Vor ungefähr dreißig Jahren habe ich zum ersten Mal einen Wein der Domaine Coche-Dury getrunken und dabei etwas erlebt, das mich seither stark beschäftigt. Es war kein bestimmtes Aroma, keine Frucht, kein Duft, also nichts, was sich mit den üblichen Begriffen einer Weinbeschreibung vernünftig erfassen ließ. Es passierte erst, als ich den Wein im Mund hatte. Eine beinahe brutale Leckerheit, verbunden mit einem vibrierenden, fast mystisch-geilen Mundgefühl, das unmittelbar den nächsten Schluck verlangte. Das Merkwürdige daran: Dieses gewisse Etwas besaßen nicht nur die großen Chardonnays des berühmten burgundischen Weinguts, sondern auch seine einfacheren Weine und die Aligotés. Heute sind selbst diese Flaschen nahezu unbezahlbar. Damals konnte ich mich immerhin noch durch das Sortiment trinken und feststellen: Da ist etwas. Und es ist offenbar kein Zufall.
Später begegnete mir dieses Phänomen bei Weinen der Domaine Leroy wieder. Wieder Burgund, wieder große Weißweine, wieder Preise, über die wir besser nicht reden. Also begann ich nach einer handwerklichen Erklärung zu suchen. Zunächst verdächtigte ich das Holz. Als ich viele Jahre später beim ersten im Tonneau ausgebauten Riesling des Deidesheimer Weinguts Von Winning dieses mir inzwischen vertraute Vibrieren wiedererkannte, sprach ich mit dem Önologen Stefan Attmann darüber. Er verwies mich auf die Fassbinderei Damy, deren Fässer durch Holzqualität und Toasting einen besonders ausgeprägten Charakter entwickeln. Das schien mir plausibel. Vielleicht war dieses eigenartige Lecker also gar kein Geheimnis des Terroirs, sondern eine ziemlich konkrete Folge des Fassausbaus und des Medium-Plus-Toastings. Ich war für eine Weile zufrieden mit der mir selbst gegebenen Erklärung.
Bis ich am steirischen Sattlerhof einen Wein trank und es wieder da war. Nur verwendeten die Sattlers für diesen Wein keine Holzfässer. Damit war meine schöne Theorie erledigt. Die Familie Sattler vermutete die Ursache eher in der Maischestandzeit. Auch das leuchtete mir ein. Nur erklärte es wiederum nicht eindeutg sämtliche anderen Weine, bei denen ich dasselbe empfunden hatte. Seither sammle ich Indizien. Ausbau, Maischekontakt, Hefen, Reduktion, Reifezustand der Trauben, Kellerarbeit, möglicherweise das Zusammenspiel mehrerer dieser Faktoren. Nach drei Jahrzehnten bin ich keinen entscheidenden Schritt weiter. Ich erkenne das Phänomen ziemlich zuverlässig, sobald es im Mund auftaucht, und kann trotzdem nicht erklären, wodurch es entsteht. Das ist für jemanden, der beruflich ständig versucht, Wein in Worte zu übersetzen, einigermaßen frustriernd.
Interessanterweise begegnet mir dieses gewisse Etwas inzwischen nicht mehr nur in der preislichen Stratosphäre. Ich finde es etwa im einfachen Bourgogne Blanc von Vincent Girardin, in beiden erstaunlich preiswerten Chardonnays von J. Neus aus Ingelheim und zuletzt bei den Weißweinen von Schlumberger-Bernhart im Markgräflerland. Das gefällt mir schon deshalb, weil damit eine weitere mögliche Erklärung wegfällt: Größe kann es nicht sein, jedenfalls nicht jene Größe, die sich über Preis, Renommee oder eine berühmte Lage definiert.
Eine Beobachtung ist über all die Jahre allerdings erstaunlich konstant geblieben. Ich finde dieses gewisse Etwas ausschließlich bei Weißweinen. Auch die genannten Güter erzeugen zum Teil hervorragende Rotweine. Dort suche ich danach vergeblich. Vielleicht liegt darin der entscheidende Hinweis. Vielleicht sind es mehrere Faktoren, die nur unter bestimmten Bedingungen zusammenkommen. Vielleicht werde ich irgendwann einen Önologen treffen, der mir das Ganze in drei Sätzen erklärt und damit dreißig Jahre meines Suchens beendet.
Bis dahin muss ich mit einer ziemlich unwissenschaftlichen Definition leben: Ich rieche es nicht. Ich weiß nicht genau, wie es entsteht. Aber sobald der Wein im Mund ist, erkenne ich es. Und will jubelnd sofort die Flasche austrinken.
