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SISTA ACT / MOTHER FACT

Andrea Wirsching verlässt mit 62 das berühmte Familienweingut in Iphofen und übernimmt die Leitung des Karthäuserhofs an der Ruwer. Dort trifft sie auf Mathieu Kauffmann, einen der brillantesten Önologen Europas. Aus einer Personalie wird damit etwas Größeres: Im deutschen Weinbau entsteht gerade eine bemerkenswerte neue Konstellation.

Der Name des Weins war rückblickend fast prophetisch. 2011 machten Andrea Wirsching und ihre jüngere Halbschwester Lena gemeinsam einen Wein und nannten ihn „Sister.Act“. Silvaner und Riesling aus alten Reben, spontan vergoren, im großen Holz ausgebaut. Für das traditionsreiche fränkische Weingut Hans Wirsching war das damals ein kleiner Ausbruch aus der eigenen Ordnung. Andrea hatte an der Saar Erfahrungen mit Spontangärung gesammelt, Lena in Geisenheim studiert und unter anderem beim biodynamisch arbeitenden Alois Lageder in Südtirol gelernt. Zwei Schwestern in Iphofen mit ihrem eigenen Ding. 15 Jahre später bekommt der Name eine zweite Bedeutung. Lena von Gemmingen übernimmt die Geschäftsführung des Familienweinguts. Andrea geht.
Und zwar nicht in Rente. Das wäre mit 62 durchaus eine Möglichkeit gewesen. Andrea Wirsching macht etwas viel Interessanteres: Sie fängt noch einmal an.

Am 1. Oktober übernimmt sie die Geschäftsführung des Karthäuserhofs an der Ruwer. Nicht als Eigentümerin, wie manche Meldung missverständlich gelesen werden könnte. Das Weingut gehört weiterhin Albert Behler, dessen Familie es seit 1811 besitzt. Wein wird dort allerdings erheblich länger gemacht. Kartäusermönche gründeten den Hof 1335. Fast 700 Jahre später kommt nun eine Fränkin und übernimmt die Leitung.

Ganz fremd ist ihr die Gegend nicht. Andrea Wirsching arbeitete bereits ab 1993 am Schloss Saarstein an der Saar, damals an der Seite ihres damaligen Mannes Christian Ebert. Nach der Trennung kehrte sie nach Franken zurück und übernahm schließlich die Geschäftsführung des Familienweinguts Hans Wirsching. Seit 2016 stand sie offiziell an dessen Spitze. Wirsching ist eines der großen Häuser Frankens, Silvaner und Riesling, Julius-Echter-Berg, eine Familiengeschichte, die bis 1630 zurückreicht. Ein Unternehmen, bei dem der Nachname bereits eine Marke ist.

Nun gibt Andrea Wirsching diese Machtposition freiwillig ab. Und wird damit paradoxerweise noch bedeutender. Denn wenn man Bedeutung im Weinbau nicht ausschließlich in Hektar, Flaschen und Punkten misst, sondern auch daran, wer unterschiedliche Weinwelten miteinander verbinden kann, ist Andrea Wirsching mit diesem Wechsel die derzeit bedeutendste Winzerin im deutschen Weinbau. Sie kennt das große fränkische Familienweingut von innen, hat an Saar und Mosel gearbeitet, ist im VDP zuhause, kennt Handel, Politik und Verbände und wechselt nun an die Ruwer in eines der historischen Rieslinggüter Deutschlands. Neu kommt für sie ausgerechnet die Biodynamie hinzu. In Iphofen, sagt sie, sei das bei der Größe des Betriebs schlicht nicht machbar gewesen – nachhaltig gearbeitet wird dort selbstredend schon. Beim Karthäuserhof mit seinen 24 Hektar sieht sie andere Möglichkeiten.
Und dort wartet Mathieu Kauffmann. Das macht die Sache endgültig interessant.

Der gebürtige Elsässer ist einer jener Önologen, deren Lebenslauf sich ein wenig liest, als hätte jemand beim Wein-Monopoly nur die teuren Straßen gekauft. Kauffmann begann mit Schaumwein im Elsass, kam 2000 zu Champagne Bollinger nach Aÿ und blieb bis 2013. Als Chef de Cave prägte er dort über Jahre einen Stil mit, der Bollinger unverwechselbar machte. Danach wechselte er zum Reichsrat von Buhl nach Deidesheim, wo er von 2013 bis 2019 Kellermeister und Technischer Direktor war und vor allem dem deutschen Rieslingsekt zeigte, dass er sich vor großer Champagne nicht verstecken muss. 2019 wurde er sowohl von Falstaff als auch vom Gault & Millau zum Winzer des Jahres gewählt.

Sein großes Thema war und ist Holz. Aber nicht jene Sorte Holzeinsatz, die einen Wein anschließend nach Tischlerei schmecken lässt. Bollinger besitzt heute rund 4.000 alte Fässer und damit einen der größten Fassparks der Champagne. Neue Barriques sind dort ausdrücklich unerwünscht. Die gebrauchten Fässer lassen Sauerstoff in winzigen Mengen an den Wein, ohne ihm vordergründigen Holzgeschmack aufzudrücken. Große Jahrgangschampagner werden bei Bollinger im Holz vergoren; auch ein Teil der Special Cuvée und die Reserveweine durchlaufen diese alte, komplizierte Welt aus Fässern, Magnums, Hefen und Zeit. Kauffmann verkostete während seiner Bollinger-Jahre Tausende einzelne Fasspartien, um daraus Jahrgang, Reserve und Non-Vintage zu komponieren.
Er gehörte zu jener Generation von Kellermeistern, die der Champagnerwelt wieder in Erinnerung rief, dass Holz nicht automatisch Toastinggeschmack bedeutet. Richtig eingesetzt, ist es ein Instrument der kontrollierten Oxidation, der Textur und der Reifefähigkeit. Kauffmann formulierte es einfacher: Das Holz lässt den Most atmen. Unter seiner Ägide wurden bei Bollinger die Jahrgangscuvées vollständig im Holz vergoren. Wer verstehen will, warum heute wieder so viele ambitionierte Champagnerhäuser mit Fässern arbeiten, sollte sich diese Epoche ansehen.

Danach brachte Kauffmann dieses Denken nach Deutschland. Ich habe ihn 2014 bei Reichsrat von Buhl besucht, als dort der ziemlich unbescheidene Plan ausgegeben wurde, den besten Rieslingsekt Deutschlands zu machen. Das klang damals sehr nach Marketing. Wenige Jahre später klang es deutlich weniger danach. Kauffmann behandelte Rieslingsekt nicht als Nebenprodukt eines Weinguts, sondern mit derselben Ernsthaftigkeit, die er aus Aÿ kannte.
Jetzt ist er Önologischer Direktor des Karthäuserhofs. Und das Interessante an der neuen Personalie ist, dass Andrea Wirsching nicht gekommen ist, um ihm zu erklären, wie er Wein machen soll. Die Rollen sind klar verteilt. Kauffmann verantwortet Weinphilosophie und Stilistik, Dominik Völk Weinbau, Produktion und operativen Betrieb, Wirsching übernimmt die Gesamtleitung. Drei Menschen mit ziemlich ausgeprägten Persönlichkeiten müssen also etwas tun, was im deutschen Spitzenweinbau keineswegs selbstverständlich ist: zusammenarbeiten.

Dazu kommt ein Weingut, das selbst gerade aus einem langen Schlaf aufzuwachen scheint (leider noch nicht in Sachen Social Media). Der Karthäuserhofberg gehört zu den historischen großen Rieslinglagen Deutschlands. Eigentümer Albert Behler investiert in die behutsame Erneuerung des Hauses und eine neue Vinothek. Gemeinsam mit Kauffmann hat er inzwischen sogar einen Karthäuserhof Brut entwickelt. Das Gut will nicht Museum sein. Es will wieder mehr in die Gegenwart – die keine leichte ist.
Und genau deshalb ist Andrea Wirschings Entscheidung so begeisternd. Karrieren im Weinbau werden normalerweise wie Rebstöcke erzählt: Man wird irgendwo gepflanzt und bleibt dort. Besonders in deutschen Familienweingütern gilt Herkunft schnell als Schicksal. Die nächste Generation übernimmt, die vorherige zieht sich irgendwann zurück, Familienfotos werden neu sortiert.
Andrea Wirsching macht es anders. Sie übergibt an Lena und zieht weiter.

Damit schließt sich auch die kleine Geschichte von Sister.Act. 2011 wollten zwei Schwestern gemeinsam ausprobieren, was außerhalb der gewohnten Wirsching-Welt möglich war. 2026 machen sie es im größeren Maßstab. Lena übernimmt Iphofen. Andrea übernimmt an der Ruwer Verantwortung für ein Weingut mit fast sieben Jahrhunderten Geschichte. Und trifft dort auf einen Elsässer, der Bollinger geprägt, deutschen Rieslingsekt verändert und offensichtlich noch immer keine Lust auf Ruhestand hat.

Das ist kein Generationenwechsel. Das ist ein Sister Act Fact.

Über Andrea Wirsching, ihren Abschied aus Iphofen und ihren Neubeginn am Karthäuserhof folgt demnächst auch eine Interview-Kolumne in der WELT am SONNTAG.