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Zum Tod des Winzers JEAN LUC PICARD - Ein NACHRUF aus der ZUKUNFT

Jean-Luc Picard ist tot. Der legendäre Captain der Enterprise, Admiral der Sternenflotte und Winzer aus Leidenschaft hinterlässt ein Lebenswerk, das weit über die Grenzen der Föderation hinausreicht. Wir erinnern an einen Mann, der fremde Welten entdeckte und schließlich zu den Weinbergen seiner Familie zurückkehrte. Mit fünf Jahrgängen seines Château Picard, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Ein Nachruf aus dem Jahr 2426.

Jean-Luc Picard, geboren am 13. Juli 2305 im französischen La Barre, ist im Alter von 121 Jahren gestorben. Mit ihm verliert die Vereinigte Föderation der Planeten einen ihrer bedeutendsten Offiziellen, die Erde einen ihrer letzten großen Humanisten und Frankreich einen Winzer, dessen berufliche Biografie selbst nach den Maßstäben einer traditionsreichen Weinbaunation ungewöhnlich war. Picard kommandierte Raumschiffe, verhandelte mit fremden Zivilisationen, überlebte seine Assimilation durch die Borg und rettete mehrfach die Erde vor ihrer Vernichtung. Dazwischen fand er gelegentlich Zeit, sich um den Zustand seiner Rebstöcke zu kümmern. Es gibt Winzer, die bei der Lese unter größerem Druck stehen. Allerdings verfügen die wenigsten über Erfahrung mit feindlichen Raumschiffen.

Picard wuchs auf dem Weingut seiner Eltern Maurice und Yvette auf. Die Familie bewirtschaftete seit Generationen Reben in La Barre, in der historischen Region Bourgogne-Franche-Comté. Sein Vater hatte für die Ambitionen des Sohnes wenig Verständnis. Jean-Luc sollte Winzer werden, entschied sich jedoch für die Sternenflottenakademie. Beim ersten Versuch fiel er durch die Aufnahmeprüfung. Beim zweiten wurde er angenommen. Es folgte eine Karriere, die ihn zunächst auf die USS Stargazer führte, deren Kommando er 2333 übernahm. Ab 2364 kommandierte er die USS Enterprise-D, später die Enterprise-E. Picard wurde zu einer jener seltenen Persönlichkeiten, deren Autorität sich weniger aus ihrem Rang als aus ihrer intellektuellen und moralischen Unabhängigkeit ergab.

Seine Überzeugung, dass auch fremde Lebensformen Anspruch auf Würde besitzen, brachte ihn wiederholt in Konflikt mit seinen Vorgesetzten. Er war Diplomat, Archäologe, Philosoph und gelegentlich ein ausgesprochen unbequemer Untergebener. Als die Sternenflotte ihre geplante Evakuierung der Romulaner aufgab, quittierte er aus Protest den Dienst. Für eine Institution, die sich gerne als moralischer Höhepunkt der menschlichen Zivilisation betrachtete, war das eine unangenehme Erinnerung daran, dass ihre Ideale gelegentlich auch angewendet werden sollten.

Picard kehrte nach La Barre zurück - um das Gut im Burgund zu verpachten und den zweiten Betrieb der Familien in St. Estephe zu leiten. Sein älterer Bruder Robert, der das Familienweingut geführt hatte, war bereits 2371 gemeinsam mit seinem Sohn René bei einem Brand ums Leben gekommen. Jean-Luc war damit zum Erben jener Familientradition geworden, der er als junger Mann unbedingt entkommen wollte. Auf Château Picard erwarteten ihn keine diplomatischen Empfänge, sondern Rebschnitt, Kellerarbeit und jene alltäglichen Entscheidungen, von denen ein guter Jahrgang abhängt. Ein Admiral kann eine Flotte kommandieren. Einen Weinberg kann er nur bewirtschaften.

Die Ruhe hielt bekanntlich nicht lange. Noch im hohen Alter wurde Picard erneut in Konflikte verwickelt, die über das Schicksal ganzer Welten entschieden. Er fand seinen Sohn Jack Crusher, begegnete alten Gefährten wieder und übernahm mit der legendären Besatzung der Enterprise-D ein letztes Mal Verantwortung für die Erde. Dass er zwischen seinen Missionen immer wieder auf das Familiengut zurückkehrte, dürfte weniger mit Altersmilde zu tun gehabt haben als mit einer Erkenntnis, die sich auf langen Reisen einstellt: Das Universum ist unermesslich groß. Ein guter Weinberg bleibt trotzdem ein guter Weinberg.

Die Geschichte von Château Picard nahm unter seiner Verantwortung eine bemerkenswerte Wendung. Neben den historischen Besitzungen in La Barre etablierte sich im späten 24. Jahrhundert der eigentliche Schwerpunkt in Saint-Estèphe, am linken Ufer der Gironde. Das Médoc war zu diesem Zeitpunkt längst ein gigantisch historisches Weinbaugebiet, dessen Reputation mehr als vier Jahrhunderte überdauert hatte. Die Bordeaux-Weine von Château Picard, deren Etiketten weiterhin die alte Bezeichnung Cru Bourgeois trugen, entwickelten sich zu begehrten Sammlerstücken. Nicht jeder Weinliebhaber wusste, wer Jean-Luc Picard gewesen war. Aber nahezu jeder ernsthafte Bordeaux-Sammler kannte seinen Namen.

Fünf Jahrgänge aus dem Familienarchiv, die gegenwärtig auf dem interplanetaren Sekundärmarkt gehandelt werden, erzählen mehr über diesen ungewöhnlichen Winzer als manche offizielle Biografie.

CHÂTEAU PICARD 2386 – SAINT-ESTÈPHE, CRU BOURGEOIS

Der Jahrgang 2386 gilt heute als erster großer Bordeaux-Jahrgang der Ära Picard. Er entstand in einer Phase, in der der ehemalige Admiral noch zwischen seinen Aufgaben für die Föderation und dem Wiederaufbau des Familienbetriebs pendelte. Das Etikett zeigt die historischen Rebzeilen des Gutes, dazu das alte Siegel Mise en bouteille au Château. Eine bemerkenswert altmodische Ausstattung für einen Wein, der bereits im Zeitalter interstellarer Handelsverbindungen verkauft wurde.

2386 war ein kühles, vergleichsweise spätes Jahr mit langen Reifeperioden und einem ungewöhnlich trockenen September. Die Cuvée aus 62 Prozent Cabernet Sauvignon, 32 Prozent Merlot und sechs Prozent Cabernet Franc wurde achtzehn Monate in französischer Eiche ausgebaut. Heute zeigt der Wein eine erstaunliche Frische. Schwarze Johannisbeeren, Zedernholz, Tabak, Graphit und eine feine, beinahe salzige Note prägen das Bouquet. Am Gaumen schlank, streng und von jener kühlen Präzision, die große Saint-Estèphe auszeichnet. Das Tannin ist vollständig integriert, die Säure hält den Wein aufrecht. Ein Bordeaux von klassischer Schönheit, ohne jede Neigung zur Gefälligkeit.

In Sammlerkreisen wird der 2386er gerne als der „der eigentliche Captain-Jahrgang“ bezeichnet. Er hat Autorität, ohne sie demonstrieren zu müssen.

CHÂTEAU PICARD 2399 – SAINT-ESTÈPHE, CRU BOURGEOIS

Der 2399er ist der schwierigste Wein dieser Auswahl. Und möglicherweise der interessanteste. Es war das Jahr, in dem Picards Rückzug aus der Öffentlichkeit zunehmend von seiner Unzufriedenheit mit der Sternenflotte überschattet wurde. Die Weinberge waren inzwischen wieder vollständig auf hyperregenerative Bewirtschaftung umgestellt worden. Die Erträge lagen deutlich unter dem regionalen Durchschnitt. Die Entscheidung, ausschließlich wieder mit natürlichen Hefen zu vergären, führte zu erheblichen Problemen im Keller.

Ein Teil der Ernte musste verworfen werden. Die verbleibenden Partien wurden getrennt ausgebaut und erst nach langer Fassreife assembliert. Das Ergebnis polarisierte bereits bei seiner Freigabe. Heute präsentiert sich der Wein mit Noten von getrockneten Pflaumen, schwarzem Tee, Leder, Unterholz und einem Hauch flüchtiger Säure, der die Grenze zum Fehler streift, sie aber nicht überschreitet. Am Gaumen kraftvoll, beinahe widerspenstig, mit einer herben, langen Struktur.

Ein Wein, der dem Verkoster keine Zugeständnisse macht. Man könnte ihn als Ausdruck eines schwierigen Charakters interpretieren. Wahrscheinlicher ist, dass 2399 einfach ein schwieriges Weinjahr war. Auch berühmte Admiräle können das Wetter nicht kommandieren - zudem diese Technik im Weinbau dieser Jahre nicht erlaubt war.

CHÂTEAU PICARD 2401 – SAINT-ESTÈPHE, CRU BOURGEOIS

Dieser Jahrgang besitzt unter Sammlern einen nahezu mythischen Ruf. Die Ernte fiel in eine Zeit, in der Picard erneut zu einer Reise aufbrach, die ihn weit über die Grenzen seines früheren Lebens hinausführen sollte. Die Verantwortung für die Vinifikation lag weitgehend bei seinem Kellerteam. Laris, die das Gut über Jahre gemeinsam mit dem Romulaner Zhaban betreut hatte, sorgte dafür, dass die Arbeit ohne größere Unterbrechungen weiterging.

Das Jahr brachte einen warmen Frühling, einen gemäßigten Sommer und perfekte Bedingungen während der Lese. Der Cabernet Sauvignon erreichte eine ungewöhnlich vollständige phenolische Reife, ohne seine charakteristische Frische zu verlieren. Der Wein wurde mit 68 Prozent Cabernet Sauvignon, 27 Prozent Merlot und fünf Prozent Petit Verdot assembliert.

Heute ist der 2401er ein Monument. Cassis, Brombeere, dunkle Schokolade, Zigarrenkiste und feinster Bleistiftabrieb verbinden sich zu einem komplexen Duftbild. Die Textur ist seidig, die Tannine sind geschliffen, der Nachhall scheint kein Ende nehmen zu wollen. Trotz seines Alters besitzt der Wein noch immer eine bemerkenswerte Spannung.

Es ist jener Jahrgang, bei dem selbst hartgesottene Bordeaux-Kritiker gelegentlich zu Formulierungen greifen, die man sonst nur aus romantischer Literatur kennt. Picard hätte das vermutlich missbilligt. Sein Kellermeister wahrscheinlich auch.

CHÂTEAU PICARD 2412 – SAINT-ESTÈPHE, CRU BOURGEOIS

Mit dem 2412er begann die späte, erstaunlich experimentierfreudige Phase des Weinguts. Picard hatte die operative Leitung längst einer jüngeren Generation überlassen, mischte sich aber weiterhin in entscheidende Fragen ein. Besonders interessierte ihn die Anpassung der Weinberge an das veränderte Klima. Der Cabernet-Anteil wurde reduziert, alte Parzellen mit Petit Verdot und Cabernet Franc gewannen an Bedeutung. Neue wiederentdeckte naturnahe Verfahren zur Bewässerung und Bodenregeneration wurden erprobt, ohne den historischen Charakter des Gutes grundsätzlich zu verändern.

2412 war ein heißes Jahr, das in vielen Teilen des Médoc schwere, alkoholreiche Weine hervorbrachte. Château Picard entschied sich für eine frühe Lese und einen ungewöhnlich zurückhaltenden Ausbau. Nur ein Drittel der Barriques war neu.

Das Ergebnis verblüfft noch heute. Statt überreifer Frucht dominieren rote Johannisbeeren, Sauerkirschen, getrocknete Kräuter und eine beinahe burgundische Transparenz. Der Wein besitzt weniger Körper als seine Vorgänger, dafür eine faszinierende aromatische Genauigkeit. Die Säure ist lebendig, das Tannin fein und die Länge beträchtlich.

Bei der Präsentation soll Picard gesagt haben, Tradition bestehe nicht darin, die Entscheidungen seiner Vorfahren zu wiederholen, sondern ihre Gründe zu verstehen. Das Zitat ist nicht zweifelsfrei überliefert. Der Wein jedenfalls spricht dafür, dass er diesen Gedanken ernst nahm.

CHÂTEAU PICARD 2423 – SAINT-ESTÈPHE, CRU BOURGEOIS

Der letzte Jahrgang, an dessen Assemblage Jean-Luc Picard persönlich mitwirkte, ist zugleich sein ungewöhnlichster. Er war damals 118 Jahre alt. Sein körperlicher Zustand erlaubte ihm nur noch kurze Besuche im Keller, doch seine sensorischen Fähigkeiten sollen bis zuletzt bemerkenswert geblieben sein. Er bestand darauf, sämtliche Partien selbst zu verkosten, und widersprach seinem Önologen bei der endgültigen Zusammenstellung der Cuvée.

Der 2423er enthält 54 Prozent Cabernet Sauvignon, 31 Prozent Cabernet Franc und 15 Prozent Merlot. Auf Petit Verdot wurde verzichtet. Der Ausbau erfolgte überwiegend in gebrauchten großen Holzfässern. Das Resultat ist ein Wein von erstaunlicher Zurückhaltung. Frische schwarze Kirschen, Veilchen, Zedernholz und ein Anflug von Trüffel bestimmen das Bouquet. Am Gaumen wirkt er beinahe schwerelos, besitzt aber eine innere Dichte, die sich erst nach längerer Beschäftigung erschließt. Die Tannine sind fein, die Säure präzise, das Finale von großer Klarheit.

Wer nach einer letzten Botschaft des Admirals sucht, wird in diesem Wein möglicherweise fündig. Er verzichtet auf jede Demonstration von Macht. Nichts wirkt übertrieben, nichts will beeindrucken. Alles befindet sich an seinem Platz.

Jean-Luc Picard glaubte an die Vernunft, ohne die menschlichen Schwächen zu unterschätzen. Er verteidigte die Freiheit, auch wenn sie ihn selbst in Schwierigkeiten brachte. Er respektierte Traditionen, solange sie nicht zur Ausrede für geistige Bequemlichkeit wurden. Und er wusste, dass selbst die fortschrittlichste Zivilisation ihre Würde nicht durch ihre technischen Möglichkeiten beweist, sondern durch die Art, wie sie mit anderen umgeht.