Die Deutschen fahren gerne nach Italien. Vor allem zu mir an den Gardasee. Sie lieben mein Land, seine Küche, seine Landschaften und die Vorstellung, dass dort das Leben grundsätzlich angenehmer verläuft als zu Hause – was ja stimmt. Die Italiener sitzen auf schönen Plätzen, trinken gelassen Wein, essen Pasta und nehmen sich für die wichtigen Dinge Zeit. So jedenfalls sieht es der deutsche Urlauber. Dass die Italiener ihrerseits auch arbeiten müssen, ihre Rechnungen bezahlen und gelegentlich ziemlich schlechte Laune haben, gehört nicht zum touristischen Programm. Italien ist für die Deutschen seit Jahrzehnten ein Versprechen. Und weil Versprechen im Urlaub gerne in Flaschen abgefüllt werden, hat sich um einige italienische Weine ein bemerkenswerter Markt entwickelt. Lugana gehört dazu. Primitivo ebenfalls. Und lange Zeit auch Nero d’Avola. Drei Namen, die auf deutschen Weinkarten und in den Regalen des Lebensmittelhandels eine Karriere gemacht haben, von der viele wesentlich berühmtere Weinregionen nur träumen können. Sie klingen nach Süden, nach Sonne, nach Ferien und nach einer gewissen Kennerschaft. Wer Lugana bestellt, hat offenbar schon einmal vom Gardasee und vom Valtellina gehört. Wer Primitivo trinkt, weiß zumindest, dass Apulien irgendwo am italienischen Stiefel liegt. Nero d’Avola wiederum besitzt jenen exotischen Klang, der eine gewöhnliche Flasche Rotwein schon durch seine Aussprache interessanter erscheinen lässt. Das Erstaunliche daran ist, dass diese Weine ihre internationale Bekanntheit zu einem erheblichen Teil einem Publikum verdanken, das beim Weinkauf vor allem eines erwartet: möglichst viel Italien für möglichst wenig Geld.
Wir sollten die deutschen Weintrinker dafür nicht verachten. Sie haben schließlich jedes Recht, preiswert einzukaufen. Interessant wird die Angelegenheit erst, wenn man betrachtet, was ihre Vorlieben in den Herkunftsregionen angerichtet haben. Denn Wein ist ein landwirtschaftliches Produkt, dessen Erzeugung langfristige Entscheidungen verlangt. Wer heute einen Weinberg pflanzt, hofft, dass es in vierzig oder fünfzig Jahren noch Menschen gibt, die seinen Wein kaufen wollen. Und wer eine ganze Region auf den Geschmack eines bestimmten Exportmarktes ausrichtet, geht eine Wette ein, deren Risiken erst sichtbar werden, wenn sich dieser Geschmack verändert. Nehmen wir Lugana. Die Herkunftsbezeichnung umfasst das Gebiet südlich des Gardasees, zwischen Lombardei und Venetien. Angebaut wird vor allem Turbiana, eine mit Verdicchio verwandte Rebsorte, die durchaus charaktervolle Weine hervorbringen kann. Gute Lugana besitzen eine angenehme Säure, mineralische Spannung, eine feine, gelegentlich mandelige Aromatik und erstaunliches Entwicklungspotenzial. Es gibt ausgezeichnete Erzeuger. Niemand muss sich für einen großen Lugana entschuldigen. Der kommerzielle Erfolg beruht überwiegend auf einer unkomplizierten, gefälligen Weißweinstilistik, die weder den Gaumen überfordert noch den Geldbeutel übermäßig belastet. Ein wenig Frucht, ausreichend Frische, kaum Ecken und Kanten. Dazu ein Name, der angenehm italienisch klingt und sich vom deutschen Gastwirt ohne größere Erklärung verkaufen lässt. Die geografische Nähe zum Gardasee erledigt den Rest.
Die wirtschaftlichen Folgen sind beeindruckend. Seit den frühen Nullerjahren ist die Rebfläche der Lugana-DOC um rund 270 Prozent gewachsen. Heute umfasst sie etwa 2.600 Hektar, die Produktion liegt bei ungefähr 27,5 Millionen Flaschen jährlich. Mehr als 60 Prozent werden exportiert, Deutschland ist der wichtigste Auslandsmarkt. Grundstücke wurden teuer, neue Weinberge angelegt, bestehende Betriebe erweitert und erhebliche Summen investiert. Lugana wurde zu einer der erfolgreichsten Weißweinmarken Italiens. Das Wort Marke ist hier durchaus angebracht, denn viele deutsche Konsumenten kaufen Lugana, ohne sich besonders dafür zu interessieren, von welchem Winzer er stammt. Die Herkunftsbezeichnung selbst ist das Produkt. Sie garantiert eine bestimmte Erwartung an den Geschmack, eine italienische Herkunft und einen Preis, den man für angemessen hält. Dass der Wein ausgerechnet aus Turbiana gekeltert wird, wissen vermutlich die wenigsten. Es interessiert sie auch nicht sonderlich. Eine kleine Bosheit sei erlaubt: Würde man einen ähnlich unkomplizierten Wein aus Müller-Thurgau in eine deutsche Flasche füllen, wäre die Begeisterung vermutlich überschaubar. Müller-Thurgau klingt nach Provinz, nach Vereinsheim und nach dem Weinangebot eines Gasthauses, dessen Speisekarte seit 1987 nicht wesentlich verändert wurde. Lugana hingegen klingt nach einer Terrasse in Sirmione. Dabei kann ein sorgfältig erzeugter Müller-Thurgau durchaus mehr Freude bereiten als ein belangloser Lugana. Der Preis dafür ist meist niedriger. Was offenbar ein zusätzliches Problem darstellt. Der deutsche Weintrinker hat einen bemerkenswerten Mehrwertigkeitskomplex entwickelt. Er möchte etwas Besonderes trinken, möglichst aus dem Ausland, möglichst mit einem Namen, den seine Nachbarn nicht kennen, und möglichst zu einem Preis, bei dem er sich anschließend für einen besonders klugen Käufer halten darf. Der Wein soll international wirken. Die Rechnung soll deutsch bleiben.
Beim Primitivo ist diese Entwicklung noch deutlicher zu beobachten. Die Rebsorte stammt aus Apulien (ursprünglich wohl aus dem heutigen Kroatien), ist genetisch mit dem kalifornischen Zinfandel identisch und kann unter geeigneten Bedingungen bemerkenswerte Rotweine hervorbringen. Besonders in Manduria und Gioia del Colle gibt es alte Rebanlagen und Erzeuger, die aus Primitivo Weine mit eigenständigem Charakter keltern. Die besten Exemplare besitzen Struktur, Tiefe, eine gewisse Wildheit und jene herbe Frische, die man bei der Rebsorte leicht übersieht, wenn man nur ihre kommerziellen Vertreter kennt. Deutschland kennt vor allem die andere Version. Dunkel muss sie sein, weich, üppig, alkoholreich und möglichst süß schmeckend. Die Frucht erinnert gerne an eingekochte Pflaumen, die Tannine sollen niemanden stören, und die Säure hat sich höflich im Hintergrund zu halten. Es sind Weine, die ihre Herkunft vor allem durch Wärme und Reife vermitteln. Manche schmecken, als hätte jemand versucht, einen Rotwein so herzustellen, dass ihn auch Menschen mögen, die eigentlich keinen Rotwein mögen. Dazu kommen Namen und Etiketten, die mit mediterraner Lebensfreude, alten Rebstöcken und geheimnisvollen Familiengeschichten operieren. Die tatsächliche Geschichte der betreffenden Familie spielt dabei gelegentlich eine untergeordnete Rolle. Wichtig ist, dass der Kunde das Gefühl bekommt, für acht oder neun Euro etwas erworben zu haben, das als Bordeaux mindestens dreißig kosten müsste.
Primitivo hat damit einen Platz im deutschen Weinhandel besetzt, den früher andere unkomplizierte Rotweine innehatten. Ein ordentlich gemachter Dornfelder könnte viele derselben Bedürfnisse befriedigen. Auch er ist dunkel, fruchtbetont und kann weich und gefällig ausgebaut werden. Nur besitzt Dornfelder keinen mediterranen Lebenslauf. Sein Name klingt nach deutscher Rebzüchtung, nach Kellereigenossenschaft und nach einem Getränk, das man der Verwandtschaft zum Sonntagsbraten der Kohl-Ära serviert. Primitivo verspricht dagegen die Piazza, die Meeresbrise und eine italienische Großmutter, die seit vierzig Jahren dieselbe Tomatensauce kocht. Für den Weinbau in Apulien war diese Nachfrage zunächst ein Segen. Eine Region, die lange große Mengen einfacher Weine und Verschnittmaterial geliefert hatte, konnte ihre eigenen Rebsorten und Herkunftsbezeichnungen vermarkten. Neue Abfüllbetriebe entstanden, bestehende Kellereien wurden modernisiert, Weinberge aufgewertet und zusätzliche Flächen für Primitivo genutzt. Die internationale Nachfrage schuf Einkommen und Perspektiven. Das war ein wirklicher wirtschaftlicher Fortschritt. Inzwischen zeigen sich die Grenzen des Modells. In Manduria klagen Erzeuger über gigantische Lagerbestände und unzureichende Traubenpreise. Die Schutzgemeinschaft hat auf die Gefahr einer Überproduktion reagiert und die Eintragung zusätzlicher Primitivo-Flächen für die betreffenden Herkunftsbezeichnungen bis 2030 ausgesetzt. Gleichzeitig wird über niedrigere Erträge, Produktionsbegrenzungen und Maßnahmen zur Stabilisierung des Marktes diskutiert. Dass die Abfüllzahlen zuletzt teilweise wieder gestiegen sind, hilft den Traubenproduzenten nur begrenzt, solange sie für ihre Ernte zu wenig Geld bekommen. Das ist eine unangenehme Situation für eine Region, deren wirtschaftliche Hoffnungen über Jahre auf dem Erfolg einer einzigen Rebsorte beruhten.
Wir sollten dabei die Ursachen nicht allzu bequem vereinfachen. Die internationale Weinkrise hat viele Gründe. Veränderte Trinkgewohnheiten, höhere Kosten, sinkende Kaufkraft, ein schwieriger Exportmarkt und eine allgemeine Abkehr von alkoholreichen Rotweinen wirken zusammen. Deutschland ist hier keineswegs allein verantwortlich. Aber der deutsche Markt hat mit seiner enormen Nachfrage nach preiswertem Primitivo eine Entwicklung gefördert, die sich nun als riskant erweist. Wenn eine Herkunft vor allem über einen bestimmten Geschmack und einen bestimmten Preis erfolgreich wird, bleibt wenig Spielraum, sobald die Nachfrage nachlässt. Hinzu kommt ein Problem, das in der Weinwirtschaft erstaunlich selten offen angesprochen wird: Die meisten kommerziell erfolgreichen Weine sind austauschbar. Das gilt für einen großen Teil der Lugana-Produktion ebenso wie für den preiswerten Primitivo. Die Behauptung, mehr als 90 Prozent dieser Weine seien ausdrucksschwacher Durchschnitt, lässt sich zwar nicht seriös statistisch beweisen. Als Verkostungserfahrung ist sie allerdings keineswegs abwegig. Wer regelmäßig die Regale großer deutscher Weinhandlungen und Supermärkte durchprobiert, begegnet einer beeindruckenden Menge technisch sauberer, gefälliger und vollständig vergessenswerter Weine. Sie besitzen keine gravierenden Fehler. Sie besitzen häufig auch sonst nichts, woran man sich am nächsten Morgen erinnern könnte. Und genau hier beginnt das wirtschaftliche Problem. Ein Wein, der sich hauptsächlich über seinen Preis und seinen leicht verständlichen Geschmack verkauft, kann jederzeit durch einen anderen ersetzt werden. Der Kunde ist dem Produkt treu, solange es seine Erwartungen erfüllt. Er ist selten dem Winzer treu. Wird der Wein teurer, sucht er einen günstigeren. Verändert sich der Geschmack, sucht er eine andere Herkunft. Und wenn er beschließt, künftig weniger Alkohol zu trinken, verschwindet die Flasche vollständig aus seinem Einkaufswagen. Die Investitionen bleiben zurück. Weinberge lassen sich nicht einfach zusammenklappen und ins Lager stellen.
Nero d’Avola erzählt eine etwas andere Geschichte. Auch diese sizilianische Rebsorte wurde über lange Zeit als unkomplizierter, kräftiger und preiswerter Rotwein vermarktet. Für deutsche Käufer war sie eine attraktive Alternative zu den üblichen italienischen Verdächtigen. Viel Frucht, dunkle Farbe, reichlich Sonne, ein exotischer Name. Sizilien hatte den zusätzlichen Vorteil, dass die meisten Menschen eine ungefähre Vorstellung davon besitzen, wie es dort aussieht. Der Wein musste also kaum noch erklärt werden. Doch Nero d’Avola verdient eine differenziertere Betrachtung. Sizilien hat in den vergangenen Jahrzehnten eine bemerkenswerte qualitative Entwicklung erlebt, und einige seiner interessantesten Winzer haben gerade mit dieser Rebsorte bewiesen, dass sie weit mehr kann, als der deutsche Supermarkt vermuten lässt. Feudo Maccari etwa gehört mit seinem Saia zu den Erzeugern, die Nero d’Avola ernst nehmen. Der Saia 2023 wurde vom Gambero Rosso mit drei Gläsern ausgezeichnet. Auch Duca di Salaparuta erhielt für seinen Duca Enrico 2020 diese höchste Auszeichnung des italienischen Weinführers. Solche Weine besitzen eine Struktur und Eigenständigkeit, die mit dem verbreiteten Bild des weichen sizilianischen Alltagsrotweins wenig gemein haben. Besonders interessant ist Feudo Montoni. Fabio Sireci bewirtschaftet Weinberge im bergigen Landesinneren Siziliens, teilweise auf 800 bis 900 Metern Höhe. Dort entstehen Nero-d’Avola-Weine, deren Frische, vergleichsweise zurückhaltende Farbe und feine Aromatik den gängigen Vorstellungen von der Rebsorte widersprechen. Sein Vrucara gehört zu den bemerkenswerten Interpretationen dieser Herkunft. Sireci hat sich lange gegen die Mode der überextrahierten, besonders dunklen Rotweine gewehrt. Heute erscheint seine Beharrlichkeit ausgesprochen modern. Auch COS im Südosten Siziliens und Gulfi mit seinen unterschiedlichen Nero-d’Avola-Herkünften gehören zu jenen Betrieben, die das qualitative Potenzial der Rebsorte weit über den Massenmarkt hinaus sichtbar gemacht haben. Bei Gulfi lässt sich sogar nachvollziehen, wie unterschiedlich Nero d’Avola auf verschiedenen Böden und in verschiedenen Lagen schmecken kann. Eine Erkenntnis, die dem durchschnittlichen deutschen Sonderangebotskunden vermutlich ziemlich gleichgültig ist, die aber für die Zukunft der sizilianischen Weinkultur entscheidend sein könnte. Denn eine Rebsorte, die nur als billiger Wein bekannt ist, hat ein Problem. Eine Rebsorte, deren beste Vertreter eine eigenständige Qualität und Herkunft vermitteln, besitzt dagegen eine Zukunft, die nicht allein vom Preis abhängt.
Das bedeutet keineswegs, dass künftig alle Italiener große, teure Weine produzieren sollten. Die Welt braucht gute Alltagsweine. Sie braucht sogar sehr viele davon. Aber sie braucht nicht immer größere Mengen austauschbarer Weine, deren einziger Wettbewerbsvorteil darin besteht, ein paar Cent weniger zu kosten als die Flasche daneben. Die europäische Integration hat diesen Entwicklungen zusätzlichen Schwung verliehen. Offene Märkte, gemeinsame Handelsregeln, internationale Vertriebsstrukturen und die enorme Reichweite großer Einzelhandelsunternehmen ermöglichten es, regionale Weine in Mengen zu vermarkten, die früher kaum vorstellbar gewesen wären. Davon haben italienische Winzer und deutsche Konsumenten gleichermaßen profitiert. Es wurden Arbeitsplätze geschaffen, Betriebe modernisiert und Regionen wirtschaftlich aufgewertet, die lange im Schatten der berühmten italienischen Weinbaugebiete standen. Nur hat die Globalisierung des Weinhandels eine unangenehme Eigenschaft: Sie belohnt die Ausweitung der Produktion oft schneller, als sie vor deren Risiken warnt. Solange die Nachfrage steigt, erscheint jeder zusätzliche Hektar vernünftig. Jede neue Kellerei ist ein Zeichen des Fortschritts. Jede Investition wird mit den Wachstumszahlen der vergangenen Jahre begründet. Die Frage, ob diese Entwicklung auch dann noch wirtschaftlich tragfähig ist, wenn der wichtigste Exportmarkt plötzlich weniger kauft, wird gerne auf später verschoben. Später ist inzwischen eingetreten.
In Italien wird über Produktionsbegrenzungen, Stilllegungen und Rodungen diskutiert. Allerdings wäre es falsch, daraus abzuleiten, dass gerade die Lugana-Weinberge bereits massenhaft gerodet werden müssten. Die Herkunft zeigt bislang eine bemerkenswerte Stabilität. Auch Primitivo verkauft sich weiterhin in erheblichen Mengen. Die Probleme liegen vor allem in der wirtschaftlichen Abhängigkeit von großen Absatzmärkten, in der Preisbildung und in der Frage, ob sich die bestehenden Produktionsstrukturen langfristig erhalten lassen. Für manche Betriebe wird die Antwort unangenehm ausfallen. Wer über Jahre auf steigende Mengen gesetzt hat und nun sinkende Erlöse hinnehmen muss, kann seine Investitionen nicht mit italienischer Lebensfreude bezahlen. Die Banken verlangen auch in Apulien Euros. Es wäre dennoch ungerecht, die Verantwortung allein bei den Winzern zu suchen. Sie haben produziert, was der Markt verlangte. Die deutschen Importeure wollten preiswerte, gefällige Weine mit attraktiver Herkunft. Der Handel wollte verlässliche Mengen. Die Gastronomie wollte Namen, die sich ohne Erklärungsbedarf verkaufen ließen. Die Konsumenten wollten das Gefühl, für wenig Geld etwas Besonderes zu trinken. Jeder Beteiligte handelte aus seiner Sicht vernünftig. Zusammen entstand eine wirtschaftliche Struktur, deren langfristige Tragfähigkeit von einer erstaunlich optimistischen Annahme abhing: dass die Deutschen immer weiter Lugana und Primitivo trinken würden.
In dieser Annahme steckt auch ein kultureller Widerspruch. Deutschland besitzt selbst eine bemerkenswerte Weinlandschaft: Riesling, Silvaner, Weißburgunder, Spätburgunder und zahlreiche andere Rebsorten bringen Weine hervor, die auch international hohe Anerkennung genießen. Dennoch scheint es für einen Teil des deutschen Publikums attraktiver zu sein, einen mittelmäßigen Wein aus Italien zu kaufen als einen guten aus der eigenen Region. Die Herkunft aus dem Süden verleiht dem Getränk einen sozialen Mehrwert, den die Qualität allein offenbar nicht liefern kann. Man könnte das für eine harmlose Marotte halten. Menschen kaufen schließlich auch italienische Schuhe, französische Parfums und englische Kleidung, ohne deshalb ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Beim Wein bekommt diese Vorliebe allerdings eine besondere Bedeutung, weil sie landwirtschaftliche Landschaften verändert. Eine erfolgreiche Moderebsorte benötigt Fläche. Fläche benötigt Kapital. Kapital verlangt Absatz. Und Absatz verlangt Menschen, die bereit sind, das Produkt über Jahre hinweg zu kaufen. Die Deutschen haben mit ihrer Sehnsucht nach preiswerter mediterraner Weltläufigkeit dazu beigetragen, ganze Weinregionen wirtschaftlich neu auszurichten. Sie haben Winzern Wohlstand ermöglicht, Investitionen ausgelöst und Herkunftsbezeichnungen international bekannt gemacht. Dafür gebührt ihnen durchaus Anerkennung. Aber sie haben zugleich ein Geschäftsmodell begünstigt, das seine größte Stärke im Verkauf großer Mengen besitzt und seine größte Schwäche genau dort offenbart, wo diese Mengen plötzlich nicht mehr gebraucht werden.
Die interessante Frage lautet deshalb, was nach Lugana und Primitivo kommt. Wird der deutsche Weintrinker künftig zu anderen italienischen Herkunftsbezeichnungen wechseln, sobald sie ihm das nächste attraktive Angebot machen? Wird er den spanischen Monastrell entdecken, portugiesische Rotweine oder irgendeine bislang wenig beachtete Rebsorte aus Griechenland? Die europäishe Weinwirtschaft verfügt über genügend Regionen, die auf einen solchen Nachfrageboom hoffen. Und über genügend Investoren, die bereit wären, ihn zu finanzieren. Oder wird sich tatsächlich etwas verändern? Könnte es sein, dass der Rückgang des Weinkonsums auch eine neue Aufmerksamkeit für Qualität, Herkunft und Individualität mit sich bringt? Dass weniger getrunken, dafür bewusster ausgewählt wird? Dass ein Wein nicht mehr deshalb interessant erscheint, weil sein Name nach Urlaub klingt und sein Preis nach Sonderangebot? Das wäre eine erfreuliche Entwicklung. Allerdings gibt es bislang wenig Anlass, sie für unausweichlich zu halten.
Die Geschichte von Lugana und Primitivo erzählt letztlich von einem Missverständnis, das im internationalen Weinhandel weit verbreitet ist. Man hat dort kommerziellen Erfolg mit kultureller Bedeutung verwechselt. Eine Herkunft, die millionenfach verkauft wird, gilt plötzlich als bedeutend. Eine Rebsorte, die in jedem Supermarkt steht, wird zum internationalen Klassiker erklärt. Die Zahlen bestätigen den Erfolg. Über die Qualität sagen sie wenig. Die besten Winzer dieser Regionen haben damit kein Problem. Sie brauchen den Massengeschmack nicht, um ihre Existenz zu rechtfertigen. Ein großer Nero d’Avola von Feudo Montoni oder Gulfi wird auch dann interessant bleiben, wenn die deutschen Supermärkte ihre sizilianischen Sonderangebote reduzieren. Ein außergewöhnlicher Lugana wird seine Liebhaber finden, weil er außergewöhnlich ist. Und ein ernsthafter Primitivo aus alten Reben muss sich nicht dafür entschuldigen, dass unter demselben Namen Millionen Flaschen unkomplizierten Rotweins verkauft werden. Für die übrigen Betriebe beginnt eine schwierigere Zeit. Sie müssen herausfinden, was ihre Weine wert sind, wenn die Nachfrage nach preiswerter italienischer Lebensart nachlässt.
Und die Deutschen? Sie werden weiterhin nach Italien fahren. Sie werden am Gardasee sitzen, in Apulien baden, in Sizilien Pasta essen und sich über die Qualität des Essens freuen. Sie werden weiterhin Wein trinken. Hoffentlich sogar guten. Nur eine Frage sollten sie sich gelegentlich stellen: Weshalb ihnen ein durchschnittlicher Wein aus Italien oft mehr wert ist als ein guter aus Deutschland. Die Antwort dürfte weniger mit Wein zu tun haben als mit dem Bild, das sie gerne von sich selbst hätten.
