(Foto: Tillmann – Messe Düsseldorf)
Zwei Hallen weniger. Das hörte ich gestern auf der Prowein oft. Zwei Hallen, die mit Ausstellern nicht zu füllen waren. Immer noch habe ich den Fußweg zum Ausgang letztes Jahr vor Augen, wo ich durch Hallen ging, in welchen Aussteller traurig hinter teuren Ständen saßen und kein Schwein guckte nach, ob es da nicht auch interessante Weine zu kosten gäbe – leere Hallen ohne Mut, leere Hallen, die die gegenwärtige sich verschärfende Absatzkrise für Wein ankündigten. Ich schämte mich etwas, zu den Vorbeiläufern zu gehören. Diese Hallen gab es dieses Jahr nicht mehr. Sie blieben geschlossen.
Die Stimmung 2025? Die war in manchen Hallen, etwa bei den Österreichern und auch in den gemischten Hallen, etwa beim Roederer-Stand, wo Matthias Breitsameder geiles Zeug ausschenkte, richtig gut. Und deutlich besser als im letzten Jahr. Woran liegt’s? Antworten verschiedener Winzer: Die, die an den Stand kommen, kriegen jetzt mehr Zeit, müssen sich nicht um die Weine drängen. Das macht ein Aus- und auch Aufatmen aus, nicht mehr dieser Menge Menschen begegnen zu müssen. Sondern nur mehr richtig Interessierten: jene, die Oberflächlichkeit und trunken Witz nicht interessiert.
Doch braucht es für jene die Prowein? Oder geht das eben noch den Tick kleiner und fokussierter?
Die Prowein, einst die unangefochtene Königin der Weinmessen, steht mitten in einer Identitätskrise. Einst war sie, ausgerechnet eine deutsche Messe, der Nabel der Weinwelt, das Pflichtprogramm für Winzer, Händler und Journalisten gleichermaßen. Wer hier nicht ausstellte oder zumindest als Besucher auftauchte, war entweder ein Niemand oder ein Narr. Doch die Zeiten haben sich geändert. Und die Prowein? Die muss sich entscheiden, ob sie in die Zukunft aufbricht oder im Mittelmaß versinkt.
Die Zeichen für eine Zeitenwende sind unübersehbar. Einige große Namen der Branche fehlen immer häufiger oder schicken nur noch eine Minimalbesetzung. Corona hat der Messebranche generell zugesetzt, aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Die Konkurrenz ist agiler geworden, fokussierter. Vinexpo & Wine Paris in Frankreich zieht Jahr für Jahr mehr Prestigeaussteller an, schon wegen der grandiosen Location, und kleinere, spezialisierte Messen punkten mit gezielterem Publikum und mehr Networking-Möglichkeiten. Und in einer Welt, in der digitale Weinverkostungen längst zur Normalität gehören (was nicht heißt, dass diese Form Verkostung sich a la longe durchsetzen wird), muss sich das Management der Prowein fragen, was sie noch einzigartig macht.
Der größte aber freundliche Fehler der Prowein? Ihre Selbstgewissheit. Der Glaube, dass man als Platzhirsch eigentlich auch im Zeitenwandel unverwundbar sei. Doch in dieser sich rasant wandelnden Getränkewelt reicht es nicht mehr, Jahr für Jahr dieselbe Struktur, dieselben Gesichter, dieselbe Präsentation zu präsentieren. Winzer jammern über horrende Standgebühren, Händler klagen über mangelnde Exklusivität und die wirklich spannenden Entwicklungen in der Welt des Genusses – fermentierte Alternativen, alkoholfreie Spitzenprodukte, innovative „Proxys“ – finden eigentlich kaum statt – wenngleich dieses Jahr deutlich merkbar öfter und fokussierter als noch letztes Jahr; immerhin ein Signal.
Das wäre genau die Chance, die Gegenwart etwas fester zu zementieren! Ein echtes Update der Prowein als Messe für Wein und moderne Genussalternativen. Statt die Entwicklung zu verschlafen, könnte Düsseldorf mit dem etwas kühlen Ambiente zur führenden Bühne für alkoholfreie und hybride Konzepte werden. Große Häuser wie Torres, LVMH oder auch deutsche Prestigeweingüter arbeiten längst an alkoholfreien Alternativen, keltern diese auch, die mehr sind als nur ein lustloser Traubensaft. Die sogenannten Proxys – fermentierte, vielschichtige Getränke ohne Alkohol – stehen in den Startlöchern, um ein neues Publikum zu erobern. Wer, wenn nicht die Prowein, sollte diese Zukunft gestalten?
Aber dazu bräuchte es noch mehr Mut. Den Mut, alte Strukturen aufzubrechen. Den Mut, jungen, innovativen Produzenten eine Bühne zu geben. Und vor allem den Mut, zu erkennen, dass die Prowein nicht mehr die unangefochtene Nummer eins ist. Wenn sie, wenn das Management, nicht aufpasst, wird sie in einem Schlaf versinken und verschwinden – während die Zukunft längst woanders, kleiner, genauer und mit weniger Almauftrieb gefeiert wird. Träumt weiter. Oder tut anders!
Die ProWein war immer nur aus deutscher Sicht die Nummer eins. Geschwächelt hat sie schon vor Covid, Das Verhalten bei den “Verschiebungen” hat viele Aussteller verärgert und Alternativen suchen lassen. Nach dem Neustart waren diese Alternativen vor allem im boomenden Bio-Bereich etabliert und erfolgreich, sei es SlowWineFair, Millesime Bio oder Raw. Diese Zielgruppe ist für grosse Formate eh immer ungeeignet gewesen. Paris ist auf dem Vormarsch, obwohl man die einst tatsächlich grösste international Weinmesse, die Vinexpo damit abschoss, und nun wieder aufbaut, bereits fast wieder auf dem Niveau von Düsseldorf, da fehlte vergangenes Jahr schon nicht mehr viel, man darf gespannt sein, was die Zahlen sagen werden. Solche Messen sind wie Riesentanker, da tut sich lange nix, wenn man am Steuerrad dreht. Ob man da einen neuen Kurs rechtzeitig erreicht? Vor allem wenn man sich gleichzeitig mit eigenen Ablegern Konkurrenz macht und sich die Hotelpreise nicht bewegen. Man darf gespannt sein.
Danke Manfred für Deine Eindrücke, die ich teile. Ausgerechnet eine deutsche Messe der Nabel der Weinwelt…?! Aber klar. Dafür gab es gute Gründe. Denn als die Prowein gegründet wurde, war der deutsche Weinmarkt der beste Weinimportmarkt der Welt. 1994, als sich deutsche Winzerinnen und Winzer samt VDP auf der sogenannten InterWein in Wiesbaden und Frankfurt tummelten, dank eines nicht mehr existierenden Weinmagazins namens „Alles über Wein“, beschlossen Frankreich, Italien, Spanien und Österreich ein eigenes Pendant in Düsseldorf zu gründen. Die Prowein war geboren. Die deutsche Weinszene integrierte sich nach anfänglichen Widerständen. Es sei nur nebenbei erwähnt, dass sowohl die Vinexpo in Bordeaux wie auch die London Wine Trade Fair damals schon deutlich in der Krise steckten. Heute ist der Proporz bei den beiden führenden Messen sehr ähnlich: Die Prowein hatte in diesem Jahr 4.200 Aussteller:innen und 42.000 Besucher:innen. Die Wine Paris 5.200 Aussteller:innen und 53.000 Besucher:innen. In der Tat wirkte die Messe in Paris deutlich bewegter und mit mehr Spitzenerzeuger:innen besetzt, dafür aber weniger international. Der größte Fehler der Prowein? Aus meiner Sicht, das immer noch mangelnde Kategorie- und Marktverständnis für eine Branche, die Weinbranche, die jetzt so deutlich in der Krise steckt wie noch nie – und die viel zu weiten Wege. Manchmal ist kleiner, konzentrierter und mit spürbar innovativen Themen ein guter Ansatz. Liebe Grüße. Babsi