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WIE groß muss ein WINZER eigentlich sein, damit WIR aufhören, ihn zu unterschätzen?

Michele Chiarlo wird 70. Genauer gesagt: sein Weingut. Und wer sich ansieht, welche Weinberge diese Familie im Piemont bewirtschaftet, könnte auf eine ziemlich unverschämte Frage kommen: Ist Chiarlo womöglich größer als Gaja?

Landschaften, abfotografiert, bis die Speicherkarte voll ist: Das Piemont. Diese Hügel, die aussehen, als hätte ein italienischer Landschaftsarchitekt mit grünem Samt und Saum gearbeitet. Weingärten, die sich in langen, präzisen Linien über Kuppen und Hänge ziehen. Dazwischen Burgen, Kirchtürme, alte Häuser mit Terrakottadächern und jene Zypressen, die offenbar immer dort wachsen, wo Fotografen sie brauchen. Im Herbst liegt Nebel in den Tälern. Es riecht nach Brennholz – jener Rauch, der die Seele romantisiert. Über dem Nebel ragen die Hügel wie Inseln aus einem weißen Meer. Und: wann gibt es die ersten weißen Trüffel?

Hier, zwischen Langhe und Monferrato, liegt eines der kostbarsten Weinreviere der Welt. Und mittendrin arbeitet eine Familie, deren Name seit siebzig Jahren auf Flaschen steht, die man auf praktisch allen wichtigen Weinmärkten findet: Michele Chiarlo. Ein bekannter Name. Ein großer Name sogar. Nur fällt er in Gesprächen über die ganz großen Winzer des Piemont erstaunlich selten zuerst. Warum eigentlich?

Wenn über die Aristokratie des piemontesischen Weins gesprochen wird, fallen zuverlässig die Namen Gaja, Giacosa, Conterno, Mascarello, Vieti, etc. Das ist verständlich. Diese Produzenten haben Weine geschaffen, die Geschichte geschrieben haben; ihre Flaschen sind begehrt, ihre besten Jahrgänge scheißteuer (aber immer noch – außer vielleicht Gaja – im Erschwinglichen), ihre Namen mit einer Aura versehen, die sich längst von der geilen Flüssigkeit im Glas gelöst hat.

Michele Chiarlos Weine waren immer präsent, sein Unternehmen sichtbar, sein Name international verbreitet, seine Weine in den besten Restaurants (vor allem in NY) Wer überall erhältlich ist, kann kein Geheimtipp sein. Die Weinwelt liebt aber Geheimtipps. Am liebsten solche, die 800 Euro kosten und seit zwanzig Jahren keine neuen Kunden mehr annehmen. Wie also erklären, dass kein Geheimtipp doch ein Geheimtipp ist.

Cerequio. Cannubi. Asili. Faset. Dazu La Court. Das ist keine gewöhnliche Lagenliste. Das ist ein Spaziergang durch die besseren Hänge des Piemont.

Beginnen wir mit Cerequio. Der Weinberg liegt zwischen La Morra und Barolo und gehört zu den historischen Spitzenlagen der Appellation. Ein teilweise Amphitheater aus Rebenstöcken, dessen Hänge sich dem Licht öffnen und dessen unterschiedliche Expositionen und Böden dem Nebbiolo eine bemerkenswerte Vielschichtigkeit geben. Cerequio kann jene seltene Verbindung aus Kraft, Duft und schwerer Eleganz hervorbringen, für die große Barolo berühmt sind. Chiarlo kam 1988, also spät, hierher.

Ein Jahr drauf folgte Cannubi. Wer sich mit Barolo beschäftigt, kennt diesen Namen. Cannubi gehört zu den berühmtesten und historisch angesehensten Weinbergen der Region. Seine Lage leicht oberhalb des Ortes Barolo, seine Böden und sein Ruf machen die Weine hier zu Grand Crus des Piemont, auch wenn die italienischen Klassifikationen anders funktionieren als jene im Burgund. Cannubi ist einer dieser Weinberge, bei denen die Adresse allein schon einen beträchtlichen Teil des Flaschenpreises erklärt. Den Rest muss der Winzer liefern.

Dann Asili und Faset im Barbaresco-Gebiet. Asili zählt zu den klassischen großen Lagen dieser Appellation, bekannt für die Verbindung von aromatischer Feinheit, Struktur und erstaunlicher Langlebigkeit. Faset liegt ebenfalls bei Barbaresco und besitzt einen eigenständigen Charakter, ist, meiner Meinung nach früher lustig zu trinken. Beide Weine beweisen, dass Chiarlo seine Vorstellung von großen Einzellagen keineswegs auf Barolo beschränkt – wo die Winzer mehr Geld holen können.

Und schließlich Monferrato. La Court, das Weingut bei Castelnuovo Calcea, das Chiarlo 1995 erwarb - eine weitere wichtige Herkunft für Barbera. Hier beginnt ein zweiter Teil der Geschichte. Einer, der womöglich sogar noch wichtiger ist als die berühmten B & B Lagen.

Als Michele Chiarlo 1956, gerade 23 Jahre alt, sein Weingut gründete, war Barbera vor allem ein Wein für den Alltag. Man trank ihn zum Essen, man trank ihn viel, und man dachte nicht unbedingt darüber nach, ob man eine Flasche zwanzig Jahre im Keller vergessen sollte. Barolo hatte bereits seine Geschichte und seinen Adel. Barbera hatte den Durst.

Chiarlo gehörte zu jenen Produzenten, die das ändern wollten. Er begann, Barbera als ernsthaften Qualitätswein zu behandeln. Mit niedrigeren Erträgen, gezielter Arbeit im Weinberg, sorgfältiger Auswahl der Trauben und einer zunehmend präzisen Vorstellung davon, welche Lagen welchen Wein hervorbringen können. In den achtziger Jahren setzte das Unternehmen unter anderem auf grüne Lese, also das bewusste Entfernen von Trauben zugunsten der Qualität. Was heute zum (auch hinterfragten) Standardrepertoire ambitionierter Winzer gehört, war damals keineswegs selbstverständlich.

Vor allem aber stellte Chiarlo eine Frage, die sich der piemontesische Weinbau lange Zeit zu selten gestellt hatte: Warum sollte Barbera nicht ebenso stark von ihrer Herkunft erzählen können wie Nebbiolo?

Die Antwort führte über einzelne Spitzenlagen und die Aufwertung von Barbera d’Asti schließlich zur Entstehung der Appellation Nizza DOCG. Chiarlo gehörte zu den treibenden Kräften dieser Entwicklung. Dass Nizza heute für besonders besondere Barbera steht, ist auch sein Verdienst. Wir müssen uns die Dimension dieser Arbeit vor Augen halten. Einen berühmten Weinberg zu erwerben und daraus einen großen Wein zu machen, ist eine beachtliche Leistung. Einer ganzen Rebsorte zu einem neuen Selbstverständnis zu verhelfen, ist die größere Größenordnung.

Und genau hier wird der Vergleich mit Angelo Gaja interessant, denn Gaja hat den piemontesischen Wein international neu positioniert. Er hat Qualitätsmaßstäbe verschoben, mit Traditionen gebrochen, die Wahrnehmung von Barbaresco verändert und aus seinem Namen eine der stärksten Marken des italienischen Weins gemacht. Das ist unbestritten.

Chiarlo ging einen anderen Weg. Er verband die Arbeit an berühmten Nebbiolo-Lagen mit dem Versuch, einer lange unterschätzten Rebsorte ihren verdienten Platz zu verschaffen. Er baute internationale Märkte auf, brachte Barbera nach Nordamerika und Asien und half dabei, aus einem regionalen Alltagswein einen ernst genommenen Herkunftswein zu machen.

Wer von beiden ist größer? Das hängt davon ab, was man unter Größe versteht. Den höchsten Preis? Die berühmteste Flasche? Die nachhaltigste Veränderung einer ganzen Weinregion? Oder die Fähigkeit, über Jahrzehnte hinweg gute Weine zu produzieren, ohne sich ausschließlich an eine kleine Gemeinde wohlhabender Sammler zu wenden? Das ist eine Frage, über die man bei einer Flasche Barolo trefflich streiten kann. Idealerweise bei einer zweiten.

Michele Chiarlo starb 2023. Heute führen seine Söhne Stefano und Alberto das Unternehmen. Sie haben nicht nur die Weinberge übernommen, sondern auch eine ziemlich eigenwillige Vorstellung davon, was ein Weingut sein kann. 2003 entstand in La Court ein Kunstpark mitten in den Reben. 2011 eröffnete mit dem Palás Cerequio ein kleines, dem Barolo gewidmetes Relais in einer der berühmtesten Lagen der Region. 2024 kam auf dem Cannubi-Hügel ein von Ugo Nespolo gestalteter Kunstweg hinzu.

Puristen rümpfen darüber die Nase: Kunst im Weinberg, Hotels zwischen Rebstöcken, Spazierwege für Besucher. Der Purist möchte schließlich, dass große Weine in möglichst unzugänglichen Kellern entstehen, deren Besitzer grundsätzlich keine Zeit haben, ans Telefon zu gehen. Andererseits ist das Piemont auch eine Kulturlandschaft, deren Zukunft vom Zusammenspiel zwischen Landwirtschaft, Tourismus und regionaler Identität abhängt. Chiarlo hat das früh verstanden.

Zum siebzigsten Geburtstag beschäftigt sich das Haus nun mit dreißig Jahrgängen seines Barolo Cerequio. Das Projekt heißt Cerequio30. Drei Jahrzehnte eines Weins aus einem einzigen Weinberg. Das ist eine bessere Jubiläumsfeier als die üblichen Festreden, bei denen man nach zwanzig Minuten nur noch hofft, dass endlich jemand die Flaschen öffnet.

Denn gerade bei Nebbiolo ist Zeit ein entscheidender Teil der Qualität. Ein junger Barolo ist streng, verschlossen und unnachgiebig. Mit den Jahren, die wir im Alter kaum mehr haben, verändert sich das: Die Tannine werden feiner, die Frucht tritt zurück, und an ihre Stelle treten jene Aromen von getrockneten Kräutern, Leder, Tabak, die einen großen gereiften Barolo zu einem der faszinierendsten Rotweine der Welt machen. Dreißig Jahrgänge aus Cerequio sind deshalb auch dreißig Versuche, denselben Ort unter jeweils anderen Bedingungen zu verstehen.

Siebzig Jahre nach der Gründung ist Michele Chiarlo ein Unternehmen, dessen Bedeutung man nicht allein an den Preisen seiner teuersten Flaschen messen sollte. Seine Geschichte erzählt davon, wie aus regionalem Wein internationale Spitzenqualität wurde. Wie aus Barbera ein ernsthafter Lagenwein werden konnte. Und wie ein Winzer früh begriff, dass die Zukunft des Piemont ausschließlich in seinen einzelnen Weinbergen liegt.

Ist Michele Chiarlo also der unentdeckte Großmeister des Barolo? Unentdeckt wäre übertrieben. Dafür kennt man seinen Namen viel zu gut. Unterschätzt trifft es eher.

Und größer als Gaja? Das würde ich so einfach als Provo hingerotzt nicht behaupten. Oder vielleicht nicht. Dafür müsste ich die großen Jahrgänge beider Häuser nebeneinanderstellen, die besten Lagen vergleichen und mir sehr viel Zeit nehmen. Eine solche Verkostung wäre selbstverständlich vollkommen uneigennützig und ausschließlich im Interesse des Weinjournalismus. Ja: das ist keine Bitte, sondern eine Aufforderung!