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Tatort ÖRR: Ein Stück TV, wie es heute nicht mehr möglich ist – mit Wein als Alltag

(Manfred Klimek, SWR-Screenshot) Es war einmal im „Tatort“. Stuttgart, 2009. Ein deutscher Sonntagabend, wie er ritualisierter kaum sein kann. Millionen schauen zu, wenn sich die Kriminalbeamten durchs Drehbuch stolpern, mal mehr, mal weniger originell. Aber dieser eine „Tatort“ hatte eine Pointe, die heute, 16 Jahre später, fast wie Science-Fiction wirkt: Es wurde getrunken. Viel Bier. Read the full article…

(Manfred Klimek, SWR-Screenshot)

Es war einmal im „Tatort“. Stuttgart, 2009. Ein deutscher Sonntagabend, wie er ritualisierter kaum sein kann. Millionen schauen zu, wenn sich die Kriminalbeamten durchs Drehbuch stolpern, mal mehr, mal weniger originell. Aber dieser eine „Tatort“ hatte eine Pointe, die heute, 16 Jahre später, fast wie Science-Fiction wirkt: Es wurde getrunken. Viel Bier. Noch mehr Wein. Und am Ende steht Kommissar Bootz, ein junger Ermittler mit ernstem Blick und fransiger Frisur, da und glänzt mit einer eleganten aber bodenständigen (von mir so gesehenen) Riedel-Rotweinkaraffe. Nicht irgendein Glas, kein Supermarkt-Dekanter, sondern ein Stück Glaskultur, das im Drehbuch nicht zufällig platziert wurde, sondern wie ein Statement wirkt: Wein gehört dazu.

Heute? Undenkbar. Kein Drehbuchautor würde es wagen, eine Kommissarin nach Feierabend noch ein Glas Riesling in die Hand drücken zu lassen. Keine Karaffe, kein Pinot, kein stilles Sitzen mit einem großen Wein. Die neue Schere im Kopf heißt WHO. Auf Basis von Studien, die kaum einer liest, die keiner mehr richtig prüft, und die trotzdem mit apodiktischer Wucht über allen Debatten schweben, wird Wein pauschal als „brandgefährlich“ etikettiert. Wein, der einst das Symbol europäischer Ess- und Trinkkultur war, wird in dieselbe Ecke gestellt wie Wodka aus dem Plastikbecher oder Alkopops am Bahnhof.

Das Ergebnis: Drehbuchschreiber knicken ein. Produzenten nehmen jede Szene raus, die auch nur den Verdacht erwecken könnte, man zeige Weingenuss. Und die Verbände? Schweigen. Winzerverbände, Weinbauverbände, Institutionen, die eigentlich dazu da wären, das Kulturgut Wein zu verteidigen, haben es in den letzten zwanzig Jahren sträflich verpasst, Wein bedroht zu sehen und im kulturellen Mainstream zu verankern. Sie reden gerne unter sich, in Fachzeitschriften, auf Messen, in den eigenen Hochglanzbroschüren. Aber wenn es darum geht, die Normalität des Weins sichtbar zu machen – im Fernsehen, in Romanen, in Serien, in den Alltagsbildern unserer Gesellschaft – herrscht Leere.

So ist ein Vakuum entstanden, das andere füllen. Die No-Wine-Kamarilla, jene neue Allianz aus WHO-Beschlüssen, staatlichen Warnappellen und einem hypermoralischen Zeitgeist, der in jedem Glas Wein ein lebensbedrohliches Risiko wittert, hat die Deutungshoheit übernommen. Wein erscheint nur noch als Gefahr, als Problem, als etwas, das man „bewältigen“ muss. Kein Wunder, dass die Drehbücher weichgespült werden: Statt Riedel-Karaffe im „Tatort“ sehen wir jetzt Leitungswasser im Mehrwegbecher. Willkommen in der neuen Ästhetik der Unbedenklichkeit.

Doch Kultur lebt nicht von Verboten. Sie lebt von Bildern, die sich ins kollektive Gedächtnis einprägen. Wein in einem „Tatort“ war nie Werbung – er war Realität. Er war das, was man in einem Land mit 13 Weinanbaugebieten als normal voraussetzen darf: dass nach Feierabend ein Glas eingeschenkt wird, dass Karaffen glänzen, dass Essen und Trinken zusammengehören. Das hat nichts mit Exzess, nichts mit Missbrauch zu tun. Es hat mit Zivilisation zu tun.

Die entscheidende Frage ist also: Wann haben die Verbände aufgehört, diesen Diskurs zu führen? Wann hat man beschlossen, sich in die Nische der Fachkommunikation zurückzuziehen und die Bühne der großen Erzählungen kampflos anderen zu überlassen? Und warum fällt es niemandem auf, dass genau dadurch ein Stück europäischer Alltagskultur ausradiert wird?

Es reicht nicht, im eigenen Saft zu schmoren. Es reicht nicht, auf Fachmessen zu glänzen. Wenn Wein eine Zukunft haben soll, muss er auch in den allgemeinen Medien präsent sein. In Serien, in Filmen, in Romanen. Als das, was er immer war: ein Teil unserer Lebenswelt. Ein Symbol für Genuss, für Gespräch, für eine andere Zeitlichkeit als die des ständigen Alarmismus.

Der Aufruf ist simpel: Verbände, wacht auf. Überlasst das Feld nicht länger der WHO und den Angstverwaltern. Sorgt dafür, dass der Wein wieder Bilder bekommt, die ihn tragen. Dass er wieder Karaffen im „Tatort“ hat, Gläser in Fernsehserien, Präsenz in den Geschichten, die Millionen erreichen. Sonst bleibt am Ende nur die museale Pose, die Selbstbespiegelung der Szene – und die stille Verdrängung durch eine Kultur, die den Unterschied zwischen einem Glas Wein und einem Liter Wodka nicht mehr sehen will.

Wein ist ein Kulturgut, das man auch verteidigen muss – im Fernsehen, im Kino, in den Medien. Sonst wird er verschwinden, leise, aber gründlich. Und wenn wir dann in zwanzig Jahren 46 Jahre alte „Tatort“-Folgen sehen, werden wir uns fragen: War das wirklich möglich, dass die Kommissare Wein tranken? Ja, es war möglich. Aber nur, solange Wein noch selbstverständlich war.