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War rot. Ist tot? Mitnichten. Eine Reise durch den Weinbau des Ostens

(Manfred Klimek) In Osteuropa, so erklärte mir vor mehr als dreißig Jahren der ungarische Schriftsteller Imre Kertész in einem Interview in Budapest, habe der Kommunismus nach 1950 die Weinkultur als bürgerliches Erbe verachtet und den Weinbau geringgeschätzt (es sei denn, er war für Exporteinnahmen gut). Dafür wurde des Weintrinken im kleinen, verbliebenen, bürgerlichen Milieu aufgewertet, Read the full article…

(Manfred Klimek)

In Osteuropa, so erklärte mir vor mehr als dreißig Jahren der ungarische Schriftsteller Imre Kertész in einem Interview in Budapest, habe der Kommunismus nach 1950 die Weinkultur als bürgerliches Erbe verachtet und den Weinbau geringgeschätzt (es sei denn, er war für Exporteinnahmen gut). Dafür wurde des Weintrinken im kleinen, verbliebenen, bürgerlichen Milieu aufgewertet, weil die Weinkultur eines der wenigen Relikte eines Gestern war, in dem Wein für jenes Gesamteuropa stand, dessen westliche Länder für die Einwohner Osteuropas nicht mehr frei zugänglich waren. Dazu kam, so Kertész, dass man im Kommunismus trinken musste, um ihn zu ertragen. Arbeiter und kollektivierte Bauern soffen Hochprozentiges um zu vergessen; die, die sich für Kulturmenschen hielten, trafen sich privat auf eine oder zwei Flaschen Wein, um sich bei gemäßigter Berauschung auszutauschen.

Eines ist klar: der rund vierzig Jahre das gesamte Leben beherrschende Kommunismus hat es nicht geschafft, die Weinkultur Osteuropas kleinzukriegen – trotz maroder Keller, schlechter Hygiene und mit Chemie gequälter Rebstöcke. 35 Jahre nach Fall der sozialistischen Regime lebt die Weinkultur von Warschau bis Sofia, von Prag bis Bukarest – ganz ohne Aufrufe zu alkoholfreien Momenten und Monaten – so vibrierend, wie man sie in unseren Breiten zuletzt vor 20 Jahren erleben durfte. 

Warum wissen wir so wenig über die Weinkultur des Europäischen Ostens? Warum trinken wir nicht viel mehr ungarische Weine – ein Weinland, das noch vor 80 Jahren eines der führenden und weltweit bekannten weinproduzierenden Länder war? Die Antwort ist einfach, hat aber eine für deutsche Ohren überraschende Komponente. Erstens trinken die Ungarn, Slowaken, Tschechen, Rumänen, Polen (ja, auch in Polen gibt es Weinbau), Bulgaren und die Bürger der Balkanländer ihre Weine meistens selber. Zweitens rufen die Winzer dort seit dem Einzug der Marktwirtschaft überraschend hohe Preise für alle Qualitätsweine auf – Preise von oft mindestens 15 Euro pro Gebinde, die auch bezahlt werden. Das bedeutet, es gibt für Qualitätswinzer kaum Anreiz, ihre Weine zu exportieren. Und wenn sie trotzdem exportieren, dann vor allem in andere Länder Osteuropas – weil sie sich dort immer noch als eine Art politische Schicksalsgemeinschaft begreifen.

Beim Streifzug durch die osteuropäischen Weinregionen bleiben wir mal gleich in dem Land, in dem wir begonnen hatten: in Ungarn, wo die ersten Weinreben, so wie fast in ganz Europa, einst von den Römern gepflanzt wurden. Ungarn, kaum größer als Bayern: das ist Puszta, roter Paprika, Fidelgeigen-Melancholie – und Wein. Vor allem Wein. Und das vor allem, weil große, bekannte Weingüter aus Frankreich oder Spanien (Oremus, Vega Sicilia) schon in den frühen 1990er-Jahren die berühmteste Region Ungarns und des Ostens, das Tokaj, mit viel investierten Geld wieder zurück auf Weltweinbühne brachten.

Wo früher sozialistische Planproduktion für gerade mal trinkbare Weine verantwortlich zeichnete, lebt heute eine der aufregendsten Weinszenen Europas. Kein Wunder, dass Ungarn mittlerweile nicht nur Feinschmecker und Wein-Nerds anzieht, sondern auch jene, die hier im Weinbau Fuß fassen wollen: deutsche Aussteiger, italienische Önologen, Wiener Freaks.

Das Tokaj, die Heimat des „weinenden Goldes“, des Tokaj Aszú, jenem mythischen Süßwein, der Zaren, Kaiser und Päpste gleichermaßen faszinierte, hatte dem ausländischen Ansturm zuerst wenig entgegenzusetzen. Bis István Szepsy kam. Der Mann war nicht weniger als der große Reformer des Tokaj. Ein fanatischer Perfektionist, ein radikaler Handwerker. Er hat als erster im breiten Stil trockene Furmint gekeltert: Feuerstein, Salz, Birne, Steinobst, Vibration.

Dann ist da Region Eger, die Region des Egri Bikavér — des „Stierbluts“. Früher ein billiger Tütenwein für sozialistische Studentenartys in Wien und Berlin, heute dank Pionieren wie Attila Gere wieder ein ernstzunehmender Rotwein: kühle Frucht, dunkle Würze, oft eine wilde Mineralik vom vulkanischen Boden. Wer glaubt, Blaufränkisch (hier Kékfrankos genannt) sei alleine eine burgenländische Spezialität, war noch nie in Eger.

Im Süden des Landes, nahe der kroatischen Grenze, liegt Villány. Hier regiert der Rotwein: Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon, Merlot, aber auch Blaufränkisch – saftiger als in Eger, dünkler, aber nie plump. In Villany keltert auch Horst Hummel, ein Rechtsanwalt, ein paar der spannendsten Weine des Landes: die sind rau, kantig, eigensinnig – so wie Berlin, wo Hummel herkommt

Ungarn hat auch ein paar kleinere, nahezu unbekannte Weinregionen, die Rebsortenschätze beheimaten. Etwa der Balaton, der Plattensee – das ungarische Meer. An seinen Ufern wachsen die Reben für die derzeit spannendsten Weißweine des Landes: Olaszrizling, Juhfark, Furmint. Schon brutal pittoresk wachsen Weinreben aber in den romantischen gelegenen Hängen des Vulkankegels von Somló. Ein einziger Hügel inmitten der beginnenden Puszta: Weine so karg wie flüssige Lavasteine: salzig, straff, dann doch auch viel Saft und Kraft – fast schon ungarische Chablis.

Weine in Osteuropa: die sind längst keine Folklore mehr, sondern zu allermeist Weine einer sich ständig selbst aufrufenden Moderne zwischen Edelstahl-Weinindustrie und biodynamischen Naturweinwinzern. Keine museale Trachtenschau mit Uralt-Holzfass und Ziehharmonika in Moll. Nein, was zwischen Prag und dem Schwarzen Meer in die Flasche kommt, zähl längst zur Avantgarde des europäischen Weinbaus. Frei, wild, experimentell – und oft gnadenlos gut.

Fahren wir von Ungarn über die Slowakei nach Südmähren. Diese Region hat sich heimlich, still und leise in eine der spannendsten Weinregionen Mitteleuropas verwandelt. Vor allem um Mikulov (Nikolsburg) entstehen ihn der geographischen Verlängerung des österreichischen Weinviertels Weine, die jedes Naturwein-Hipsterherz höher schlagen lassen: Biodynamik, Orange-Wines, Grüne Veltliner mit brutalem Wildkräuter-Duft und Sauvignon Blanc, die nichts mit dem Marlborough-Populismus neuseeländischer Sauvignons zu tun haben.

Die neue Generation um Winzer wie etwa Milan Nestarec oder Richard Stávek braucht keinen französischen Beipackzettel mehr. Sie macht ihr eigenes Ding – und es schmeckt nach Zukunft.

Noch unbekannter: Die tschechische Weinregion Melnik, keine Autostunde nördlich von Prag. Hier ließ einst Kaiser Karl IV. Pinot Noir anpflanzen – auf kleinteiligen Steillagen, auf Granit und Schiefer. Hier ist es wir im Sächsische Elbtal – nur rebellischer. Winzerin Bettina Lobkowicz beweist, dass die Divatraube Pinot Noir auch im böhmischen Nebel große Auftritte feiern kann.

Zurück in die Slowakei: Wer Wein und Donau sagt, der denkt meistens an Österreich, an die Wachau, Kremstal, Kamptal, Carnuntum. Das ist zu kurz gedacht, denn auf der slowakische Seite der Donau geht der Donauweinbau in die Verlängerung. Rund um Bratislava und Modra wachsen Blaufränkisch (Frankovka), Riesling und Grüner Veltliner auf exzellenten Lagen. Und der Saar-Spitzenwinzer Egon Müller lässt auf seinem Château Bela Rieslinge keltern, die seinen Spitzengewächsen vom Scharzhofberg gleichen – nur mit dem bisschen Donaumonarchie-Pep mehr im Gepäck und zum haben Preis seiner deutschen Kreszenzen.

Ab in den tiefen Osten, ins slowakische Tokaj: der beim Frieden von Trianon den Ungarn verloren gegangene Teil des  Weinbaugebiets. Auf rund 900 Hektar produzieren Winzer wie der visionäre J. J. Ostrožovič große Süßweine – aber auch trockene Furmints, die, so wie im ungarischen Teil des Tokaj, als Alternative zum traditionellen aber immer weniger nachgefragten Süßwein begriffen werden.

Kurz wieder durch Ungarn durch und über die Theiss nach Bulgarien und Rumänien. Lange Zeit, schon im Kommunismus, standen hier Billigweine für die Supermärkte Westeuropas im Vordergrund. Doch diese Zeiten sind teils vorbei.

Vor allem in Rumänien hat sich eine vitale Winzerszene gebildet, die internationale Maßstäbe setzt. Allen voran in Transsilvanien. Weine aus den autochthonen Sorten wie Feteasca Neagra oder Feteasca Alba sind ein Manifest einer neuen rumänischen Wein-Identität, die, sehr spät vor rund 20 Jahren entstand, als unabhängige Winzer den Verband der rumänischen Weinförderung (APVR) gründeten und so mit Qualität und auch teils internationalen Sorten die Vorherrschaft der staatlichen Kellereien verglichen spät beendeten

In Bulgarien stimuliert die alte Balkan-Weinregion Bessa Valley internationale Sommeliers und Weinenthusiasten zu Verkostungs-Besuchen. Weingüter wie Orbelus (Bio-Pioniere) oder Zagreus (experimentelle Vinifikation) sind hier die Vorreiter einer zuletzt leider stockenden Qualitätsentwicklung.

Und dann Polen. Ja, Polen. Längst sind es nicht mehr nur ein paar freakige Rebstöcke bei Krakau oder Zielona Góra: Polen hat verstanden, dass die Klimaerwärmung auch eine Chance darstellt, in Polen gehaltvolle Weine keltern zu können. In Westpolen füllen sie inzwischen Sauvignon Blancs und Rieslinge ab, die wir leicht mit Weißweine aus Saale-Unstrut verwechseln können.

Besonders spannend ist die Region um Szczecin (Stettin) und Gorzów Wielkopolski – keine 150 Kilometer von Berlin entfernt und eigentlich dort, wo man keinen Weinbau mehr vermuten würde.

Der absolute Noch-Geheimtipp hier ist das kleine Weingut Winnica Turnau – familiengeführt, bio-dynamisch und mit einer Cuvée aus Solaris und Johanniter Pionier bei der Arbeit mit schädlingsresistenten Sorten – ohne die sie im Nordosten Europas keine Weine keltern könnten.