(Claude Auguste / Pic: Massa)
Im Piemont gibt es ausreichend berühmten Wein und berühmte Rebsorten: Barolo, Barbaresco, Nebbiolo – große Namen, große Preise, große wie kleine Keller und eine internationale Kundschaft, die über Jahrzehnte gelernt hat, dass aus dieser Gegend einige der bedeutendsten Rotweine Europas kommen. Genau dort passiert gerade etwas, das für die Zukunft des Weinbaus erheblich interessanter sein könnte als die nächste Hundert-Punkte-Flasche: Eine weiße Rebsorte, die beinahe ausgestorben war, wird plötzlich gepflanzt, gekauft, teuer verkauft und von Winzern entdeckt, deren Geschäft bisher vor allem mit großen Rotweinen funktionierte.
Sie heißt Timorasso.
Vor vierzig Jahren gab es davon keine einzige kommerzielle Abfüllung. Heute stehen im Piemont mehr als 500 Hektar, 117 Produzenten erzeugen Timorasso, Spitzenweine kosten mehr als 80 Euro, weitere Flächen kommen gerade in Ertrag und für 2027 werden bereits rund zwei Millionen Flaschen erwartet. Das ist für sich genommen noch keine Revolution des Weinmarktes. Interessant wird die Geschichte erst, wenn man sich ansieht, woher diese Sorte kommt und wer inzwischen in sie investiert.
Timorasso war bereits im 14. Jahrhundert im Piemont verbreitet, Leonardo da Vinci soll ihn 1469 bei der Hochzeit Isabella von Aragons ausgeschenkt haben, zeitweise standen rund 2000 Hektar der Sorte in der Region. Dann kamen Reblaus und Ökonomie. Timorasso ist schwierig im Weinberg, arbeitsintensiv, bringt unberechenbare Erträge und war nach der Reblauskatastrophe schlicht zu mühsam, um ihn wieder in größerem Stil anzupflanzen. Selbst die 1973 geschaffene DOC Colli Tortonesi erwähnte ihn zunächst mal gar nicht.
Dass wir heute überhaupt über Timorasso reden, liegt wesentlich an Walter Massa. Ende der achtziger Jahre besaß er noch rund 400 verstreute Rebstöcke und füllte 1987 erstmals einen Wein daraus ab. Der überzeugte zunächst nicht. Einige Jahre Flaschenreife veränderten ihn jedoch derart, dass Massa begann, alte Bestände zu suchen, Rebmaterial zu sammeln und Nachbarn zur Neuanpflanzung zu überreden. Das war kein romantisches Hobby. Timorasso bedeutete etwa dreimal so viel Arbeit für einen Bruchteil des Ertrags anderer Sorten. Ohne entsprechend hohe Preise war die Rechnung nicht darstellbar. 2003 waren gerade einmal 60 Hektar erreicht. Dann stagnierte die Entwicklung.
Heute sieht die Sache anders aus, und genau hier wird Timorasso für die gesamte europäische Weinwelt interessant. Denn inzwischen kamen Produzenten aus dem Barolo-Geschäft. Roagna erzeugt Timorasso, Borgogno ebenfalls, Vietti, Pio Cesare, La Spinetta und Viberti sind dabei. Mit ihnen kamen Kapital, internationale Distribution und jene Kundschaft, die bereit ist, für einen Weißwein aus einer bis vor kurzem fast unbekannten Sorte erhebliches Geld auszugeben. Der Name Derthona, die lateinische Bezeichnung für Tortona, wurde zum gemeinsamen Begriff für die ambitionierten Weine aus Timorasso. Eine alte Sorte bekam eine neue wirtschaftliche Existenz.
Das sollte man sich gerade jetzt genauer ansehen.
Wir haben in den vergangenen Tagen auf WINEPARTY anonyme Handelszahlen veröffentlicht, nach denen Rotwein im ersten Halbjahr 2026 bei einem großen Onlinehändler um 46 Prozent eingebrochen sein soll. Wir können diese Zahlen weiterhin nicht unabhängig verifizieren – Rückmeldungen blieben unbeantwortet. Dass Rotwein im Handel Probleme hat, bestreitet allerdings kaum noch jemand. Die großen Rotweinregionen Europas werden deshalb früher oder später darüber nachdenken müssen, womit sie künftig zusätzlich Geld verdienen.
Italien liefert eine mögliche Antwort: mit Weißwein. Und zwar ausgerechnet mit alten, regionalen Sorten.
Denn die neue Generation von Weintrinkern scheint keineswegs nur nach neuen Produkten zu suchen. Sie sucht auch nach Herkunft, seltenen Rebsorten und Geschichten, die nicht erst gestern in einer Marketingagentur und deren KI erfunden wurden. Timorasso besitzt davon reichlich. Dazu kommt ein Geschmacksbild, das erstaunlich gut in die Gegenwart passt. Junge Derthona können salzig, straff, floral oder von Steinobst geprägt sein, manche zunächst ausgesprochen reduktiv. Nach einigen Jahren entwickeln sie Heu, Haselnuss, Akazie, Bienenwachs, Ingwer, Fenchel und Kurkuma. Die Sorte besitzt Substanz und erhebliches Alterungspotenzial. Das ist Weißwein für Menschen, die Wein entdecken wollen und trotzdem nicht auf Tiefe verzichten möchten.
Darin könnte weit mehr stecken als eine piemontesische Erfolgsgeschichte. Europas berühmte Rotweinregionen sitzen auf einem kulturellen Schatz, den sie teilweise selbst vergessen haben. Alte weiße Rebsorten wurden gerodet, aufgegeben oder auf winzige Flächen zurückgedrängt, weil sich mit den großen roten Namen jahrzehntelang leichter Geld verdienen ließ. Jetzt verändert sich der Markt, und plötzlich können gerade diese vergessenen Sorten wieder interessant werden.
Das bedeutet nicht, dass morgen in Barolo Nebbiolo gerodet werden soll, um Timorasso zu pflanzen. Aber es bedeutet, dass eine Weinregion wirtschaftlich ziemlich unklug handelt, wenn sie ihre Zukunft ausschließlich an eine Weinkategorie bindet, deren Absatz gerade erheblich unter Druck steht. Weißwein wächst, leichteres Trinken wächst, Neugier auf autochthone Sorten wächst. Und ein Wein, der eine jahrhundertealte Geschichte mitbringt, muss seine Herkunft nicht erst erfinden.
Junge Weintrinker müssen nicht mit immer neuen Fantasiecuvées, bunten Etiketten und künstlich erfundenen Kategorien abgeholt werden. Man kann ihnen auch eine Rebsorte geben, die Leonardo da Vinci kannte, hundert Jahre beinahe vergessen war und heute wieder hervorragende Weine hervorbringt. Man kann ihnen erzählen, warum Menschen wie Walter Massa jahrzehntelang daran festhielten, obwohl zunächst kaum Geld damit zu verdienen war. Und man kann ihnen einen Wein einschenken, der anschließend selbst erledigt, was noch zu erledigen ist.
