produzierten Jungweins den Ruf des ernsthaften Beaujolais beschädigt habe. Dann trat Robert Parker auf. Kein Weinkritiker vor oder nach ihm, schreibt Robinson, habe in den neunziger und nuller Jahren derartige Macht besessen. Sie glaubt sogar, Parker könnte den Begriff „wine critic“ geprägt haben; seine Vorgänger hätten sich eher als Weinautoren verstanden. Parker machte aus Geschmack eine Zahl. 92 Punkte. 96. 100. Die Händler begriffen sofort. Zahlen musste man nicht übersetzen. Sie funktionierten in London genauso wie in New York, Hongkong oder Shanghai. Händler, schreibt Robinson durchaus böse, hätten teilweise beinahe aufgehört, selbst Weine auszuwählen, und seien stattdessen Parkers Geschmack gefolgt.
Damit erzählt sie nebenbei auch die Geschichte des Weins als Spekulationsobjekt. Château Lafite 1787 mit angeblichen Initialen Thomas Jeffersons, 1985 für 105.000 Pfund versteigert. Hardy Rodenstock. Rudy Kurniawan - der Betrüger. Bordeaux 2009 und 2010. China. Hongkong. En Primeur. Aus Landwirtschaft wurde Assetklasse.
Aber Robinsons interessanteste Beobachtung betrifft nicht Geld, sondern die Verschiebung der Aufmerksamkeit. In den neunziger Jahren waren die Stars die Önologen. Michel Rolland flog um die Welt, neue Barriques galten als Statussymbol, Kellertechnik versprach Perfektion. Heute, schreibt Robinson, hat sich der Blick vom Keller in den Weinberg verlagert: Bio, Biodynamie, Bodenleben, Biodiversität Begrünung, Bäume zwischen den Reben, regenerative Landwirtschaft. „Bare earth in a vineyard is no longer a virtue.“ Nackte Erde im Weinberg gilt nicht mehr als Tugend. Das ist ein bemerkenswerter Satz, weil er fünfzig Jahre Weinbaugeschichte in neun Wörter presst. Früher zeigte ein sauber geharkter Weinberg, dass der Winzer seine Arbeit beherrschte. Heute kann derselbe Anblick die Frage provozieren, was dort eigentlich noch lebt.
Auch die alte Trennung zwischen Neuer und Alter Welt löste sich auf. Junge europäische Winzer arbeiten heute in Australien, Neuseeland, Südafrika oder Kalifornien. Australische Önologen brachten umgekehrt Hygiene und Kellertechnik nach Europa. Cabernet und Chardonnay verlieren etwas von ihrer früheren globalen Dominanz, autochthone Sorten gewinnen an Bedeutung. Der Wein hat gelernt, um die Welt zu reisen, um anschließend wieder nach Hause zurückzukehren. Natürlich kommt Robinson auch beim Naturwein vorbei. Sie beschreibt die Bewegung als Generationenkonflikt: Für die einen Befreiung vom technischen Weinbau, für die anderen eine geschmackliche Zumutung unter einem irreführenden Namen. Man merkt beim Lesen, dass sie nach fünfzig Jahren noch immer bereit ist, sich über Wein zu streiten. Das ist wichtiger als ihre Meinung darüber.
Denn Jancis Robinson ist inzwischen 76 Jahre alt. Sie könnte sich bequem in die Bibliothek der eigenen Gewissheiten zurückziehen. Sie hat Bücher geschrieben, Fernsehsendungen gemacht, Generationen von Weintrinkern geprägt und gemeinsam mit Hugh Johnson jenes Standardwerk fortgeführt, dessen erste Ausgabe die Weinwelt noch mit 74 Seiten Frankreich und sieben Wörtern Neuseeland erklären konnte. Die neunte Ausgabe erscheint gerade. Robinson ist zum fünften Mal als Autorin beteiligt. Und trotzdem endet ihre Geschichte nicht bei Romanée-Conti. Sie endet beim Klimawandel. Die Weinlese habe sich durchschnittlich um etwa zwei Wochen nach vorne verschoben. Feuer, Rauch, Hagel, Frost, Überschwemmungen und vor allem Trockenheit verändern den Weinbau. Die Weltkarte des Weins wandert nach Norden. England bekommt im neuen Atlas eine zusätzliche Seite, Nordeuropa zwei. Dann schreibt Robinson einen Satz, der vermutlich wichtiger ist als sämtliche Diskussionen über Parker-Punkte, Naturwein und Schraubverschlüsse: „It pains me to admit that in a world desperately short of water, wine may increasingly be seen, like golf courses, as an unnecessary luxury.“ In einer Welt, der Wasser fehlt, könnte Wein irgendwann ähnlich betrachtet werden wie ein Golfplatz: als Luxus, den wir uns nicht mehr selbstverständlich leisten können.
Nach fünfzig Jahren Weinjournalismus wäre es leicht gewesen, nostalgisch zu werden. Robinson tut das Gegenteil. Sie erzählt von Harveys Bristol Cream und Babycham, ohne darüber zu lachen. Von Parker, ohne ihn nachträglich zum Bösewicht zu machen. Von Naturwein, ohne die Jugend für verrückt zu erklären. Von Klimawandel, ohne daraus eine Predigt zu bauen. Das ist ihre große Leistung.
Jancis Robinson hat nie aufgehört, neugierig auf die nächste Flasche zu sein. Wer fünfzig Jahre lang über dasselbe Thema schreibt, läuft irgendwann Gefahr, nicht mehr die Welt zu beobachten, sondern nur noch die eigenen Erinnerungen. Robinson ist das nicht passiert. Die Weinwelt, in der sie angefangen hat, existiert kaum noch. Die Welt, in der sie heute schreibt, wird ebenfalls verschwinden. Sie weiß das und schreibt weiter.
