Wir kommen mitten in der Lese zu Opus One. Michael Silacci hat eigentlich anderes zu tun, nimmt sich aber trotzdem Zeit für uns. Er führt uns durch die Weinberge und den Keller, lässt uns Moste und gärende Partien probieren und setzt sich schließlich mit uns zur Verkostung. Im Juli 2027 geht Silacci in den Ruhestand, 2026 ist seine letzte Ernte. Seit 2001 verantwortet er Opus One. 25 Jahre lang einen der berühmtesten Weine Kaliforniens und der Welt zu keltern, ist eine große Karriere. Den Wein danach besser zu hinterlassen, die größere Leistung.
Opus One ist ein erstaunlicher Ort. Das Gebäude in Oakville mit Kalkstein, Arkaden und strenger Geometrie trägt französische Gene, darüber liegt dieser riesige kalifornische Himmel. Auch die Gastfreundschaft funktioniert nach beiden Systemen. Französische Form trifft amerikanische Großzügigkeit. Auf unserer eigens gedruckten Menükarte steht „Mr. and Mrs. Gerhard Retter“. Kleine Korrektur: Cornelia und ich sind nicht verheiratet. Wir waren auf dieser Reise auch nicht spontan in Las Vegas. Noch nicht.
Getrunken wird aus Zalto Bordeaux, meinem Lieblingsglas. Auf den gefüllten Gläsern liegen gläserne Abdeckungen. Sie werden nacheinander entfernt, damit sich die Entwicklung der Weine genauer verfolgen lässt. Executive Chef Sean Koenig serviert dazu einen herzhaften Mont Blanc mit Entenleber und Pfirsich, Gruyère-Gougère mit Mais und Trüffel sowie Gazpacho von alten Tomatensorten, Meyer-Zitrone und Fichtensprossen. Kleine Gerichte, präzise zum Wein gesetzt. Bei Opus One wird wenig dem Zufall überlassen.
Das war bereits 1978 die Idee. Baron Philippe de Rothschild von Château Mouton Rothschild und Robert Mondavi beschlossen damals, gemeinsam einen großen Wein in Napa zu erzeugen. Der erste Jahrgang kam 1979. Opus One sollte kein nachgebauter Bordeaux werden. Dafür war Robert Mondavi vermutlich ohnehin der falsche Mann. Und Philippe de Rothschild war kaum nach Kalifornien gekommen, um dort Mouton unter Palmen zu produzieren. Das Spannende lag im Zusammenprall zweier Weinkulturen: hier das französische Denken in Herkunft, Cuvée und Generationen, dort die kalifornische Lust am Experiment und an Technik.
Diese Spannung ist geblieben. Opus One schmeckt nicht nach Bordeaux und in seinen besten Jahrgängen auch nicht nach jenem überreifen Napa-Cabernet, bei dem nach einem Glas die Serviette am Tisch klebt. Silacci will, dass sich die Herkunft im Wein immer genauer eingrenzen lässt: Neue Welt, Napa Valley, Oakville, Opus One.
Ein wesentlicher Teil der Weinberge liegt in To Kalon. Rund 100 der insgesamt 170 Hektar Rebfläche von Opus One befinden sich dort. Ich halte To Kalon für einen Cru, auch wenn es dafür in Napa keine europäische Klassifikation gibt. Der Schwemmfächer der Mayacamas hat ein kompliziertes Mosaik aus Kies, Sand und Lehm hinterlassen, dazu kommen vulkanisch beeinflusste Partien. Für Silacci sind diese Unterschiede Arbeitsmaterial. Parzellen werden getrennt betrachtet, Klone angepasst, Lesezeitpunkte einzeln bestimmt.
Inzwischen beschäftigt ihn vor allem das Klima. Sonne war in Napa nie knapp, inzwischen kann es von ihr entschieden zu viel geben: Hitze, Trockenheit und Sonnenbrand wechseln sich mit Starkregen und den berüchtigten Atmospheric Rivers ab. Opus One experimentiert deshalb unter anderem mit der Unterlagsrebe Gravesac, deren Wurzeln besser mit trockenen wie sehr nassen Phasen zurechtkommen sollen. Rebzeilen werden neu ausgerichtet. Morgensonne kann günstiger sein als die aggressive Hitze am Nachmittag. Drohnen vermessen die Flächen. Ein Block vor dem Weingut wurde geschwungen angelegt und heißt intern „Swoosh“, weil sich dort Licht und Schatten günstiger verteilen. Am Atlas Peak werden Reben so erzogen, dass die Triebe eine Art Schirm über den Trauben bilden.
Der ganze technische Aufwand verfolgt ein ausgesprochen altmodisches Ziel: Der Wein soll gut schmecken.
2022 wurde das schwierig. Anfang September kam eine extreme Hitzewelle über Napa. Silacci musste entscheiden, ob er wartet oder liest. Und jetzt betritt Rihanna die Geschichte.
Ihr Song „Umbrella“ lief damals offenbar in seinem Kopf herum. Darin rappt Jay-Z: „We fly higher than the weather.“ Silacci beschloss, genau das zu tun und dem Wetter zuvorzukommen. Er begann früh mit der Lese. Gleichzeitig verzichtete er darauf, den Ertrag durch eine späte grüne Lese weiter zu reduzieren. Seine Überlegung: Bei extremer Hitze sollte die Rebe ihre Energie besser auf mehr Trauben verteilen. Weniger Früchte hätten die verbliebenen Beeren womöglich noch schneller Richtung Überreife getrieben.
Nicht alle im Haus waren begeistert. Silacci machte es trotzdem.
Der 2022er zeigt, dass die Entscheidung richtig war. Cassis, dunkle Beeren, getrocknete Rosenblätter, Graphit, Olive und Zedernholz. Das neue französische Holz bleibt trotz 18 Monaten Ausbau erstaunlich sanft eingebunden. Feine Tannine, genügend Säure, saftige Frucht. Vor allem fehlt jene gekochte Süße, die man nach einem solchen Wetterjahr erwarten könnte. Der Wein besteht aus 80 Prozent Cabernet Sauvignon, dazu Petit Verdot, Cabernet Franc, Merlot und 0,5 Prozent Malbec. Die Lese begann bereits am 24. August.
Noch besser gefällt mir 2019. Vielleicht habe ich Opus One überhaupt nie besser getrunken. Dunkle Frucht, enorme Spannung, sehr feine Tannine, perfekt eingebundenes Holz. Der Wein ist dicht und kraftvoll, bleibt aber beweglich. Der 2012er ist bereits weiter. Cassis, Waldboden und Graphit, seidige Tannine, immer noch lebendige Säure. Er hat ein wunderbares Trinkalter erreicht und dürfte trotzdem noch zwanzig Jahre problemlos weiterlaufen.
Vorher steht Ouverture 2022 im Glas. Früher wurde Ouverture jahrgangsübergreifend abgefüllt, inzwischen trägt auch er einen Jahrgang. 94 Prozent Cabernet Sauvignon, 18 Monate neues französisches Holz, 210 Dollar ab Weingut. „Einstiegswein“ wäre angesichts dieses Preises ein Ausdruck von kalifornischem Humor. Der aktuelle Opus One kostet allerdings 490 Dollar. Und schon ist Ouverture fast ein Sonderangebot.
Silacci hat Opus One während seiner 25 Jahre permanent verändert. Spontangärungen mit Hefen aus den eigenen Weinbergsparzellen, Klonmischungen, neue Parzellierungen, andere Unterlagsreben und Rebzeilenausrichtungen kamen hinzu. Er erzählt davon ohne den Gestus des großen Erneuerers. Ein Satz bleibt hängen: Man komme nie an den Punkt, an dem man sagen könne, jetzt habe man „die“ Antwort.
Das ist wahrscheinlich der vernünftigste Satz, den ein Winemaker eines berühmten Weinguts sagen kann.
Wer Silacci nachfolgt, steht noch nicht fest. Meghan Zobeck, seit 2025 Director of Winemaking und die erste Frau in dieser Position bei Opus One, gehört zu den möglichen Kandidatinnen. Gesucht wird international. Silacci selbst denkt offenbar nicht daran, anschließend ausschließlich Golf zu spielen. Er hat gegenüber amerikanischen Medien von kleinen eigenen Weinabenteuern gesprochen – vielleicht Sauvignon Blanc, vielleicht Cabernet aus Rutherford oder Oakville. Sogar ein Studium des Method Acting in New York kann er sich vorstellen. Robert De Niro is waiting.
Nach 25 Jahren Opus One darf es ruhig etwas anderes sein.
Bleibt die Frage, wie viel Veränderung eine Ikone verträgt. Silacci hat sie ziemlich überzeugend beantwortet: Unter seiner Verantwortung wurde an Hefen, Klonen, Unterlagsreben, Pflanzungen, Laubwänden und Lesezeitpunkten gearbeitet. Inzwischen fliegen überwachende Drohnen über To Kalon. Und in einem schwierigen Jahr kann sogar Rihanna bei der Leseentscheidung helfen.
Nur eines darf bei all dem nicht verlorengehen. Der Wein muss weiterhin nach Opus One schmecken.
