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ZEHN DER MEISTGELESENEN WEINTIPPS DEUTSCHLANDS

Zehn Jahre wöchentlicher Weintipp in der WELT am SONNTAG. Nirgenwo sonst erhält Wein in einem Publikumsmedium mit hoher Auflage diese wöchentliche Aufmerkamkeit. Die Texte sind kurz und bündig und begleiten die Rezepte von Volker Hobl. Zehh Jahre - das bedeutet über 500 Weintipps. Hier die letzten zehn Wochen.

Seit bald zehn Jahren habe ich ein kleines Privileg, um das mich vermutlich einige Kollegen beneiden dürften. Jede Woche empfehle ich in der WELT am SONNTAG einen Wein zu einem Rezept des fantastischen Kochs Volker Hobl. Nicht einmal im Monat, nicht als gelegentliches Wein-Special und auch nicht nur dann, wenn irgendwo Bordeaux, Burgund oder sonst eine Weinregion Aufmerksamkeit verlangt. Jede Woche! 52 Wochen im Jahr! 52 Gerichte! 52 Weine!

Damit dürfte ich der einzige Weinautor im deutschsprachigen Raum sein, der Jahr für Jahr 52 einzelne Weinempfehlungen in einem Publikumsmedium mit hoher Auflage veröffentlichen darf. Und daraus ergibt sich eine zweite Besonderheit: Diese kleinen Kritiken gehören zu den meistgelesenen regelmäßigen Weintipps Deutschlands. Wein findet hier nicht in einem Fachmagazin statt, dessen Leser ohnehin wissen, was Timorasso, Assyrtiko oder Listán Blanco sind. Er begegnet einem großen Publikum am Sonntag beim Lesen.

Das verändert die Arbeit erheblich. Denn jede Woche beginnt die Suche von vorne. Der Wein muss zum Gericht passen, erhältlich sein und sollte möglichst nicht das kosten, was andere Menschen für einen Kurzurlaub ausgeben. Natürlich darf einmal eine teurere Flasche dabei sein. Viel interessanter ist aber die permanente Suche nach Weinen zwischen zehn und dreißig Euro, die tatsächlich etwas zu erzählen haben. Nach Rebsorten, die gerade niemand auf dem Zettel hat. Nach Winzern, die noch nicht jeder kennt. Und manchmal nach der ziemlich vergnüglichen Erkenntnis, dass zu einem Gericht ausgerechnet jener Wein passt, den das klassische Pairing-Lehrbuch vermutlich nicht vorgesehen hätte.

Nach fast zehn Jahren sind so an die 500 Einzelkritiken entstanden. Ein ziemlich großes, etwas anarchisches Weinarchiv: Champagner zu Süßspeisen, Welschriesling aus der Steiermark, Syrah von der Mosel, Timorasso aus dem Piemont, Assyrtiko aus Griechenland, Listán Blanco von Teneriffa. Dazwischen Bordeaux, Burgund, Riesling, Sauvignon und all die üblichen Verdächtigen. Entscheidend war nie, ob ein Wein gerade angesagt ist. Er muss zum Essen passen. Und er muss schmecken.

Hier zehn dieser kleinen sonntäglichen Weinreisen:

Passt perfekt: Zu Süßspeisen servierten Sommeliers noch vor wenigen Jahren fast ausschließlich Süßweine. Die gehören aber zu Käse – statt dem unsinnigen, zu Käse tradierten Rotwein. Süßspeisen muss (!) Champagner begleiten. Und einer dieser Champagner ist jener, der als Notweinration immer in meinem Kühlschrank liegt: die Kleinflasche (0,375 l) Cuis 1er Cru von Pierre Gimonnet & Fils – eine Cuvée aus Lagenparzellen und ein Blanc de Blancs, also nur aus Chardonnay gekeltert. In der Nase weiße Grapefruit, Limette, anfangs enorm Brioche, danach etwas Birne und nur sehr gering Stachelbeere. Im Mund mega elegant und luxuriös. Ein feiner Spaß.
Für € 21,90 bei www.bremer-weinkolleg.de

Passt perfekt: Sommer: Das ist für mich auch immer die Erinnerung an Meeresfruchtsalate wie diesen hier – und wie sie auch in Frankreich vor allem mittags Tradition haben. Ich hole dazu einen französischen Viognier aus dem Kühlschrank, eine Sorte, die wir öfter wieder trinken sollten: den Viognier Réserve von Les Bertholets aus dem Languedoc. In der Nase massiv Steinobst, Südfrüchte, Pampelmuse, gering Zitrus, dann auch etwas Sommerwiese und ein Hauch Lauch. Im Mund durch einen kurzen Holzeinsatz auf etwas Kraft getrimmt – final aber ein easy Sommerwein.
Für € 7,49 bei www.conderwines.de

Passt perfekt: Geniale Idee, eine Salsiccia ins Gewand der Frikadelle zu kleiden. Die grobkörnige italienische Wurst, subtil pikant, begleite ich mit einem außergewöhnlichen Wein: dem Syrah Limited Edition 2023 von Günther Steinmetz aus Brauneberg an der Mosel (Winzer: Stefan Steinmetz). Dass auch diese Rebsorte, die vor allem an der Rhône ihre Wurzeln schlägt, an der Mosel ein besonderes Geschmacksprofil entwickeln kann, zeigt dieser Wein im Besonderen. In der Nase ein unaufgeregt auftretender Cassisduft, jede Menge Graphit, Heidelbeere, gering Wiesenkräuter, ein Tick Räucherfleisch und auch Paprika. Im Mund kommt der hervorragende Holzeinsatz zur Geltung: Macht und Eleganz in Perfektion.
Für € 49,95 bei www.bottle-hero.de

Passt perfekt: Kennzeichen pikant. Passt da auch ein gemessen und nicht übertrieben pikanter Wein? Statt eines eher neutral begleitenden? Ich denke schon und gehe in den Keller, um eine der eher raren Flaschen hochzuholen: den Bio-Sylvaner Reserve AOC 2023 von Jean Sipp (der eigentlich noch ein paar Jahre im Keller reifen sollte) aus dem Elsass, wo ich gerade war. In der Nase zuerst ein Kräutercharakter, der an einen Sauvignon erinnert, dann etwas Marille, auch unreife Quitte, gering Birne, Limone, gering auch ein Tick Kreide. Im Mund eine erstaunlich elegante Kraft, obwohl dieser Wein nie ein Holzfass von innen gesehen hat.
Für € 28,00 bei www.vino45.it

Passt perfekt: Panzanella also, ein viel und verschieden interpretierter toskanisch-umbrischer Arme-Leute-Brotsalat, der bei den Schichten, „die mit Juwelen klimpern“ (John Lennon 1964 in der Royal Albert Hall), Mitte der 1980er groß in Mode kam. Hier wäre Weinbegleitung einfach, wäre da nicht die süße Honigmelone, der ich einen Weißwein mit ordentlich Charakter entgegensetzen muss: den Timorasso Derthona Colli Tortonesi DOC 2024 von Vietti, den „weißen Barolo“. In der Nase weiße Blüten, auch kurz Kamille, Quitte, dann mehr vegetal als floral, Blutorangenschale und sehr gering Lorbeerblatt. Im Mund überwiegen Kräuter und wieder der Tick Orange. Eine unbekannte Rarität des Piemont.
Für € 29,00 bei www.superiore.de

Passt perfekt: Da steigert sich mein Appetit beim Lesen zum reinen, ja gewaltigen Hunger. Das leckere Huhn heute, Kapern und Zitrone, begleitet ein steirischer Welschriesling, aber einer, der fast komplett aus der Rolle des einfachen Zechweins fällt, eine Rolle, die rund 99 % aller gekelterten Welschrieslinge ertragen müssen: der Welschriesling Ried Ottenberg Veithhansl 2021 vom Weingut Tement. Warum passt er hier so gut? Weil er im Holz reifen durfte (bringt burgundischen Ballermann) und eine wunderbar elegante, mineralische Salzigkeit mitbringt, als stünde die Ried sehr nah am Meer. In der Nase kurz Veilchen, dann kalte Möhren, das Grün an einem Bachbett, Birne und ein Tick Ringlotte. Im Mund ein Maul voll Wein ohne Qual der überbordenden Kraft.
Für € 26,50 bei www.weinfurore.de

Passt perfekt: Die Paprikawurst gab den Ausschlag. Gegen die kommt hier nur ein Sauvignon Blanc an, einer aus Neuseeland, wo sie die Sauvignons in Marlborough besonders fruchtig keltern. Ich habe aber einen etwas dezenteren Wein gewählt, den Rimapere Sauvignon Blanc 2024, in Auftrag gegeben vom verstorbenen französischen Spitzenweingutsbesitzer Benjamin de Rothschild, der eher eine Loire-Sauvignon-Vision für sein Overseas-Projekt hatte. In der Nase zuerst ein kräftiger Duft nach Passionsfrucht, gering Mango, danach Zitrusfrüchte satt und ein bisschen frisches Leinen. Im Mund nicht die erwartete Südfrucht-Attacke, sondern vornehme Eleganz mit Kraft genug, der Paprikawurst zu trotzen.
Für € 15,95 bei www.weinfreunde.de

Passt perfekt: Kaviar: Das ist der Rogen des Störs. Bottarga di Muggine ist in Italien der einfache, orangefarbene Ersatz für Kaviar – der Kaviar der einfachen Leute. Was aber den Rogen der Meeräsche in Italien so anders und besonders macht, ist seine Würze durch Lufttrocknung. Und genau zu dieser salzigen Würze passt der salzige Trenzado Listán Blanco 2025 (Weißwein) von Suertes del Marqués (Teneriffa) perfekt. In der Nase zuerst ein bisschen Böllergeruch von Silvester, danach kalte Birne, auch Limette, etwas Stachelbeere und feuchter Bimsstein. Im Mund perfekt und mit Wucht Eindruck machend. Und das mit vergleichsweise geringem Alkohol.
Für € 26,50 bei www.gute-weine.de

Passt perfekt: Ein Grieche. Und nicht vergleichbar mit jenem griechischen Wein, über den Udo Jürgens in den 1970ern sang – und dabei die Menschen meinte. Ein Grieche also, ein Weißwein: der Assyrtiko Monograph 2025 der Kellerei Gaia Wines. Ich gebe zu: Griechischer Wein steht nicht oft auf meiner Liste. Ein Fehler, wie dieser Assyrtiko beweist. In der Nase gering Kamille, Veilchen, Sommerwiese, gering Stachelbeere, Quitte und einen Tick Ananas. Im Mund mittlere Frucht und die Kreide der Salze der Kalkböden. Passt prima zu Gemüse. Und zum Sommer.
Für € 15,85 bei www.weinco.de

Passt perfekt: Die japanische Staudenknöterich, der grünem Spargel zum Verwechseln ähnlich sieht, gilt in Deutschland als invasive Pflanze – also als böse. Doch alles, was gut schmeckt, darf meiner Ansicht nach gerne invasieren. Irgendwie invasiv ist auch die Rebsorte Chasselas (Gutedel), die die Winzer am Genfer See nur als dort autochthon erkennen. Wie auch immer, ich habe den prächtigen Gutedel Ortswein 2024 vom auch architektonisch ansehnlichen Weingut Blankenhorn aus dem Markgräflerland gewählt. In der Nase sanft Mandarine, etwas gelbe Birne, gering Quitte und dann auch tragend Limette. Im Mund eine ganz wunderbar bekömmliche Säure, die den Wein die Kehle runterbringt, ohne je zu brennen.
Für € 13,50 bei www.wirwinzer.de