(Manfred Klimek / Redaktion)
Seit einigen Tagen erreichen WINEPARTY anonym via einer Hotmail-Adresse Datensätze aus dem Weinhandel. Es handelt sich um Verkaufszahlen großer Händler, die uns von einer oder einem Whistleblower(in) zugespielt werden. Wir veröffentlichen diese Zahlen mit aller gebotenen Vorsicht. Wir kennen ihre Herkunft nicht zweifelsfrei, können sie nicht unabhängig verifizieren. Doch das Material hat eine gewisse Authentizität, die der Absender bewusst einstreut: Kleinigkeiten, die es als schlüssig erkennen können lassen. Deswegen verdient es Aufmerksamkeit. Denn selbst wenn einzelne Werte ungenau sein sollten, zeichnen sie ein Bild, das viele Winzer und Händler längst aus eigener Erfahrung kennen.
Die jüngste Zusendung betrifft das erste Halbjahr 2026. Ein großer Onlinehändler soll demnach bei Schaumwein ein Minus von zwei Prozent verzeichnen, Weißwein verliert acht Prozent, Rosé legt um sieben Prozent zu – allerdings von einem immer noch niedrigem Niveau aus. Wirklich alarmierend wird es beim Rotwein. Minus 46 Prozent. Noch dramatischer sieht es bei Süßwein, Portwein und verwandten Kategorien aus. Minus 78 Prozent. Gleichzeitig wachsen alkoholfreie Produkte um 180 Prozent – allerdings von einer bislang sehr kleinen Basis aus.
Sollten diese Zahlen auch nur annähernd stimmen, stellt sich eine Frage, über die erstaunlich wenig gesprochen wird.
Müssen wir den Rotwein retten?
Über Jahre wurde vor allem über den Aufstieg alkoholfreier Weine diskutiert. Davor schon rückte Rosé in den Mittelpunkt, begleitet von leichteren Weißweinen und neuen Schaumweinen. Rotwein galt dagegen als so selbstverständlich, dass kaum jemand auf die Idee kam, seine Stellung könne einmal ernsthaft gefährdet sein.
War genau das ein Irrtum?
Rotwein verlangt heute vieles, was der Zeitgeist immer seltener mitbringt. Geduld. Aufmerksamkeit. Häufig ein gemeinsames Essen. Und kühlere Jahreszeiten. Wer nach einem langen Arbeitstag in dieser neuen Arbeitswelt daheim am Tisch sitzt oder sich mit Freunden auf einen Drink trifft, greift inzwischen oft zu anderen Kreszenzen. Das ist keine Mode mehr. Es ist eine Veränderung von Lebensgewohnheiten.
Hinzu kommt der Klimawandel. Heiße Sommer lassen viele Konsumenten automatisch nach kühlen Weinen suchen. Selbst überzeugte Rotweintrinker entdecken plötzlich Riesling, Sauvignon Blanc oder Champagner neu. Gleichzeitig wächst eine Generation heran, für die große Bordeaux, Barolo oder Rioja nicht mehr so selbstverständlich wie bei der Generation der Boomer und der Generation X zum eigenen Weinkosmos gehören. Burgund hat immer noch einen gewissen Adelsstatus, das Besondere. Doch auch der scheint gefährdet.
Noch bedrückender wirkt allerdings der Blick auf eine andere Kategorie.
Süßwein.
Sauternes, Tokaj, Trockenbeerenauslesen, Beerenauslesen oder große Eisweine gehörten jahrzehntelang zu den kostbarsten Weinen Europas. Heute verschwinden sie still aus vielen Weinkarten. Nicht, weil ihre Qualität nachgelassen hätte, sondern weil sie kaum noch bestellt werden. Wer junge Sommeliers fragt, erlebt oft Überraschendes. Manche haben richtig große Süßweine kaum noch im Glas gehabt.
Das wäre ein kultureller Verlust.
Denn Süßwein ist keine Randerscheinung der europäischen Weingeschichte. Er gehört zu ihren ältesten und bedeutendsten Kapiteln. Ihn einfach aus den Kellern verschwinden zu lassen, wäre ungefähr so, als würde man in der klassischen Musik irgendwann auf Mozart verzichten, weil Streamingdienste gerade andere Vorlieben ausweisen. Die Frage lautet deshalb vielleicht gar nicht, ob Rotwein oder Süßwein verschwinden, sondern wie wir sie wieder in den Alltag zurückholen.
Braucht Rotwein neue Serviertemperaturen? Andere Gastronomiekonzepte? Mehr Mut zu leichteren, früher trinkbaren Stilistiken? Und wäre es nicht an der Zeit, Süßwein endlich wieder dort zu zeigen, wo er hingehört – nicht nur zum Dessert, sondern zu Käse, Gänseleber, würziger asiatischer Küche oder einfach als Solist? Und warum gibt es in der Barwelt keine Süßweine zum Mixen?
WINEPARTY wird anonym zugespielten Daten weiter veröffentlichen – immer mit dem Hinweis, dass wir ihre Herkunft nicht abschließend überprüfen können. Gleichzeitig laden wir Winzer, Händler und Sommeliers ein, uns ihre Erfahrungen mitzuteilen. Und auch wir selbst machen uns jetzt ans verifizieren.
Denn eines scheint bereits heute festzustehen: Wenn sich diese Entwicklung bestätigt, diskutieren wir nicht mehr über kurzfristige Markttrends. Dann reden wir über einen tiefgreifenden Wandel der europäischen Weinkultur.
