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TAG der deutschen WEINHEIT

Der Osten war rot. Der Osten ist tot? Keineswegs. Unser Veroneser Autor Claude Auguste hat zum Tag der deutschen Einheit einen Long-Read zum Weinbau in der ehemaligen DDR geschrieben. Über die Geschichte. Und was es nicht nur für die Besserwessis zu entdecken gibt.

Morgen ist wieder Tag der Deutschen Einheit. Wir werden Bilder vom Brandenburger Tor sehen, Politiker werden über das erfolgreiche Zusammenwachsen der letzten Jahre sprechen (und über die AfD, die dem widerspricht), und spätestens am Abend wird jemand feststellen, dass Ost und West auch 36 Jahre nach der Wiedervereinigung noch nicht überall dasselbe Land geworden sind – so gar nicht sogar. Beim Wein kann man sich diese Rede erst recht sparen. Da ist die Sache ziemlich eindeutig: Deutschland ist nicht zusammengewachsen.

Versuchen Sie einmal, in einem guten Restaurant in Köln, Düsseldorf, Frankfurt oder Stuttgart einen Wein aus Sachsen oder Saale-Unstrut zu bestellen. Nicht unmöglich. Aber ungefähr so selbstverständlich wie ein guter Trollinger in einer schwäbischen Besenwirtschaft (Ok: zugegeben sehr polemisch). Auf den Karten stehen Rheingau, Mosel, Pfalz, Rheinhessen, Baden, Franken, manchmal Österreich, Italien und dazwischen die halbe Welt. Meißen? Freyburg? Naumburg? Eher selten. Dabei ist ostdeutscher Wein keine Erfindung der Wiedervereinigung. An Saale und Unstrut ist Weinbau seit dem Mittelalter dokumentiert, Sachsen kann auf mehr als 800 Jahre zurückblicken. Meißen gilt als Wiege des sächsischen Weinbaus; im 17. Jahrhundert standen dort und entlang der Elbe Tausende Hektar Reben. An Saale und Unstrut waren es im frühen 16. Jahrhundert sogar ungefähr 10.000 Hektar. Das sind keine nach 1990 erfundenen Weinregionen, denen man aus strukturpolitischer Höflichkeit ein paar Rebstöcke hingestellt hat. Sie waren Weinland, lange bevor Deutschland wusste, dass es einmal eine DDR geben würde.

Und doch behandelt der Westen diese Weine bis heute ein wenig wie Besuch aus einer anderen Republik. Die große Ausnahme heißt Rotkäppchen. Die Sektkellerei in Freyburg ist wahrscheinlich die erfolgreichste Geschichte einer ostdeutschen Weinkellerei nach der Wiedervereinigung. 1856 gegründet, wurde sie in der DDR als Volkseigener Betrieb zum größten Sekthersteller des Landes. Nach 1990 brach der Absatz zunächst ein, die Belegschaft schrumpfte dramatisch, 1993 folgte ein Management-Buy-out. Danach geschah etwas, das nicht recht in die übliche Nachwende-Erzählung passte: Der Osten kaufte den Westen. Aus Rotkäppchen wurde Rotkäppchen-Mumm, heute Deutschlands Marktführer bei Sekt. Natürlich ist Rotkäppchen deshalb noch lange kein Saale-Unstrut-Sekt im engeren Sinn. Ein Konzern dieser Größe arbeitet mit Weinen weit über die Region hinaus. Nur spezielle Abfüllungen greifen ausdrücklich auf Trauben aus Saale-Unstrut zurück. Man muss deshalb aber auch nicht die Nase rümpfen: Rotkäppchen produziert zugänglichen Massensekt, und offenbar wollen ziemlich viele Menschen genau den trinken. Weinintellektuelle neigen gelegentlich zu der Vorstellung, Popularität sei bereits ein Qualitätsfehler. Das ist Unsinn. Rotkäppchen ist kein Winzerchampagner und behauptet auch nicht, einer zu sein. Es ist eine industrielle Erfolgsgeschichte aus Freyburg. Und eine der wenigen ostdeutschen Marken, bei denen nach der Einheit nicht der Westen den Osten geschluckt hat, sondern irgendwann umgekehrt.

Beim eigentlichen Wein verlief die Geschichte komplizierter. Saale-Unstrut hat heute knapp 900 Hektar Rebfläche. Es ist klein, trocken und ziemlich weit im Norden. Wenig Niederschlag, Winter- und Spätfrost: Weinbau war hier lange Arbeit an der klimatischen Grenze. Die geschützten Flusstäler bilden Wärmeinseln, Muschelkalk und Buntsandstein prägen viele Lagen. Das Ergebnis sind häufig keine fetten Weine, sondern helle, präzise, säurebetonte Gewächse. Nach 1990 mussten die Winzer dort nicht nur Betriebe umbauen. Sie mussten eine Identität zurückgewinnen. Private Selbständigkeit war in der DDR schwierig, Weinbau stark von staatlichen und genossenschaftlichen Strukturen geprägt. Dass bereits 1996 mit Lützkendorf aus Bad Kösen ein Betrieb aus Saale-Unstrut und Schloss Proschwitz aus Sachsen dem VDP beitraten, war deshalb mehr als ein Verbandsbeitritt. Es war die Ansage: Wir wollen nicht als folkloristische Ostweine behandelt werden, sondern im deutschen Spitzenweinbau mitspielen.

Sachsen wiederum besitzt heute gerade einmal gut 500 Hektar. Die Weinberge ziehen sich an der Elbe um Dresden, Radebeul und Meißen entlang. Wer dort einmal durch die Terrassen gegangen ist, versteht sofort, warum diese Landschaft mit Rheinhessen wenig zu tun hat. Es ist ein Weinbau aus Mauern, kleinen Parzellen, steilen Terrassen und nördlichem Licht. Riesling hat inzwischen wieder die größte Rebfläche, daneben stehen Müller-Thurgau, Weißburgunder, Traminer, Spätburgunder und eine erstaunliche Zahl anderer Sorten. Liegt genau darin das Missverständnis? Der Westen betrachtet diese Regionen noch immer gerne als verspätete Varianten seiner selbst. Sachsen soll dann ein kleiner Rheingau sein, Saale-Unstrut eine nördliche Mosel. Aber warum eigentlich? Der interessanteste ostdeutsche Weinbau beginnt dort, wo er aufhört, westdeutschen Wein nachspielen zu wollen.

Und dafür muss man inzwischen sogar Sachsen und Saale-Unstrut verlassen. Brandenburg war einmal Weinland. Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert standen Reben entlang von Oder und Neiße, im Havelland, um Cottbus und im Fläming. Danach verschwanden sie weitgehend. Heute kommen sie zurück. In Pillgram, nicht weit von Frankfurt an der Oder, betreibt die Familie Patke ein richtiges Weingut. Die Trauben wachsen auf eigenen Flächen, gelesen wird von Hand, die Weine dürfen sich offiziell Brandenburger Landwein nennen. Das klingt für westdeutsche Ohren noch immer ein bisschen wie Ananas aus Mecklenburg. Genau das ist das Problem. Noch schöner wird es in Neuzelle. Dort hatten bereits Zisterzienser Weinbau betrieben. Im 18. Jahrhundert ließ Abt Martinus auf der „Scheibe“ Reben aus Burgund pflanzen. Bis 1840 wurde Wein erzeugt, dann war rund 160 Jahre Schluss. 2002 begannen die Neuzeller Kloster-Winzer, den Weinberg wiederzubeleben. Heute wächst innerhalb der barocken Klosteranlage wieder Wein. Kein großes Business, sondern Kulturarbeit mit Rebschere.

Und dann ist da Wolkenberg in der Lausitz. Eigentlich dürfte es diesen Weinberg gar nicht geben. Das Dorf Wolkenberg wurde für den Braunkohletagebau Welzow-Süd abgerissen. Nach der Auskohlung entstand aus Millionen Kubikmetern Erde ein neuer Süd- bis Südwesthang. Zuvor hatte man gemeinsam mit Wissenschaftlern getestet, welche Reben mit dem Lausitzer Kontinentalklima und den rekultivierten Böden zurechtkommen. Heute wachsen dort unter anderem Weiß- und Grauburgunder, Roter Riesling, Schönburger, Rondo und Cabernet Dorsa. Ein Weinberg auf einem ehemaligen Braunkohletagebau: Mehr deutsche Geschichte bekommt man schwer in eine Flasche.

Und anzunehmend liegt darin inzwischen sogar der intellektuelle Vorteil des Ostens. Der westdeutsche Weinbau besitzt eine gewaltige Tradition. Mosel, Rheingau, Pfalz, Baden, Franken: berühmte Lagen, Klassifikationen, Familiengeschichten, Erbschaften, Regeln und ein ziemlich genaues Bild davon, wie großer deutscher Wein auszusehen hat. Das ist ein Schatz. Es kann aber auch Gewicht sein. Im Osten wurde viel davon durch Krieg, DDR, Enteignung, Kollektivierung und schließlich die radikale ökonomische Transformation nach 1990 unterbrochen. Das war historisch kein Vorteil und sollte nicht romantisiert werden. Aber der heutige Weinbau hat dadurch an manchen Orten weniger Ehrfurcht vor dem Satz: Das haben wir immer so gemacht. Dazu kommt das Klima. Was früher ein Nachteil war, verschiebt sich. Die nördliche Lage garantiert keineswegs eine rosige Zukunft – Trockenheit, Spätfrost und Wetterextreme bleiben erhebliche Risiken. Aber wärmere Vegetationsperioden machen Orte für Qualitätswein interessant, über die westdeutsche Winzer vor wenigen Jahrzehnten noch gelächelt hätten. Brandenburg ist dafür das radikalste Beispiel.

Eventuell wird die deutsche Weinlandkarte deshalb gerade noch einmal neu gezeichnet. Nicht entlang der alten Grenze, sondern quer dazu. Das Merkwürdige ist nur: Viele Weintrinker im Westen haben es noch nicht bemerkt. Morgen feiern die Deutschen 36 Jahre deutsche Einheit. Politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich wird wieder darüber gestritten werden, wie viel Einheit tatsächlich entstanden ist. Beim Wein ist die Antwort einfacher. Der Westen trinkt weiterhin überwiegend Westen. Der Osten produziert längst Weine, die im Westen kaum jemand kennt. Aber im Osten trinkt sie sie. Und das gerne. Und auch mit einem gewissen Stolz.