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Urlaubsweine reloaded. Retsina: eine späte Versöhnung

(Gerhard Ziegler / pic: historisches Archiv) Terrassenabend in Larnaca. Leo schenkt etwas Rotes ein, der Wein schäumt leicht, riecht sauber, frisch und ziemlich verführerisch, ich tippe auf Italien und liege damit immerhin nicht völlig falsch, mit allem Weiteren allerdings schon. Nach einigen Fehlversuchen grinst Leo und löst auf: Lambrusco. Das irritiert mich mehr, als es Read the full article…

(Gerhard Ziegler / pic: historisches Archiv)

Terrassenabend in Larnaca. Leo schenkt etwas Rotes ein, der Wein schäumt leicht, riecht sauber, frisch und ziemlich verführerisch, ich tippe auf Italien und liege damit immerhin nicht völlig falsch, mit allem Weiteren allerdings schon. Nach einigen Fehlversuchen grinst Leo und löst auf: Lambrusco. Das irritiert mich mehr, als es sollte, denn mit diesem Namen hatte ich bis dahin hauptsächlich süße Jugendabende, Lippenstift, erste Verliebtheiten und den leicht schwankenden Heimweg zur letzten Straßenbahn verbunden. Solche Erinnerungen sitzen tief, auch beim Wein, und manchmal verhindern sie jahrzehntelang, dass wir noch einmal genauer hinschauen. Beim Lambrusco war das so. Beim Retsina noch viel stärker.

Anfang der neunziger Jahre, vermutlich 1991, flog ich nach der Schule mit Freunden nach Griechenland, einer meiner ersten Flüge überhaupt, danach Athen und weiter mit einem Tragflügelboot, dessen Lackierung schon damals einen erheblichen Anteil an seiner gefühlten Stabilität hatte nach Poros. Wir waren um die zwanzig, einige jünger, hatten wenig Geld, wohnten einfach, lernten easy US-Girls kennen und fanden eine Taverne, die wir uns jeden Abend leisten konnten. Sie hieß Papas Stamatis, und der Wirt trug Essen, redete, lachte, schimpfte, schenkte nach und schien dauerhaft gute Laune zu haben. Das Problem stand in der Karaffe. Sein Hauswein war Retsina, preislich genau dort angesiedelt, wo wir ihn brauchten, geschmacklich allerdings in einer Gegend, die ich bis heute nicht vergessen habe. Das Harz der Aleppo-Kiefer dominierte vollständig, dazu kamen Nagellackentferner, Klebstoff, etwas Traube irgendwo im Hintergrund und eine Wirkung, die zuverlässig bis zum nächsten Vormittag anhielt. Unsere Gespräche auf Englisch wurden davon keineswegs besser, unser Zustand beim Frühstück ebenfalls nicht. Dass wir mehrere Abende hintereinander trotzdem wieder bestellten, erklärt sich nur durch Jugend, Geldmangel und die erstaunliche körperliche Widerstandskraft jener Jahre. Danach war Retsina für mich erledigt. In griechischen Restaurants in Wien bestellte ich österreichischen oder italienischen Wein und ließ die harzige Vergangenheit ruhen.

Mehr als drei Jahrzehnte später sitze ich nach Sonnenuntergang auf der Terrasse des “Vintage” in Nikosia, vor uns die geteilte Stadt, wenige Straßen weiter beginnt der türkisch kontrollierte Norden, und plötzlich steht wieder Retsina im Glas. Diesmal muss nichts überwunden werden. Der Wein riecht nach mediterranen Kräutern, Zitrusschale, etwas Salz, besitzt Frische, Struktur und eine erstaunlich genaue Würze, das Harz bleibt im Hintergrund und gibt dem Wein etwas Eigenes, das nach einigen Schlucken völlig selbstverständlich wird. Der moderne Retsina hat sich technisch und qualitativ enorm verändert. Ambitionierte Produzenten arbeiten mit hochwertigen Trauben, häufig Assyrtiko oder Roditis, das Harz der Aleppo-Kiefer wird während der Gärung nur in kleinen Mengen zugesetzt und anschließend entfernt. Die frühere Dominanz verschwindet, übrig bleiben Würze, Frische und jene eigenständige Aromatik, die diese Weine sofort erkennbar macht. Aus einem Getränk, das für viele Reisende jahrzehntelang zum billigen Griechenlandurlaub gehörte, ist bei den besten Produzenten eine ernsthafte Weinkategorie geworden.

Wer das ausprobieren möchte, findet inzwischen genügend Gelegenheit. Ritinitis Nobilis von Gaia wird aus Roditis erzeugt und zeigt, was Präzision mit dieser alten Tradition anfangen kann. Tear of the Pine von Kechris basiert auf Assyrtiko und gehört zu den ambitioniertesten Vertretern der Kategorie, Retsina Amphora Nature von Tetramythos bringt Roditis und Amphorenausbau zusammen, Nimbus Ritinitis von Kamara geht kräuteriger und eigenwilliger zur Sache. Keiner dieser Weine verlangt nostalgische Nachsicht, keiner braucht die Entschuldigung einer langen Tradition. Sie stehen heute aus eigener Kraft im Glas und funktionieren hervorragend zur griechischen Küche, zu Fisch, Gemüse, Kräutern, gegrilltem Fleisch oder einfach spät am Abend auf einer Terrasse in Nikosia. Für mich bleibt dabei ein kleiner Trost: Nicht jeder schlechte Wein unserer Jugend muss schlecht geblieben sein. Manchmal hat sich der Wein weiterentwickelt, während wir längst aufgehört hatten, nach ihm zu fragen. Und manchmal braucht es dreißig Jahre, einen anderen Ort und ein einziges Glas, um eine alte Rechnung endgültig zu begleichen.

Vintage Wine Bar & Bistro
Ermou 285
1017 Nikosia
Zypern