(Leo Quarda / pic: Manfred Klimek)
Immer wenn es die Zeit erlaubt, manchmal auch ganz einfach, wenn mich in Wien alles ärgert, setze ich mich ins Flugzeug und fliege nach Zypern. Freunde treffen, auf der Terrasse sitzen, ein paar Tage anders leben, und im Gepäck befinden sich fast immer einige Flaschen Wein. Nicht, dass es auf der Insel zu wenig guten Wein gäbe, ganz im Gegenteil, aber der heimische Keller muss schließlich auch gelegentlich entlastet werden, und gemeinsam getrunkene Flaschen reisen ohnehin sinnvoller als allein im Regal stehende.
Diesmal war ein Wein dabei, zu dem ich eine längere und keineswegs immer harmonische Beziehung habe. Er führt mich zurück in die späten siebziger Jahre, als der Stoff für die Party noch an der Tankstelle gekauft wurde, in der Disco Italo-Hits liefen und wir uns für einige Stunden ein italienisches Lebensgefühl zusammenbastelten, zu dem zwingend eine Flasche Lambrusco gehörte. Süß war er meistens, billig fast immer, und von Rebsorten, Herkunft oder Qualität wollten wir damals wenig wissen. Lambrusco gehörte zu den ersten Abenden mit Mädchen, zum Lippenstift am Glas, zum Tanzen, Schmusen und irgendwann zum mehr oder weniger geordneten Heimweg zu Fuß oder mit der letzten Straßenbahn. Es war eine Zeit, in der niemand den Wein analysierte, solange noch genug davon da war.
Der Ruf, den sich Lambrusco in diesen Jahrzehnten erwarb, hielt erstaunlich lange. Billiger, süßer, industriell erzeugter roter Schaumwein überschwemmte die Exportmärkte und beschädigte den Namen einer ganzen Weinkultur, obwohl in der Emilia längst auch ganz andere Lambruschi erzeugt wurden. Ich selbst hatte die Kategorie irgendwann vollständig abgehakt, bis mir 2014 wieder einer ins Glas kam. Das Misstrauen war beträchtlich, die Wirkung dafür umso unmittelbarer. Seitdem gehört L’Acino von Corte Manzini regelmäßig in meinen Keller.
An diesem Abend auf Zypern interessierte mich deshalb weniger meine eigene Reaktion als jene meiner Freunde. Ich schenkte den Wein blind ein, sagte nichts und wartete. Zuerst wurde gerochen, dann gekostet, noch einmal gerochen und wieder gekostet, irgendwann standen die ersten breiten Grinser in den Gesichtern. „Was zum Henker ist das?“ war ungefähr der gemeinsame Nenner. Die Flasche hielt nicht lange.
L’Acino wird aus Lambrusco Grasparossa gekeltert, einer autochthonen Sorte aus der großen Lambrusco-Familie, die vor allem rund um Castelvetro südlich von Modena zu Hause ist. Schon die Traube besitzt eine kleine botanische Eigenheit: Kurz vor der Lese verfärben sich Stielgerüst und Stiele rötlich, woraus sich der Name Grasparossa ableitet. Die Sorte bringt dunkle, körperreiche, würzige Lambruschi hervor, besitzt ordentlich Tannin und ergibt jene fast schwarzviolette Farbe, die im Glas zunächst gar nicht nach einem unkomplizierten Frizzante aussieht. Bei Corte Manzini kommen für den L’Acino unter anderem Trauben von rund siebzig Jahre alten Rebstöcken zum Einsatz; ausgebaut wird im Edelstahl, die zweite Gärung erfolgt nach der Charmat- beziehungsweise Martinotti-Methode. Das Ergebnis trägt 11,5 Prozent Alkohol und wird trocken abgefüllt.
Castelvetro liegt in einer Gegend, in der man ohnehin ziemlich genau weiß, warum Lambrusco so schmecken soll. Modena und Parma sind kulinarisch nahe, Parmigiano Reggiano, Prosciutto, Mortadella und die üppige Küche der Emilia verlangen nach einem Wein mit Frische, Kohlensäure, Frucht und einer gewissen herben Struktur. Lambrusco war hier nie Partygesöff, sondern Teil einer regionalen Esskultur, und die Renaissance der trockenen, handwerklich ernst genommenen Versionen hat in den vergangenen Jahren vor allem außerhalb Italiens wieder sichtbar gemacht, was zwischen all den süßen Exportflaschen beinahe verloren gegangen war.
Der L’Acino duftet nach Himbeeren, Kirschen und dunklen Beeren, dazu kommen Würze, eine herbe Frische und diese milde Perlage, die den Wein mit erstaunlichem Tempo über die Zunge trägt. Er ist trocken, saftig, dunkel, fruchtbetont und besitzt genug Struktur, um nicht nach dem zweiten Glas langweilig zu werden. Vor allem aber macht er ungeheuer viel Freude. Gut gekühlt auf einer Wiese, einer Terrasse oder sonstwo getrunken braucht er weder Andacht noch große Gläser und schon gar keine lange Erklärung. Er will geschluckt werden, und genau das geschah an diesem Abend auf Zypern mit bemerkenswerter Konsequenz.
Am Ende war die einzige Kritik meiner Freunde, dass ich nur eine Flasche mitgebracht hatte. Danach kam die unvermeidliche Frage, wo man das Zeug kaufen könne, und ich nahm mir noch am selben Abend vor, wieder eine Kiste zu bestellen. Denn die nächste Reise auf die Insel kommt bestimmt, der nächste Terrassenabend ebenfalls, und diesmal werde ich einen Fehler nicht wiederholen.
Eine Flasche L’Acino ist eindeutig zu wenig.
Bezugsquelle:
K&U – Die Weinhalle
Gebr. Kössler & Ulbricht GmbH & Co. KG
Nordostpark 78
90411 Nürnberg
