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WIEN und der WEIN. Und seine VORORTELINIE. Ein Reisebericht

Ich war in Wien, für die WELT am SONNTAG einen Text über die Vorortelinie zu schreiben, eine S-Bahn am Rande der Stadt - nur dort ist Wien noch authentisch. Der Text erschien vor vier Wochen, das hier ist ungekürzte erste Originalfassung. Elendslange und gute Wochenend-Lesestoff

Am 30. Mai 1987 geschah in Wien etwas, das außerhalb und selbst innerhalb der Stadt kaum jemand bemerkte. Eine Eisenbahnstrecke, die vierzig Jahre lang vor sich hin gedämmert hatte, wurde wiedereröffnet. Die im Volksmund als Vorortelinie bekannte Verbindungsbahn zwischen den Außenbezirks-Regionalverkehr- und U-Bahn-Bahnhöfen Heiligenstadt und Hütteldorf erhielt als S-45 den Status einer städtischen S-Bahn und ist heute die einzige Bahnlinie der österreichischen Hauptstadt die vom Millionen-Besucher-Tourismus quasi unentdeckt blieb. Doch was wir links und rechts der Vorortelinie entdecken können, ist durchaus touristischer Blicke würdig, ist das authentische Wien, rauer, teils auch einen Tick schäbiger als die reichen Innergürtelbezirke und die von den Bauten der Habsburger-Monarchie geprägte City. Rauer, teils schäbiger. Aber maximal authentisch.

Die Strecke war Ende des 19. Jahrhunderts als Teil der von Otto Wagner geplanten und realisierten Wiener Stadtbahn entstanden. Wagner entwarf nicht nur die Bahnhöfe, sondern ein Gesamtkunstwerk aus Verkehr, Architektur und Stadtplanung. Heiligenstadt, Oberdöbling, Hernals, Ottakring oder Hütteldorf waren Bausteine einer modernen Metropole. Bis heute stehen die Stationen unter Denkmalschutz. Wer auf der Vorortelinie unterwegs ist, fährt nicht nur durch Wiens westliche Stadtränder, sondern durch ein Stück europäischer Verkehrsarchitektur der Gründerzeit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verfiel die Strecke allerdings zunehmend. Die Stadt konzentrierte sich auf andere Verkehrsachsen. Die Vorortelinie verlor an Bedeutung, wurde teilweise stillgelegt und überwucherte langsam. Brücken rosteten, Bahnhöfe verfielen, manche Abschnitte wirkten eher wie Kulissen für einen postindustriellen Film als wie Teil einer Großstadt.

Vier Jahrzehnte später durchquert sie jenes Wien, das noch immer weitgehend sich selbst gehört. Vor allem in Ottakring und Hernals begegnet man einer Stadt, in der die Einwanderung aus dem ehemaligen Jugoslawien längst Teil des lebendigen Alltags geworden ist. Die Ćevapčići-Bude steht neben dem Wirtshaus. Der serbische Fleischhauer neben dem Weinviertler Bäcker. Die Kinder sprechen Wienerisch mit jenen Nuancen, die jede Generation neu hinzufügt. Vieles wirkt dabei erstaunlich selbstverständlich. Weniger als Integration wird hier oft Koexistenz gelebt – ein Weg, mit dem Wien besser gefahren ist als Paris oder London.

Noch bemerkenswerter ist etwas anderes: Entlang der Vorortelinie stößt man häufig auf jene architektonisch interessanten Gemeindebauten, die das sogenannte Rote Wien zwischen 1919 und 1933 errichten ließ. Anders als in vielen europäischen Städten wurden diese Wohnanlagen bewusst nicht an die Peripherie gesetzt. Die sozialdemokratische Stadtregierung baute sie mitten in Bezirke, die traditionell bürgerlich geprägt waren. In Döbling. In Hernals. In Penzing. Das Ergebnis prägt Wien bis heute, denn während in vielen europäischen Metropolen soziale Gruppen räumlich voneinander getrennt leben, entstand hier eine Durchmischung, die man andernorts kaum findet. Gemeindebau und Gründerzeitvilla. Arbeiterfamilie und Professorenhaushalt. Wohlhabende Hofratsrentner und hoffnungsschwangere Start-up-Gründer in ihren mitunter prekären WG's: Oft nur einen Steinwurf voneinander entfernt.

Wer die Vorortelinie entlangfährt, bewegt sich deshalb nicht nur durch Stadtteile. Er fährt durch ein politisches und gesellschaftliches Experiment, das seit über hundert Jahren erstaunlich gut funktioniert. Wir beginnen unsere Fahrt in der Station Heiligenstadt, mit Hütteldorf der größte Otto-Wagner-Bahnhofsbau in Wien.

Kaum steigt man in Heiligenstadt aus der S45, erhebt sich unmittelbar gegenüber eines der gewaltigsten Bauwerke Europas. Der Karl-Marx-Hof ist mehr als ein Gemeindebau. Er ist ein gebautes politisches Manifest. Zwischen 1927 und 1930 nach Plänen des Otto-Wagner-Schülers Karl Ehn errichtet, zieht sich die Anlage über mehr als einen Kilometer – rund 1.050 bis 1.100 Meter, je nach Messweise – entlang der Heiligenstädter Straße. Ursprünglich boten 1.382 Wohnungen mehr als 5.000 Menschen ein Zuhause. Das eigentlich Revolutionäre war jedoch nicht seine Länge, sondern seine Idee. Nur ein kleiner Teil des riesigen Grundstücks ist verbaut, der Rest blieb Höfen, Gärten, Spielplätzen, Kindergärten, einer Bibliothek, einer Wäscherei und medizinischer Versorgung vorbehalten. Wohnen sollte nicht mehr bloß Unterkunft sein, sondern Lebensqualität. Bis heute gilt der Karl-Marx-Hof als die berühmteste Wohnhausanlage Europas und als steingewordene Ikone des Roten Wien. Selbst der Artilleriebeschuss während der Februarkämpfe 1934, dem kurzen österreichischen Bürgerkrieg, konnte daran nichts ändern.

Und dann genügt ein Spaziergang von wenigen Minuten, um in einer völlig anderen Welt anzukommen. Linker Hand am Karl-Marx-Hof vorbei öffnet sich Nussdorf, ein ehemaliges Winzerdorf. Zwischen schmalen Gassen, alten Presshäusern und Weingärten begegnen einander hier zwei kulinarische Welten, wie sie wohl nur Wien hervorbringen kann. In einem ehemaligen Winzergebäude kocht der Deutsche Küchenchef Juan Amador im Auftrag des Winzers Fritz Wieninger seit Jahren auf Drei-Sterne-Michelin-Niveau. Wenige Schritte weiter sitzt man beim Mayer am Pfarrplatz unter Kastanienbäumen, bestellt einen Gemischten Satz, ein Backhenderl oder eine Jause und vergisst für einige Stunden, dass außerhalb dieses Grätzels überhaupt eine Millionenstadt existiert. Ausgerechnet diese Nachbarschaft macht Wien einzigartig. Auf der einen Seite internationale Hochküche, auf der anderen der Heurige als soziale Institution. Dazwischen liegen keine Welten, sondern kaum fünfhundert Meter. Und dass Ludwig van Beethoven einst am Pfarrplatz wohnte wird dem Besucher nicht zwingend gleich unter die Nase gerieben – erfreulich!

Eine Station weiter in Richtung Hütteldorf, in der wir uns fortan bewegen, hält die S45 in Oberdöbling. Direkt vor dem Bahnhof wartet bereits die Straßenbahnlinie 38, jene legendäre Bim, die seit Generationen hinauf nach Grinzing fährt. Sie gehört zu Wien wie die Ringstraße oder der Prater. Und sie führt auch dorthin, wo sich das Bild der Stadt von selbst auf Postkarten druckt. Heurige, Weinberge, Reisegruppen und Reiseleiter, die erklären, wie ein Gemischter Satz schmeckt, bevor ihn jemand probiert hat. Ja: hier treffen ein einziges Mal wir massiv auf Touristen.

Müssen wir aber nicht, denn nur wenige Schritte von der Endstation des 38er entfernt liegt die „Buschenschank in Residence“ der Winzer Jutta und Marco Kalchbrenner. Ein Buschenschank, wie ihn Wien lange nicht kannte. Die Karte ist klein, aber voller kulinarischer Präzision. Kalbszunge von ehemaligen Wiener Hoflieferanten Thum, scharf marinierter Kalbskopf, hervorragende Käse und ein Gurkensalat ohne jede Nebensächlichkeit. Dazu Gemischter Satz, Riesling und Blaufränkisch aus eigener Erzeugung, Weine ohne Manierismen, Kreszenzen mit einer erstaunlichen Handschrift. Serviert wird von einem punkigen Team, das genauso gut in Berlin-Mitte wie in Kopenhagen-Hafenseite arbeiten könnte.

Statt weiter in Grinzing zu bleiben, lohnt sich nun allerdings der Weg zurück stadteinwärts nach Sievering – und zurück zur Station Oberdöbling. Plötzlich wird Wien stiller, sehr still sogar. Das Cottage-Viertel beginnt, jenes großbürgerliche Wohngebiet mit seinen Villen aus der Monarchiezeit, verwunschenen Gärten und alten Winzerhäusern. Hier wohnt kein historisches Wien, hier lebt es noch. Den Schlusspunkt hier setzt eine Einkehr das Restaurant Eckel der Familie Zarl.

Vor allem sitzen wir an schönen Tagen in einem jener Gastgärten, für die Wien weltberühmt sein sollte und es erstaunlicherweise kaum ist. Unter alten Kastanien tafelt und trinkt hier seit Jahrzehnten eine Gesellschaft, die es in dieser Mischung vermutlich nur in Wien oder Paris gibt. Alteingesessene Döblinger Familien neben Schauspielern, Regisseuren und Musikern. Konservative Stammgäste neben jener Kulturszene, die spätestens unter Burgtheaterdirektor Claus Peymann das Eckel ebenso zu ihrem Wohnzimmer machte wie einst der sozialdemokratische Reform-Bundeskanzler Bruno Kreisky. Hier diskutieren sie Politik, Theaterpremieren oder den letzten Sturm im Wasserglas. Und manchmal auch gar nichts.

Mit der Station Gersthof verändert sich die Stadt entlang der Vorortelinie. Die S45 verläuft hier auf einer sichtbaren Grenze. Rechts residiert noch jenes Wien, das bis heute großbürgerlich geblieben ist. Links öffnet sich ein anderes, dichteres, internationaleres Wien. Kaum eine Station zeigt deutlicher, wie eng die verschiedenen Lebenswelten dieser Stadt beieinanderliegen.

Wir biegen zunächst nach rechts ab. Die verkehrsreiche Gersthofer Straße wirkt auf den ersten Blick unspektakulär, stellenweise beinahe etwas abgewohnt. Gerade das macht ihren Charme aus. Hinter ihr öffnet sich einer der schönsten Parks Wiens: der Türkenschanzpark. Sein Name erinnert an die Zweite Türkenbelagerung von 1683. An dieser Stelle befanden sich damals Schanzen, also Befestigungsanlagen des osmanischen Heeres. Aus ihnen entwickelte sich der Name des Parks, der Ende des 19. Jahrhunderts zu einer weitläufigen englischen Gartenlandschaft umgestaltet wurde. Und im nun folgenden stationsnahen Bereich des Parks liegt die Meierei.

Das Cafe-Restaurant gehört zu jenen Orten, die die Wiener beinhart für sich in Anspruch nehmen: Familien, wohlbetuchte Hofrats-Rentner, Studenten, jungen Eltern mit adrett gekleideten Kindern. Touristen verirren sich so gut wie nie hierher. Die Küche orientiert sich stärker an der auch mediterranen Tradition der Wiener Küche als am klassischen Wirtshaus. Fisch, Gemüse, Pasta und leichte Gerichte bestimmen die Karte, dazu ein Glas Wein oder ein Spritzer bei alten Bäumen. Es ist einer jener Plätze, an denen Wien plötzlich erstaunlich südlich wirkt. Von nun an wird die Stadt ein wenig unmittelbarer. Und noch ein Stück interessanter.

Mit der nächsten Station Hernals beginnt ein anderes Wien. Die Gründerzeitpalais sind verschwunden, stattdessen prägen Zinskasernen das Straßenbild, dazwischen erstaunlich schöne Gemeindebauten aus der Zeit des Roten Wien. Hernals besitzt nichts Gefälliges.

Wer den stadteinwärtigen Ausgang nimmt und wenige Minuten der Hernalser Hauptstraße folgt, landet im Wein- und Bierhaus Leopold Brandstätter. Es ist eines jener Wirtshäuser, die seit Jahrzehnten kaum Anlass sahen, sich neu zu erfinden. Zum Glück. Die Küche serviert das Wien vergangener Generationen: Gulasch, auch Innereien, saisonale Klassiker und natürlich Kalbsschnitzel. Und weil Wien trotz aller Moderne katholisch geblieben ist, gibt es am Freitag selbstverständlich Fisch im günstigen Mittagsmenü. Mittags wird hier nicht nur gegessen, sondern auch Wein und Bier getrunken. Ganz selbstverständlich. Das Service begegnet den Gästen mit jener herben Freundlichkeit, die von Touristen (die es hier ohnehin nicht gibt) oft missverstanden wird. Wer sie einmal entschlüsselt hat, möchte sie nicht mehr missen. Rundherum beginnt ein echtes Grätzel, jenes Wort, das Berliner mit Kiez übersetzen, ohne seine eigentliche Bedeutung ganz zu treffen.

Schräg gegenüber wartet mit dem Café Melmans ein Ort, an dem der Tag kaum besser beginnen könnte. Die Espressomaschine zählt zu den besten der Stadt, das Frühstück ist erfreulich frei von jeder Inszenierung. Schnittlauchbrot, Ei im Glas, eine Melange, dazu ein frisch gepresster Orangensaft. Mehr braucht es nicht. Auch hier sitzen fast ausschließlich Wiener. Die Vorortelinie besitzt ihre eigenen Rituale.

Nur wenige Schritte vom stadtauswärtigen Bahnhofsausgang entfernt beginnt bereits Ottakring. Dort liegt das Kongressbad, eines der schönsten Freibäder des Roten Wien. 1928 nach Plänen des Architekten Erich Franz Leischner eröffnet, galt es damals als modernstes Freibad der Stadt. Seine rot-weißen Holzbauten stehen unter Denkmalschutzc und die Farben des Gebäudes zitieren ganz bewusst Wien selbst – Rot und Weiß, Fahne und Wappen. Der monumentale Eingang, die klare Geometrie und die überraschende Leichtigkeit der skandinavisch wirkenden Architektur erzählen noch immer von jener Zeit, als kommunale Bäder nicht bloß Orte zum Schwimmen, sondern Ausdruck eines gesellschaftlichen Versprechens waren: Schönheit sollte allen gehören und nicht nur jenen, die sie sich leisten konnten. Kaum irgendwo wird die Idee des Roten Wien so selbstverständlich sichtbar wie hier.

Ottakring, der Bezirk und unsere nächste Vorortelinie-Station, besitzt bis heute einen Ruf, den die Häuserzeilen längst nicht mehr verdienen. Wer hier aussteigt, denkt oft zuerst an die bekannteste Brauerei der Stadt, an den Arbeiterbezirk und den ehemaligen Wiener Proletengürtel. Das stimmt alles. Und stimmt gleichzeitig schon lange nicht mehr. Ottakring gehört heute zu jenen Stadtteilen, in denen sozialer Aufstieg, alte Wiener Bodenständigkeit und selbst die Migration ein bemerkenswert entspanntes Bündnis eingegangen sind.

Nur wenige Gehminuten stadteinwärts vom Bahnhof entfernt liegt das Gasthaus Gelbmann. Die Familie Laskowsky führt das Haus seit Jahren mit jener gelassenen Selbstverständlichkeit, die große Wirtshäuser auszeichnet. Die Küche bleibt der Wiener Tradition treu, erlaubt sich aber immer wieder kleine Ausflüge in die Hochküche. Nie als Selbstzweck, sondern weil man weiß, wie weit sich ein Klassiker entwickeln darf, ohne seine Herkunft zu verlieren. Im Sommer sitzt ganz Ottakring im schattigen Gastgarten. Hier trifft sich längst nicht mehr nur der alte Arbeiterbezirk: Unternehmer, Ärzte, Künstler und Beamte sitzen neben jenen Familien, deren Eltern oder Großeltern einst den sozialen Aufstieg genau hier begonnen haben. Wenn Seniorchef Hans Laskowsky Zeit findet, lohnt sich jedes Gespräch. Kaum jemand kennt die Geschichte Ottakrings und des einstigen Wiener Proletengürtels so gut wie er. Aus seinen Anekdoten entsteht fast nebenbei ein kleines Geschichtsbuch dieses Bezirks.

Von Ottakring aus verlassen wir die Vorortelinie für einen kurzen Abstecher. Direkt bei der U-Bahnstation beginnt die Buslinie 46A. Knapp zwanzig Minuten später endet sie dort, wo selbst viele Wiener nur selten hinkommen: am Schloss Wilhelminenberg. Das heutige Gebäude entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts als repräsentative Villa eines Industriellen. Heute beherbergt das weitläufige Areal ein prächtiges Viersternehotel. Sicher, das Haus hat schon glanzvollere Zeiten erlebt. Doch genau darin liegt inzwischen ein Teil seines Charmes. Wer hier übernachtet, wohnt in völliger Ruhe oberhalb der Stadt und blickt von der Terrasse und vom Gartenrand auf ganz Wien. Wenige Schritte hinter dem Schloss beginnen ausgedehnte Waldwege durch den Wienerwald. Abends treffen sich im Schlosspark junge Familien, Studenten, Pensionisten und Verliebte. Eine Flasche Sekt, ein kühler Weißwein, auch mitgebracht, begleiten den Sonnenuntergang über der Stadt. Mitunter, wenn sie unten im urbanen Raum ein Feuerwerk zünden, ist das ein ziemlich verzauberter Ort.

Vom Wilhelminenberg führt unser Weg zu Fuß leicht bergab Richtung Penzing durch viel dichtes Grün. Kaum irgendwo lässt sich besser nachvollziehen, warum Wien heute so aussieht, wie es aussieht. Denn dass hier noch Wälder statt Autobahnen und Grünflächen statt Wohnblöcken Wurzeln schlagen, ist keineswegs selbstverständlich. Einer der Männer, die das entscheidend mitprägten, heißt Wolfgang Veit. Der Raumplaner betreibt heute das Café International im Ottakringer Yppenviertel, mitten im kreativen Mikrokosmos rund um Brunnenmarkt und Yppenplatz. Lange davor gehörte er allerdings zu jener Generation von Bürgern, die sich der nahezu unangefochten autoritär regierenden Wiener SPÖ entgegenstellte. Gemeinsam mit Bürgerinitiativen kämpfte Veit gegen die geplante Flötzersteig-Autobahn, eine hochgelegte Stadtautobahn, die den Wiener Westen zerschnitten hätte. Das Projekt verschwand in der Schublade. Wenig später engagierte Veit sich auch gegen die Verbauung der Steinhofgründe. 1981 entschieden schließlich die Wiener in einer Volksbefragung gegen das Bauvorhaben. Das weitläufige Gelände rund um die Jugendstilbauten Otto Wagners, ja: derselbe, der auch die Vorortelinie-Stationen plante und baute, blieb erhalten und entwickelte sich zu einem der schönsten Grünräume der Stadt – ein Muss, wenn wir das Wien des Fin-Siecle komplett verstehen wollen. Rückblickend markieren beide Auseinandersetzungen den Beginn jener Wiener Umwelt- und Bürgerbewegung, die seither ein wesentlicher Faktor der Zivilgesellschaft ist

Mit dem Bus geht es anschließend wieder hinunter nach Penzing. Hier nähert sich die Vorortelinie langsam ihrem Ende. Kurz vor Hütteldorf mündet sie in die Westbahn, Österreichs Eisenbahnverbindung Richtung Linz, Salzburg und München. Jahrzehntelang war Penzing vom gewaltigen Verschiebebahnhof geprägt. Rangierloks, Güterzüge und endlose Waggonreihen bestimmten das Bild. Heute stehen auf den weitläufigen Gleisanlagen vor allem abgestellte Waggons, als warteten sie auf ihren ihre letzte Fahrt zum Schrottplatz. Vieles spricht dafür, dass auch dieses Gelände in den kommenden Jahren verschwinden wird. Wohnungen werden die Schienen ersetzen, Stadtquartiere den Rangierbetrieb.

Mit Hütteldorf erreicht die Vorortelinie ihren westlichen Endpunkt und zugleich einen der wichtigsten Verkehrsknoten Wiens. Hier treffen S-Bahn, U-Bahn, Westbahn und Fernverkehr aufeinander. Wer allerdings glaubt, damit ende unsere Reise auf und neben den Geleisen, der irrt. Denn Hütteldorf erzählt noch eine Geschichte, die ohne Wien kaum denkbar wäre: jene des Fußballs.

Nur wenige Gehminuten vom Bahnhof entfernt erhebt sich das Allianz Stadion des SK Rapid Wien, des traditionsreichsten Fußballvereins Wiens. Rapid ist weit mehr als ein Klub. Der Verein ist Teil einer Stadtkultur, die sich über Generationen entwickelte. Der Wiener Gastronom Mario Bernatovic erzählt, dass gerade die Bezirke entlang der Vorortelinie einst das Herz des Wiener Fußballs bildeten. Es waren die klassischen Arbeiterbezirke, in denen auf Hinterhöfen, Schotterplätzen und Straßen gespielt wurde. Wer sich keinen Lederball leisten konnte, bastelte sich einen „Fetzenlaberl“, einen Fußball aus Stoffresten und Schnüren. Aus dieser Improvisation entstand eine Fußballkultur, die Spieler wie Hans Krankl oder Herbert Prohaska hervorbrachte – Helden jenes legendären Cordoba-Spiels gegen Deutschland bei der Weltmeisterschaft 1978, das bis heute zur österreichischen Folklore gehört.

Die Geschichte lebt bis heute weiter. Bernatovic erzählt vom renovierten Sportplatz der Admira in Hernals ebenso selbstverständlich wie von kleineren Vereinen entlang der Vorortelinie, deren Wurzeln oft in der Migration aus dem ehemaligen Jugoslawien liegen. Hier spielen sie längst nicht in der Bundesliga, trotzdem prägen sie ihre Grätzel oft stärker als mancher Profiverein.

Vor dem ehemaligen Haupteingang des Bahnhofs überqueren wir schließlich den schmalen Wienfluss. Mit wenigen Schritten wechseln wir erneut die Welt. Hietzing empfängt uns mit Villen, alten Alleen und jenem großbürgerlichen Wien, das wir bereits aus Döbling und Sievering kennen. Und dann liegt gleich dahinter einer der größten Naturräume der Stadt: der Lainzer Tiergarten, einst kaiserliches Jagdgebiet, erstreckt sich über mehr als 2.400 Hektar und gehört zu den eindrucksvollsten Waldlandschaften Europas, die vollständig innerhalb einer Millionenstadt liegen. Wer hier spazieren geht, begegnet mit etwas Glück Hirschen, Mufflons oder den berühmten Wildschweinen, denen Einheimische mit gesundem Respekt aus dem Weg gehen.

Kaum eine andere Bahnlinie erzählt Wien so vollständig wie die Vorortelinie. Zwischen Gemeindebau und Gründerzeitvilla, Heurigem und Drei-Sterne-Restaurant, Fußballplatz und Hochkultur, Zinskaserne und Wienerwald, Migration und Monarchie fährt sie durch eine Stadt, die sich ihre Widersprüche bewahrt hat. Das noch besuchen zu können, diesen kaum bis gar nicht gentrifizierten Teil der Stadt, ist Gold. Nicht im spektakulären Einzelziel. Sondern in der Erkenntnis, dass Wien dort am schönsten ist, wo es gar nicht versucht, besonders schön zu sein.