Mark Carney hat Europa gerade eine ziemlich bemerkenswerte Liebeserklärung gemacht. Der kanadische Premier sprach diese Woche vor dem Europäischen Parlament in Straßburg von der „tiefstmöglichen Partnerschaft“ zwischen Kanada und der EU. Das bestehende Freihandelsabkommen CETA soll nicht das Ende, sondern der Ausgangspunkt einer wesentlich engeren wirtschaftlichen und politischen Verbindung werden. Die Annäherung hat handfeste geopolitische Gründe: Kanada möchte seine Abhängigkeit von den USA reduzieren, Europa sucht verlässliche Partner für Energie, Rohstoffe, Technologie und Sicherheit. Win-Win also.
Ich würde dieser neuen transatlantischen Freundschaft gerne einen weiteren Programmpunkt hinzufügen: Trinken wir mehr kanadischen Wein.
Denn der ist in Europa noch immer eine exotische Randerscheinung. Kanada? Ah ja, Eiswein. Danach wird es bei vielen Weintrinkern bereits dünn. Dabei entstehen dort inzwischen einige der interessantesten Cool-Climate-Weine außerhalb Europas: Chardonnay und Riesling, Pinot Noir und Cabernet Franc, im Westen sogar erstaunlicher Syrah, Cabernet Sauvignon und Merlot.
Und Kanada liegt weinbaulich weniger verrückt, als der Blick auf die Weltkarte vermuten lässt.
Die Niagara Peninsula in Ontario, das wichtigste Weinbaugebiet des Landes, liegt ungefähr auf dem 43. Breitengrad. Das ist nicht Lappland, sondern ziemlich genau die geografische Höhe der Toskana. Das Problem heißt deshalb weniger Breitengrad als kanadischer Winter. Ohne Lake Ontario wäre kommerzieller Weinbau hier wesentlich schwieriger. Die gewaltige Wassermasse funktioniert als Temperaturpuffer: Im Herbst gibt der im Sommer erwärmte See Wärme ab und verlängert die Vegetationsperiode, im Frühjahr hält das kalte Wasser den Austrieb zurück und reduziert damit die Gefahr später Fröste. Dazu kommt die Niagara Escarpment, jene langgezogene Geländestufe, die Luftströmungen und Mikroklimata beeinflusst.
Das Resultat erinnert in seiner Logik eher an europäische Cool-Climate-Gebiete als an Kalifornien. Riesling behält Säure, Chardonnay wird straff, Pinot Noir elegant. Vor allem Cabernet Franc fühlt sich erstaunlich wohl. Cabernet Sauvignon und Merlot gelingen in wärmeren Lagen und Jahren ebenfalls, bleiben aber häufig schlanker als ihre Kollegen aus Napa oder Bordeaux.
Dass Ontario längst ernst genommen werden muss, zeigte gerade erst wieder der Decanter World Wine Award 2026: 157 Medaillen gingen an VQA-Weine aus Ontario. Gold gab es unter anderem für Chardonnay von Hidden Bench und Le Clos Jordanne sowie – bemerkenswert – für einen Cabernet Franc von Inniskillin. Bei den kanadischen National Wine Awards wurde Tawse Winery 2026 bereits zum fünften Mal Winery of the Year; ausgezeichnet wurden vor allem Chardonnay und Riesling.
Zu den Namen, die wir uns merken sollten, gehören außerdem Hidden Bench, Cave Spring, Domaine Le Clos Jordanne und natürlich Inniskillin. Wer kanadische Rotweine verstehen will, sollte Pinot Noir und Cabernet Franc probieren, bevor er nach Cabernet Sauvignon fragt. Genau hier liegt die Eigenständigkeit Ontarios.
Und dann wäre da selbstverständlich der Wein, mit dem Kanada überhaupt auf der internationalen Weinkarte erschien: Icewine. 1989 erzeugte Inniskillin aus der robusten Rebsorte Vidal einen Eiswein, der 1991 auf der Vinexpo in Bordeaux den Grand Prix d’Honneur gewann. Plötzlich schaute die alte Weinwelt nach Niagara. Das Prinzip kannten Deutsche und Österreicher natürlich längst: gesunde Trauben bleiben bis zum Winter am Stock, gefrieren und werden gefroren gelesen und gepresst. Das Wasser bleibt als Eis zurück, Zucker, Säure und Aromastoffe konzentrieren sich im wenigen gewonnenen Most.
Nur besitzt Kanada gegenüber Deutschland und Österreich einen entscheidenden Vorteil: Auf den Winter ist Verlass.Was bei uns in manchen Jahren zum Glücksspiel wird, gehört in Ontario ziemlich zuverlässig zum Klimaprogramm. Vidal eignet sich hervorragend, Riesling liefert die feineren, oft komplexeren Varianten, und sogar Cabernet Franc wird zu rotem Icewine verarbeitet. Bei guten Exemplaren hält eine brutale Säure jene enorme Süße in Schach. Icewine ist deshalb nicht bloß flüssige Marmelade. Sehr guter kanadischer Icewine gehört zu den großen Süßweinen der Welt.
Ganz anders sieht Kanada satte 3500 Kilometer weiter westlich aus. Das Okanagan Valley in British Columbia zieht sich nördlich der amerikanischen Grenze durch ein schmales Tal. Hier befinden wir uns um den 49. und 50. Breitengrad – also tatsächlich in einer Zone, die uns Europäern weinbaulich vertraut vorkommt. Nur funktioniert das Klima vollkommen anders. Die Coast Mountains halten einen großen Teil der pazifischen Feuchtigkeit ab Okanagan liegt im Regenschatten, ist trocken, sonnenreich und teilweise beinahe wüstenartig. Bis zu rund 2000 Sonnenstunden treffen auf geringe Niederschläge; Bewässerung ist deshalb in vielen Weinbergen keine Ausnahme, sondern Voraussetzung.
Und das Tal ist lang. Im kühleren Norden funktionieren Riesling, Chardonnay und Pinot Noir ausgezeichnet. Weiter südlich Richtung Osoyoos wird es so warm und trocken, sodass Syrah, Merlot, Cabernet Franc und Cabernet Sauvignon reif werden. Genau diese Spannweite macht British Columbia faszinierend: Innerhalb weniger Autostunden wechseln wir praktisch die Weinwelt.
Mission Hill Family Estate ist der international bekannteste Name und wurde bei den National Wine Awards 2025 zum sechsten Mal Winery of the Year; ausgerechnet ein Cabernet Franc gehörte dort zu den beiden mit Platin ausgezeichneten Weinen. Daneben sollten wir uns Martin’s Lane Winery für Pinot Noir und Riesling, CheckMate Artisanal Winery für Chardonnay und Merlot sowie Le Vieux Pin für Syrah. Auch Meyer Family Vineyards und Laughing Stock gehören inzwischen zu den Gütern, die bei nationalen Wettbewerben regelmäßig weit vorne auftauchen; Laughing Stock holte 2026 unter anderem Platin für Syrah und seine rote Cuvée Blind Trust.
Gerade die Rotweine sind wichtig, weil sie das europäische Kanada-Klischee demolieren. Ein Land, das zuverlässig gefrorene Trauben ernten kann, erzeugt wenige Monate zuvor im Okanagan Valley reifen Syrah. Das klingt zunächst widersinnig. Tatsächlich erklärt es ziemlich gut, was Kanada als Weinland ausmacht: extreme Unterschiede, lange Sommertage, gewaltige Wassermassen, Gebirge, trockene Täler und Winter, bei denen ein deutscher Winzer vermutlich nervös den Rückflug buchen würde.
Kanadischer Wein wird deshalb Bordeaux, Burgund, Mosel oder Wachau nicht ersetzen. Warum sollte er das auch? Interessant wird Wein immer dort, wo eine Gegend aufhört, etwas anderes imitieren zu wollen.
Vielleicht hat Mark Carney also recht mit seinen neuen Wahlverwandtschaften zwischen Kanada und Europa. In der Politik wird daraus möglicherweise eine neue transatlantische Allianz. Beim Wein können wir schon einmal anfangen.
