Philipp v. Geymüller ist österr.-schweizer Winzer in der Region Kremstal-Wachau. Hier schreibt er einen Gastbeitrag über die Mühlen der Bürokratie. Und wünscht sich eine in Ansätzen libertäre Politik, die mit der sprichwörtlichen Kettensäge den Moloch Staat in seine Schranken weist. Geymüllers Meinungsbeitrag bildet nicht die Meinung der Redaktion ab.
Es ist ein unangenehmes Gefühl, wenn man mit dem Rad unterwegs ist und das Treten immer schwieriger wird, weil die Reifen laufend Luft verlieren. Zur Werkstätte zu fahren würde eine zusätzliche Anstrengung bedeuten, die man sich nicht zutraut, also fährt man weiter und hofft, dass es irgendwann wieder bergab geht. Aber vorher könnte die Luft ganz draußen sein und so droht, dass man sich bald nur noch auf Felgen und irgendwann gar nicht mehr bewegt.
Dies ist, metaphorisch gesprochen, die Situation Europas und letztlich auch des Weinbaus hier: Die Luft geht immer mehr aus, durch Überregulierung und falsche Prioritätensetzung. Der Aufwand zur Reparatur durch eine Reform an Haupt und Gliedern wird gescheut, während andere Regionen wie die USA und China sich regelmäßig reparieren und mit energisch geschaffenen Tatsachen frische Luft injizieren.
Neben einer erdrückenden Steuer- und Abgabenlast und der künstlichen Verteuerung des Faktors Arbeit durch die Politik, ist es vor allem die Bürokratie, die Dynamik, Innovation und Wohlstand gefährdet. Wenn Nikolas Stihl, Aufsichtsratsvorsitzender des Motorsägen-Weltmarktführers Stihl, sagt, er könne heute in der Schweiz trotz deutlich höherer Löhne günstiger produzieren als im heimischen Baden-Württemberg, weil die Bürokratie in der Schweiz weniger stark ausgeprägt ist als in Deutschland, wo 80% seiner Mitarbeiter während ihrer regulären Arbeitszeit zusätzlich die Produktion verteuernde bürokratische Aufgaben erledigen müssen, dann ist das ein schrilles Alarmsignal, dass hier etwas ganz entschieden schief läuft.
Auch die Weinwirtschaft kennt das Problem zur Genüge. Ein Beispiel: Das österreichische Weingesetz. Mit dem wohlgemeinten Ziel eines verbesserten Konsumentenschutzes nach dem Weinskandal 1986 eingeführt, hat es sich mittlerweile zu einem Bürokratiemonster entwickelt. Die auf Grundlage des Weingesetzes agierende Bundeskellerei-Inspektion ist eine allmächtige Behörde, deren Prüfungen bei den Betrieben genauso gefürchtet sind wie jene des Finanzamts. Dabei gilt dasselbe wie bei der Grundausbildung in der Armee: Wenn der Ausbildner in der frisch geputzten Waffe Dreck finden will, dann findet er ihn. Was beim Bundesheer dann zu Liegestützen führt, führt beim geprüften Weinbaubetrieb dazu, dass er die Kosten für die Prüfung zahlen muss, zusätzlich zu etwaig verhängten Strafen.
Alleine die auf dem Weingesetz basierenden “Bezeichnungsvorschriften für die Gestaltung von Etiketten” der Bundeskellerei-Inspektion umfasst 89 Seiten, wo von der Schriftgröße (völlig jenseits von irgendeiner Praxistauglichkeit in mm und nicht wie sonst bei Grafikern üblich in Punkt angegeben) bis zu diversen Verboten, was in welchem Zusammenhang, je nachdem ob es sich um einen Landwein oder einen Qualitätswein mit DAC oder nicht handelt, angegeben werden darf, alles so kompliziert geregelt ist, dass die Gestaltung eines solchen Etiketts ohne Hilfe eines Rechtsanwalts fast nicht mehr zu machen ist.
So musste ich unlängst unsere Marke, die Domäne Baron Geymüller, die mein Vater seit den 80er Jahren aufgebaut hat, von heute auf morgen aufgrund einer Rüge der Bundeskellerei-Inspektion aufgeben. Es ist nämlich so, dass der Winzerhof Dockner, ein Winzer der Umgebung hier, diese Weine für uns mit Trauben von unseren Weingärten macht und laut österreichischem Weingesetz darf ein Betrieb den Zusatz Domäne nur führen, wenn dieser auch vollständig selbst produziert, da sonst angeblich eine Irreführung des Konsumenten vorliegt.
Weiters haben wir einen St. Laurent, den wir aufgrund seiner Zugehörigkeit zur Gruppe der Burgundersorten traditionell Saint Laurent genannt haben. Und da dieser Saint Laurent von den kalkreichen Lagen am Südufer der Donau kommt, haben wir ihm den geografisch korrekten Zusatz “rechtes Ufer” gegeben, als augenzwinkernde Referenz zu dem von mir sehr bewunderten Yves Saint Laurent, der an der “rive gauche”, also dem linken Ufer der Seine in Paris, zuhause war. All dies wurde mit einem Njet der Kellerei-Inspektion belegt: Saint Laurent sei eine internationale Marke und als solche nicht im Rebsortenkataster genannt und “rechtes Ufer” ein Phantasiename, der nicht mit geografischen Angaben wie “Donau” kombinierbar ist. Argumentiert wurde mit Verweis auf das Gesetz und dessen Zweck des Schutzes des Konsumenten vor Irreführung. Irreführung des Konsumenten? Was ist hierbei irreführend, fragt sich der Hausverstand. Aber eben, Hausverstand und pragmatischer Ermessensspielraum für ein effizientes Wirtschaften sind in dieser kafkaesken Welt nicht vorgesehen.
So musste also alles fadisiert werden: Aus Domäne Baron Geymüller wurde Weine Baron Geymüller und aus dem schicken Saint Laurent der brave Sankt Laurent. Damit wir das rechte Ufer behalten konnten, musste die Liebe Donau zum Donaustrom anschwellen. Jedes Jahr kommen somit neue Regelungen dazu. Das Neueste ist, dass man die Nährwerte mithilfe eines QR-Codes auf dem Rückenetikett hinterlegen muss. Dieser darf aber dann nicht zur eigenen Website führen, sondern muss von einem neutralen, werbefreien Anbieter kommen. Man fragt sich, wer sich jemals überlegt hat, welche Nährwerte Wein hat und ärgert sich, dass da wieder ein paar Anbieter auf Staatsauftrag schöne Geschäfte machen, wie damals die Testfirmen bei Corona. So wird die Gestaltung des Rückenetiketts immer mehr zu einer Wissenschaft, mit dem Nebeneffekt, dass das Aussehen durch die immer mehr eingeschränkte individuelle Gestaltung zunehmend eintönig wird. Fehlt nur noch das Foto mit der kaputten Leber wie bei den Zigarettenpackungen. Solche Schikanen sind nicht nur lästig, sondern wir können uns das ganz einfach nicht leisten.
Es geht dabei nicht um uns als kleinem Betrieb, sondern um die Weinwirtschaft als Ganze, denn sie steht vor ganz anderen, wirklich existenziellen Herausforderungen, gegen die eine vermeintliche Irreführung des Konsumenten, je nach dem ob auf dem Etikett Donau oder Donaustrom steht, auf gut Wienerisch ein Lächerlschaas ist: Die Jugend, also die Millenials und erst recht die Generation Z, trinkt kaum mehr Alkohol und die Babyboomer, die derzeit Rückgrat des Konsums bilden, werden über kurz oder lang nicht mehr unter uns weilen. Wenn wir es nicht schaffen, diese ohnehin viel geburtenschwächeren Nachfolgegenerationen zum Wein zu bringen, ist eine ganze Kultur in Gefahr.
Bevor also Spießertum und neuer Puritanismus endgültig die Oberhand haben, muss etwas getan werden, damit Innovation und Kreativität durch Unternehmertum möglichst entfesselt wirken können. Die Rückbindung der Bürokratie und insgesamt die Vereinfachung des (Wein-)Wirtschaftens ist also das Ziel, nicht durch mehr Subventionen, sondern durch Reduktion von Behinderungen: Das fängt zum Beispiel damit an, dass die Lohnnebenkosten und die Ersatzleistungen bei Arbeitslosigkeit massiv gesenkt werden, damit sich endlich auch wieder Leute finden, die die manuelle Arbeit im Weingarten machen können. Sonst braucht man sich nicht wundern, dass der Winzer immer mehr Arbeitsschritte durch Maschinen machen lassen muss und damit immer weiter weg von einer naturnahen Bewirtschaftung kommt.
Weiters geht es um Reduktion der Bürokratie, denn diese hat eine inhärente Tendenz zum Wuchern wie ein Krebs. Warum das so ist, hat niemand besser auf den Punkt gebracht als der große Ökonom und liberale Denker Ludwig von Mises. Ihm zufolge kann man alle Aktivitäten einteilen, je nachdem, ob sie durch den Markt oder durch die Bürokratie organisiert werden. Konstituierend für den Markt ist, dass dort ein Gewinnmotiv herrscht, was ein wesentlicher Treiber für Effizienz, Kostenreduktion und pfleglichen Umgang mit Ressourcen ist.
Ganz im Gegensatz dazu die Bürokratie, wozu auch die Politik zu zählen ist: Hier gibt es kein Gewinnmotiv aber trotzdem regiert hier nicht der Altruismus, denn auch hier agieren Menschen, die sich nicht grundsätzlich von jenen im Markt unterscheiden. Auch sie sind also oft ehrgeizig und denken karrieristisch. Und so wird hier das Ziel der Effizienz ersetzt durch das schiere Gegenteil: Macht hat und Karriere macht der, der das größte Budget und den größten Stab hat und so werden absichtlich Ressourcen verschwendet, indem danach getrachtet wird, die Budgets immer größer werden zu lassen und die Aufgabenbereiche künstlich zu erweitern. Oder wie es Ludwig von Mises formuliert hat: “Womit wird Versagen in der Bürokratie belohnt? Mit einem größeren Budget!”. Hier liegt also der Hund begraben: Anstatt zu versuchen, die Bürokratie mit allerlei Alibi-Maßnahmen effizienter zu machen, sollte man sie auf die absolut notwendigen Maßnahmen reduzieren und so viel wie möglich dem Markt überlassen. Aber wie könnte man einen derartigen Bürokratieabbau erreichen?
Javier Milei macht es vor mit seiner metaphorischen Kettensäge: Sein Deregulierungsminister, der renommierte Ökonom Federico Sturzenegger hat mit seinem Team 4000 argentinische Gesetze durchforstet und geschaut, was man dort jeweils wegstreichen kann. Täglich werden nun 3-4 dieser entschlackten Gesetze per Notverordnung im Schnellverfahren in Kraft gesetzt. Kaum zu überschätzen, welch Booster dies für die Wirtschaft sein könnte. Ein Traum, wenn wir so etwas auch nur ansatzweise in unseren Breiten erreichen könnten. Ex-FDP-Chef Christian Lindner, inzwischen politische Vergangenheit, ist hier also uneingeschränkt zuzustimmen, als er meinte, eine Brise Milei würde Deutschland (und Europa) guttun.
Ein Albtraum, dass solche Aussagen umgehend mit einem Shitstorm bedacht wurden und sich sogar vermeintlich natürlich Verbündete wie Friedrich Merz “entsetzt” gezeigt haben. Wie könnte die Kettensäge beim Wein eingesetzt werden? Aufgrund der Allgegenwart des Staates haben wir oft vergessen, was hier möglich ist. Tatsache ist, dass ein Winzer normalerweise genauso wenig wie ein Restaurantbesitzer ein Interesse daran hat, seine Kunden zu vergiften, denn auch das ist ein Prinzip der Marktwirtschaft: Ist der Ruf erstmal ruiniert, lebt es sich ganz besonders geniert.
Es ist ziemlich schwer, sich einen guten Ruf aufzubauen aber wenn man einmal daneben haut, kann alles schnell weg sein. Die Konsumenten sind König, und sie sind gnadenlos – vergessen wir das nicht.
Außerdem spricht absolut nichts gegen freiwillige Zertifizierungen mit gewinnorientierten privaten Anbietern, deren Glaubwürdigkeit sich wiederum durch die wiederholte Interaktion und nur durch absolut seriöse Arbeit stetig verbessert. Das Schöne ist, dass auch diese Zertifizierungen miteinander in Konkurrenz stehen und sich so letztendlich nur mit Qualität und Nachvollziehbarkeit differenzieren können. So kann ich nur hoffen, dass die Javier-Brise irgendwann, vielleicht, wenn Europa dann wirklich auf den Felgen fährt, doch noch zu uns hinüberweht und uns die Donau vor unserer Haustüre wieder zurückgibt.
Über den Autor (Selbstdarstellung):
Aufgewachsen in Hollenburg bei Krems zwischen Donau und Weinbergen, wo guter lokaler Wein das tägliche Brot ist, ging Dr. Philipp Geymüller nach seiner Promotion zum Dr. oec. zunächst hinaus in die Welt, um die Sphären der Wirtschaft und des Weins zu erkunden. Aber weil es hier so schön und der Wein so wunderbar ist, zogen ihn seine Wurzeln zurück nach Hollenburg und zum Stammsitz der Familie, Schloss Hollenburg (www.schloss-hollenburg.at). Von hier aus gründete er das Weinabo Abothek (www.abothek.at) und widmet sich heute hauptsächlich der Verwaltung und Entwicklung des familieneigenen Gutsbetriebs mit den Weinen der Domäne Baron Geymüller (www.domaenebarongeymueller.at). Sein Ziel ist es, das Haus als Ort der Gastfreundschaft zu erhalten und ihm eine Zukunft zu geben, die seiner reichen Vergangenheit gerecht wird.
Lieber Philipp,
Dein Artikel ist sehr interessant und ich hoffe, dass die oesterreichische Regierung Deine guten Ratschlaege umsetzen wird.