Rotwein gehört zum Weltkulturerbe. Ist das eine Anmaßung? Nein! Weltkulturerbe nicht im amtlichen Sinne, denn die UNESCO hat offenbar anderes zu tun als sich ein geschichtlich relevantes Glas Rotwein hinter die Binde zu kippen. Aber kaum ein anderes landwirtschaftliches Produkt begleitet unsere Zivilisation derart lange und hat dabei eine vergleichbare Kultur hervorgebracht. Die Römer tragen dafür die Hauptverantwortung, sie unterschieden vor rund 2000 Jahren schon zwischen einfachem Wein und großen Gewächsen, kannten auch Lagen, Parzellen, Herkunft, Jahrgang und Reife. Wo die Römer waren, blieben meistens auch die Reben.
Auch zwei der wichtigsten Gefäße unserer Weinkultur verdanken ihre Karriere wesentlich dem Rotwein. Das von den Kelten entwickelte Holzfass setzte sich im Römischen Reich zunächst als praktischere Alternative zur Amphore durch, die stabile Glasflasche des 18. Jahrhunderts zusammen mit dem Korken machte schließlich eine neue Dimension der Reife und des Transports möglich. Aus Wein wurde etwas, das wir nicht nur trinken, sondern für unsere Kinder in den Keller legen konnten. Die Idee, dass ein großer Rotwein nach 30, 50 oder sogar 70 Jahren nicht bloß noch genießbar, sondern möglicherweise schöner ist als in seiner Jugend ist, gehört zu seinen größten kulturellen Leistungen.
Acht davon habe ich hier ausgesucht. Natürlich ist eine solche Liste ungerecht. Und sie begeht ein nahezu kriminelles Sakrileg: Kein Wein aus Burgund ist da mit bei. Kein La Romanée, kein Musigny, kein Chambertin. Stattdessen kommt der Pinot Noir aus dem Burgenland. Weil er die geglückteste kulturelle Aneignung der Weingeschichte ist
BURG RAVENSBURG – BLAUFRÄNKISCH 2024
Beginnen wir mit einem deutschen Wein, einem einfachen Wein noch dazu. Die Blaufränkisch der Ravensburger wachsen in Sulzfeld im Kraichgau, auf mächtigen Gipskeuperböden. Die Rebsorte besitzt dort eine erstaunlich lange Geschichte; Blaufränkisch beziehungsweise Lemberger gehört eben nicht nur nach Österreich und Ungarn, sondern seit Jahrhunderten auch in den deutschen Südwesten.
Dieser 2024er zeigt, warum wir bei deutschen Rotweinen nicht ausschließlich über Spätburgunder reden sollten. Blaufränkisch kann dunkel, würzig und kraftvoll sein und trotzdem eine Säure besitzen, die ihn über Jahrzehnte trägt. Dieser hier hat aber eine singuläre Note: kühl, erstaunlich kräftig Kreide, ein Tick Graphit, etwas Eukalyptus. Ein Maul voll einfachen Trinkweins – nahezu süchtig machend.
(Bezugsquelle: Hawesko Deutschland)
LES FORTS DE LATOUR 2009
Ein Zweitwein, bei dem der Begriff irgendwann unsinnig wird. Les Forts de Latour stammt nicht einfach aus Trauben, die für den Grand Vin von Château Latour nicht gut genug waren, sondern überwiegend aus eigenen Parzellen und Randbereichen des berühmten Enclos. 2009 kommt hinzu, dass Bordeaux einen seiner großen modernen Jahrgänge erlebte: viel Sonne, vollreife Trauben, enorme Konzentration und dennoch genügend Frische. Bei Latour geriet schon der Grand Vin monumental – und Les Forts profitierte von demselben außergewöhnlichen Jahr.
Die Assemblage besteht aus rund 65 Prozent Cabernet Sauvignon, 32 Prozent Merlot sowie kleinen Anteilen Petit Verdot und Cabernet Franc. Das ist deutlich mehr Merlot als im Grand Vin und erklärt einen Teil seines Charmes: schwarze Johannisbeere, Brombeere und Kirsche, dazu der Tick Graphit, Tabak, Zedernholz und etwas Minze. Der Wein besitzt gewaltige Substanz, aber keine Schwere; nach inzwischen 17 Jahren beginnen sich Tannin, Frucht und die Würze der Flaschenreife wunderbar miteinander zu verbinden.
CHÂTEAU LAFLEUR 2009
Gut viereinhalb Hektar Pomerol und ein Wein, der längst zu den gesuchtesten Bordeaux überhaupt zählt. Lafleur ist dabei kein typischer Pomerol. Der ungewöhnlich hohe Anteil Cabernet Franc – im Bordelais auch Bouchet genannt – gibt ihm jene Strenge, Würze und vertikale Struktur, die ihn von den üppigeren Merlot-Weinen seiner Nachbarschaft unterscheidet. Beim 2009er besteht die Assemblage ungefähr zur Hälfte aus Cabernet Franc und Merlot.
Und 2009 war Bordeaux in Breitwand. Viel Sonne, reife Frucht, Konzentration. Lafleur schafft dabei das Kunststück, die Opulenz nicht zur Schwere werden zu lassen. Himbeere, dunkle Beeren, auch Veilchen, ein Lakritz, Waldboden und Gewürze; enorme Dichte, aber extrem feines Tannin. Ein Wein, der schon aufgrund seiner winzigen Produktion selten ist, dessen eigentliche Größe aber nichts mit seiner Seltenheit zu tun hat.
(Bezugsquelle: KATE & KON Österreich)
GIUSEPPE MASCARELLO E FIGLIO – BAROLO MONPRIVATO 2006
Wenn es einen Gegenentwurf zum aufgepumpten Rotwein gibt, dann steht er in Castiglione Falletto. Die Familie Mascarello macht seit mehr als 150 Jahren Wein und kaufte 1904 ihre ersten Parzellen im Monprivato. Heute ist diese Crulage untrennbar mit dem Namen verbunden. Der Wein besteht selbstredend aus Nebbiolo, jener Sorte, die mit Säure, Gerbstoff und Lebensdauer zeigt, dass eine etwas hellere Farbe bei Rotwein eine ziemlich primitive Maßeinheit ist.
2006 ist dafür ein wunderbarer Jahrgang: strukturiert, fest, reifefähig. Rote Kirsche, nicht gering Rosen, Gewürze, Graphit, Stein und kräftiges Tannin. Mittlerweile beginnt sich das alles zusammenzuschieben. Die Frucht ist noch da, aber die Jahre haben jene zusätzlichen Aromen hervorgebracht, für die wir Nebbiolo überhaupt so lange liegen lassen: Erde, getrocknete Blüten, Kräuter und dieses kaum erklärbare Gemisch aus Feinheit und Strenge.
Barolo kann jahrelang so rüberkommen, als wolle er mit uns nicht reden. Dann macht er irgendwann die Tür auf. Und lässt uns rein. Der Monprivato 2006 steht gerade einladend hinter dieser Tür.
(Bezugsquelle: Trinkreif Österreich)
HEITZ CELLAR – MARTHA’S VINEYARD CABERNET SAUVIGNON 2005
Kalifornischer Cabernet besitzt viele Gesichter. Martha’s Vineyard von Heitz ist eines derjenigen, die Europa schon verstanden hatte, bevor Europa bereit war, Napa ernst zu nehmen. Der Wein stammt aus Oakville und ist ein Cabernet Sauvignon, dessen Geschichte bei Heitz bis in die 1960er-Jahre zurückreicht. Berühmt wurde er auch wegen eines Aromas, das man bei einer Blindverkostung kaum vergisst: Eukalyptus und Minze neben Cassis, dunkler Frucht und Zedernholz.
2005 war ein vergleichsweise kühles Jahr mit später Lese. Der Wein zeigt sich heute aromatisch, mit feinkörnigem Tannin, proportioniert und beinahe europäisch wirkend, ohne seine Herkunft aus Napa zu verleugnen. Napa muss nicht süß, heiß und breit sein. Martha’s Vineyard besitzt jene seltene Kombination aus kalifornischer Reife und klassischer Strenge.
Nach mehr als zwanzig Jahren beginnt die Frucht zurückzutreten und lässt das erscheinen, weshalb wir Cabernet überhaupt altern lassen: Kräuter, Erde, Tabak, Zeder, Minze. Und seine Zeitenläufte.
(Bezugsquelle: Ungerwein Deutschland)
M. CHAPOUTIER – ERMITAGE LE PAVILLON 2004
Hundert Prozent Syrah, und zwar aus einer einzigen, rund vier Hektar großen Parzelle in Les Bessards am Hermitage-Hügel. Die Reben für Le Pavillon sind teilweise annähernd 100 Jahre alt und wurzeln über Granit. Von Hand gelesen, vollständig entrappt, lange auf der Maische und anschließend rund anderthalb Jahre im Holz ausgebaut. Das klingt nach technischem Datenblatt. Im Glas erklärt es eine der großen Urformen des Syrah.
2004 war an der nördlichen Rhône kein monumentaler Jahrgang. Genau das macht den Pavillon interessant. Die großen Jahre dieses Weins sind für Jahrzehnte gebaut; 2004 zeigt ihn eleganter und weniger massiv. Rauch, dunkle Beeren, Himbeere, Teer, Lakritz, später Tabak und Kakao – aber alles ohne jene Süße und Breite, die Syrah in wärmeren Regionen manchmal bekommt. Und ein Wein, der gigantisch Lust auf reife Weine macht.
(Bezugsquelle: Trinkreif Österreich)
SCHLOSS HALBTURN – PINOT NOIR 2002
Jetzt also das angekündigte Sakrileg. Wenn auf einer Liste von acht Rotweinen kein Burgunder steht, muss es dafür einen verdammt guten Grund geben. Er heißt Schloss Halbturn 2002. Im Wittmannshof, einer großen zusammenhängenden Lage nahe dem Schloss in Nähe der österreichischen Staatsgrenze zu Ungarn, stehen alte Pinot-Noir-Klone, deren Ursprung im Burgund liegt. Rotschotter und eingelagerte Kalksedimente bilden einen Boden, bei dem sich Pinot Noir offensichtlich nicht nach seiner französischen Geburtsurkunde erkundigt.
Der 2002er gehört für mich zu den besten Pinot Noirs, die je außerhalb Burgunds gekeltert wurden. Und gerade deshalb gehört er auf diese Liste: nicht als Ersatzburgunder, sondern als Gegenargument zur Vorstellung, große Rebsorten seien Eigentum ihrer berühmtesten Herkunft. Halbturn nahm Pinot Noir und übersetzte ihn ins Burgenland. Das Resultat hat Feinheit, kühle Würze, Tiefe und jene eigentümliche Transparenz, wegen der Pinot Noir eine der schwierigsten und faszinierendsten Rebsorten überhaupt ist.
Kulturelle Aneignung? Unbedingt. Aber von jener Art, von der die Weinkultur seit Jahrtausenden lebt.
(Bezugsquelle: WeinArt Deutschland)
CHÂTEAU LYNCH-BAGES 1989
Zum Schluss Pauillac und ein Wein, der das Klassifikationssystem von 1855 ein wenig lächerlich aussehen lässt. Lynch-Bages ist offiziell Cinquième Cru, also fünftes Gewächs. Der 1989er interessiert sich dafür nicht. Er gehört zu den berühmtesten Jahrgängen des Hauses. Cassis, schwarze Kirsche, Graphit, Rauch, Zedernholz, Leder und Zigarrenkiste: Das gesamte alte Pauillac-Vokabular darf hier noch einmal auftreten.
Cabernet Sauvignon führt die klassische Bordeaux-Assemblage, begleitet von Merlot, Cabernet Franc und Petit Verdot. 1989 brachte enorme Konzentration und Tannin hervor, aber eben auch jene Substanz, die mehr als drei Jahrzehnte Flaschenreife nicht bloß überlebt, sondern benötigt. Heute treffen noch immer dunkle Frucht und Kraft auf die tertiären Aromen eines großen gereiften Cabernet. Der Wein ist nicht trotz seiner 37 Jahre interessant. Er ist wegen dieser 37 Jahre interessant.
(Bezugsquelle: Ungerwein Deutschland)
Rotwein hat uns die vielleicht verrückteste Idee der gesamten Weinkultur geschenkt: etwas zu kaufen, das wir absichtlich nicht gleich trinken. Wir legen es weg. Warten zehn Jahre. Zwanzig. Dreißig.
Und irgendwann ziehen wir den Korken und trinken nicht nur Wein. Wir trinken Zeit. Wir trinken Leben und Vergänglichkeit.
