Es ist Anfang Oktober. In weiten Teilen Europas ist die Weinlese beendet oder auf der Zielgeraden. Normalerweise wäre jetzt jene Jahreszeit, in der Winzer, Verbände und Weinmedien vom neuen Jahrgang erzählen. Von Mostgewichten und Säure, kleinen Beeren, großen Beeren und gesunden Trauben, vom entscheidenden Regen im richtigen Augenblick und natürlich von einem Jahrgang, der mindestens sehr gut, gelegentlich groß und selbstverständlich völlig differnziert als sein Vorgänger betrachtet werden wird. Wir kennen dieses Ritual. Es gehört zur Weinwelt wie die erste Fassprobe.
2026 ist es erstaunlich still.
Natürlich wird berichtet. Fachmedien schreiben, Verbände verschicken Erntemeldungen, regionale Zeitungen fotografieren Winzer mit Traubenkisten. Aber verglichen mit früheren Jahren wirkt die europäische Lese merkwürdig geräuschlos. Dabei wäre einiges zu erzählen. In Frankreich begann die Ernte so früh wie kaum je zuvor. Burgund meldete einen neuen Rekord, in Bordeaux wurden Anfang August (!) die ersten Trauben für Crémant geschnitten, in der Champagne begann die Lese je nach Gemeinde bereits zwischen 8. und 22. August. In Italien startete Sizilien im Juli (!). Deutschland, Österreich, die Schweiz, Spanien und Portugal folgten ebenfalls deutlich früher als gewohnt. 2026 ist ein europäischer Hitzejahrgang, geprägt von Trockenheit, kleinen Beeren, hohen Reifen und der Frage, ob die Säure mit dem Zucker Schritt halten konnte. Es gäbe also Stoff genug.
Anzunehmend hat das Schweigen weniger mit dem Wetter zu tun als mit der Stimmung. Europas Weinwirtschaft befindet sich in einer Krise, deren Dimension wir nicht kleinreden sollten. Der Konsum sinkt, wichtige Exportmärkte schwächeln, Produktionskosten steigen, Rebflächen werden gerodet. In Deutschland wurde 2026 sogar eine staatlich beziehungsweise europäisch gestützte Krisendestillation für Württemberg und Rheinhessen in Erwägung gezogen. Die EU begründet sie mit stark sinkendem Konsum, fallenden Preisen und wachsenden Beständen; in Rheinhessen lagen die Preise für Rot- und Roséwein zeitweise mehr als ein Viertel unter dem Fünfjahresmittel. Frankreich hatte bereits Zehntausende Hektar Reben mit staatlicher Unterstützung roden lassen. In Italien lagen kurz vor Beginn der Lese fast 50 Millionen Hektoliter Wein in den Kellern. Wer so viel alten Wein nicht verkauft hat, jubelt verständlicherweise zurückhaltender über den neuen.
Ob es tatsächlich die größte Krise seit den Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegsjahren ist, lässt sich seriös kaum vermessen. Eine der tiefsten strukturellen Krisen seit Jahrzehnten ist es zweifellos. Und genau deshalb erscheint mir die kommunikative Reaktion darauf falsch. Wein redet derzeit ständig über seine Krise und erstaunlich wenig über seinen Wein. Dabei war der Jahrgang jahrzehntelang eine der stärksten Geschichten dieses Kulturprodukts. Menschen wussten, dass 1982 im Bordelais etwas Besonderes war, 1990 fast überall in Europa groß ausfiel oder 2010 an der Mosel anders schmeckte als 2009. Jahrgänge gaben dem Wein Zeit, Erinnerung und Individualität. Heute kommuniziert die Branche lieber Absatzstatistiken, Gesundheitsdebatten, alkoholfreie Innovationen und neue Zielgruppen. Alles wichtig. Nur verkauft man ein Kulturgut auf Dauer schlecht, wenn man hauptsächlich erklärt, weshalb es gerade Schwierigkeiten hat.
Und 2026 wäre ausgerechnet ein Jahrgang, über den sich reden ließe. In der Pfalz begann die erste Lese für Federweißen am 12. August. Der Sommer war heiß und trocken, die Entwicklung weit voraus, die Trauben gesund, allerdings regional von schweren Hagelschäden betroffen. Der deutsche Weinbau zitierte Ende August den Laborfachmann Günter Braun mit einem Satz, der wahrscheinlich für weite Teile Mitteleuropas gilt: „Der richtige Lesezeitpunkt und das Zeitmanagement während der Weinlese werden von entscheidender Bedeutung sein.“ Das Erntefenster könne bei einzelnen Sorten nur wenige Tage betragen. Genau das war 2026: Reife war nicht das Problem. Sie kam eher zu schnell.
Auch in Österreich begann die Haupternte ungewöhnlich früh. Früher Austrieb, frühe Blüte, Hitze und Trockenheit beschleunigten die Vegetation; die Mengen fallen wegen der Dürre geringer aus, die Qualität wird dagegen optimistisch beurteilt. Weinbaupräsident Johannes Schmuckenschlager erwartet einen „ausdrucksstarken, aromatischen Jahrgang“. Das klingt zunächst nach klassischer Ernte-Pressekonferenz, wird aber durch die meteorologischen Daten plausibel: gesunde Trauben, kleine Beeren, hohe Konzentration. Die entscheidende Frage wird auch dort sein, wie viel Frische die Weine bei dieser raschen Zuckerreife behalten.
Noch interessanter ist die Schweiz. Im Waadtland spricht man von einem „millésime solaire“, einem Sonnenjahrgang. Die Trockenheit verkleinerte die Beeren deutlich, besonders bei roten Sorten, erhöhte dafür Konzentration und Zucker. Olivier Viret vom Weinbau-Kompetenzzentrum des Kantons sagt: „On a des taux de sucre très élevés, notamment dans les rouges.“ François Montet vom Waadtländer Winzerverband formuliert es noch deutlicher: „Au niveau sanitaire, c’était juste parfait.“ Gesundheitlich seien es für ihn ideale Erntebedingungen gewesen. Gleichzeitig verzichtete das Wallis erstmals darauf, einen Richtpreis für die Traubenernte festzulegen – obwohl die Branche selbst den Jahrgang als ausgezeichnet einschätzt. Besser lässt sich die Lage des europäischen Weins kaum zusammenfassen: Im Weinberg hervorragend, am Markt beunruhigend.
Italien hat diese Spannung noch drastischer erlebt. Der Gambero Rosso überschrieb seine frühe Bilanz mit „Il grande caldo incombe sulla vendemmia 2026“ – die große Hitze hängt über der Lese. Erstaunlicherweise verzichteten Assoenologi, Ismea und Unione Italiana Vini zunächst sogar auf ihre traditionelle nationale Ernteprognose. Das Wetter sei zu wechselhaft geworden, um seriöse Mengen vorauszusagen. Nicola Biasi, einer der interessantesten italienischen Önologen, bezeichnete 2026 im Gambero Rosso als „estrema ma non difficile“: extrem, aber nicht schwierig. Ein kluger Unterschied. Ein heißes Jahr muss kein schlechtes Jahr sein. Entscheidend ist, ob Weinberge, Rebsorten und Winzer mit der Hitze umgehen können. In Montalcino begann die Brunello-Lese mindestens eine Woche früher; zugleich wurde die erlaubte Erntemenge erneut begrenzt. Nicht weil keine Trauben vorhanden wären, sondern weil der Markt keine zusätzliche Menge braucht.
Frankreich liefert das extremste Bild. La Revue du Vin de France schrieb bereits im Juli: „Les prochaines semaines seront déterminantes.“ In Fitou fiel der erste Schnitt am 15. Juli – nach Angaben des Magazins so früh wie nie zuvor in Frankreich. In Burgund sagte Marc Sangoy nach fast vierzig Jahren als Winzer: „Les records tombent. Ça va vite.“ Die Crémant-Lese begann dort am 8. August. Später kam die andere Seite des Jahrgangs zum Vorschein: Frankreich erwartet nach ersten Schätzungen weniger als 34 Millionen Hektoliter, sechs Prozent weniger als im ohnehin kleinen Jahr 2025 und 17 Prozent unter dem Mittel der Jahre 2021 bis 2025. Sollte sich das bestätigen, wäre es die kleinste französische Ernte seit 1957. Hitze und Dürre haben also gleichzeitig konzentriert und vernichtet.
Auf der Iberischen Halbinsel ist das Bild weniger düster. In Rioja sprach die technische Direktorin des Consejo Regulador, Alejandra Rubio, Mitte September von der Aussicht auf „una gran añada“. Die Trauben seien gesund, sonnige Tage und kühlere Nächte begünstigten die Qualität. Die Analysen zeigten allerdings auch, was 2026 überall beschäftigt: rasch steigenden potentiellen Alkohol, sinkende Gesamtsäure und abnehmende Apfelsäure. La Rioja Alta nennt 2026 bereits „la vendimia más precoz de nuestra historia“ – die früheste Lese der eigenen Geschichte – und berichtet zugleich von außergewöhnlich gesunden Trauben. In Ribeira Sacra begann die Ernte am 12. August, acht Tage früher als 2025; Ende September meldete die Herkunft ausgezeichnetes Lesegut und einen historischen Höchststand beim Godello.
Portugal klingt fast wie das Gegenprogramm. Die Revista de Vinhos fasste den Jahrgang Ende August mit „Vindima antecipada, quantidade majorada“ zusammen: frühe Lese, größere Menge. Nach dem schwachen Vorjahr wurden in vielen Regionen deutliche Zuwächse erwartet, bei grundsätzlich ausgeglichenen Trauben und Mosten. Dann kam Regen und machte die Rechnung regional komplizierter. Auch hier also kein einfacher Jahrhundertjahrgang, sondern ein Jahr, in dem der Zeitpunkt der Lese überdurchschnittlich viel entschieden hat.
Was lässt sich Anfang Oktober daraus ableiten? Noch kein endgültiges Urteil. Wein wird nicht im Weinberg fertig, und manche der interessantesten 2026er gären gerade erst. Aber ein europäisches Muster ist erkennbar. Sehr frühe Vegetation. Extreme Hitze. Trockenheit. Kleine und häufig kerngesunde Beeren. Hohe Zuckerwerte. Regional niedrige Erträge. Die besten Weine werden vermutlich dort entstehen, wo alte Reben, gute Wasserversorgung, passende Böden und ein präziser Lesezeitpunkt verhindert haben, dass Reife einfach nur Alkohol bedeutet. 2026 dürfte weniger ein Jahrgang der Regionen als der Orte werden. Zwei Weinberge wenige Kilometer voneinander entfernt können völlig unterschiedliche Geschichten erzählen.
Und genau diese Geschichten sollte die Weinwirtschaft erzählen. Wer in der schwersten Absatzkrise seit Jahrzehnten nur über sinkenden Konsum redet, verstärkt am Ende das Gefühl, Wein sei ein Produkt auf dem Rückzug. Wer dagegen erklärt, warum ein Riesling 2026 innerhalb von drei Tagen gelesen werden musste, weshalb ein alter Rebstock die Trockenheit besser überstand, warum in der Waadt winzige Beeren entstanden oder in Rioja kühle Septembernächte plötzlich entscheidend wurden, erinnert daran, weshalb wir uns überhaupt für Wein interessieren.
Die Krise verschwindet davon nicht. Die Keller werden nicht leerer, weil jemand von Säurewerten erzählt. Junge Menschen beginnen auch nicht automatisch Wein zu trinken, weil Burgund am 8. August Crémant gelesen hat.
Aber Selbstbewusstsein beginnt damit, dass eine Branche noch weiß, was an ihrem Produkt interessant ist. 2026 scheint ein ziemlich interessanter Jahrgang zu werden. Wir sollten darüber reden.
